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(Artikel * 2000) Küppers, Gabi
Dollar Koller in Lateinamerika Ecuadors neue Wöhrung
in iz3w Nr. 248 * Seite 6 - 6
Themen: Finanzpolitik * Ecuador * Währung * Dok-Nr: 97389
Standorte: A3W Osnabrück; FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Kommentar

Dollar-Koller in Lateinamerika
Ecuadors neue Währung

von Gaby Küppers

Die DDR tat es, Argentinien tat es sozusagen, Brasilien ließ es wieder sein und jetzt macht es Ecuador: Die Landeswährung wird durch die Währung einer stärkeren Wirtschaft ersetzt. Was Neufünfland davon hatte, ist bekannt. Argentinien schrieb sich unter Ex-Präsident Menem die Peso-Dollar-Parität in die Verfassung und knabbert jetzt daran, dass das große Nachbarland Brasilien eben diese Parität (1 Real = 1 Dollar) im Januar 1999 aufgab und den argentinischen Markt seither mit Produkten überschwemmt, die in Argentinien durch die Abwertung des brasilianischen Real bis um die Hälfte billiger sind. Doch als sei das alles nicht der Rede wert, macht sich Ecuador derzeit daran, mit freundlich-nachdrücklicher Empfehlung des IWF die Landeswährung Sucre komplett auf den US-Dollar umzustellen, und zwar im Verhältnis 1:25.000.
In der grauen Theorie steht hinter dieser Währungspolitik die Annahme, dass die mit der Währungsumstellung erfolgende Preisstabilität zu wachsendem Konsum und Investitionen führt. Bis Ende September, so der Fahrplan, sollten die EcuadorianerInnen die Umtauschaktion Sucres gegen Dollar vollzogen haben. Auch wenn sich das noch etwas hinzieht , die Preise werden ? für die, die sie bezahlen können ? fortan in Dollar ausgezeichnet.
Im Januar des Jahres noch war der damalige Präsident Jamil Mahuad über dieses Vorhaben gestolpert. Der Aufstand von Indígenas und Militärs im Januar richtete sich gegen das neoliberale Wirtschaftsmodell, als dessen letzten Baustein und Krönung Mahuad die Dollarisierung angekündigt hatte, obwohl sein Kurs bis dahin schon verhehrende Folgen für die einheimische Wirtschaft gehabt hatte. Der Finanzsektor war in der zweiten Jahreshälfte 1999 praktisch zusammengebrochen. Die dann von Mahuad verordnete Kur sah die Streichung der Subventionen für Treibstoffe, Wasser, Strom und Telefon und die Privatisierung von Staatsbetrieben vor. (Der Vorsitzende der Privatisierungsgesellschaft mit dem bemerkenswerten Namen »Nationaler Modernisierungsrat« heißt übrigens Ricardo Noboa und ist ein Bruder des jetzigen Staatspräsidenten.) Man konnte, wie es so schön heißt, mit dem Finger dran fühlen: Das ganze Manöver war ein IWF-inspirierter Versuch der ecuadorianischen Elite, internationale Investoren zu beruhigen und die Macht trotz wirtschaftlicher Talfahrt und sozialer Krisen zu behalten.
Der Coup misslang im ersten Anlauf. Mahuad stürzte nach dem hauptsächlich von der indígenen Bevölkerungsmehrheit getragenen Aufstand, dem vierten innerhalb seiner zweijährigen Amtszeit. Bemerkenswerterweise versprach sein Nachfolger, der bisherige Vizepräsident Gustavo Noboa, als erste Amtshandlung, den Kurs seines Vorgängers fortzusetzen und bis September die Talfahrt des Sucre durch dessen Verschwinden zu stoppen. Die galoppierende Inflation und Spekulation kämen so zum Stillstand, die einheimische Produktion würde angekurbelt. Am 1. März stimmte das Parlament der Radikalkur zu. Doch den Teufel treibt man mit dem Belzebub nicht aus. In den Folgemonaten stieg die Inflation weiter an, die Produktion fiel noch mehr zurück.
Ein Land wird schließlich durch die Umstellung auf Dollar weder produktiver noch verscheucht es damit die Korruption. Stattdessen verliert als erstes die Zentralbank ihre Reserve und damit ihre Daseinsberechtigung, es sei denn, sie versteht sich als Aussenstelle der US Federal Reserve Bank. Infolgedessen verschwindet, wie in Ecuador geschehen, die Möglichkeit einer eigenständigen Währungspolitik und somit ein wesentliches Instrument, um auf Produktivitätsveränderungen zu reagieren. Zinspolitik wird nurmehr in den USA gemacht. Absehbar ist des Weiteren, dass ausländische Produkte in kürzester Zeit die wenig konkurrenzfähigen einheimischen Industrieerzeugnisse vom Markt werfen. Davon profitieren allein die Importeure und in ihrem Gefolge internationale Banken und Dienstleistungsunternehmen. Die Exportpalette schrumpft auf Rohstoffe zusammen, was, nebenbei, noch mehr ökologischen Raubbau bedeutet.
So ziehen sich die USA einen neuen Markt an Land, ohne politisch Verantwortung für die Folgen zu übernehmen und ohne einen Cent für die Kolonie zu bezahlen. Allerdings hat auch die Mehrheit der Bevölkerung kaum Cents in der Tasche, um die Importware zu erwerben ? mit etwa 20 Dollar im Monat muss ein Großteil der Bevölkerung jetzt auskommen. Ausländische Investitionen werden sich auf Aufkäufe beschränken. Angesichts der durch Vetternwirtschaft geschwächten Banken raten US-Finanzfachleute ihren Bankern von zuviel Engagement in Ecuador ab: Wo die Leitungen marode sind, sickert das Wasser immer durch, egal welches.
Tatsächlich erfüllten sich nach dem Parlamentsbeschluss vom 1. März nicht einmal in den ersten Monaten der Umstellung die Versprechungen der Regierung in Quito. Stattdessen wurde alles weiter teurer, die Inflation zog noch stärker an als 1999. Angesichts neuerlicher Streiks versprach Noboa Beihilfen für RentnerInnen und arme Familien und verzögerte die dem IWF zugesagten Gaspreiserhöhungen für Privathaushalte ? ein Spagat, der mit dem nun bevorstehenden Abschluss der Währungsumstellungsphase nicht mehr möglich sein wird. Und in der gut organisierten Bevölkerung Ecuadors ist weiterer Widerstand vorprogrammiert. Zusammen mit dem Ende des brasilianischen Experiments und dem Beispiel der darbenden Wirtschaft in Argentinien, beides im Vergleich zu Ecuador industrielle Giganten, ist das nicht eben ein gutes Omen für die potentiellen neoliberalen Nachahmer in anderen Ländern des Kontinents. Auf dem Wege der Dollarisierung ist jedenfalls keine lateinamerikanische Wirtschaftsintegration und erst recht keine soziale Gleichheit zu haben.

Gaby Küppers ist Redaktionsmitglied der Zeitschrift ila und wissenschaftliche Mitarbeiterin der grünen Fraktion im europäischen Parlament.