Volltext

(Artikel * 2000) Duden, Barbara
Wattierte Gewalttätigkeit Frauen und gesundheit auf der EXPO
in iz3w Nr. 245 * Seite 31 - 32
Themen: Bevölkerungspolitik; Frauen; Gentechnik/Biotechnologie; Gesundheit * BRD * Expo 2000 * Dok-Nr: 91249
Standorte: A3W Osnabrück; FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Expo

Wattierte Gewalttätigkeit
Frauen und Gesundheit auf der EXPO

von Barbara Duden

»Gesundheit« zählt zu den Schlüsselbegriffen im Themenpark der EXPO 2000. Dabei wird nach den Richtlinien der Weltgesundheitsorganisation WHO eine vermeintlich objektive Gesundheit definiert, die auf Messungen und Statistik basiert. Sie wird zu einem »Konzept«, das sich weder an einzelnen Menschen, noch an deren Lebensumständen orientiert. Auch die Entwicklungsarbeit bezieht sich auf dieses Konzept: »Gesundheit« soll für alle zugänglich gemacht und der Bevölkerung in den armen Ländern sollen »choices« durch ein vielseitiges Angebot eröffnet werden.
Der Verein »frauen und expo«, der die Vorbereitungen zur EXPO 2000 kritisch begleitete, lud bereits im vergangenen Jahr zu einer Diskussion zum Thema »Frauen und Gesundheit ? EXPO 2000« ein. Als eine der Referentinnen stellte sich die Historikerin Barbara Duden dabei schon gegen einen solchen Titel, weil dieser »expo-immanent« lediglich die stärkere Berücksichtigung frauenspezifischer Bedürfnisse in der Ausstellungskonzeption einfordere. Sie kritisierte, dass sich die zu der Diskussion vorgelegten Schriften und Projektvorschläge bereits auf die Auseinandersetzung um eine »Frauenperspektive« auf der Expo einließen. Damit würden sie zur Legitimation des im Expo-Rahmen vorgegebenen Ideologems »Gesundheit« beitragen.

Ich beginne mit meinem Befremden am Projektvorschlag »Gesundheit« im Themenpark, denn ich meine, dass wir zu dieser Sache das sagen sollten, was für jede vernünftige Frau eigentlich evident ist, nämlich Folgendes: »Gesundheit« ? so wie sie dieser Textquark serviert ? ist ein schäbiger Mythos, ein entkörperndes Konstrukt, eine böse Utopie, eine unheimliche Verquickung von globalen Steuerungsphantasien mit einem Schuss Esoterik. Das zu diskutieren, will ich mich einsetzen. Mein 35-jähriges, wachsendes Befremden der Gesellschaft gegenüber, in der ich mit meinem frauenbewegten Herzen uns Frauen Gleichheit verschaffen wollte, ist der Ausgangspunkt, von dem her ich die vorliegenden Papiere nicht kritisiere, sondern ihre Stossrichtung ablehne. Ich lehne den Ansatz nicht deshalb ab, weil die Diskriminierung der Frauen durch den gültigen Gesundheitsnebel nicht klar genug dargestellt wurde, sondern weil die Verfasserinnen nicht begreifen, dass »Gesundheit« ? im Exporahmen als Wert, als Ziel, als Zustand und als systemische Charakteristik ? erst etwas herstellt, dem die Diskriminierung immanent ist. Das Konzept der Expo-«Gesundheit« erscheint mir nicht primär »frauenfeindlich«, sondern unmenschlich. Diese Einsicht will ich plausibel machen.
Im Projekt-Entwurf »Gesundheit« kommen Menschen überhaupt nicht vor. Daraus folgt, dass Frauen dort nicht »berücksichtigt« werden können. »Die Gesundheit« ist im vorliegenden Text die substantive Chiffre für das Überleben der Gattung, der species humana. »Gesund« ist eine statistische Charakteristik des bio-physio-psychologisches Substrates, um dessen Optimierung die dazu Beauftragten werben. Diesem Konstrukt wird mit einem appelativ einladenden »wir« Fleisch und Blut zugeschrieben, denn ? ich zitiere aus dem ersten Paragraphen ? »der Themenpark Gesundheit erklärt, woher wir kommen, wo wir stehen, wohin wir gehen und was wir tun können, um eine gesunde Zukunft zu schaffen«. Wenn das nicht Leerformeln sein sollen, dann erwarte ich mir eine Aussage über die Perspektive oder Haltung zu dem, worum es geht, also Klarsicht darüber, woher wir kommen, nämlich aus der Geschichte; eine Haltung dazu, wo wir stehen ? bestimmt nicht in einem globalen System; ein »Nein ohne jedes Ja« zum romantischen Machtgedusel, dass »wir« Zukunft schaffen, und Ablehnung dem Planungs-Ziel gegenüber. Genau das tut der Entwurf aber nicht, denn in diesem EXPO-Programm ist die Vergangenheit getilgt, es gibt keinen Standpunkt dem gegenüber, was sich in der Epochenschwelle der 90er Jahre mit atemberaubender Wucht durchsetzt, noch gibt es eine Haltung zur Zukunft, die nicht unverblümt Planung, Steuerung, Aufforderung zur Selbststeuerung als Naturprozesse behauptete und obendrein sentimental verbrämte.

Müsli, Schnitzel und Versicherungen
»Gesundheit« ist im Text eine Assemblage von Anspielungen, die sich mit frecher Selbstverständlichkeit an das besitzergreifende Individuum des Konsumzeitalters und an den informationsabhängigen und damit sprachlos gewordenen »Menschen« wenden. Dazu wird ein sinnloser Haufen von Plastikwörtern eingesetzt: »Gesundheit« als Resultat von »körperlicher Betätigung, Essgewohnheiten, zwischenmenschlichen Beziehungen, ärztlicher Hilfe, Wissen, öffentlichem Gesundheitswesen etc.« Das ist Quatsch. Warum? Domänen des Tuns, die unvergleichbar sind, werden auf einem »Feld« gleichrangig aufgereiht: Ob ich zehn Kniebeugen mache, zu lang im Büro hocke, mich festgeschnallt berädert befördern lasse, ob ich Müsli esse oder Schweineschnitzel, ob das Versicherungs-System in den Praxen das Sprechen und Zuhören unterbezahlt, ist letztlich das gleiche, denn »Gesundheit« wird definiert als »dynamischer Prozess, in dem Genetik, Geschlecht, kulturelle, soziodemographische, sozioökonomische und umweltrelevante Bestimmungsfaktoren mit persönlichen Entscheidungen zusammenwirken.« Persönliche Geschichte, soziale Welten und Zwänge werden in einem solchen Satz als gleichgewichtige Bestimmungsfaktoren für »Gesundheit« unterschiedslos nebeneinander gereiht. Die immer geschichtliche Vielfältigkeit von Tun und Sein wird in einem Satz sprachlich niedergebügelt, ja mehr, in ihrem Sinn umgemünzt zu gleichrangigen Unterkategorien im Herstellungsprozess von »Gesundheit«. X-beliebigem, wie Calcium, Leitungswasser oder Orgasmus wird ein Messwert zugeschrieben und aus diesen Bemessungsfetzen ein Profil hergestellt. Eine multidimensionale Vogelscheuche gegen jedes Übel. Das nennt man die Mathematisierung der Wirklichkeit, bemessene, unsinnliche, unsinnige Lebensqualität in einen bio-psycho-ökologischen Steuerungszusammenhang. Die Topologie des »Immunsystems«, in dem auch alles gleich und gleichgültig ist, gewinnt so den Anschein einer globalen Weltsicht.
Das neue Subjekt soll »informierte, die Entwicklung und Verwendung von Gesundheitstechnologien betreffende Entscheidungen« treffen. Das spätmoderne Individuum erscheint so als eine Art von Lebensunternehmer, der aus einem Supermarkt von Angeboten seine Option wählen soll, es steht außerhalb von Geschichten, denn aus allen Kulturen und Zivilisationen ? von ältesten Heilverfahren bis zur hochtechnologischen Medizin ? darf der Besucher, wandelnd im »Garten der menschlichen Heilanwendungen«, wählen. Es erschreckt mich, wie selbstverständlich den Gesundheitsmanagerinnen diese Vernichtung von Geschichte, von konkretem Sinn ist. Die Entgrenzung aller Räume und die Gleichsetzung aller Zeiten zerstört die Möglichkeit, bei sich und bei Sinnen zu bleiben. Die gemeine Zumutung, die darin steckt, dass der Einzelne in diesem Feld ortloser, bedeutungsloser Variablen etwas wählen soll, wird dadurch in Einklang zum »mainstream« gebracht, dass er oder sie »informiert entscheiden« kann. »Entscheidung« ist die Chiffre für die Zumutung, in einer Welt verantwortlich handeln zu sollen, in der niemand Verantwortung übernehmen kann.
Kaum weniger absurd ist die soziale und räumliche »Wirklichkeit«, in der die Besucher wandeln sollen. Ich zitiere: »So zeigt das ?Gesunde-Städte-Modell? (Healthy Cities), ... dass verbesserte Lebensbedingungen als Ergebnis von Entwicklungsbemühungen, mehr Gleichberechtigung, kommunaler Beteiligung und bereichsübergreifender öffentlicher Gesundheitspolitik zu gesünderem Leben führen kann.« Dann folgt ein Szenarium, über das Aldous Huxley sich gefreut hätte: »Eine gesunde Stadt umfasst gesunde Schulen und Arbeitsplätze, Verkehrssicherheit und umweltfreundlichen Verkehr, sichere und nachhaltige Abfallentsorgung/Recycling und eine Umwelt ohne Kriminalität und Gewalt... auch Parks... und Kinderspielplätze... öffentliche Dienste ...sanitäre Anlagen, hygienische Restaurants und öffentliche Toiletten, gute Wohnbedingungen und Impfkampagnen.« Diese Reissbrettphantasie einer »gesunden Stadt« liegt auf einem anderen Stern. Sie ist ebenso total wie nichtssagend. Und doch könnte bei der Besucherin etwas hängen bleiben: die Forderung nach mehr Gesundheitsmanagerinnen!
Bei der Aussicht, »in diesem aseptischen ökologischen Alptraum leben zu müssen, will ich heulen wie ein Hund vor Langeweile« (Flaubert). Aber nein, am Ende der Wanderung ist »Wohlbefinden« angesagt. Das liest sich so: »Der letzte Abschnitt ... versetzt die Besucher in eine entspannende Umgebung und ermutigt sie, aktiv zu sein und ihren Körper zu kultivieren....«. Man muss diese Trivialitäten zitieren, um die wattierte Gewalttätigkeit zu schmecken, in der die Besucherin eingewickelt werden soll. Was ich den EXPO-Managerinnen übel nehme ist, dass sie uns die Vorstellung suggerieren wollen, hier müssten Frauen »berücksichtigt« werden. Ich suche vergebens nach einem Satz, der die Widersprüche, in denen Frauen heute leben, benennt, finde kein Wort über genetische Überwachung der Schwangeren, der Krebsverdächtigen, über die Mathematisierung und Genetisierung der Medizin, kein Wort über irgendwas, das ich als »wirklich« schmecken, riechen, handhaben könnte.
Schließlich »das Observatorium«. Mit den eigenen Augen soll die Besucherin erleben, wie Big Brother-cum-Sister jederzeit und überall die »komplexen und sich ständig verändernden globalen Gesundheits-Situationen« durch »internationale Netzwerke« beobachten. Die technogene Entkörperung durch Visualisierungstechniken der High-Tech-Medizin ist hier als weltumspannendes Überwachungsnetz in Gesundheitssatelliten installiert. Im Sinne »nachhaltiger Gesundheit«. Und nicht nur das. Die Netzwerke sind installiert, um allfällig jederzeit »lokal/global zu intervenieren«. Ich zitiere: »Das weltweite Netzwerk hilft, Krisen zu vermeiden und ist jederzeit zur Intervention bereit.« Ja, Kosovo. Und weil die Verfasser wohl ahnen, dass das Wort »Gesundheit« in einem nebulösen Rest von Sinn etwas »Körperliches«, etwas »Materielles« assoziiert, könnte diese a-perspektivische, Gott-ähnliche, aggressiv-militaristische Omnipotenzphantasie der Machbarkeit der conditio humana an Erfahrungen des Besuchers anschliessen. Denn Schmerz, Siechtum, Altern, Leid, davon wissen wir. Leibhaftig wissen wir immer noch etwas davon. Frauen vor allem, auch wenn das Geschwätz des »Körpers als sozialer Konstruktion« viel von diesem Wissen verunsichert haben dürfte. Die »Gesundheit« im Themenpark braucht diesen Rest somatischer Ahnung meines und Deines wirklichen Daseins, um Globalsteuerung und -Intervention den Anschein von »Hilfe« zu geben. Das Observatorium ist für mich ein Zeitzeichen für den anvisierten Kurzschluss der einzelnen, somatischen Person an ebenso abstrakte wie gewaltförmige Global-Interventionen. Gnade uns davor!

Barbara Duden ist Historikerin und Professorin am Institut für Soziologie der Uni Hannover.