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Islamismus

Rezension

Muslimbrüder und Wohlfahrtspartei

Auf beinahe 500 Seiten legt Ulrike Dufner ihren Vergleich der ägyptischen Muslimbrüderschaft mit der türkischen Wohlfahrtspartei an. Das umfangreiche Material, das in Studien und Interviews vor Ort gewonnen wurde, ist in dieser Form einzigartig. Gleichzeitig erschwert die Fülle die Konzentration auf Thesen, die den Vergleich ordnen könnten. Allerdings ist die Unübersichtlichkeit beinahe programmatisch zu verstehen. Sie entspricht der zentralen Aussage des Buches: Islam ist nicht gleich Islam.
Selbst der Mainstream des Islamismus, wie er in Ägypten und der Türkei durch die Muslimbrüderschaft (MB) bzw. die Wohlfahrtspartei (Refahpartei/RP) repräsentiert wird, lässt sich nicht auf einfache Formeln reduzieren. Die MB betrieb seit ihrer Gründung eine Islamisierung der Gesellschaft »von unten«. Jenseits der herrschenden Staatspartei konzentrierte sie sich auf Aktivitäten im kulturellen und sozialen Feld. Die Spaltung der islamistischen Strömung in einen moderaten und einen radikalen Teil fiel in die 70er Jahre. Der moderate Teil der Bewegung strebte seitdem nach Integration in die Gesellschaft, anstelle einer radikalen Absage an deren Lebensweise. Überzeugend stellt Dufner den dabei in der MB auftretenden Widerspruch dar zwischen dem absoluten Anspruch auf »islamische Wahrheit« und dem zunehmenden Bedürfnis an Teilhabe am politischen Geschäft des Parlamentarismus. Schlagworte wie Menschenrechte oder Zivilgesellschaft sind nicht nur in Ägypten zu Symbolbegriffen in der Auseinandersetzung um Islam und Demokratie geworden. Entscheidend dabei ist nicht zuletzt die soziale Trägerschaft der Muslimbrüder: Hier weist die Autorin nach, dass es sich bei der lange gültigen Formel, nach der die Islamisten meist vom Lande migrierte Angehörige der unteren und von sozialem Abstieg bedrohten Mittelschichten seien, mittlerweile um eine Legende handelt. Die von ihr Befragten zeigten sich eher »amüsiert« von dieser Annahme. Die Führung der MB gehört der Oberschicht, den längst etablierten beruflichen Eliten des Landes an. Ihnen liegt der politische wie ökonomische Liberalismus näher als die soziale Frage. Die weiterhin bedeutsamen billigen und effizienten sozialen Einrichtungen der MB interpretiert Dufner nicht als Institutionen zur Mobilisierung der Bevölkerung, sondern als Ausdruck des in Ägypten seit jeher typischen Klientel- und Patronagesystems.
Dufners Untersuchung zeichnet aus, dass sie die Entwicklung der islamistischen Bewegungen und ihrer Programmatik immer in einen politischen und ökonomischen Kontext stellt. Hieraus ? und nicht aus irgendwelchen sich aus dem Islam ergebenden Vorgaben ? lassen sich Erklärungen für den Islamismus finden. Das gilt auch für die Türkei. Hier besteht seit 1945 ein Mehrparteiensystem, das die MSP (Nationale Heilspartei/Vorgängerin der Wohlfahrtspartei) zur Verfolgung der wirtschaftspolitischen Interessen ihrer Träger, des anatolischen Provinzkapitals, nutzte. In Konkurrenz mit anderen konservativen bis faschistischen Parteien um die Wählergunst und in enger Verbindung mit islamischen Orden und Gemeinschaften etablierte sich die MSP und vertrat seit jeher eine »Islamisierung von oben« durch die Partei und ihre Orientierung am Gemeinwohl. Auch die türkischen Islamisten diskutieren die Frage von Islam und Demokratie. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund des in der Türkei verordneten Laizismus nahm dies allerdings andere Formen an als in Ägypten, wo die MB in Konkurrenz zu dem sich selbst »islamisch« legitimierenden Staat steht. Mittlerweile artikuliert die RP ein für die breite Gesellschaft offenes Islamverständnis. Dufner zeigt jedoch, dass dieses weiterhin konservativ und hierarchisch bzw. autoritär ist. Volkspartei heißt hier »Partei für das Volk«.
Vielleicht wäre an dieser Stelle der Gegenüberstellung doch Gelegenheit für eine übergreifende These gewesen, die Dufners Ausführungen eigentlich nahelegen: Beide islamistischen Organisationen lassen sich durch ein konservativ-traditionelles Islamverständnis , kombiniert mit einer ihrer sozialen Trägerschaft entsprechenden liberalen Leistungsorientierung charakterisieren. Das auf Integration und Konkurrenzfähigkeit in der Weltwirtschaft strukturierte polit-ökomomische System stellen sie nicht infrage. Mit ihren konservativen Idealen und dem propagierten Leitbild einer moralischeren, gerechteren islamischen Gesellschaft können MB und RP jedoch auch attraktiv für die Verlierer der Liberalisierung sein. In ihrem »Islamverständnis« als Grundlage dieser neuen Ordnungen weichen sie zwar voneinander ab ? jedoch könnte die Behauptung gewagt werden, dass es ihr ungebrochener Anspruch auf eine »islamische« Wahrheit ist, die sie zu vertreten behaupten, der die MB und die RP letztlich zu autoritären Organisationen macht.
Diese Parallelen ? und diesem populären Kurzschluss möchte die Autorin keinerlei Vorschub leisten ? verdanken sich jedoch in keiner Weise »dem« Islam. Dieser ist lediglich eine Ausdrucksform der Unzufriedenheit. Zu welchen Konzepten sie eventuell gelangt, hängt, wie Dufner zeigen kann, von einer Vielzahl bewegungsinterner Faktoren sowie von ihrem jeweiligen historischen, politischen, ökonomischen und kulturellen Kontext ab. So unterschiedlich wie dieser präsentieren sich die islamistischen Bewegungen. Vor diesem Hintergrund schreckt Dufner zurück vor einer Theoriebildung, die die Einzelphänomene in schablonenhafte Erklärungsmodelle presst. Dieses Bekenntnis zu einer differenzierten Betrachtung macht dem Laien die Lektüre des Buches nicht unbedingt zur leichten Kost. All diejenigen jedoch, die sich intensiv und professionell mit Ägypten und der Türkei sowie ihren islamistischen Bewegungen beschäftigen, kommen an Dufners Untersuchungen nicht vorbei.
Jochen Müller


Ulrike Dufner, Islam ist nicht gleich Islam. Die türkische Wohlfahrtspartei und die ägyptische Muslimbrüderschaft: ein Vergleich ihrer politischen Vorstellungen vor dem gesellschaftspolitischen Hintergrund, Leske und Budrich, Opladen 1998.


Im transcript- und im LIT-Verlag sind zum Thema Islam, Islamismus und Moderne u.a. zwei Aufsatzsammlungen herausgekommen, die hier kurz genannt werden sollen (Rezensionen folgen): Georg Staudt (ed.), Islam ? Motor or Challenge of Modernity, 224 S., DM 48,80 und Ruth Klein-Hessling et al (Hrsg.), Der neue Islam der Frauen, Weibliche Lebenspraxis in der globalisierten Moderne ? Fallstudien aus Afrika, Asien ud Europa, 324 S., DM 48.