Volltext

(Artikel * 2000) Skubsch, Sabine
Solidarität an den Betroffenen vorbei? Zur Rezeption der PKK in der bundesdeutschen Linken
in iz3w Nr. 242 * Seite 6 - 7
Themen: Linke; Nationalismus; Soziale Bewegung * BRD; Türkei * PKK; Befreiungsbewegung * Dok-Nr: 91119
Standorte: A3W Osnabrück; FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; VNB Barnstorf; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Internationale Solidarität

Was tun, wie solidarisch sein?...

Nachdem bisher die Fallstricke emanzipatorischer Politik mit und in Bewegungen analysiert wurden, setzt sich der dritte Beitrag unserer Reihe mit der Kurdistansolidarität auseinander. Zwar wurde schon vielfach kritisiert, dass die Bilder, die die Solidaritätsbewegung von der kurdischen Gesellschaft und dem kurdischen Befreiungskampf vermittelt, oft mehr mit den eigenen Projektionen als mit der sozialen Realität zu tun haben. Die Kritik am »guten Volk im wilden Kurdistan« (iz3w 219) überträgt aber oftmals eigene, universalistisch gesetzte Werte auf andere Gesellschaften und schreibt somit Dominanzverhältnisse fest. Gleichzeitig wird ein neuer Mythos von »linken« ? möglichst ideologiekritisch geschulten ? MigrantInnen ins Leben gerufen. Der folgende Beitrag plädiert dagegen für eine Solidarität jenseits von revolutionsromantischen Projektionen und antinationaler Mystifizierung.


Solidarität an den Betroffenen vorbei?
Zur Rezeption der PKK in der bundesdeutschen Linken

von Sabine Skubsch

Die antinationale Linke wirft der Kurdistansolidarität vor, zwischen einem »schlechten« Unterdrückernationalismus und einem »guten« Befreiungsnationalismus zu unterscheiden und damit den Charakter solcher Nationalkonstrukte zu übersehen, die innergesellschaftliche soziale Widersprüche verwischt und Fremde ausschließen. Die Kurdistansolidarität wiederhole die Fehler vieler sozialistischer Politiker, nationale Bewegungen nur bezüglich ihrer Funktion für die Revolution zu bewerten. Auch Marx und Engels hielten es nicht für notwendig, die sozialen Antriebskräfte des Nationalismus zu untersuchen. Der Nationalismus war Ausdruck eines Durchgangsstadiums, das es zu überwinden galt. Im Kommunistischen Manifest von 1848 heißt es: »Mit dem Gegensatz der Klassen im Innern der Nation fällt die feindliche Stellung der Nationen gegeneinander.«

Nationale Befreiung
gegen Ethnisierung
Die Bedingungen kolonialer Ausbeutung zwangen die Befreiungsbewegungen zu einer Gratwanderung zwischen dem Kampf gegen den Imperialismus und gegen die soziale Ungleichheit innerhalb der eigenen Gesellschaft. Vom Imperialismus wurden sie zu »Unmündigen« erklärt und gingen gegen diese Fremdbestimmung auch Bündnisse mit tribalen, feudalen oder nationalen Eliten ein. Im Kampf um soziale Befreiung eigneten sie sich westliche Konzepte wie Aufklärung und Sozialismus an. Der Theoretiker der algerischen Revolution, Fanon, wollte den Kampf gegen den französischen Kolonialismus genauso wie gegen Ethnisierung und Tribalismus führen ? mit dem Konzept der algerischen Nation zur Mobilisierung der Massen. Im Marxschen Sinne sah er sie als ein Durchgangsstadium auf dem Weg zum eigentlichen Ziel, der sozialen Befreiung. Aber gerade die Konstruktion einer homogenen Nation trug dazu bei, die sozialen und politischen Widersprüche innerhalb der Nation zu verwischen, statt sie zu lösen.
Auch die PKK bezieht sich auf das Konzept von Fanon. Gegen den Kolonialismus des türkischen Staates und die feudalistischen Strukturen der kurdischen Gesellschaft mobilisiert sie mit der Idee der kurdischen Nation. Einerseits kämpft sie für sozialistische Ziele und für eine Modernisierung der kurdischen Gesellschaft, andererseits konstruiert sie den kurdischen Nationalismus in Konkurrenz zum türkischen. Zur Stützung einer nationalen Identität reproduziert das PKK-Programm Mythen wie die Abstammung von den Medern und eine jahrhundertelange »Unterwerfung unter eine permanente Tyrannei und Okkupation«. Die nationale Frage wird als Hauptwiderspruch und Voraussetzung für die Lösung gesellschaftlicher Widersprüche benannt.
Allerdings hat der zwei Jahrzehnte dauernde Befreiungskampf die kurdische Gesellschaft nachhaltig verändert. Feudalistische Strukturen wurden durch militärischen und ideologischen Kampf zurückgedrängt. Aufklärerische und emanzipative Gedanken gelangten bis ins letzte Dorf. Die untersten sozialen Schichten der kurdischen Gesellschaft, auf die der Erfolg der PKK aufbaute, wurden politisch gestärkt. Parteien und Gewerkschaften konnten sich bilden.
Gerade diesen Punkt übersieht die »antinationale« Kritik. Ihr nur an den Ideologien einer Metropolenlinken orientiertes Weltbild macht sie unsensibel für sozialen Wandel innerhalb anderer Kontexte. Der Verlust der Integrationskraft sozialistischer Konzepte nach dem Zusammenbruch des realen Sozialismus hat zwar die nationalen Tendenzen gestärkt; allerdings gab die PKK den Anspruch auf einen eigenen kurdischen Staat auf und erkennt im Parteiprogramm von 1995 ausdrücklich die sozio-politischen Differenzierungen zwischen den Kurden, die in den verschiedenen Staaten leben, an. In seiner Verteidigungsrede vor dem türkischen Gericht hat sich Öcalan nochmals ausdrücklich von der Idee eines eigenen kurdischen Staates distanziert. Darüber hinaus erteilte er kurdisch-nationalistischen Standpunkten eine schroffe Absage. Sein vorgetragenes Konzept der »Demokratisierung der Türkei« deutet darauf hin, Lösungen innerhalb der bestehenden Gesellschaft der Türkei zu suchen, statt partikulare kurdische Lösungen.

Schlechtes Volk ? guter Migrant?
Während die Vietnambewegung nie einen leibhaftigen Vietnamesen zu Gesicht bekam, konfrontieren die kurdischen MigrantInnen in Europa jede und jeden »Solidarischen« mit der ganzen Widersprüchlichkeit dieser Bewegung. Ein Sommerabend in einem kurdischen Dorf spricht viele Sehnsüchte eines Stadtmenschen an, wobei die unzureichenden hygienischen Verhältnisse und die Armut schon mal übersehen werden können. Aber MigrantInnen, die in erster Linie mühsam ihr Überleben in einer Gesellschaft sichern, die ihnen keinen Platz geben will, und die meinen, ihre Würde nur in einem verzweifelten Festhalten an alten Traditionen erhalten zu können, eignen sich nicht für romantische Projektionen.
Stellt man fest, dass das eigene Bild nicht stimmt, gibt es zwei Möglichkeiten: Man revidiert es, oder man wendet sich von dem Objekt ab, das dem Bild nicht entspricht. Sich enttäuscht abzuwenden scheint vielen offensichtlich der einfachere Weg zu sein. Wer Schuld hat, ist klar. Sie liegt bei denen, die den »Fehler« gemacht haben, dem Bild nicht zu entsprechen.
Der »antinationalen« Kritik ist die Schwäche jeder sich radikal universalistisch gebärdenden Theorie inhärent. Sie ist nicht in der Lage, sozio-kulturelle Unterschiede zu interpretieren und überhöht die universale Legitimation dominanter Kulturen. Auch die angestrebte Universalkultur eines »kosmopolitischen Kommunismus« (gruppe demontage) wird letztlich die Merkmale der Kultur tragen, die sich durchgesetzt hat. Der Kulturuniversalismus treibt zwar den Ethnozentrismus mit dem Argument aus, es gebe keine naturbedingte Verschiedenartigkeit der Ethnien; über die Hintertür der Aufklärung, der Modernitätsdifferenz oder der feministischen Kritik wird er aber wieder hereingelassen.
Auch universalistische Paradigmen rechtfertigen Unterdrückung. Von einer sich als »deutsch« konstruierenden Mehrheit wird die Zurückweisung der »Anderen« weniger nationalistisch als mit Modernitätsdifferenz begründet. Der türkische Kemalismus rechtfertigt die Repressionen gegenüber der kurdischen Bevölkerung als einen Kampf, der im Namen der Moderne gegen den »rückständigen« kurdischen Nationalismus geführt werden muss. Joschka Fischer lässt Ex-Jugoslawien im Namen von Demokratie und Menschenrechten bombardieren. Universalistische Maßstäbe werden zur Rechtfertigung einer aggressiven Außenpolitik der westlichen Welt herangezogen. Der Feminismus wird bei der Beurteilung anderer Gesellschaften auch von denen zur universalen Norm erhoben, die sich dessen Kritik in ihrem persönlichen Leben nicht stellen wollen.
Der Antinationalismus nimmt einen spezifischen Diskurs, der in einem Segment einer diffundierenden Linken in der Bundesrepublik geführt wird, zum Maßstab, die Welt zu beurteilen. Wir müssten uns fragen, so Birgit Rommelspacher, inwieweit auch unsere Befreiungsphantasien von Dominanzwünschen getragen sind. Die »antinationale Linke« bewertet die traditionelle kurdische Gesellschaft nach Maßstäben, die aus der Kritik moderner Gesellschaften entstanden sind. Damit bestärkt sie letztendlich Machtverhältnisse, die sich auf die Überlegenheit moderner Gesellschaften berufen. Unfähig die PKK im Kontext widersprüchlicher sozialer Prozesse zu analysieren, fordert die »gruppe demontage« in ihrer Abrechnung mit dem »Mythos nationaler Befreiung«, Solidarität »an der PKK vorbei zu üben«.

Wie kann Solidarität aussehen?
Nun fragt man oder frau sich, wie man denn Solidarität mit einer kolonial unterdrückten Bevölkerungsgruppe üben soll, ohne sich auf die Betroffenen zu beziehen. Dieses Dilemma offensichtlich erkennend, schafft sich die »gruppe demontage« einen kurdischen Migranten »nach ihrem Bilde«. Da ist die Rede von »politisch aktiven Flüchtlingen« oder gar von »linken MigrantInnen und Flüchtlingen ..., die sich politisch nicht über eine ethnische Zuschreibung definieren« oder von »anderen Linken außerhalb der PKK«. Während eine antiimperialistische Linke dazu neigte, Befreiungsbewegungen zur Projektionsfläche ihrer revolutionsromantischen Träume zu erheben, so füllen diesen Platz bei der »antinationalen Linken« die MigrantInnen. Um das Wohlwollen der Linken zu erheischen, sollten diese MigrantInnen sich wahrscheinlich »antinational«, »anti-identitär« und feministisch präsentieren. Jede und jeder, der oder die erfolgreich das Nadelöhr linker politischer Wertvorstellungen durchschritten hat, wird mit uneingeschränkter Solidarität rechnen können.
Solidarität sollte, da sind sich die antinationale Linke und die Kurdistansolidarität ausnahmsweise einig, an gemeinsamen Zielen entwickelt werden: Gegen die deutsche Türkeipolitik in Bezug auf Kurdistan, gegen die Repression im Zusammenhang mit dem PKK-Verbot sowie gegen Abschiebungen. Allerdings sollte sie darüber hinaus kurdischen Organisationen ein Forum bieten, die durch die Kriminalisierung weitgehend vom gesellschaftlichen Diskurs ausgeschlossen werden. Auch dies hat zu einer Verstärkung nationalistischer Positionen unter kurdischen MigrantInnen geführt.
Eine Solidaritätsbewegung muss sich ständig selbst reflektieren, um zu überprüfen, inwieweit sie dominante Werte oder Projektionen aufzwingt. Da das ? wie die Debatte zeigt ? im eigenen »Saft« nicht gelingt, plädiere ich für den Aufbau realer Beziehungen zu kurdischen Gruppen und Einzelpersonen in der Bundesrepublik, der Türkei oder Kurdistan. Eine Vernetzung zwischen GewerkschafterInnen, Jugendgruppen aus Kurdistan und der Bundesrepublik oder zwischen linken Gruppen und kurdischen Selbsthilfeorganisationen könnte einen realen und kontinuierlichen Dialog herstellen sowie über konkrete Projekte das Verständnis für einander fördern; darüber hinaus wäre es ein Korrektiv für ideologisierte Projektionen.


Sabine Skubsch ist seit langem in der Kurdistansolidarität aktiv und arbeitet an einer Dissertation über kurdische MigrantInnen in der Bundesrepublik.