Volltext

(Artikel * 1999) Kirsche, Gaston
Atzlán und Spanglish Politikkonzept der Chicanobewegung in den USA
in iz3w Nr. 241 * Seite 41 - 44
Themen: Arbeit; Migration; Minderheit; Nationalismus * Lateinamerika; Philippinen; USA * Latinos; Chicanos * Dok-Nr: 91109
Standorte: A3W Osnabrück; FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; VNB Barnstorf; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Kultur & Debatte

Aztlán und Spanglish

Politikkonzepte der Chicanobewegung in den USA

von Gaston Kirsche


Die Chicanobewegung entstand in Folge gemeinsamer Lohnstreiks philippinischer und mexikanischer ArbeitsmigrantInnen. Sehr bald wandte sie sich jedoch nationalistischen Konzepten zu. Diese Tendenz besteht bis heute und drückt sich in unterschiedlichen politischen Ansätzen aus, die von Lobbypolitik über Kulturnationalismus bis zu hybriden Formen reichen. Gemeinsam ist ihnen die dominante Rolle kultureller Repräsentation.

Im Zuge der Bürgerrechtsbewegung in den sechziger Jahren wurde die rassistische Bezeichnung ?Chicano? der WASP-Dominanzgesellschaft (White Anglo Saxon Protestants) aus ihrem negativen Kontext herausgelöst. Analog etwa zu dem ?Black is Beautiful? der ?Schwarzen? wurde sie in eine positive, aufwertende Selbstbezeichnung spanischsprachiger EinwohnerInnen der USA umgedeutet. Die Kämpfe um kulturelle Repräsentationen spielten und spielen hierbei bis heute eine große Rolle. Ausgetragen werden sie innerhalb verschiedener Formen von populärer Kultur. Aus dem Straßentheater entwickelte sich gegen Ende der 60er Jahre das Cine Chicano, darüberhinaus entstanden verschiedene Musik-Subkulturen und auch eine Chicano-Literatur konnte sich etablieren.

?Chicano-Sein? in der Kulturindustrie
»Chicano-Sein ist ein politisches Konzept; es ist die Suche nach unserer kulturellen Identität. Unser Kino versucht die Geschichte des Volkes Chicano wiederzugewinnen.« So versucht der Filmproduzent Jeff Penichet heute die politische Dimension des Chicano-Kinos zu umreißen.1 Die Ursprünge des Cine Chicano kommen jedoch unmittelbar aus einer politischen Bewegung: Der erste Film wurde vom Teatro Campesino der Gewerkschaft United Farm Workers (UFW) 1969 produziert, die aus einer antirassistischen Selbstorganisation von LandarbeiterInnen in Kalifornien hervorgegangen war. Von Beginn an hatte das Cine Chicano den Ansatz, sich erst einmal Zugang zu den entsprechenden Medien zu verschaffen und die bis dahin im Kino unsichtbare Realität jenseits der weißen Mittelschicht sichtbar zu machen (vgl. auch iz3w 239). Ein bis heute noch nicht abgeschlossener Prozess, denn den Produkten der Filmfabriken war bis in die 80er Jahre hinein überhaupt nicht anzumerken, dass neben dem weißen Hollywood das Los Angeles der Marginalisierten liegt. Wenn sich Hollywood überhaupt des Themas annahm, dann nur in einer verkürzten Form, die ?Latinos?, ?Schwarze? und andere ?Minderheiten? als kriminelle Bedrohung oder auch exotistische Bereicherung darstellte, ihnen aber jegliche Subjektivität verweigerte: »Die Produzenten besetzten so die Außenseiterrollen, nie tauchten Chicanos mit einem Beruf auf, immer sind wir die Gauner, die Prostituierten oder die Drogenhändler. Es ist sehr schwer, zu Hollywood Zugang zu haben, es ist eine gut ausgebaute Schanze der Angelsachsen«, stand für die Filmregisseurin Susan Racho 1993 fest.2
Seit den 80er Jahren gibt es zwar vereinzelte Hollywood-Filme, die von Filmschaffenden aus der Bewegung des Cine Chicano realisiert werden ? wie El Norte oder Mi Familia von Gregory Nava ? , dies sind aber nach wie vor die Ausnahmen von der Regel.3 Auch scheint auf den ersten Blick der mainstream der Film- und Fernsehproduktionen toleranter und vielfältiger geworden zu sein. Der Schauspieler Eduard James Olmos ist vielen sicher als Vorgesetzter von Crocket und Tubbs aus der Polizeifilmserie Miami Vice bekannt. Auch wenn es als Fortschritt erscheint, dass hier ein Non-WASP mal was anderes als den Delinquenten mimen durfte, blieb Olmos in dieser Rolle dennoch auf sein ?Chicano-Sein? reduziert, denn er war in erster Linie für kolumbianische Kokain-Exportfirmen, exotischen Voodoo-Zauber und die zahlreichen ExilkubanerInnen in der Stadt zuständig, die natürlich ausschließlich in der Schattenökonomie und der Opposition gegen Kuba zu sehen sind. Die bloße quantitative Verbesserung der medialen Präsenz von ?Minderheiten? im mainstream sagt also noch lange nichts darüber aus, ob rassistische Machtverhältnisse langsam in der Auflösung begriffen sind oder ob sie lediglich in einem anderen Gewand erscheinen. So durchbrach Miami Vice auch nicht die Unterscheidung Latino einerseits und WASP andererseits, sondern setzte kulturalistische Zuschreibungen dazu ein, die Serie ?farbiger? zu gestalten.
Eine solche Zuschreibung von Identitäten blieb aber nicht ausschließlich auf die Kulturindustrie der Dominanzkultur beschränkt. Auch die rebellierenden ?Minderheiten? in den sechziger Jahren bedienten sich ihrer. Um als ersten Schritt eine gemeinsame und einheitliche Stimme zu finden, aus Solidarität sowie auch aus rein pragmatischen Gründen, bezogen sie sich letztendlich auf eine vermeintlich klar eingrenzbare Ethnie/Nation. Dadurch wird es aber unmöglich, dass verschiedene rassistisch ausgegrenzte Gruppen ihre Interessen gemeinsam durchsetzen können. Vorrangig gehen sie nämlich nicht gegen die kapitalistische Grundlage der rassistischen Verhältnisse an, sondern treten für eine Besserstellung »ihrer« Gruppe im Rahmen der kapitalistischen Konkurrenz ein. Dies gilt besonders für an Erfolg und Karriere interessierte Wortführer aus den aufstrebenden MigrantInnen-Mittelschichten.
Die mittlerweile sehr heterogene Chicano-Bewegung befindet sich also genau wie andere Bürgerrechtsbewegungen im Widerspruch zwischen antirassistischen und antikapitalistischen Ansätzen einerseits und kulturalistischer Lobbypolitik andererseits ? also zwischen Inklusion und Exklusion. So lässt sich z.B. der kleine Boom des Cine Chicano seit den 70er Jahren dadurch erklären, dass es für klar abgegrenzte, kulturalistisch definierte Minderheiten einen Zugang zu staatlichen Fördermitteln gibt. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen der USA ist per Affirmative-Action-Gesetz zur Finanzierung von Filmen ?ethnischer Minderheiten? verpflichtet. Der Widerspruch, sich ethnisch zuordnen zu müssen, um staatliche Fördermittel zu bekommen, wenn es um nicht-marktgängige Filme über soziale Probleme geht, ist den Debatten um Chicano-Filme anzumerken, wie die Filmregisseurin Lourdes Portillo feststellte: »Mir wurde von Leuten zugetragen, der und der hätte gesagt, ich würde die ganze Bewegung verraten, da meine Filme sich nicht nur um Chicanos drehten. Als Chicana bin ich aber ein Teil beider Amerikas.«4
Mit der zunehmenden Festigung eines Spanisch sprechenden, kaufkräftigen Mittelstandes in den USA versprechen spanischsprachige Kulturprodukte mittlerweile höhere Profite: 1999 stellen die USA den fünftgrößten Markt für spanischsprachige Bücher.5 Die spanischsprachige Fernsehkette Univisión, die fünftgrößte der USA, bindet bei ihren Informationssendungen 92% des spanischsprachigen Publikums und hat mehr jugendliche ZuschauerInnen als MTV, was für die Werbeindustrie entscheidend ist. In den letzten neun Jahren ist die Kaufkraft des »Latino«-Marktsegments um 56% auf mehr als 350.000 Millionen Dollar gestiegen.6 Auf diesem Marktsegment bauen nicht zuletzt die Latino-KünstlerInnen auf, die insbesondere in der Popmusik auch auf dem gesamten US-Markt erfolgreich sind ? ein Phänomen, das als »Ricky-Martin-Effekt« bezeichnet wird. Wer sein Lied »Un, dos, tres, ...« verpasst hat, kennt sicher die Sängerin Gloria Estefan.
Während dieser für den Markt interessante Chicano-Mittelstand die spanischsprachige Kulturindustrie beflügelt, arbeiten Tag für Tag spanischsprachige, klandestine MigrantInnen in inoffiziellen Arbeitsverhältnissen fern dieses Marktes auf der ProduzentInnenseite. Ihre Subkulturen existieren neben der Kulturindustrie. Aber auch bei den spanischssprachigen offiziellen US-StaatsbürgerInnen gibt es neben dem Chicano-Mittelstand einen großen Teil, der zu den unteren Segmenten der Arbeiterklasse gehört. Diese trifft die rassistische Ausgrenzung durch ihre prekäre Erwerbssituation doppelt. So brechen 30% der spanischsprachigen Kinder die weiterführende Schule ab, während dies im US-Durchschnitt nur 9% sind. Nach dem US-Zensus, der die Befragten in ethnische und nationale Herkunftskategorien sortiert, lebt folgender Prozentsatz von Familien in Armut: PuertorikanerInnen 33,1%, MexikanerInnen 27,7%, »Schwarze« 25,7%, KubanerInnen 12,5%, »Weiße« 6,5%. Von den Chicanos, die hier als MexikanerInnen auftauchen, lebt also mehr als ein Viertel offiziell unter der Armutsgrenze.

Instrumentalisierung des Minderheiten-Status
Heute spricht die Chicano-Community in den USA schon lange nicht mehr mit einer einheitlichen Stimme. Miteinander konkurrierende und sich gegenseitig widersprechende Konzepte von ?Chicano-Sein? tragen der Ausdifferenzierung Rechnung und bewegen sich zwischen bürgerlicher Lobbypolitik, Selbstethnisierung, Identitätspolitik und einem antirassistischen, teilweise antikapitalistischen Ansatz.
Diese Differenz zeigt sich bereits in Begrifflichkeiten. Als antirassistische oder selbstethnisierende Bezeichnungen konkurrieren mehrere Begriffe miteinander, die an verschiedene Konzepte anknüpfen. Neben Latino/a oder Hispanic für EinwanderInnen aus ganz Lateinamerika wird auch von »La Raza«, der »Rasse« gesprochen, um sich selbst zu identifizieren. Gemeint ist damit ein ideelles Volk von MexikanerInnen als Abstammungsgemeinschaft. Mit dieser Vorstellung arbeitet insbesondere die bürgerliche Lobbypolitik, deren Vertreter vornehmlich aus den neuen Mittelschichten kommen. Sie beziehen sich auf ihre kulturelle Identität und instrumentalisieren ihren ?Minderheitenstatus?, wenn sich dadurch wirtschaftliche Profite ergeben. Auf der anderen Seite wird aber auch der Anschluss an die WASP-Dominanzgesellschaft gesucht. Ihnen geht es in erster Linie um die Anerkennung der Chicanos (und nicht etwa um andere ausgegrenzte soziale Gruppen), die die US-Staatsbürgerschaft schon seit drei Generationen besitzen und die es mittlerweile ?zu etwas gebracht? haben. Die etablierte Lobbyorganisation »National Council of La Raza« verbindet Lobbypolitik und Nationalismus dabei derart, dass sie etwa die Freihandelszone NAFTA 1994 begrüßte, weil sie sich ? vergeblich ? eine Aufwertung der Chicanos als MittlerInnen zwischen den USA und Mexiko versprach.7 Den Wunsch nach Abgrenzung von VertreterInnen dieses Konzeptes gegenüber anderen EinwanderInnen aus Lateinamerika hat die in den USA lebende Schriftstellerin Alicia Kozameh, die vor der Militärdiktatur Argentiniens flüchtete, auf den Punkt gebracht: »Diese Chicanos/as sind in den USA eine sehr auf sich bezogene Gruppe. Den anderen Leuten aus Südamerika gegenüber bringen sie nicht viel Sympathie auf. Sie leben sehr für sich.«8
Darüberhinaus treten die VertreterInnen der bürgerlichen Lobbypolitik für eine Besserstellung »ihrer« Gruppe im Rahmen der kapitalistischen Konkurrenz ein. Neben den Chicanos/as, die rassistischer Diskriminierung unterliegen, aber zumindest US-StaatsbürgerInnen sind, gibt es ArbeitsmigrantInnen ohne Papiere und Flüchtlinge aus Lateinamerika und anderswo, die inoffiziell über die Grenze aus Mexiko in die USA kommen, die die schlechtesten Jobs bekommen und in ständiger Unsicherheit vor der Abschiebung nach Mexiko leben.9 Für das aufstrebende Spanisch sprechende Bürgertum ist dieser gesamte Latino-Markt ? Latinos/as stellen mittlerweile vor den ?Schwarzen? die größte ?Minderheitengruppe? dar ? ein bedeutsamer Faktor für den Absatz der eigenen Produkte. Aber parallel zur alltäglichen sozialen Abgrenzung entlang von Klassengrenzen ? städtischer Mittelstand kontra inoffizielle ArbeitsmigrantInnen und LandarbeiterInnen ? wird die Selbstdefinition als Hispanic auch in Abgrenzung zu den inoffiziellen MigrantInnen konstruiert. Seinen Ausdruck findet das z.B. bei Volksabstimmungen: Jenseits der vermarktbaren Folklore wird für Verschärfungen gegenüber Inoffiziellen gestimmt.
Am 3. Juni 1998 fand in Kalifornien eine Volksabstimmung statt, bei der sich ein Teil der Chicanos/as oder Hispanics einem Gesetzesvorschlag rechter Republikaner anschloss: Wie 1994 bei der Proposition 187 10 stimmten 1998 wieder 1/3 der Latino-WählerInnen für Verschärfungen gegenüber den Inoffiziellen: Diesmal gegen einen weiteren zweisprachigen Unterricht an kalifornischen Schulen. Vor 25 Jahren setzte die Bürgerrechtsbewegung durch, dass Schulpflichtige zuerst in ihrer Erstsprache Lesen und Schreiben lernten und erst allmählich in englischsprachige Klassen eingegliedert wurden. Die neue Regelung besagt, dass schulpflichtige MigrantInnen jetzt unabhängig vom Alter einen einjährigen Crash-Kurs in englischer Sprache durchlaufen. Die Initiative dazu kam von dem Kapitalisten Ron Unz aus dem Silicon Valley, und viele Hispanics stimmten gegen den zweisprachigen Unterricht, weil sie wollen, dass ihre Kinder schneller Englisch lernen ? die Sprache des sozialen Aufstiegs: »Auch wenn die Latinos bei Wahlen bisher unterrepräsentiert sind (29% der kalifornischen Bevölkerung stellen nur 9% der Wählerschaft), zeigt sich hier deutlich die Entstehung eines Latino-Bürgertums aus Kleinunternehmern, das politisch dem rechten Flügel der Republikaner nahesteht.« 11

Kulturnationalismus und territoriale Forderungen
Der Instrumentalisierung des Minderheitenstatus der neuen Mittelschicht steht der Kulturnationalismus der vermeintlich linken Chicanos gegenüber. Sie beziehen sich in ihren auf erfundene Traditionen gestützten Identitätskonstruktionen darauf, dass die spanischen Kolonialisten vor den englischen in den heutigen USA waren. Hierbei spielt der mythische Herkunftsort der AztekInnen ? Aztlán ? eine wichtige Rolle. Aztlán wurde in der aztekischen Mythologie weit nördlich von den Stadtstaaten in Zentralmexiko verortet, so dass es geografisch durchaus im Südwesten der USA gelegen haben könnte. Also ein hervorragendes Argument für nationalistisch begründete Gebietsansprüche, wie es exemplarisch der Chicano-Filmemacher Juan Uribe ausdrückt: »Für mich ist Chicano-Sein die Politik der Rückeroberung von Aztlán, der Territorien im Südwesten der USA, die früher den Azteken gehörten«.12
Diese Konstruktion von präkolumbianischer Geschichtstradition ist zentral für eine nationalistische Chicano-Kultur, die ihre Selbstvergewisserung aus der Logik des Ursprungs ableitet: »Für Chicanos sind die Anglos lediglich fremde Besatzer, dies gilt sowohl für die 1848 im Vertrag von Guadalupe-Hidalgo ?annektierten? tejanos, californios, u.a., als auch für heutige Chicano-Wanderarbeiter.«13 Mexiko trat nach dem verlorenen Krieg 1848 an die USA 50% seines Territoriums ab. Dieses war aber nur dünn besiedelt, vor allem von denen, die noch vor den spanischen Eroberern da waren: die Native Americans, damals insgesamt 1% der gesamtmexikanischen Bevölkerung. Die Bevölkerung der spanisch-mexikanischen Siedlungen wurde bei der folgenden Umwälzung der Besitzverhältnisse von den WASP-SiedlerInnen enteignet. Im Friedensvertrag garantierten die USA zwar den verbliebenen mexikanischen BürgerInnen alle Rechte und Besitztitel, nachher spielte das aber keine Rolle mehr.
Aus den SiedlerInnen und KolonialistInnen von vor 1848 wurde eine kolonialisierte Minderheit, die heutige Chicano-Community, die noch durch die MigrantInnen, die infolge der mexikanischen Revolutionskämpfe und des Bürgerkrieges zwischen 1910 und 1930 einwanderten, ergänzt wurde. Sie wurden von der dominanten Macht zur rechtlich, kulturell und sprachlich marginalisierten Gruppe. Roberto Martínez vom American Friends Service Committee, das gegen die Verletzung der Menschenrechte von MigrantInnen angeht, erklärte dazu 1997: »Kaum war der Vertrag unterzeichnet, kamen US-Siedler, die den MexikanerInnen das Land raubten. In diesem Prozess wurden MexikanerInnen nach Mexiko vertrieben, erschossen, gelyncht, erhängt und vergewaltigt.« 14
Der national orientierte und revanchistische Bezug auf Aztlán ist demzufolge ein wichtiges identitätsstiftendes Medium für große Teile der mexikanischen und US-amerikanischen Linken mit Chicano-Hintergrund. Im Musik-Underground von Los Angeles gibt es Ende der 90er Jahre viele Bands, die sich auf Aztlán und mit einem romantisierenden Rückbezug auf eine vermeintlich indigene Herkunft beziehen: Neben »Aztlán Underground« haben sich andere Bands Namen aus dem Nahuá, der Sprache der AztekInnen, gegeben: Quetzal, Ollin oder ? Ozomatli. So heißt der aztekische Gott des Tanzes. Ozomatli ist zweisprachig: Die MusikerInnen singen auf spanisch und rappen auf Englisch. Die Band entstand vor vier Jahren aus einem Arbeitskampf und trat ursprünglich nur für Benefizzwecke auf. Mittlerweile gibt es eine CD, die auch Ozomatli heißt (Almo Sounds/ Import).
Anders als bei diesen Bands, die zwischen verschiedenen Identitäten wechseln, wird in einem Infoblatt der weltweiten Anti-Freihandelsbewegung Peoples Global Action unter der Überschrift »Aztlán ? A New Nation« ein sich revolutionär verstehender Nationalismus abgefeiert. Bobby, Chef der größten Chicano-Streetgang von Los Angeles, forderte dort das Recht auf nationale Selbstbestimmung, die Sezession von den USA, für ein eigenes Land mit eigener Regierung: »Wir sind keine Mexikaner und wir sind keine US-Amerikaner, wir möchten eine neue Nation bilden, in der wir die Mehrheit sind, wir nennen das Aztlán. Aztlán ist, wo die Azteken herkommen ? und wir fordern dieses Land zurück.«15
Damit befindet er sich in Übereinstimmung mit Teilen der mexikanischen Linken, die eine Wiedervereinigung Mexikos mit denen nach dem Krieg 1845-48 an die USA abgetretenen Gebiete fordert. Dass Linke in Mexiko der nationalistischen Staatspartei PRI (Partei der institutionalisierten Revolution), die aus dieser Geschichte ihre Legitimation bezog, die Nation streitig machen können, ist durch die offizielle Öffnung zu den USA möglich geworden: Zur NAFTA- und Freihandelspolitik des offiziellen Mexiko passen die früheren nationalen Inszenierungen der PRI nicht mehr, die gegen die USA gerichtet waren.
Es ist aber sowohl in Mexiko als auch in den USA für Linke fatal, auf das Konzept Nation zu setzen, auch wenn dieses Konstrukt nicht von der Bourgeoisie besetzt ist: Von den sozialen, antirassistischen Kämpfen lenkt es bestenfalls nur ab. Schlimmstenfalls verdrängt ein nationalistisches Konzept auch in linken Bewegungen wie der MLN/M (Movimiento de Liberación Nacíonal de México) die Fragen nach sozialer Emanzipation und grenzüberschreitender Solidarität. Kapitalismuskritik wird der nationalen Sache untergeordnet. Zwar werden all diejenigen kritisiert, die ihre individuelle Bereicherung an oberste Stelle setzen. Nicht aber, weil sie der kapitalistischen Logik folgen, sondern weil sie als VerräterInnen an der Chicano-Nation angesehen werden. Ein Sweat-Shop-Besitzer, der sich zum Teil der Community erklärt und nur Chicanos/as in seinem Betrieb ausbeutet, dient dann zuerst der nationalen Sache. Die nationalistische Kritik richtet sich auch gegen die, deren Alltagsleben und Eintreten für breitere soziale Interessen sich nicht der Chicano-Community unterordnen.
Kapitalismuskritische Positionen gehen sowohl beim Chicano-Mittelstand und der Bourgeoisie als auch bei den Kulturnationalisten verloren. Darüber hinaus trennt die Herleitung von Rechten nicht aus sozialen Bedürfnissen, sondern aus angeblich geschichtlichen, nationalen und territorialen Ansprüchen die Chicano-PolitikerInnen von anderen MigrantInnen und benachteiligten Personengruppen.

Spanglish: Jenseits von Abgrenzung und Identität
Bürgerliche Affirmation des Kapitalismus und anti-amerikanischer Kulturnationalismus von links sind jedoch nicht die einzigen miteinander konkurrierenden Konzepte des ?Chicano-Seins?. Verschiedene antirassistische Aktivitäten versuchen genau diese kulturalistische Abgrenzung nicht zu vollziehen. Dies gilt für etliche der AktivistInnen des Cine Chicano, wie etwa die bekannte Lourdes Portillo, die in Gesprächen versichert, ein offenes, gegen Diskriminierung gerichtetes Konzept von Chicana-Sein zu vertreten. Dieses Konzept orientiert sich weit mehr an der sozialen Realität der Migration und drückt sich auch in der Veränderung von Sprache aus ? dem Spanglish. Die Vermischung von Englisch und Spanisch ist für viele Menschen ein alltägliches Phänomen ? besonders für die ?tinajeros?, die Teenager: In der Pause, dem ?breque?, wird ein ?cofi? getrunken, danach gehen die ?pupilos? wieder in die Schulklasse. Viele Kleinkunstschaffende wie der bekannte Autor und Akteur Coco Fusco benutzen Spanglish als Bühnensprache. Als dieser 1993 in Hamburg spielte, irritierte er mit dem Vermischen der Sprache das deutsche Feuilleton. Der Rezensent der taz fragte konsterniert: »Wäre es nicht vielleicht besser, kulturelle Zeichen zu trennen, weil die Vermischung ja doch zu einem erheblichen Verlust kultureller Identität führt?« 16 Die Lebensrealität vieler im Südwesten der USA trifft aber das Gedicht von Tato Laviera La carretera made a u-turn, in dem es heißt: »I think in Spanish, I write in English, tengo las venas aculturadas, escribo en Spanglish.« Der bekannte Ethnologe Néstor García Canclini aus Mexiko benutzt in seinem Buch »Hybride Kulturen« die Bezeichnung hybrid, um diese kulturellen Prozesse und Verschiebungen zu erfassen, die sich einer national-territorialen Zuordnung entziehen. Dementsprechend kann ?Chicano-Sein? auch bedeuten, sich weder den USA noch Mexiko zuzuordnen, aber deshalb nicht gleich eine neue Nation erschaffen zu wollen, sondern gegen die aktuelle soziale Diskriminierung anzugehen, die nicht bei den Chicanos stehenbleibt.
So entsteht grenzüberschreitende Solidarität aus Organisationen von ArbeiterInnen in den Maquilas entlang der Grenze USA ? Mexiko. Die Coaliación pro-Justicia a las Trabajadores de Maquiladoras, das Comité de Apoyo Fronterizo Obrero Regional aus Tijuana, das Commitee to Support Maquiladora Workers aus San Diego, beide Mitglieder der Coaliación, protestierten gegen die rassistische Polizeiwillkür in den USA. 17 Sie stellten aber auch fest, das die Angst überwiegt und es wenig Protest gegen den Rassismus gibt, der in den USA gegen Latinos herrscht.18 Und in den US-amerikanischen Gewerkschaften findet vielerorts ein Umdenkprozess statt, der mit der rassistischen Ausgrenzung von Chicanos Schluss macht und diese in teilweise erfolgreiche Abwehrkämpfe einbezieht: So ist im Computer-Produktionszentrum Silicon Valley bei San Francisco das von NiedriglohnarbeiterInnen aus Lateinamerika und Asien dominierte Reinigungswesen der einzige Arbeitsbereich mit einer flächendeckenden Tarifstruktur.19 Vielleicht entsteht aus diesem Umbruch ja wie 1969 ein neuer Impuls für eine antirassistische Kulturbewegung.
Anmerkungen:

1 zitiert in: C. Angulo: La venganza, en el cine, de Moctezuma, in: El Pais, 21.9.1993

2 ebd.

3 Einen guten Überblick über die Filme bietet Chon A. Noriega in Cine Chicano ? Entre la subversion y la integración: El cine chicano y sus contextos, 1993, San-Sebastian/Donosti, Filmoteca Vasca.

4 Olaf Berg/Lars Stubbe: Gespräch mit Lourdes Portillo, in: ila 228, 9/99

5 Rocío Ayuso: California quiere reconquistar Lectores, in: El Pais, 14. 8. 99

6 José M. Calvo/Javier del Pino: Los Latinos en Estados Unidos ? La Generación Ñ. In: El Pais Semanal, 8.8.99

7 Werner Lamottke: Im Wartesaal der Macht. Aus: Ila 9/99, Schwerpunkt »Mexiko in den USA«.

8 Alicia Kozameh: Unter der Sonne Kaliforniens, Interview von Gaby Küppers, in: ila 211, 12/97.

9 vgl. Bettina Kleiber/Friedrike Habermann: Alltag an der Grenze zwischen Mexiko und den USA, in: iz3w 234, 1/99.

10 Per Volksentscheid wurde am 8. November 1994 in Kalifornien die Proposition 187 mit einer Mehrheit von 59% angenommen. In diesem Gesetz wird festgeschrieben, dass allen inoffiziellen EinwanderInnen ohne Papiere der Zugang zu Gesundheits-, Bildungs- und sonstigen Sozialleistungen verweigert wird, bis auf medizinische Notfälle. Darüber hinaus verordnet das Gesetz den im Bildungs- und Sozialdienst Arbeitenden einen Spitzeldienst, alle »Verdächtigen« zu melden.

11 Redaktion: Kalifornien ? 187 , in: wildcat Nr. 64/65, März 1995, S. 19

12 zitiert in: C. Angulo: La venganza, en el cine, de Moctezuma, in: El Pais, 21.9.1993

13 Herms, Dieter/Lutz, Hartmut: Native Americans, Chicanos und Indianer in den USA, 1985, Westberlin, S. 6

14 Tödliche Barriere ? Südgrenze der USA ähnelt einer Free Fire Zone/Interview mit Roberto Martínez, in a&k 412, 12. 3.1998, S. 20.

15 SchNEWS & Squall: 1998 Special Report on the United Colours of People?s Global Action, 1. Mai 98, Brighton. http://www.cbuzz.co.uk/schNEWS. Kontakt zur neuen Nation Aztlán per e-mail: amica@earthlink.net.

16 Till Briegleb: Interviewfrage an Coco Fusco, in taz-hamburg (Lokalteil), 27.7.93

17 Grupos fronterizos piden castigos para policías de EE.UU., in El Mexicano, 6.4.96.

18 Repudio a brutal agresión contra mexicanos, in: El Mexicano, 5.4.96.

19 vgl. Boy Lüthje/Christoph Scherrer: Einwanderung, Rassismus und Gewerkschaftspolitik in den USA, in: WIDERSPRUCH, Nr. 37/99, Zürich.


Gaston Kirsche ist gelernter Drucker, studiert Ethnologie und macht in der Hamburger gruppe demontage mit.