Volltext

(Artikel * 1999) Krull, Volker
Dialog zwischen den (Film-)Kulturen Das achte freiburger filmforum
in Blätter des iz3w Nr. 239 * Seite 36 - 37
Themen: Film; Kulturen/Lebensweisen; Kunst * BRD * Dok-Nr: 83060
Standorte: A3W Osnabrück; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; VNB Barnstorf; 3WF Hannover; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Ethnofilm

Dialog zwischen den (Film-)Kulturen
Das achte freiburger filmforum von Volker Kull

Was sind ethnologische Filme? Dies ist eine der zentralen Fragen, die sich alle zwei Jahre auf dem freiburger filmforum - ethnologie und afrika/amerika/asien/ozeanien stellt. Seit 1985 treffen sich auf diesem kleinen und feinen Filmfestival internationale DokumentarfilmemacherInnen, filmende Ethnologen und Anthropologen sowie Regisseure des Cinema du Sud zum gemeinsamen Dialog. Bis heute sind jedoch weder die Veranstalter noch die Gäste oder die Besucher zu einem Konsens gelangt. Wie sollten sie auch angesichts eines derart dynamischen Filmgenres. Der Umgang der Veranstalter des freiburger filmforums mit dieser offenen Frage ist eindeutig. Ganz bewußt wählen sie Filme aus, die die konventionellen Gattungs- und Genregrenzen zwischen Spiel-, Dokumentar- und traditionell ethnographischen Filmen überschreiten. Doch nicht nur in filmästhetischer Hinsicht möchten die Festivalmacher Grenzen überwinden. Als ethnologisches Filmfestival haben sie sich darüber hinaus zum Ziel gesetzt, kulturelle Grenzen zu überwinden und stereotype Vorstellungen über uns fremde Kulturen zu hinterfragen. Gleichsam als Zugabe vermitteln die Filme daher interessante Einblicke in diese Kulturen und das dortige Filmschaffen. Unter dem Motto 'Leben zwischen den Kulturen' wurden bei der achten Ausgabe des freiburger filmforums insgesamt 52 Filme gezeigt. Das thematisch breite Spektrum reichte von Filmreihen zum dokumentarfilmischen Schaffen in Israel, zum Latino-Cinema in den USA bis hin zu einer Reihe mit brasilianischen Dokumentar- und Ethnofilmen. Darüber hinaus widmete das filmforum eine ausführliche Hommage dem 1998 verstorbenen senegalesischen Filmemacher Djibril Diop Mambety, der mit seinem Film Touki Bouki zu Beginn der 70er Jahre dem afrikanischen Filmschaffen wichtige Impulse verlieh. Besonderes Interesse wurde dem australischen Filmemacher Dennis O'Rourke zuteil. Eine umfangreiche Werkschau beleuchtete sein engagiertes Filmschaffen, mit dem er sich immer wieder für die Belange der indigenen Bevölkerung in Papua Neuguinea und in Australien einsetzt. Abgerundet wurde das Programm durch aktuelle internationale Filmproduktionen, wobei hier vor allem die Filme aus und über Afrika erwähnenswert sind. Filme wie Woubi Cheri von Philip Brooks und Laurent Bocahut über die Schwulen- und Transvestitenkultur in der Elfenbeinküste und Zone Rap des senegalesischen Filmemachers Bouna Medoune Seye über die Rapperbewegung in Dakar beweisen, daß die afrikanischen Kulturen nicht statisch in alten Traditionen verhaftet sind, sondern auf Globalisierungsprozesse dynamisch mit neuen Lebensformen reagieren. Trennungsversuche Einen filmischen Höhepunkt stellte bereits der Auftakt des Festivals dar. In ihrem Film In het huis van mijn Vader (Im Haus meines Vaters) begibt sich die in den Niederlanden wohnende marokkanische Filmemacherin Fatima Jebli Ouazzani auf die Spurensuche nach ihrer Kindheit und Jugend. Im Alter von 18 Jahren hat sie aus Furcht, das selbe Schicksal wie ihre Mutter erleiden zu müssen, ihr Elternhaus verlassen. Diese wurde im Alter von vierzehn von ihrem Vater jungfräulich verheiratet und Jahre später zugunsten einer siebzehnjährigen verlassen. In ehrlichen und oftmals schmerzhaften Gesprächen mit ihren Großeltern und immer in Gefahr, von ihrer Familie verstoßen zu werden, geht die Filmemacherin der frauenfeindlichen, noch heute von patriarchaler Dominanz geprägten Gesellschaft Marokkos auf den Grund. Durch die abwechselnden Dokumentar- und Spielfilmszenen sowie die eindrucksvolle orientalische Bilderwelt entstand ein einfühlsamer, mutiger und sehr persönlicher Film mit hohem künstlerischem Wert. Ein in Thema und Filmsprache ähnlicher, in seiner Atmosphäre jedoch völlig unterschiedlicher Film war Paulina von Vicky Funari. Der Film handelt über das Schicksal der Mexikanerin Paulina Cruz Suarez, die im Alter von 11 Jahren von einem reichen Großgrundbesitzer vergewaltigt und ihm daraufhin von ihren Eltern zur Frau gegeben wurde. Paulina aber rebellierte gegen die Unterdrückung durch ihren Mann, der sie gewaltsam ihrem Elternhaus entriß. Noch als kleines Mädchen floh sie nach Mexiko-City, wo sie als Haushälterin arbeitete. Fortan konnte sie vergleichsweise selbständig über ihr Leben bestimmen. Voller Zorn erzählt Paulina in dokumentarischen und gespielten Szenen, die Gegenwart und Vergangenheit geschickt miteinander verweben, über ihr Verhältnis zu ihren Eltern und den Dorfnachbarn, ihre Zeit im Haus ihres Ex-Mannes und ihr jetziges Leben. Die Trennung der Frauen von ihren Ehemännern ist auch Thema des Films Divorce Iranian Style (Scheidung auf Iranisch) von der exiliranischen Ethnologin Ziba Mir-Hosseini und der britischen Filmemacherin Kim Longinotto. Sie begaben sich in den Imam Khomeini Gerichtskomplex in Teheran und begleiteten die erniedrigenden Gerichtsverfahren dreier Frauen. Im Unterschied zu Männern, die sich jederzeit problemlos scheiden lassen können, benötigen Frauen im Iran zu allererst die Zustimmung ihrer Ehemänner. Erhalten sie diese nicht, müssen sie handfeste Beweise über deren Unfruchtbarkeit, Geisteskrankheiten oder mangelnde finanzielle Zuwendung erbringen. Dieser eindrucksvolle, am Stil des Direct Cinema orientierte Film zeugt von den großen gesellschaftlichen Spannungen zwischen dem männlich dominierten öffentlichen Leben und der durch die Frauen beherrschten Privatsphäre in dem islamisch geprägten Staat. Obwohl der Film mit der Begründung, es sei nicht die richtige Zeit für solch einen Film, nicht für das Programm des iranischen Filmfestivals in Teheran ausgewählt wurde, unterstreichen zahlreiche positive Kritiken in iranischen Zeitungen und die Tatsache, daß er überhaupt entstehen konnte, die Tendenzen einer kulturellen Reform im Iran unter der Regierung Khatamis. Werkschau Der insgesamt sowohl inhaltlich und filmästhetisch stärkste als auch publikumswirksamste Programmteil des diesjährigen filmforums beschäftigte sich mit Dennis O'Rourke.1 Mit dem Werk des australischen Filmemachers (der es strikt ablehnt, als ethnologischer Filmemacher bezeichnet zu werden), führte die Filmschau die 1985 begonnene Programmreihe fort, die das Werk herausragender ethnologischer Filmemacher einer breiteren ?ffentlichkeit zugänglich machen möchte. Die Weigerung O'Rourkes, sich von der Ethnologie vereinnemen zu lassen, geht auf eine überholte Vorstellung von ethnologischen Dokumentarfilmen zurück, die allerdings noch immer in den Köpfen so mancher Filmkritiker herumspukt. Noch 1995 hat Eliot Weinberger, einer der schärfsten Gegner sogenannter ethnographischer Filme, in Lettre International geschrieben, Èethnographische Filmemacher seien Angehörige eines Volkes, die sich für unsichtbar halten, ihre Informationen roh verschlingen und einer erschrekkenden Gottheit namens Realität frönen.Ç Der schlimmste Vorwurf, den man Ethnologen machen könne, sei, sie mit dem Begriff '?sthet' zu bezeichnen. Was er und andere Kritiker an ethnographischen Filmen jedoch häufig übersehen, ist, daß es immer schon filmende Ethnologen gab, wie etwa Jean Rouch oder David MacDougall, die durch ihre innovative Filmarbeit die Entwicklung neuer künstlerischer Stilrichtungen der Kinoästhetik maßgeblich mitbeeinflußt haben. Selbstverständlich wird es immer die Stimmen von Ethnologen geben, die auf einer mimetischen Abbildung der Realität in Filmen insistieren. Filme wie die von Dennis O'Rourke und nicht zuletzt das Konzept des freiburger filmforums zeigen jedoch, daß die Ethnologie in stetigem Wandel begriffen ist und daß sich die Auffassung darüber, was ethnographische bzw. ethnologische Filme sind, in den vergangenen fünfzehn Jahren grundlegend verändert hat.2 Egal welchem Genre seine Filme zuzurechnen sind, immer wieder beweist Dennis O'Rourke, daß seine Filme entsprechend der 'teilnehmenden Beobachtung' sensibel zwischen Distanz und Nähe von Filmemacher, Gefilmten und/oder Publikum oszillieren. Zugleich zeugen sie von emotionaler Teilnahme des Filmemachers an den Schicksalen der Protagonisten und lassen so die Zuschauer auch am vorfilmischen Geschehen, das heißt an der dargestellten fremden Umgebung, teilhaben. Für seinen ersten Film Yumi Yet (1976) beispielsweise hatte er von der australischen Kolonialregierung den Auftrag, die Unabhängigkeitsfeiern in Papua Neuguinea zu dokumentieren. Im Unterschied zu den Vorstellungen seiner Auftraggeber erzählte er aber die Geschichte aus der Perspektive der Einheimischen, was ihn seinen Job kostete. Das persönliche Engagement drückt sich auch in der Filmsprache aus. Anstatt seine Anwesenheit als Abwesenheit zu konstruieren und so eine vermeintlich objektive Wirklichkeit zu präsentieren, bindet er sich immer auch selbst in die vorfilmischen Geschehnisse ein. So auch bei einem seiner umstrittensten Filme The good woman of Bangkok aus dem Jahre 1992. Anhand des Schicksals von Aoi führt der Film die Zuschauer in die Welt der Prostitution in Thailand. Kurz nach seiner eigenen Scheidung hat sich O'Rourke dorthin begeben, um, wie er im Vorspann mitteilt, dem Geheimnis der Liebe auf den Grund zu gehen. Er lernt Aoi kennen, verliebt sich und macht in den folgenden neun Monaten einen Film über sie und ihre gemeinsame Beziehung. Beinahe ausschließlich in Nahaufnahmen erzählt Aoi über ihr Leben, ihre Arbeit und ihre Beziehung zu Männern. Immer wieder kontrastiert O'Rourke diese Szenen mit Sequenzen aus den Animierlokalen Bangkoks und mit Interviewfetzen von Freiern aus aller Welt, die mit ihren sexuellen Abenteuern prahlen. Dies und die direkte Addressierungsweise des Films führen die Unmenschlichkeit der Ausbeutungssituation, in der sich die Prostituierten befinden, unmittelbar vor Augen. Abgesehen von aller Kritik am Produktionskontext und von dem insbesondere von feministischer Seite erhobenen Vorwurf, dem Film würde es an einer Analyse der Situation der Frauen ermangeln, liegt die Stärke des Films darin begründet, daß es dem Filmemacher einzig durch die persönlichen Stellungnahmen Aois gelingt, seinen Blick zur Perspektive der Zuschauer zu machen. Dadurch wird ihnen ihr eigener Voyeurismus unmittelbar bewußt gemacht. Insgesamt hat das vielfältige Programm des freiburger filmforums auch dieses Jahr gezeigt, daß ethnologische Filme mehr sind als nur akademische Filme, die unterlegt durch einen wissenschaftlichen, autoritativen Voice-Of-God-Kommentar beispielsweise die Yatmül in Papua Neuguinea beim Bau eines Männerhauses oder der Durchführung eines Initiationsrituals filmen. Gleichgültig, ob es Filme von einheimischen oder auswärtigen Filmemachern sind, immer unternehmen sie den Versuch, die Binnenperspektive der Gefilmten einzunehmen und, wenn es sich um auswärtige Filmemacher handelt, den Einfluß eurozentristischer Weltbilder zu minimieren. Es sind Filme, die interessante Eindrücke aus fremden (Sub-)Kulturen vermitteln und versuchen, die Geschichten der Betroffenen mit deren eigenen Stimmen zu erzählen. Anmerkungen: 1 Siehe auch den nachfolgenden Beitrag von Dennis O'Rourke 2 Zum ethnographischen Film siehe Volker Kull, Die Stimme der 'Anderen' - Anmerkungen zum ethnographischen Film, in iz3w 224, Oktober 1997, S. 40-42 Volker Kull ist Ethnologe. Er beschäftigt sich u.a. mit ethnographischem Dokumentarfilm und mit lateinamerikanischem und schwarzafrikanischem Kino.