Volltext

(Artikel * 1998) Sundaram, Ravi
Indischer Cyberspace Über "realen" und "virtuellen" Nationalismus
in Blätter des iz3w Nr. 228 * Seite 26 - 29
Themen: Informationstechnologien; Medien; Nationalismus * Indien * Dok-Nr: 75634
Standorte: A3W Osnabrück; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; 3WF Hannover; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Medienwelten

Indischer Cyberspace
Über »realen« und »virtuellen« Nationalismus

von Ravi Sundaram


In Indien hat die virtuelle Netzwelt den Nationalismus der Landkarten und Staudämme abgelöst. Auch die sozialen Bewegungen sind mittlerweile in die Technokultur eingestiegen.

Aus der Perspektive eines Landes, das fest in der Peripherie des Spätkapitalismus verortet ist, läßt sich feststellen, daß die alten modernistischen Ideologien des ausgehenden 19. Jahrhunderts in einer tiefen Krise stecken. Die großen Glücksversprechen von Nationalismus und Marxismus haben sich im südlichen Teil Asiens nicht erfüllt. Das wird auch den Bewohnern der Dritten Welt klar, die in den Ruinen der zerfallenden Artefakte des Nationalismus noch nach ihrer Identität suchen. Die moderne Staatsmacht, die sich auf feste Grenzen und das Konzept der Souveränität stützte, zerfällt; im Westen selbst lösen sich die klassischen Vorstellungen von Subjektivität, Repräsentation und Freiheit auf und werden in ihren Teilen nie wieder ganz zusammenfinden.
Die Dynamiken des indischen Eintritts in die elektronische Welt ergeben sich vor dem Hintergrund dieser Krise der westlichen Moderne und ihres Produkts, des Territorialstaats, der auf dem Konzept von Souveränität gründet. Gerade durch das Verblassen der Bilder und Ikonen des »Westens« wird Cyberspace für viele NutzerInnen aus der Dritten Welt attraktiv, denn im virtuellen Raum leuchtet er nun heller denn je. Diese gegenläufige Entwicklung zeitigt eine neue Form des Reisens der Drittwelt-Eliten gen virtuellen Westen.
In diesem Zusammenhang scheint mir die bisherige Kritik am Cyberspace, sowohl aus der Dritten Welt als auch von klassisch marxistischen Positionen, zu kurz zu greifen. Erstgenannte spricht immer nur von der »Musealisierung« der Dritten Welt im Netz, letztere von der Übermacht des multinationalen Kapitals in der politischen Ökonomie der Daten-Highways. Natürlich stimmt beides, und das Verhältnis zu einem imaginären Westen bestimmt sicher die Cyberpraktiken in Indien, aber damit läßt sich die Rolle nicht erklären, die der virtuelle Raum in lokalen und regionalen Versuchen spielt, nationale Identitäten umzumodellieren oder herzustellen.
Für ein Modell der Cyber-Praktiken in Indien muß zunächst die Tatsache berücksichtigt werden, daß Indien an der Peripherie der kapitalistischen Weltwirtschaft liegt, ein nur gering ausgebautes Telefonnetz und eine schlechte Stromversorgung hat. Zum zweiten hat Indien keine »Cyberpunk-Tradition«, und es gibt keine eigene Science-Fiction-Kultur. Künstler und kulturelle Gruppen standen der Technik immer sehr ambivalent gegenüber, (künstlerische) Darstellungen von Wissenschaft und Technik wurden in der Geschichte Indiens vom Staat gefördert und trugen Züge des sozialistischen Realismus.
Dennoch gibt es in Indien heute immer mehr Leute, die an die elektronischen Netzwerke angeschlossen sind. Für ein Dritte-Welt-Land mit enormen sozialen Ungleichheiten ist das ganz erstaunlich. Erstaunlich ist auch, daß »Cyberspace« im öffentlichen Diskurs eine große Rolle spielt und Gegenstand vieler Berichte und Spekulationen in den Massenmedien ist. 1995 gab es in Indien 120.000 NetzbenutzerInnen. Das größte satellitengestützte Netz Indiens ist NICNET ? das Netz des nationalen Zentrums für Information. Es verbindet alle regionalen und nationalen Zentren miteinander, verfügt über enorme Datenbanken im sozialwissenschaftlichen, medizinischen sowie juristischen Bereich und bedient alle staatlichen Forschungsinstitute im Lande. NICNET vernetzt alle per E-Mail und verschafft ihnen Zugang zum Internet. ERNET (Educational and Research Communications Network), nach NICNET das zweitgrößte staatliche Netzwerk, will in Kürze weitere 8.000 Colleges vernetzen, zusätzlich zu den bereits 6.000 vernetzten Institutionen. Der Vernetzungsmarkt boomt, aber an einer adäquaten Infrastruktur mangelt es noch. Das Netz wird zu überwiegenden Teilen von staatlichen Einrichtungen, Forschungszentren und öffentlichen Insitutionen genutzt. Die meisten Nutzer sind männlich, aus der Mittelschicht und den oberen Kasten. Viele arbeiten an den Universitäten. Es ist aber davon auszugehen, daß mit der Liberalisierung des Telekommunikationsgesetzes die Zahl der privaten Anbieter und Nutzer erheblich zunehmen wird.
Man kann eine grobe Dreiteilung der Netzöffentlichkeiten vornehmen: den Nationalstaat, die transnationalen Eliten und schließlich die Leute in Nischen zwischen Staat und Markt, die sich zu Bulletin Boards und Aktionsgruppen im Netz zusammenschließen. Ich will im folgenden eine Skizze dieser sich formierenden Communities wagen.


I. CYBER-NATION

Im 20.Jahrhundert hatten alle Bewegungen ihre spezifische Ikonographie, auch der Nehrusche Nationalismus. Im Gegensatz zu Gandhis Beschwörung des »Dorfes« bevorzugte Nehrus Nationalismus den Staudamm. Er galt als »Tempel der Moderne« und stand für die Unterwerfung der Natur durch die säkulare Macht. Sein Traum war die Bändigung und Kontrolle von Energie. In Wochenschauen und in der Presse wurden die Menschen aufgefordert, Bhakra Nangal, das erste Staudammprojekt nach der Unabhängigkeit, zu besuchen ? damals noch prä-virtuell. Der Staudamm (und andere strom- und stahlproduzierende Stätten) standen nach der Unabhängigkeit für »industrielles Wachstum« und Produktivität als Zeichen für Patriotismus und nationale Entwicklungen.
Rajiv Gandhi (Nehrus Enkel) versuchte Mitte der achtziger Jahre in diese nationalistischen Konzepte eine Art zeitliche Beschleunigung hineinzubringen. Die Überwindung von Raum durch Zeit sollte vorangetrieben werden. Die alten nationalistischen Strategien behinderten Eigeninitiative und Wachstum, und daher sollte der »nationale« Raum durch Globalisierung evakuiert werden. Ende der 80er, Anfang der 90er wurde dieser Prozeß durch den Druck von IWF und Weltbank verstärkt. Die alten Import-Substitutions-Politiken wurden abgeschafft und die Kontrolle der heimischen Industrie und der transnationalen Konzerne gelockert (vgl. iz3w Nr. 223/24).
Das Resultat war eine einschneidende Umstrukturierung der alten nationalistischen Bilder und Ikonographien bis zur Unkenntlichkeit. »Entwicklung« blieb ein zentrales Anliegen, wurde aber als »Kommunikationsproblem« neu definiert. Der Weg in die Zukunft sollte durch Computerisierung, Vernetzung und das neue visuelle Regime des staatlichen Fernsehens gebahnt werden. Schnell wurde der Computer zur Ikone, um die herum alle staatlichen und marktwirtschaftlichen Repräsentationen kreisten. Die Auswirkungen auf den nationalistischen Diskurs innerhalb Indiens waren durchschlagend. Der staatliche Diskurs postulierte ab 1984 einen »virtuellen« Raum, in dem die Entwicklung des Landes vorangetrieben werden sollte. In öffentlichen Vorträgen, Fernsehsendungen und Pressekampagnen wurde dieser neue Raum simuliert. Das »Nationale« wurde zwar erneut beschworen und bestärkt ? allerdings durch einen Diskurs, der die im alten visuellen Regime so zentralen Begriffe von Grenze und Souveränität erheblich differenzierte. An die Stelle der Landkarte als Symbol des Nationalstaates trat das Netz. »Entwicklung« wurde als ein Problem von Geschwindigkeit und Information neu definiert.
Mitte der 80er Jahre trieb der Staat auch die Entwicklung eines nationalen Netzwerks voran, das alle größeren Zentren und Hauptstädte verbinden und riesige Mengen von Daten verarbeiten sollte. Das NICNET sollte nicht einfach mehr Computer in die Verwaltung bringen, sondern neue Machttechnologien schaffen. Das NICNET-Experiment veränderte das alte modernistische Raster Nehrus, das noch ganz im Zeichen realer Repräsentation stand, in dem Identität auf sicheren nationalen Grenzen beruhte und die »Wirtschaft« für nationale Erneuerung und Fortschritt stand. Dieses Modell wurde nun unter Beibehaltung der alten Bilder und Metaphern (Nation, Entwicklung) negiert. Dabei simulierte NICNET das frühere Panoptikum: Jeder Distrikt sollte fortan an seine Hauptstadt angeschlossen sein, diese wiederum wurde an das nationale Zentrum angekoppelt. Diese neue Panoptikumstechnik entfaltete ihre Wirkung durch das Versprechen eines neuen Raums, der die durch interne Auseinandersetzungen und globale Vereinnahmung gefährdete Einheit der Nation gewährleisten sollte.

Die Reise als rhetorische Figur
In einer peripheren Gesellschaft wie Indien hat die Cyber-Ära die Idee der »Reise« radikal verändert. In vorkolonialen Zeiten waren Reisen ? besonders ins südliche Asien ? die Grundlage des Wissens von anderen Kulturen. Die große Gemeinschaft der Reisenden war durch Mündlichkeit geprägt und setzte einen längeren, direkten Kontakt zu anderen Gemeinschaften voraus. Diese Reisen kannten keine Grenzen, der Reisende wurde höchstens durch seine eigene physische Verfaßtheit aufgehalten. Zeit hatte andere Dimensionen: Es gab keine Vorgaben, wann der Reisende nach Hause zurückkehren mußte. Manche kamen erst nach vielen Jahren wieder.
Paradoxerweise erfand Gandhi die nationale Reise, denn er benutzte die Eisenbahn, von der er selbst behauptete, sie habe den vorkolonialen Reichtum der Reisegeschichten und Reiseerfahrungen zerstört. Die Kombination der beiden Techniken, die darin bestand, eine Pilgerreise zu Fuß und mit der Bahn zu machen, sollte für Erinnerung und Auslöschung zugleich stehen. Um seine Ambivalenzen diesem industriell-kapitalistischen Transportmittel gegenüber abzuschwächen, wählte Gandhi allerdings in der Bahn einen besonderen Bereich aus. Er reiste nur in Abteilen der dritten Klasse und simulierte damit einen Raum für all jene, die mit der Demut des vor-modernen Pilgers doch die Bahn benutzen wollten. Gandhi verwendete so die Figur der Reise, um den nationalen Raum politisch zu situieren. Seine Reise war eine öffentliche Form der Repräsentation, die helfen sollte, die imaginäre nationale Gemeinschaft zusammenzuführen.
Während der staatlich definierte, gesellschaftliche Raum des »Nationalen« in den 70er Jahren seine volle Ausprägung fand, wurde die Figur der Reise in der populären Filmkultur bereits seit den 50er Jahren bearbeitet. Im Kino entstanden damals ganze Reihen von Filmen, in denen der Hauptteil der Geschichte im Westen spielte, aber die Protagonisten immer aus Indien stammten. Die Geographie des Westens wurde in einer simulierten Reise für all die Millionen sichtbar, die nie eine Möglichkeit hatten, wirklich zu reisen. Die nationale Reise wird nun von den Implikationen des Reisens durch den virtuellen Raum ausgelöscht.
Die neue Erfahrung im Cyberspace ermöglicht dem Bürger, anzukommen ohne abzureisen und bricht so mit den alten realen Grenzen des Reisebildes. Zum ersten Mal in der Geschichte des visuellen Regimes des Westens gelingt es der Dritten Welt, sich Zugang zu bisher verschlossenen Räumen zu verschaffen. Dennoch ist auch diese Reise in neuen Netzen der Macht verfangen. Indem sie das Subjekt vom Ort der Nationund der Peripherie befreit, trennt sie es auch gleichzeitig von seiner politischen Umgebung. Innerhalb der Netzlandschaften will die virtuelle Reise eine neue Gemeinschaft ? eine Landsmannschaft des Post-Nationalismus ? gründen. Die alte nationalistische Landschaft unterliegt dabei einem doppelten Wandlungsprozeß. Zum einen kommt es zu einer De-Territorialisierung des alten nationalen, durch Grenzen definierten Raums. Zum anderen aber vollzieht sich gleichzeitig eine Art transnationale Neu-Territorialisierung, im Verlauf derer sich Indien im virtuellen Raum durch die Masse der nicht in Indien lebenden Inder neu erfindet.
Diese Bewegung wird von staatlicher Seite stark unterstützt und kulminiert in der Erfindung einer neuen Kategorie innerhalb des öffentlichen und politischen Diskurses: der Figur des indischen Staatsbürgers in der Diaspora oder NRI (Non-resident Indian). Diese dient dazu, die alte, auf geographischen Grenzen angewiesene Kartographie des Nationalismus neu zu zeichnen. Mit der Einführung des NRI aber wurden die Grenzen weit über die nationale Souveränität bis in die Diaspora erweitert. In den alten nationalistischen Vorstellungen verließen die Menschen ihre heimische Nation nur, um eines Tages wieder zurückzukehren. In Wirklichkeit ist dies allerdings kaum geschehen.


II. NEUE ELITEN
UND DIE DIASPORA

Was bedeutet die rasche Ausbreitung des virtuellen Raums für den öffentlichen Diskurs? Der Begriff »Cyberspace« ist im Kontext der Globalisierung und des Wegfalls der alten nationalistischen Rahmung vielseitig. Er steht für eine Menge unterschiedlicher Diskurse und Praxisformen, die zusammen eine neue virtuelle (politische) Landschaft ergeben. Zunächst scheinen die Web-Diskurse alte nationalistische Figuren zu reproduzieren. Die meisten kommerziellen Anbieter werben damit, indischem Kapital ein Fenster zur Welt zu öffnen. Wer als indische Firma im Netz ist, trägt dazu bei, die nationale Entwicklung voranzutreiben. Die Botschaft ist klar: Um ihre nationale Gesinnung unter Beweis zu stellen, müssen die indischen Kapitalisten alle räumlichen Grenzen überschreiten und in den virtuellen Raum eintreten. Denn hier ist der Ort, an dem sie die Wirklichkeit ihres Daseins am Rande hinter sich lassen können.
Die massive Bewegung hinein in den virtuellen Raum hängt zusammen mit dem Rückzug der alten, anglizierten Eliten der oberen Kasten von der politischen Bühne und mit ihrer Verdrängung durch neue Bewegungen aus den unteren Kasten seit Mitte der 80er Jahre. Der alten Elite sind die Gewißheiten der nationstiftenden Reise abhanden gekommen. Der Staat ist nicht länger das »sichere« Königreich ihrer kulturellen Vormachtstellung und bietet auch keine identifikatorischen Sicherheiten mehr. Die oberen Kasten haben sich in postmoderne Vorortsvillen nach amerikanischem Vorbild zurückgezogen und lassen sich von privaten Sicherheitsfirmen bewachen.
Was also wurde aus der nationalistischen Reise? Ich behaupte, sie ist durch den Eintritt ins virtuelle Reich hinfällig geworden. An ihre Stelle treten neue Praktiken, die einerseits die tatsächlichen nationalen Grenzen überschreiten, andererseits aber neue »nationalistische« elektronische Gemeinschaften bilden, wie etwa die imaginäre »Hindu-Nation«. Die zweite Form von Cyber-Öffentlichkeit ist demnach gekennzeichnet durch die Propagierung eines nationale Grenzen überschreitenden Raumkonzeptes und durch das Bestreben, einen hinduistischen Nationalismus in den virtuellen Raum einzuschreiben.
Im Zentrum dieser Repräsentation der Nation stehen die neuen Technologien. An die Stelle von »Dörfern« und »Staudämmen« treten die virtuellen Landschaften der 90er Jahre, die sich aus ineinandergreifenden Versuchen entwickeln, neue Erzählweisen von Konsum und Begehren zu etablieren. Diese Erzählungen und Praxisformen stehen in enger Verbindung mit dem rasanten Aufstieg von Fernsehen, Video, Musik und einer der größten Filmindustrien der Welt. Dieser neue kulturelle Bereich wird durchzogen von unterschiedlichen nationalen, regionalen und globalen Strömungen, die ein neues Subjekt produzieren: das Konsumenten-Subjekt.

Neue Geographie des Begehrens
Im Schwellenbereich dieser sich mehrfach überschneidenden Praxisformen und Strömungen besetzt die neue Elite einen Raum, der dazu dient, sich von der Nation, ihren Grenzen und der politischen Öffentlichkeit zu befreien. Die neuen Repräsentationsweisen, die sich durch hybride Sprachformen, Stile und fließende Bilder der An- und Abwesenheit auszeichnen, sind Teil eines flüchtigen Raums, in dem es die Nation zwar noch gibt, diese jedoch vollständig disloziert ist. Hier bietet das Netz die Möglichkeit, mit phantasierten Identitäten zu spielen, die sich aus dieser Auflösung ergeben. Die Reise in den virtuellen Raum ist eine Reise über die Grenzen der Nation hinaus.
Sich von der Dritten Welt aus einzuloggen, bedeutet zugleich die Rekonstruktion und Simulation des »Westens« als simultane Gegenwart. Die neuen Eliten Indiens erkunden den virtuellen Raum auf der Suche nach dem »Schock des Neuen«, der von Walter Benjamin als das Markenzeichen der Moderne bezeichnet wurde. Der Netz-Reisende in Indien will sich von den Massen in der Wirklichkeit draußen absetzen, sich von ihnen lösen, will sich wie »im Westen« fühlen. Diese Erfahrung, die durch die Revolution des Fernsehens (mit den Bildern des Westens) bereits seit Jahren möglich ist, wird somit um ein Vielfaches verstärkt.
Die neuen Geographien des Begehrens werden plötzlich ausschließlich vom Westen gezeichnet. Das unterscheidet die indischen von den westlichen Reiseerlebnissen. James Clifford hat darauf verwiesen, daß im Westen die »alte Topographie von Reise und Erfahrung gesprengt wurde. Man kann sich nicht mehr sicher sein, in der Ferne Neues zu finden, andere Zeiten oder Orte. Das Andere befindet sich heute gleich um die Ecke, und an den entlegensten Orten der Welt stößt man auf Altbekanntes.« Anders der Inder, der in virtuellen Pilgerreisen den mythischen Ort der Moderne sucht, an dem das Neue vom Territorium losgelöst ist.
Im Cyberspace emanzipieren sich zum einen die Eliten von alten nationalistischen Rastern. Zum anderen entsteht durch die indische Diaspora, die von nationalistischen Hindugruppen und ihren Sympathisanten dominiert wird, im Netz eine neue Gleichsetzung von hinduistischer Identität mit »Indien«. Im »Indien« der Web-Sites wird »Hindu-Sein« zum Artefakt und ein eigentlich aushandelbarer Prozeß zu einer Verdinglichung. Die Web-Sites stehen für einen homogenen ideellen Ort mit starren kulturellen Grenzen, wobei »Indien« als virtuelles Museum funktioniert für all jene, die im hinduistischen Nationalismus die Erfüllung des bislang unerfüllten Traums staatlicher Vernunft sehen: eine Welt ohne Ambivalenzen. Das im Cyberspace neugeschaffene Indien nimmt den ausgewanderten Indern letztlich den Druck zurückzukehren. Die Reise ist nun hygienisch verpackt, bar aller Spannungen und ohne den Schock und die Klagen über Armut am Rande der Welt, ohne verwirrende Gefühle und kulturelle Selbstzweifel.


III. DISSIDENTEN

Die dritte Form der Cyber-Öffentlichkeit ist die am wenigsten eindeutige. Sie existiert im ungewissen Raum zwischen den Netz-Domänen des Staates und denen der Eliten und besteht aus einer Vielzahl von Leuten, die sich weder zum Staat noch zum transnationalen Marktsektor zählen. Die Landkarte dieser Cyber-Öffentlichkeit zeigt permanent im Fluß befindliche Zonen von Aktivisten-Netzwerken, von kleinen Mailboxen und dissidenten Wissenschaftlern. Sie ziehen sich manchmal durch das staatliche Netzwerk, manchmal verlängern sie sich spielerisch in den privilegierten Web-Bereich des privaten oder multinationalen Kapitals. Weniger hybrid denn experimentell, beschreibt diese Öffentlichkeit die Möglichkeiten einer radikalen Rekonstruktion des elektronischen Raums.
Die Bulletin Board Systems (BBS) oder Mailboxen spielen bei der Überwindung der Dichotomie von Staat und Markt im elektronischen Raum eine entscheidende Rolle. Bis vor kurzem gab es nur ein paar verstreute Gruppen, aber nun schießen sie überall wie Pilze aus dem Boden. Angeführt von Händlern, Kleinunternehmern und Computer- und Kommunikationswissenschaftlern bedienen die Boards den Teil der Bevölkerung, der sich weder im World Wide Web noch in den staatlichen Netzen tummeln kann (teils aus Kostengründen, teils, weil sie ihnen nicht genügend kreativen Raum bieten). Anfänglich drehten sich die Diskussionen dort hauptsächlich um den Computerhandel und spiegelten damit die unmittelbaren Interessen der Nutzer wider. Neuerdings aber sind die Debatten breiter gestreut und drehen sich auch um Politik oder Sexualität.
Auch wenn es in Indien noch lange dauern wird, bis eine Mehrheit der Menschen Zugang zum Netz hat, sind die BBS meines Erachtens ungemein wichtig: Zwischen der staatlichen Kontrolle und den großen Kapitalmächten ermöglichen sie eine interne Einflußnahme auf die Diskurse im Netz. Für den Teil der Stadtbevölkerung, der sich durch Globalisierung entwurzelt fühlt und die schock-ähnlichen Erfahrungen in der Großstadt erlebt hat, schaffen die BBS eine Netz-Zone des gesellschaftlichen Engagements und neue Handlungsspielräume. Allerdings ist hier Vorsicht geboten. Die Neuheit des Phänomens BBS und ihr undergroundiger Status bieten zwar ein Feld für Experimente, aber der Prozeß kommt erst langsam in Gang. Weibliche Stimmen erscheinen erst allmählich im Spektrum der BBS. Die Strategien der Selbstdarstellung bleiben in weiten Teilen realistischen Formen verhaftet. Der historisch durch den Nationalismus eingebleute Hang zu umfassender Wirklichkeitstreue und zu wissenschaftlichem Vorgehen prägt noch heute alle Populärkultur. Die meisten bleiben beim Eintritt in die Technokultur diesen Vorgaben treu. Allerdings werden die Erfahrungen mit der Ausbreitung der Netzseiten zunehmen, ebenso der damit verbundene Einfallsreichtum und die techno-sozialen Praxisformen.

Die Lust an Initiationsriten
Die neuen sozialen Bewegungen, die Ende der 70er Jahre entstanden, hatten die staatlich »verordneten« technologischen und fortschrittsgebundenen Bilder des Nationalismus kritisiert. Die Bewegungen (der Frauen, der Unberührbaren, Anti-Staudamm-Gruppen usw.) brachten jedoch keine gemeinsamen Alternativen hervor. Als sich dann in den 80er Jahren der Computer als neo-modernistische Variante des Staudamms etablierte, wurde diese Technologie zunächst sowohl von den neuen sozialen Bewegungen als auch von den alten Linken abgelehnt. Sie machten sich lustig über den »Nutzen«, den Computer in einer peripheren Gesellschaft wie Indien haben sollten. In ihrer Kritik spiegelten sich allgemeine Zweifel am Fortschrittsbegriff. Daß der Computer mit der alten Entwicklungs-Rhetorik eingeführt wurde, machte ihn umso verdächtiger.
Heute jedoch werden Computer von den Bewegungen nicht nur als Hilfsmittel akzeptiert, sondern auch für die kreativen Möglichkeiten des Networking genutzt. Natürlich sind bislang nur sehr wenig Leute ans Netz angeschlossen: Sie kommen meist aus den Großstädten und sind entweder recht wohlhabend oder werden durch global operierende Bewegungen unterstützt. Bemerkenswert ist dennoch, wie groß die Akzeptanz des neuen Mediums quer durch alle dissidenten Bereiche ist, die den Technologiemonumenten des Nationalismus so kritisch gegenüberstehen.

Zur Erklärung dieser umfassenden Akzeptanz spielen neben der einfachen Notwendigkeit auch Fragen von Begehren und Identität eine wesentliche Rolle. Die alten Staudämme und Stahlwerke repräsentierten als gigantische Symbole den nationalistischen Machtwillen und führten zu Vertreibung, Entwurzelung und Zerstörung der alten Dorfverbände. Als gewalttätige Symbole stehen diese »Stätten« für die großen sozialen Bewegungen noch immer im Brennpunkt der Auseinandersetzungen. Die virtuelle Welt aber, die »hinter« dem Computer steckt, ist frei von der körperlichen Gewalt, die mit dem Entwicklungsmodernismus verbunden wird. Ich denke, daß der virtuelle Raum vielen AktivistInnen erstmals die Möglichkeit bietet, lustvoll mit den Dingen umzugehen, ohne die tatsächliche Gewalt der Entwicklungstechnologien der Moderne spüren zu müssen. E-Mail, Internet und Bulletin Boards schaffen neue Zwischenräume, in denen die Utopien der Modernität, die Möglichkeit eines Ausprobierens sich ohne drohende Zerstörung mit der Lust an den Initiationsriten der Technokultur überschneiden.

Aus dem Englischen übersetzt von Bettina Seifried. Der von der Redaktion gekürzte und bearbeitete Text ist zuerst erschienen in: nettime (Hg.), Netzkritik, id-Archiv 1997.