Volltext

(Artikel * 1999) Später, Jörg u.a.:
SCHWERPUNKTTHEMA: JAHRHUNDERT DER LAGER? - DIE MODERNE UND IHRE GEWALT
in Blätter des iz3w Nr. * Seite 21 - 34
Themen: Flüchtlinge; Gewalt; Krieg; Minderheit; Wohnen * BRD; China; Europa * Flüchtlingslager; Nationalsozialismus; Sprache; Konflikte; Totalitarismus; Krisen/konflikte; Repressionen * Dok-Nr: 65331
Standorte: A3W Osnabrück; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; VNB Barnstorf; 3WF Hannover; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Jahrhundert der Lager?

Editorial

Als das ´Jahrhundert der Lager´ charakterisiert der Soziologe Zygmunt Baumann unser 20. Jahrhundert. Vor allem hat er dabei die totalitären Regime mit den Millionen Opfern in ihren Vernichtungs-, Arbeits- und Erziehungslagern im Blick. Diese sind ihm jedoch nicht Synonym für menschliche Abwege in der Geschichte, sondern stellen sich als die Kehrseite der Moderne mit ihren Attributen von Kontrolle und Disziplinierung des Menschen dar. So setze sich die totale Herrschaft des Menschen über den Menschen fort, wie sie in der Existenz von Lagern ihren extremsten Ausdruck fand (und findet).
Damit ist auf die Kontinuität von Elementen der kalten Seite einer Moderne hingewiesen, die das Individuum der Ökonomie, dem Kollektiv, der Funktionalität unterordnet. Der moderne Staat richtet »seine« Nation mittels Abgrenzung, Diskriminierung, Degradierung bis hin zur Vernichtung von »anderen« zu. Nichts anderes sprach vor kurzem Günther Grass an, als er Abschiebelager und Abschiebung von Flüchtlingen eine Fortsetzung von ethnischer Säuberung nannte. Das setzt nicht Massenmord und Abschiebung gleich. Es deutet aber Parallelen an, denn auch in Sammel- und Abschiebelagern werden die Überflüssigen, die Unerwünschten, die Unzugehörigen versammelt und entrechtet, um sie so schnell wie möglich aus der »Gemeinschaft der Gleichen« rauszuwerfen.
Trotz dieser Elemente von Kontinuität ist unser Themenblock weitgehend historisch. Zum einen fragten wir uns, ob mit den totalitären Regimen auch die Zeit von Lagern,
in denen Menschen in Massen zusammengebracht, der Vernichtung, dem Verhungern und/oder der Umerziehung ausgeliefert werden, zu Ende geht. Lager, in denen Recht und Leben des einzelnen nichts gilt, gibt es zwar weiterhin etwa in China, in Nord-Korea, in Birma oder seit Kriegsausbruch in Äthiopien für Menschen eritreischer Abstammung. Andernorts jedoch, wie in manchen Staaten Lateinamerikas, scheint die direkte Repression anderen »zivileren« Herrschaftsinstrumenten gewichen zu sein.
Zum anderen ist es nicht unser Ziel, einen allgemeingültigen, überhistorischen Begriff des Lagers zu entwickeln, dessen Bandbreite im allgemeinen Sprachgebrauch von
Ruanda oder Kosovo bis nach Auschwitz reicht. Im Gegenteil wird erst im vergleichenden Nebeneinander die Unmöglichkeit
einer Gleichsetzung deutlich. Vor diesem Hintergrund halten wir Baumanns These von der Kontinuität der modernen Disziplinierung
des Menschen in modernisierten Formen
für diskussionswürdig.
die redaktion

Jahrhundert der Lager?

Über Stärken und Schwächen eines Begriffs

»Es ist geschehen, und folglich
kann es wieder geschehen. Es kann
geschehen, überall.« (Primo Levi)

von Jörg Später


Der Schatten von Auschwitz ist der bei weitem längste des sich seinem Ende neigenden Jahrhunderts. Vielleicht kann man sogar mit Zygmunt Bauman behaupten: Während das 17. Jahrhundert als eines der Vernunft, das 18. als eines der Aufklärung und das 19. als eines der Revolution gelten kann, muß das 20. Jahrhundert als das der Lager bezeichnet werden.

Auch am Ende des 20. Jahrhunderts ist »das Lager« noch in aller Munde: Hunderttausende Kosovaren harren in Mazedonien und Albanien einer ungewissen Zukunft, Gerüchte um Kriegsgefangenenlager dienten als Legitimation des Bombenkrieges gegen Jugoslawien. Die BILD-«Zeitung« betitelte einen Artikel zu Beginn des Krieges: »Sie gehen ins KZ«, und der heißgelaufene Scharping ließ keine Gelegenheit aus, Jugoslawien mit dem nationalsozialistischen Deutschland zu vergleichen. Krieg, Flucht, Leid und Verwaltung des Elends ? Europa, oder besser: den Balkan hat das heimgesucht, was in großen Teilen der Erde im Grunde nichts besonderes ist. Beschrieben wird diese Katastrophe mit den Metaphern der Vernichtungspolitik Deutschlands gegen die Juden im Zweiten Weltkrieg. In diesem Propagandakrieg wird die Fragwürdigkeit des Bildes vom »Jahrhundert der Lager« überdeutlich. Und doch hatte der von Zygmunt Bauman in die Diskussion geworfene Begriff ursprünglich eine kritische Intention, richtete er sich doch in erster Linie gegen das selbstgefällige Gerede von der nationalen und weltweiten Zivilgesellschaft. Bauman befürchtet, daß auch nach dem Untergang der totalitären Regime die Neigung zu totalitären Handlungen nicht verschwunden ist.1 Am Ausgangspunkt allen Übels sieht er das große moderne Projekt der letzten menschlichen Ordnung, die eine unmenschliche Ordnung ist. Das Lager sei das Schreckensbild einer transparenten, geordneten, kontrollierten Welt.
Zehn Millionen Menschen weltweit auf der Flucht, seit 1960 wenigstens ein Dutzend Genozide und genozidale Massaker2, ein ständiges Wachstum der Zahl der Gefängnisinsassen in den Industriestaaten, jährlich ein dicker Katalog von amnesty international über Menschenrechtsverletzungen und politische Gefangene ? Bauman vermutet, daß sich noch kein Ende des Jahrhunderts der Lager und des Genozids abzeichnet. Zumal wir heute nicht mehr in einer Zwei-Drittel-sondern in einer Ein-Drittel-Gesellschaft leben, immer mehr Menschen entweder vom Nationalstaat oder vom Markt ausgeschlossen werden, weil sie Fremde bzw. Nicht-Produzenten und Nicht-Konsumenten sind. Dieses Heer der Überflüssigen ist nach Bauman ein Heer der Unordnung und deshalb gefährdet.
Baumans Charakterisierung dieses Jahrhunderts wirft Licht auf das Gewaltpotential unserer modernen Gesellschaften. Betrachten wir deshalb, inwiefern er das Lager ? als Prototyp dieser Gewalt ? mit der Moderne in Verbindung bringt. Anschließend wollen wir uns zwei weiteren Beschreibungen der Lagergesellschaft zuwenden, um die problematischen Aspekte einer Ableitung des Lagers aus angenommenen Funktionsprinzipien der Moderne herauszuarbeiten. Abschließend soll diskutiert werden, inwiefern der Begriff »Jahrhundert der Lager« einer kritischen Theorie moderner Gesellschaften weiterhilft oder entgegensteht.

Eine moderne Einrichtung
Der Topos vom Jahrhundert der Lager behauptet, daß die Katastrophe keine plötzliche Heimsuchung des Mittelalters, keine überraschende Engleisung eines Zuges war, der ansonsten in die richtige Richtung fährt. Er legt vielmehr nahe, daß Zivilisation und Barbarei
miteinander verstrickt sind ? vielleicht unentwirrbar ? und daß die Lager nicht so sehr eine pathologische, sondern eine konzentrierte, bestenfalls extreme Form von leitenden Funktionsprinzipien moderner Gesellschaften sind. Der gegenwärtig radikalste Vertreter dieser These ist Zygmunt Bauman, der das Phänomen des Lagers nicht nur geschichtsphilosophisch, sondern auch von seinen Funktionsprinzipien als moderne Einrichtung einstuft. Grausamkeiten und Massaker habe die Geschichte des homo sapiens immer begleitet, teilt uns Bauman mit, doch das Lager sei zweifelsohne eine moderne Erfindung. ?Modern? meine, daß bestimmte Errungenschaften, die im Denken der Aufklärung noch mit Fortschritt und Emanzipation verknüpft waren, für die Errichtung und das Funktionieren eines Lagersystems unabdingbar seien. Rationalität etwa benötige die Fähigkeit, aus einer Distanz heraus zu handeln und lasse damit Gefühle erkalten. Und dies sei unabdingbar, denn die Effektivität des gesamten Lagersystems sei nur durch kühle Organisation zu garantieren und nicht durch blindwütigen Sadismus. Bauman nennt ein weiteres Beispiel: Technologie schalte die moralischen Zwänge des Handelns aus, indem sie durch Fragmentierung des Handelns den Handelnden vom Ergebnis seiner Handlung trenne. Damit werde ein neuer Weg der Grausamkeit geebnet: nämlich nicht-grausame Menschen zu grausamen Tätern zu trainieren. Wissenschaft schließlich bedeute unter anderem das Streben nach einer künstlerisch und rational gestalteten Ordnung, doch der Traum von einer perfekten Gesellschaft und das »Social-Engineering« bringe nicht selten das Gegenteil hervor. So taugen nach Bauman diejenigen unsere modernen Gesellschaften konstituierenden Elemente, die den Menschen zum Subjekt der Geschichte werden ließen, genauso gut dazu, ihn überflüssig werden zu lassen. Das Lager sei das extremste und ? man will nach Baumans Ausführungen meinen ? logische Ergebnis dieser Entwicklung. Bauman sieht nur Kontinuitäten zur »Normalität« und keine qualitativen Brüche, die die Lagergesellschaft von ihrer Außenwelt abheben.
Bauman hat zur Beschreibung des Funktionierens der Lagergesellschaft viele Beobachtungen Hannah Arendts übernommen. Ihr Zugang zum Phänomen »Lager« ist jedoch im Gegensatz zu Bauman ein historischer. Schon der Titel ihres Buches Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft3 weist auf eine entscheidende Differenz hin. Zwar sieht auch sie die totale Herrschaft, deren Kennzeichen die Lager sind, aus der bürgerlichen Gesellschaft entstehen: Ohne die Zeitalter des Antisemitismus und des Imperialismus hätte es keine totale Herrschaft gegeben. Es handele sich, so Arendt, aber um Ursprünge, nicht um Ursachen. Die von Bauman behauptete Kausalität sieht sie nicht: die Lager haben einen historischen Ort und können nach dem Ende der totalen Herrschaft auch wieder verschwinden. Ebenfalls im Gegensatz zu Bauman charakterisiert sie die Konzentrationslagergesellschaft als »Irrsinnswelt«. Von irgendwelchem Nutzen des Terrors oder ökonomischen Interessen könne nicht gespro- chen werden, die Lager seien um ihrer selbst Willen da. Arendt verweist darauf, daß das entscheidende Merkmal der Opfer ihre Unschuld ist. Gerade die Vernichtungslager waren bestimmt für Juden oder Zigeuner »überhaupt« und dienten nicht als Abschreckungs- oder Strafmaßnahmen für eine potentiell renitente Bevölkerung. Während sie das Lager selbst also als unzweckmäßig einstuft, bestimmt sie den Prozeß seiner Zurichtung und Präparierung für einen herrschaftsrationalen Blickwinkel als einsichtig und zweckvoll: Heimatlose, Staatenlose, Rechtlose, wirtschaftlich Überflüssige, sozial Unerwünschte sollten hier konzentriert werden. Mehr noch: Gerade die Unzweckmäßigkeit des Lagers diene einem höheren Zweck, nämlich dem totaler Herrschaft. Sie seien Laboratorien der totalen Bemächtigung des Menschen, das Gesellschaftsideal für die totale Herrschaft. Die Erniedrigung, Verdinglichung und die schließliche Ausrottung von Menschen verkündeten die Botschaft, daß Menschen überflüssig seien.

Laboratorien totaler Herrschaft
Die Dynamik totalitärer Gesellschaften sieht Hannah Arendt in Ideologien, die behaupten, den Schlüssel zur Geschichte oder die Lösung aller Rätsel gefunden zu haben. Sobald ihr Anspruch auf absolute und totale Geltung ernst genommen werde, entwickelten sie sich zu logischen Systemen, in denen nun jegliches zwangsläufig folgt, weil eine erste Prämisse axiomatisch angenommen sei. Die Verrücktheit liege dabei nicht so sehr in der Prämisse, sondern im Motor des zwangsläufigen Folgerns. Das heißt, nicht Profit, nicht Macht, nicht Herrschaft mit dem Ziel der gesellschaftlichen Neuordnung, sondern der Beweis, daß die Ideologie Recht behalten habe, ist nach Arendt der letzte Grund des Lagers wie totalitärer Herrschaft überhaupt. Es gehe unter totalitärer Herrschaft nicht mehr nur noch darum, die Verhältnisse in radikaler Weise neu zu ordnen, sondern die menschliche Natur selbst zu transformieren. Die Entmenschlichung der Lager-Insassen interpretiert sie als einen Angriff auf das letzte Refugium jeglicher Freiheit, die menschliche Spontaneität.
In beiden angerissenen Denkfiguren ist das Lager nicht einfach von der »normalen« Gesellschaft und ihren Entwicklungstendenzen zu trennen, ob diese nun als kapitalistisch, modern oder totalitär benannt wird. Während Bauman die konsequente Fortführung der wesentlichen Momente moderner Gesellschaften in die Lager behauptet, glaubt Hannah Arendt zwar an Zufälligkeiten und Brüche der Geschichte, aber auch sie sieht das Zeitalter totalitärer Herrschaft in Verbindung zur bürgerlichen Gesellschaft. Wenn im folgenden auf einige blinde Flecken dieser gesellschaftlichen oder zivilisationsgeschichtlichen Einordnungen der Lager hingewiesen wird, soll nicht die Grundeinsicht in die Verstricktheit von Zivilisation und Barbarei, Produktivität und Destruktivität, Rationalität und Irrationalität in Frage gestellt, sondern eine Tiefenschärfe eingefordert werden, die das Schlagwort vom »Jahrhundert der Lager« zwangsläufig vermissen läßt.
Hannah Arendts zentraler Begriff, unter dem sie Entstehung und Funktionsweise der Lager subsumiert, ist der der totalitären Herrschaft. Es waren für sie die Konzentrationslager, welche die totalitäre Herrschaftsform grundlegend von jeder anderen unterschieden. Die Internierungslager beispielsweise, die es im Ersten Weltkrieg gab, waren Institutionen von ganz anderer Art. Indem sie den Gebrauch des Konzentrationslagers durch das Nazi-Regime und das Stalin-Regime miteinander verglich, zog sie Rückschlüsse über die Ähnlichkeit beider Regimes überhaupt, ja, die Analyse des Lagers ist der Schlüssel zu ihrer Theorie totaler Herrschaft: »Sowohl die Geschichte der Nazis als auch die der Sowjets belegt eindeutig, daß keine totalitäre Regierung ohne Terror auskommen und kein Terror ohne Konzentrationslager effektiv sein kann.«

Zweierlei Lager
Dabei nivelliert sie einen zentralen Unterschied beider Lagersysteme: die Definition, wer ins Lager soll und zu welchem Zweck, also die Funktion des Lagers.4 Der Nationalsozialismus versuchte, den Wahn der Volksgemeinschaft, der ethnisch-rassisch homogenen Gemeinschaft der Deutschen, materiell werden zu lassen. Diese Volksgemeinschaft produzierte den Schädling, dessen Definition in erster Linie über biologisch-rassistische Merkmale erfolgte und der ausgesondert werden mußte. Seine Bestimmung war die Ermordung; auch dort, wo zunächst seine Arbeitskraft ausgebeutet wurde, war dies nur ein Umweg für ein letztendlich anderes Ziel. Das stalinistische System produzierte dagegen den Verräter. Sein Ziel war die Gesellschaft ohne Widersprüche, die Eliminierung der Politik. Jeden konnte der Abtransport ins Lager treffen, die Dynamik des Terrors lag in der Paranoia des Regimes. Zum Zweck des politischen Terrorismus gesellte sich der Versuch, mit gewaltsamen Mitteln durch rücksichtslose Ausbeutung von Zwangsarbeit eine industriell nachholende Entwicklung in beschleunigter Form durchzuführen. Wenn auch die Todeszahlen des GULag die des NS-Lagersystems übertreffen, so war das eigentliche Ziel nicht die Ermordung der Häftlinge, sondern ihre erbarmungslose Ausbeutung ohne Rücksicht auf Verluste sowie die Einschüchterung der gesamten Gesellschaft.5 Hannah Arendts Begriff der totalitären Herrschaft trifft daher bestens auf den Stalinismus zu, und auch für die innere Struktur beider Lagergesellschaften ist er im Sinne des Angriffs auf die menschliche Natur sinnvoll, wenn die Lager auch unterschiedliche Zielsetzungen ? hier Terror und Ausbeutung, dort Vernichtung ? hatten. Für den Nationalsozialismus als Ganzen dürfte er jedoch kaum gelten. Für diejenigen nämlich, die aufgrund ihrer Abstammung der Volksgemeinschaft zugehörten und die nicht beabsichtigten, das Regime zu bekämpfen, stand einem bequemen und sorgenfreien Leben nicht viel entgegen. Kurzum: Während der GULag in einer osmotischen Beziehung zur Sowjet-Gesellschaft stand ? sozusagen eine radikale Zuspitzung des Eigenen war ?, sind die Vernichtungslager die Konsequenz der Volksgemeinschaft ? eine radikale Aussonderung, das Andere des Eigenen. Der Begriff des Totalitären, bezieht er sich auf das Herrschaftssystem, kann diese Differenz nicht fassen.

Übung in Sozialtechnologie
Die historische Unschärfe des Lager-Begriffs zeigt sich bei Zygmunt Bauman noch deutlicher. Das Lager erklärt sich aus einem der Moderne als immanent vorausgesetztem universellem Prinzip: dem Drang nach Ordnung, um Ambivalenz und Chaos zu beseitigen6. Aus diesem Drang entstehen Entwurf, Gestaltung, Verwaltung und Technologie, aber auch immer neuer Abfall, den es wiederum zu beseitigen gilt. Auf der gesellschaftlichen Ebene fällt es dem Staat zu, seine nützlichen Pflanzen zu hegen und das Unkraut zu entfernen. Die Moderne ist nach Bauman das Zeitalter artifizieller gesellschaftspolitischer Entwürfe, das Zeitalter der Planer, Visionäre und Gärtner, das Lager ist in Anlehnung an Arendt ihr Laboratorium. Der Genozid erscheint in diesem Sinne als eine Übung in Sozialtechnologie: »Das typisch moderne Streben nach sozialer Planung und Intervention ging eine mörderische Verbindung mit der typisch modernen Konzentration von Macht, Machtmitteln und Organisationsstrukturen ein.«
Somit hat das Lager keinen spezifischen historischen und politischen Ort. Es ist logischer Kulminationspunkt eines Zivilisationsprozesses, der natürliche, triebbedingte Verhaltensimpulse durch künstliche und flexible Verhaltensformen ersetzt und dem Menschen derart eine Dimension der Unmenschlichkeit und Destruktivität eröffnet hat, die unter der Vorherrschaft natürlicher Triebe undenkbar ist. Da aber die von ihm beschriebenen Essentials der modernen Zivilisation universell sind, bleibt die Frage offen, warum der konsequente Mord an den europäischen Juden den Deutschen vorbehalten blieb und wie Sadismus und Mordlust, die den Lageralltag gleichfalls bestimmt haben, in ein solches Bild einzuordnen sind. Bauman bewegt sich auf einer solch hohen Abstraktionsstufe, daß seine These bestens dafür geeignet ist, die Spezifität der Vernichtungslager in einem »Jahrhundert der Lager«, die deutschen Verbrechen an der Menschheit in einem Zeitalter der Gewalt verschwinden zu lassen. Jean Améry hatte schon Mitte der sechziger Jahre befürchtet, daß es nicht mehr lange dauern werde, bis Auschwitz in ein langes Jahrhundert der Gewalt eingemeindet und eingeebnet werde. Améry, der selbst Lagerinsasse von Auschwitz war, verkörpert den Kontrapunkt zu jeder Denkfigur, die einen Zusammenhang zwischen Aufklärung und Moderne einerseits und dem Schrecken der Lager andererseits annimmt.

Erste Person Singular
Améry wehrt sich mit Vehemenz gegen jegliche Integration seiner persönlichen Erfahrungen in und mit dem Lager Auschwitz in irgendwelche groß angelegten übergeordneten Begriffe wie Moderne, Kapitalismus oder Totalitarismus. Er betont das Krankhafte des Lagers, das nicht im Windschatten der Aufklärung über die Menschheit gekommen sei, sondern dem aufklärerischen Denken und dem Humanismus gegenüber stehe. Améry ärgert sich als Getroffener darüber, daß ausgerechnet Auschwitz herhalten muß, »ein dialektisches Exerzitium zu inspirieren«.7 Er beharrt darauf, »daß es das Wahre und das Falsche gibt, das Gute und das Böse, und daß unter Umständen sehr wohl, was wahr und gut ist, sich aufs souveränste in Sätzen sagen läßt, die den allzu Gewitzten, allzu Gespitzten als banal erscheinen«. Als im Lager geschlachtet wurde, gab es Täter und Opfer ? so banal ist die Geschichte. Und vor dieser Einfachheit hätten die dialektischen Denker einen Horror, weil sie Einfachheit mit Einfältigkeit verwechselten.
Zwar gesteht er, daß er als Intellektueller im Lager an die Grenzen des humanistischen Geistes gestoßen sei, der noch an ein Jenseits des Lagers glauben konnte: »Ungeheuerlich und unüberwindlich türmte sich die Machtgestalt des SS-Staates vor dem Häftling auf, eine Wirklichkeit, die nicht umgangen werden konnte, und die darum am Ende als vernünftig erschien. Jedermann, er mochte es geistig draußen gehalten haben wie auch immer, wurde in diesem Sinne hier zum Hegelianer: Der SS-Staat erschien im metallischen Glanz seiner Totalität als Staat, in dem die Idee sich verwirklichte.« Dennoch verweigert er sich der These vom Totalitären der Aufklärung, des Kapitalismus, der Moderne oder einer Ideologie, nachdem er miterleben mußte, wie ein Lagerältester einen Häftling buchstäblich zertreten hatte. Améry betrachtet es als eine »empörende Beschränktheit, wenn die Marxisten unbeirrbar (...) das Lager als normale Frucht des Kapitalismus bezeichneten, wo doch jeder Vollsinnige einsehen mußte, daß Auschwitz nichts mit Kapitalismus oder irgendeiner beliebigen Wirtschaftsform zu tun hatte, sondern die wirklichkeitgewordene Ausgeburt kranker Hirne und pervertierter Emotionalorganismen war«.8
Zwar ist Kapitalismus mehr als eine beliebige Wirtschaftsform, doch lenkt Améry unsere Aufmerksamkeit zu recht auf das Besondere des Nationalsozialismus und seiner Lager. Er entdeckt es in der Funktion der Folter und des Mordes: »Die Folter war keine Erfindung des Nationalsozialismus. Aber sie war seine Apotheose. Der Hitlergefolgsmann gelangte noch nicht zu seiner vollen Identität, wenn er nur flink war wie ein Wiesel, zäh wie Leder, hart wie Kruppstahl (...) Er mußte foltern, vernichten, um groß zu sein im Ertragen von Leiden anderer (...) Sie bedienten sich der Folter. Inbrünstiger aber noch dienten sie ihr.«9 Im Zentrum des Nationalsozialismus steht das Verbrechen, ein identitätsstiftendes Verbrechen, und nicht eine Kategorie des normalen gesellschaftlichen Lebens, wie etwa der Profit. In der Verwirklichung der Volksgemeinschaft durch die Vernichtung der Ausgeschlossenen mit ganzer Seele und Hingabe, im geschichtlichen und sozialen Faktum des Wahnes von Antisemitismus und Volksgemeinschaft, in der Identität der Deutschen mit ihrem Staat liegt das Wesen des Nationalsozialismus und das besondere Deutsche in diesem Jahrhundert.

Abgründe der Zivilisation
Keine Abstraktion über Lager, Gewalt, Ideologie, das Totalitäre, wo immer man es auch vermute, darf unwidersprochen über dieses Singuläre hinweggehen. Da aber das spezifische Deutsche selbst eine soziale und polit-ökonomische Konstellation ist, kommen wir andererseits ohne allgemeine Vorstellungen und Begriffe von Gesellschaft und Geschichte auch nicht aus. So grobschlächtig solche Etikettierungen wie »Jahrhundert der Lager« auch sind, sie verweisen zumindest auf zwei wichtige Gesichtspunkte, um die jede kritische Gesellschaftstheorie und jede sich einer reflexiven Vernunft verpflichtet fühlende Geschichtsphilosophie nicht herum kann. Erstens erinnert die Metapher vom Jahrhundert der Lager daran, daß die gesellschaftlichen Produktivkräfte dazu tendieren, in Destruktivkräfte umzuschlagen, wenn die Ordnung der Gesellschaft ihrer humanen Nutzung entgegensteht, und daß die Entfaltung dieser Destruktivkräfte in ihrer Wirkungskraft um so verheerender ausfällt, je entwickelter die Produktivkräfte sind. Zweitens enthält der gedankliche Zugriff auf das 20. Jahrhundert von der totalitären Erfahrung der Lager her den zwingenden Gedanken, daß sich moderne ? und das heißt kapitalistische ? Gesellschaftsformen nur von ihren Extremen aus angemessen erschließen lassen. Kritische Theorie kann nach den Ereignissen, die unter den Namen Auschwitz und GULag zusammengefaßt werden, nicht mehr einfach nur Krisen-, sondern muß zugleich Katastrophentheorie sein. Nicht von ungefähr beginnt Adornos und Horkheimers Die Dialektik der Aufklärung mit der programmatischen Frage, »warum die Menschheit anstatt in einen wahrhaft menschlichen Zustand einzutreten, in eine neue Art von Barbarei versinkt«.
Jahrhundert der Lager? Nein, wenn das Lager als Stigma des Jahrhunderts stilisiert wird, als örtliches Sinnbild unzähliger Gewalterfahrungen von Überwachen und Strafen über Ghettoisierung und tödliche Ausbeutung bis zum Massenmord um seiner selbst Willen. Ja, wenn damit auf den Abgrund hingewiesen werden soll, der ? selten sichtbar ? unter der dünnen Patina der Zivilisation lauert. Ob mit dem Lager tatsächlich das Scheitern jeglicher Emanzipation und das Ende des Subjektes vollzogen und angezeigt ist, wie es Adorno befürchtet, Arendt historisch auf die totalitäre Ordnung eingeschränkt sieht und Améry gänzlich bestreitet? Auf die Frage, welche Auswirkungen die Französische Revolution gehabt habe, antwortete Tschou en-Lai Anfang der siebziger Jahre: »Darüber zu entscheiden, ist noch zu früh.«


Anmerkungen:

1 Zygmunt Bauman, Das Jahrhundert der Lager?, in: Mihran Dabag und Kristin Platt (Hrg.), Genozid und Moderne, Bd. 1: Strukturen kollektiver Gewalt im 20. Jahrhundert, Opladen 1998,
S. 81-99.

2 Der Begriff des Genozids beschreibt die ausdrückliche Vorsätzlichkeit, eine Gruppe zu vernichten.

3 München 1986, S. 676-702.

4 Das Lagersystem des NS war sehr vielfältig. Auf die verschiedenen Typen des Lagers soll hier nicht näher eingegangen werden. Wenn im folgenden vom Lager die Rede ist, ist damit der Typ des Vernichtungslagers gemeint.

5 Für den Vergleich Nationalsozialismus ? Stalinismus siehe Dan Diner, Nationalsozialismus und Stalinismus. Über Gedächtnis, Willkür, Arbeit und Tod, in: ders.: Kreisläufe. Nationalsozialismus und Gedächtnis, Berlin 1995, S. 47-76 und Jan Philipp Reemtsma, Mord am Strand. Allianzen von Mord und Barbarei, Hamburg 1998, S. 145-207.

6 Vgl. Zygmunt Bauman, Moderne und Ambivalenz. Das Ende der Eindeutigkeit, Frankfurt/M. 1995 und ders., Dialektik der Ordnung. Die Moderne und der Holocaust, 1992.

7 Jean Améry, Jargon der Dialektik, in: ders., Widersprüche, München 1990, S.47-68.

8 Jean Améry, An den Grenzen des Geistes, in: ders., Jenseits von Schuld und Sühne. Bewältigungsversuche eines Überwältigten, München 1966,
S. 10-40.

9 Zit. nach Gerhard Scheit, Antideutsche Ressentiments. Zum 20. Todestag von Jean Améry, in: bahamas 27, 1998, S. 32-35.


Jörg Später ist Mitarbeiter des iz3w.

Jahrhundert der Lager

»Ausdruck der Unbehaustheit«
Der Historiker Ulrich Herbert über die Entstehung von Lagern im Zeitalter von Nationalstaaten, Ethnisierung und Migration

iz3w: Zygmunt Bauman nennt das 18. Jahrhundert das Jahrhundert der Aufklärung, das 19. das Jahrhundert der Revolutionen und das 20. das Jahrhundert der Lager: Ist das ein treffender Begriff?
Ulrich Herbert: Die historische Berechtigung, dieses 20. Jahrhundert als das »Jahrhundert der Lager« zu bezeichnen, ist schwer zu bestreiten. Gegenwärtig dürfte die Zahl derjenigen Menschen, die in Lagern zu leben gezwungen sind ? die Fälle der Freiwilligkeit sind eher Randphänomene ? bei mehreren 10 Millionen liegen. Aber man kann das 20. Jahrhundert auch unter ganz anderen Oberbegriffen subsumieren. Hobsbawm hat es das Jahrhundert der politisch gewollten Katastrophen, etwa der katastrophalen Weltkriege genannt. Das ist vielleicht treffender. Oder, um es analytischer anzugehen, das Jahrhundert des globalen Umbruchs zur Industrialisierung und zur Herausbildung des Nationalstaats. Im Grunde sind die Auswirkungen und katastrophalen Folgen der weltgeschichtlichen Umwälzungen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert erst im 20. Jahrhundert richtig sichtbar geworden. Und eine Folge zweiter Ordnung, eine signifikante Ausdrucksform dieser katastrophalen Entwicklung, sind die Lager. Fünf Faktoren erweisen sich hierbei als besonders prägend: Krieg, Migration, »ethnische Flurbereinigung«, Repression und soziales Experiment. In diesen Kontexten sind die riesigen Lagersysteme entstanden, von denen wir sprechen, wenn es um das »Jahrhundert der Lager« geht.

Unter welchen Bedingungen entstehen Lager und Lagersysteme?
Lager gibt es, seit es Kriege gibt oder auch, seit es Nomaden gibt. Das Lager ist gewissermaßen der Ausdruck der Unbehaustheit, des Transitorischen, des Übergangs. Diese Bestimmung gewinnt aber in den letzten 100 Jahren eine ganz neue Dynamik. So tauchen zwar Kriegslager schon sehr früh in der Geschichte auf, aber erst mit der Modernisierung des Krieges werden im späten 19. Jahrhundert die Kriegsgefangenen, aber auch zivile Gefangene in Lager gebracht. Zur gleichen Zeit setzt die Erwerbsmigration in grossem Umfang ein. Auch hier soll der Übergangscharakter des Aufenthalts betont werden. Es werden eben keine Behausungen gebaut, sondern Provisorien. Das bezieht sich zum einen auf Lager für Kriegsgefangene in den Krisengebieten der Welt, auf Flüchtlingslager, insbesondere in Nordost- und Zentralafrika und im Nahen Osten, auf Lager für Saison- und Wanderarbeiter in fast allen Armutsregionen der Welt, auf Straf- und Besserungslager in Diktaturen, insbesondere in China und Nordkorea.

Mit einem allgemeinen Begriff des Lagers gehen die Spezifika der einzelnen Lagerformen, die Tiefenschärfe und auch die historischen Erklärungen von Lagertypen verloren.
Ja, eine phänomenologische Gleichsetzung dieser verschiedenen Formen unter dem Rubrum »Lager« führt eher in die Irre. Die Verhältnisse in einem Konzentrationslager der Nazis und in einem Gastarbeiterlager der 60er Jahre phänomenologisch als zwei Varianten der gleichen Grundstruktur anzusehen, ist offenkundig abwegig.

Die Lagerunterbringung bringt unter bestimmten politischen Voraussetzungen eine Eigendynamik hervor. Entsteht aus ihr selbst die Repression?
Ein zentraler Aspekt des Zusammenlebens in der zivilen Gesellschaft beruht darauf, daß der Einzelne eine Vielzahl sozial akzeptierter Verhaltensstandards internalisiert; das meiste ist über Konventionen und Traditionen so gefügt, daß es keiner formellen Regelstruktur bedarf. Das ist im Lager anders: Durch die räumliche Enge und die Allgegenwart der Gruppe steigt die Zahl der durch formelles Reglement festzulegenden Verhaltensweisen gewaltig. Der Zweck des Lageraufenthalts selbst ist nicht definierbar wie die Strafe im Gefängnis. Von daher haben sich keine allgemeinen Traditionen und Konventionen für das Lagerleben herausbilden können. Dadurch tritt das explizite Reglement in den Vordergrund. Diese Tendenz wird noch beschleunigt durch die Machtzusammenballung in den Händen der Lagerleitung und durch die hermetische Abdichtung des Lagerlebens gegen die Außenwelt. Mit der Zahl der Vorschriften wächst erfahrungsgemäß auch die Zahl der Verstöße dagegen. Wo alles verboten ist, ist die Übertretung der Verbote unausweichlich. Viele ehemalige Lagerinsassen berichten von dem Zwiespalt zwischen Angst vor Strafe und der Gewißheit, ohne Regelverletzung nicht auskommen zu können. In der Folge bildet sich eine Art Unterwelt des Lagers, in der die Diskrepanz zwischen Totalitätsanspruch des Reglements und der sozialen Wirklichkeit genutzt wird, um sich Freiräume für bessere Lebensbedingungen oder gar für das schlichte Überleben zu schaffen.

Liegen hier auch Ansätze zum Widerstand?
Im Kern ist diese Substruktur individuell, nicht kollektiv organisiert. Nur in Sonderfällen, etwa in deutschen Konzentrationslagern mit hohen Anteilen politischer Häftlinge, kam es zu Versuchen einer solidarisch verfaßten Substruktur, wenngleich nur unter den politischen Häftlingen selbst. Ziel der Substruktur ist die Erweiterung des Freiraumes für den Einzelnen innerhalb der entindividualisierenden Gesellschaft eines Massenlagers. Auf diese Regelverletzungen reagieren die Lagergewaltigen erneut durch Forcierung der Repression. Zudem: Die Lagergesellschaft ist per definitionem eine Mangelgesellschaft ? und sei es nur der Mangel an Platz, Bewegungsfreiheit, Rückzugsmöglichkeit für den Einzelnen. Die Rationierung von Lebensmitteln, der Mangel an warmer Kleidung, das Fehlen von Wertgegenständen zum Tausch sind in fast allen Lagern die Kernpunkte der internen Auseinandersetzungen. Wenn es etwas gibt, das alle Formen der Lager durchweg gleichermaßen charakterisiert, dann die Korruption, der Schwarzmarkt und eine Lagerhierarchie, die sich am Besitz von Mangelgütern orientiert.

Das Lagerleben schafft sich also sein eigenes Reglementierungssystem.
Ein Beispiel: Die polnischen Arbeiter im Ersten Weltkrieg wurden in Deutschland in Halbfreiheit und nicht hinter Gefängnismauern gehalten. Sie nahmen am sozialen Leben, vor allem an der Erwerbstätigkeit teil, sollten aber in einem Sonderstatus gehalten werden. Sie unterschieden sich ja nicht äußerlich von den aus dem preußischen Teil eingewanderten Polen, sie hatten die gleiche Sprache, sie machten die gleiche Arbeit und gehörten trotzdem völlig unterschiedlichen Rechtssystemen an. Sie mußten also durch äußere Definitionen separiert werden, durch sichtbare Kennzeichnung und Bewachung. Ihnen wurde ein großes gelbes Kreuz aufgemalt, eine erste Form der äußeren Stigmatisierung. In diesem Zusammenhang ist die Verbindung zum nächsten Lagertyp zu sehen, der mit der Herausbildung des Nationalstaats zu tun hat. In dem Maße, wie sich Nationalstaaten herausbilden, kommt es zunehmend zum Problem zwischen Mehrheits- und Minderheitsgesellschaft in multiethnischen Staaten.

Hier zeigt sich, wie eng Lagerunterbringung und Stigmatisierung mit der Vorstellung eines ethnisch homogenen Nationalstaates verbunden sind.
Zunächst wurde in solchen Nationalstaaten versucht, eine Identität zwischen völkischer Struktur und nationaler Souveränität herzustellen. Das funktionierte in manchen Bereichen ganz gut, in den meisten, vor allem mittel- und osteuropäischen Regionen aber nicht. Der Begriff der »Volksgruppen« bürgerte sich ein, so als gäbe es jenseits der Nationalstaaten so etwas wie ein objektives Volk. Gerade in den ungefestigten Nationalstaaten entstand hier ein völkischer Nationalismus, der sich in Umsiedlungen, Vertreibungen und Deportationen praktisch umsetzte und versuchte, Staaten nach dem Ideal ethnischer Homogenität zu schaffen. In dem mehrere hundert Kilometer breiten Landstrich zwischen Ostsee und Schwarzem Meer hielten sich die Menschen aber nicht an die Prinzipien des Nationalstaats, sondern lebten einfach bunt gemischt durcheinander ? Dan Diner hat das die ?ethnische Schütterzone? genannt.

Aber worin liegt die Verbindung zur Errichtung von Lagern?
In dieser Region kam es immer wieder zu Konflikten zwischen Minderheitsgruppen und Mehrheitsgesellschaft. Das wiederum führt in vielen Fällen zu Versuchen, entweder die Grenzen zu verändern oder aber die Volksgruppen zu verschieben. Diese Zwangsmigration fand in der Sowjetunion unter Stalin in riesigem Ausmaß statt, aber auch in dem ersten Bevölkerungsaustausch zwischen Griechenland und der Türkei und dann natürlich exzessiv seit 1939 ausgehend vom nationalsozialistischen Deutschland. Die zu verschiebenden Minderheiten wurden zunächst in einem ersten und entscheidenden Schritt aus ihren angestammten Gebieten vertrieben, um dann irgendwo anders angesiedelt zu werden. Es entsteht dann ein Lagersystem, um diese Leute ?zwischenzulagern?.
Heute ist weltweit zu beobachten, daß die Motive untrennbar vermischt sind. Daher zeigt meiner Meinung nach das Schlagwort vom ?Jahrhundert der Lager? nichts anderes als dieses Transitorische an. Es geht um das vorübergehende Unterbringen großer Menschenmassen zu irgendwelchen Zwecken aus irgendwelchen Motiven. Schaut man sich die Konflikte genauer an, findet man meistens Mischformen. Gegenüber den Juden wird das besonders deutlich: Man wollte sie loswerden; man steckt sie in Ghettos; will sie aber nicht hier behalten und nicht ernähren, weil das Geld kostet. Läßt man sie arbeiten, fällt das Vorübergehende ihres Aufenthalts weg. In der Folge bilden sich Hunger, Schwarzmarkt, Seuchen. Das wiederum wirkt als Bestätigung für diejenigen Vorurteile, die am Beginn der rassistischen Diskriminierung standen: »Die Juden verbreiten Krankheiten und sind Schwarzhändler«.

Ein weiteres wichtiges Motiv für die Internierung in Lagern ist die politische Repression, gerade in den totalitären Gesellschaften.
So sind ja auch die NS-Konzentrationslager entstanden, deren Größe man für die Vorkriegszeit aber oft überschätzt: Ende 1935 gab es weniger als 6000 KZ-Häftlinge in Deutschland. Das größte Beispiel ist wahrscheinlich der GULAG, jenes System organisierter Zwangsarbeitslager, dessen Fläche man sich etwa halb so groß wie die neue Bundesrepublik vorstellen darf ? vielleicht sogar noch größer. Dieses Lagersystem war nicht durch Stacheldraht gekennzeichnet, sondern durch die riesigen Flächen und die dadurch entstehende Unmöglichkeit der Flucht. Das ist ein wichtiger Unterschied und führt auch zu anderen Repressionsformen. Das dichte Drängen von Menschen auf engstem Raum führte zunächst zur Herausbildung einer Wolfsgesellschaft innerhalb der Lager sowie zu immer schärferen Formen der Repression, Kontrolle und Organisierung dieser Menschen. Das Kennzeichen des GULAG ist die vollständige Ausweglosigkeit der Menschen, die immer weiter verwahrlosen. Das Fehlen einer Infrastruktur, die Hungersnöte, die Auszehrung und die Seuchen sind die Hauptkennzeichen, nicht so sehr die direkte Repression mit Gewehr und Gewehrkolben.

Aber die Entwicklung des GULAG-Systems war auch von ökonomischen Zielvorstellungen geprägt. Die nachholende Modernisierung der Sowjetunion sollte durch brutale Repression und Zwangsarbeit durchgezogen werden.
Ja, bei diesem riesigen Lagersystem überkreuzen sich die stalinistische Paranoia und die Vorstellung der brachialen ökonomischen Modernisierung. Ab Ende der 30er Jahre war auch die Konjunktur der großen staatlichen Projekte ausschlaggebend für die Rekrutierung der Zwangsarbeiter. Die riesigen Projekte ? Kanalbauten, Staudämme, Eisenbahnen ? wurden auf niedrigem technischem Niveau mithilfe von jederzeit ergänzbaren Arbeiterheeren erbaut. Die Begründungen für die Einweisungen ins Lager wurden dann immer beliebiger. Das chinesische Lagersystem weist starke Parallelen zum GULAG auf, teilweise offenbar auch die Lager in Kambodscha. In den chinesischen Lagern drückt sich ähnlich wie im GULAG einerseits die vollständige Unterdrückung der Gesellschaft aus, andererseits stellen sie eine Art von Zwangswirtschaft als Nebenökonomie dar.

Warum ist die ökonomische Modernisierung gerade in den sich selbst als sozialistisch verstehenden Ländern mit so unglaublicher Gewalt vollzogen worden? Auch die kapitalistische Modernisierung und Durchdringung der USA wurde ja mit brutaler Gewalt erzwungen, aber sie kam ohne Lager aus.
Im strengen Sinne trifft das nicht zu; die Eisenbahnbauten in den USA wurden zu einem Teil mithilfe chinesischer »Kulis« bewerkstelligt, die in Arbeiterunterkünften und unter Bedingungen lebten, die offenbar so unterschiedlich von denen in Zwangsarbeiterlagern nicht waren. Aber für die UdSSR waren andere Aspekte durchschlagend: Die Revolutionierung der bürgerlichen Gesellschaft und ihrer Individuen war für die Protagonisten der Weltanschauungs-Diktaturen erheblich einfacher zu bewerkstelligen, wenn sie aus der Hülle der tradierten bürgerlichen Verkehrsformen gelöst wurde. Das Lager bot sich als Paradigma der Gleichheit, allerdings der entrechteten Gleichheit, förmlich an; und die Symbiose von Hierarchie und Egalitarismus im Lager bot eine Widerspiegelung des Verhältnisses von Partei und Gesellschaft, der Diktatur des Proletariats, das ja auch totale Herrschaft und Gleichheitspostulat miteinander verknüpfte. Die extremsten Beispiele für diese Tendenz finden sich in den kommunistischen Diktaturen in Asien; insbesondere in Kambodscha. Der Versuch der vollständigen Neustrukturierung der Gesellschaft basierte auf der Lagerisierung und Umerziehung mehr als der Hälfte, der Ermordung von fast einem Drittel der Bevölkerung. Das Kennzeichen des Lagers ist hier die Abschirmung gegenüber außen ? auch hier wieder das Transitorische, also der ideologische Übergang von der alten in die neue Gesellschaft.

Transitorisch meint dann nicht nur die Migration, die Bewegung von Menschen im Raum, sondern auch eine ideologische Bewegung?
Die verschiedenen Formen sind ja nur idealtypisch voneinander zu trennen. Gemeinsam ist ihnen die Bewegung von großen Menschenmassen, ihr Herausreißen aus tradierten Bedingungen. Das Transitorische entwickelt sich zum Kennzeichen der Epoche. In den vergangenen 80 bis 100 Jahren haben sich die gesellschaftlichen Verhältnisse in den meisten Ländern der Welt mehr geändert ? stärker und schneller und für mehr Leute ? als in der gesamten Geschichte zuvor. Nationalistische Eruptionen können dabei als stabilisierende Identifikationsangebote angesehen werden. Ich sehe den Nationalismus nicht in erster Linie als selbständige Entwicklung aus einer fixen Idee heraus, sondern als abgeleitetes Phänomen der Bewältigung dieser gewaltigen Veränderungen der sozialen, politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Verhältnisse in so kurzer Zeit.

Ein weiterer Aspekt wäre das Verhältnis der Lager zum Rest der Gesellschaft. Man könnte vielleicht sagen, daß in Deutschland die ?Volksfremden? ins Lager kamen, bis hin zur Vernichtung der ?jüdischen Gegenrasse?. In diesem Prozeß der Ausgrenzung und Vernichtung formierte sich die deutsche Volksgemeinschaft. Dagegen erscheint das GULAG-System als Zuspitzung dessen, was die sowjetische Gesellschaft während der stalinistischen Periode insgesamt prägte: Repression und Arbeitszwang. Armanski nennt das eine osmotischen Beziehung.
Ich bin etwas skeptisch, was solche Einordnungen angeht. Aus der Perspektive eines Moskauer Bürgers war der Unterschied zwischen GULAG und Nicht-GULAG der Unterschied zwischen Leben und Tod, kann also keine Kategorie zweiten Ranges sein. Andererseits scheint mir die sowjetische Gesellschaft durch den GULAG richtig gekennzeichnet zu sein, weil sie im Grunde keine Systeme des eigenen Antriebs, wie beispielsweise Profit, entwickelt. Deswegen greift sie zum Prinzip der Kampagne. Es gibt Zielsetzungen von oben, die ganze Gesellschaft wird darauf orientiert, und damit wird neben die herkömmliche Ökonomie noch eine zweite gesetzt. Man darf nicht vergessen, daß die großen Eisenbahnprojekte nicht nur mit GULAG-Häftlingen gebaut worden sind. Auch die großen chinesischen Staudämme wurden durch gigantische Kampagnen der Studenten und nicht nur durch Lagerhäftlinge verwirklicht. Diese Studenten lebten übrigens auch in Lagern, das war dann das soziale Experiment. Wenn eine Gesellschaft nicht aus sich heraus über ökonomische oder soziale Anreize genügend Antriebe hat, um sich selbst zu reproduzieren, dann braucht sie ein zweites System, den Zwang, die Angst vor dem Terror.

Wenn das westliche Modell die nötigen Anreize bietet ? geht mit dem Jahrhundert dann auch das Jahrhundert der Lager zu Ende? Oder benötigt die Gesellschaft jetzt Lager für diejenigen, die »überflüssig« sind, aber kontrolliert werden müssen?
In dem Maße, wie es weiterhin Anlaß gibt, große Menschengruppen zu enthausen und transitorisch unterzubringen, solange wird es auch Lager geben. In bestimmten Regionen Afrikas beispielsweise finden gigantische soziale und Erwerbsmigrationen statt, weil die Bevölkerung in Städte oder sichere Zonen geht, um dort Arbeit zu suchen. Dadurch werden riesige Bevölkerungsgruppen destabilisiert, vertrieben oder geraten aus sozialen Gründen auf die Flucht. Und häufig ist es den einzelnen gar nicht klar, ob sie nun aus ethnischen oder aus sozialen Gründen verfolgt werden. Die genaue Motivation der Verfolger ist nicht präzise definierbar. Ob eine bestimmte Bevölkerungsgruppe als die Ärmsten und als überflüssige Esser oder weil sie einem Volksstamm angehören, vertrieben werden, ist zum Teil nur eine Frage der Definition.

Das Interview führten Tina Goethe
und Jörg Später.


Ulrich Herbert ist Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Freiburg und Herausgeber u.a. von: Nationalsozialistische Vernichtungspolitik, 1939 bis 1945. Neue Forschungen und Kontroversen, Frankfurt am Main 1998. Die nationalsozialistischen Konzentrationslager 1933 bis 1945. Entwicklung und Struktur, 2 Bände, Göttingen 1998. Saisonarbeiter, Zwangsarbeiter, Gastarbeiter, Berlin/Bonn 1986.



Jahrhundert der Lager?

Neue Arbeit, neues Denken
Das chinesische Lagersystem der Laogai

von Roland Lew


Die Laogai sind in China gefürchtet und allgegenwärtig, dennoch ist nur sehr wenig über die Lager bekannt. Das erklärt sich zum einen durch ein nahezu perfektes Repressionssystem, zum anderen durch die Strategie der Geheimhaltung und Abschottung. Denn nach der »Umerziehung« werden die Gefangenen nicht etwa in das soziale Leben entlassen, sondern bleiben als »freie Gefangene« auch weiterhin unter staatlicher Kontrolle.

Das chinesische Lagersystem der Laogai wird häufig mit dem sowjetischen GULag verglichen. Doch es weist unbestreibare Besonderheiten auf, die sich im Prinzip der »Umerziehung durch Arbeit« zusammenfassen lassen. Dieser geht eine Periode der Gefängnishaft voraus, welche der »Umerziehung durch das Denken« dient. Die eine wie die andere sind schreckliche Prüfungen, die Millionen Unschuldiger gebrochen haben. Zumindest aber ist das chinesische System weniger tödlich als das der UdSSR: Der Maoismus will seine Gegner nicht vernichten (auch wenn ein Teil der Grundbesitzer als Racheakt umgebracht wurden). Vielmehr will er sie dazu bringen, sich zu beugen (die »Umerziehung durch das Denken«) und sie sollten nach der »Umerziehung durch Arbeit« (die Laogai) in die Gesellschaft zurückgeführt werden ? als neue Menschen für eine neue Gesellschaft. Jedoch: Die Funktionsweise der Laogai zeigt, daß man hinein-, aber nicht wirklich wieder hinauskommt. Nachdem man seine Strafperiode verbüßt hat, wird man als »freier Gefangener« festgehalten. Ein seltsames System, das auf eine starke Legitimität setzt und dennoch seine Lager nicht oder nur in begrenztem Maße leert und es nicht wagt, die »umerzogenen« Gefangenen wieder in das soziale Leben einzugliedern.

Atomisierte Bevölkerung
Anders als in der stalinistischen UdSSR schien in China die Legitimität des Regimes lange Zeit kaum in Frage gestellt worden zu sein. Möglicherweise trifft die Repression im China der Mao-Ära die sozialen Unterschichten nur wenig. Wir verfügen nicht über gleichwertige Informationen aus den Archiven wie im Fall der Sowjetunion, was zu Vorsicht in der Bewertung zwingt. Doch die verfügbaren Daten zeigen, daß während der Mao-Ära die Repression durch das Lagersystem weder die Bauern noch die Arbeiter trifft (sondern, während der ersten Jahre der VR China, die Großgrundbesitzer). Doch genauso, oder sogar noch mehr als in der UdSSR, wird die Bevölkerung außerhalb der Lager atomisiert, jede autonome Ausdrucksmöglichkeit zerstört: Jede Autonomie der sozialen Sphäre wird von der Regierung stets als schwere Bedrohung wahrgenommen, selbst in den Hochphasen ihrer Stärke und Legitimität. Auf dem Land beinhaltet die Kollektivierung von 1955/56 sowie die Zusammenfassung der Volkskommunen 1958 gleichzeitig eine Rationalisierung der landwirtschaftlichen Aktivität und eine fortdauernde Fragmentierung des gesellschaftlichen und politischen Raumes.
In den Städten bilden die »Arbeitseinheiten«, die berühmten »Danwei«, welche die Arbeiter, die Angestellten der Industriebetriebe, aber auch die Beamten der Städte eingliedern (also die Gesamtheit der Stadtbevölkerung), eine Art Kleinststaat, die den größten Teil des täglichen Lebens der Städter ? und nicht nur ihre Arbeitsaktivität ? reglementieren. Den städtischen Betrieben, welche die gesamte soziale Absicherung und den Zugang zu Wohnraum verwalten, kommen sogar manche repressiven Funktionen zu. Sie erlauben ? oder verweigern ? den Ortswechsel oder das Reisen von einem Ort zum anderen, also auch die Vereinigung von Familien, die in verschiedenen Städten arbeiten sie greifen die politischen und Produktivitäts-Kampagnen auf und erlegen ihren Mitgliedern deren Ziele auf. Kurz: Sie üben eine Funktion der Kontrolle, der Mobilisierung, der Disziplinierung der Arbeiterschaft aus. Statt ? wie ihr Anspruch lautet ? den Arbeitern die Werte des Sozialismus nahezubringen, führen sie einen Druck zur Einhaltung der Norm und zum Gehorsam ein, eine Kultur der Abhängigkeit, eine Atomisierung der städtischen Sozialsphäre. Wahrscheinlich liegt es daran, daß diese Kontrolle wirksamer war als im Fall der Sowjetunion, daß im chinesischen Fall weniger Repression gegenüber den sozialen Unterschichten ausgeübt wird, zumindest nach unserem aktuellen Kenntnisstand.
Die Laogai sind daher als Teil dieses Systems zu verstehen. Sie bedeuten, wie auch die »Umerziehung durch das Denken«, vor allem Repression, eine Gewalt, welche auf die gesamte Gesellschaft ausgeübt wird ? durch eine Regierung, die vom Volk inzwischen isolierter ist, als sie zugeben will. Dies ist in gewisser Weise ein Eingeständnis der Schwäche. Die Nach-Mao-Ära leert 1979 die Laogai zwar teilweise, doch in geringerem Ausmaß werden die Lager mit Angehörigen sozial »tieferer« Schichten wieder gefüllt ? mit »Asozialen«, mit den ihrem sozialen Schicksal Überlassenen des Deng?schen »Reformkommunismus«, zuzüglich einer bestimmten Anzahl erklärter politischer Dissidenten. Die repressivste Periode des chinesischen Lagersystems endet mit dem Machtantritt von Deng Xiao Ping 1978/79. Im Jahr 1979 wird das System der Klassenetikette abgeschafft, das für einen jeden seine soziale Kategorie festlegte, die an seine Kinder (oder zumindest an seine Söhne) übertragen wurde. Das Laogai leerte sich von den zahlreichen »inneren Feinden«, die das Regime gekennzeichnet hatte: die Verurteilten aus der Anfangszeit des Regimes nach 1949, die noch immer inhaftiert waren, darunter eine Anzahl von Trotzkisten; die »rechtslastigen« (oder : »rechtsabweichlerischen«) Intellektuellen von 1957 sowie die Opfer der diversen Kampagnen des Regimes, und ? nicht zu vergessen ? jene der Kulturrevolution.

Lager der Vernachlässigten
Das Laogai, das Lagersystem, ist aber nicht aufgelöst; es existiert heute noch, aber seine Natur hat sich verändert. Zwar sind noch immer politische Regimegegner eingesperrt, oftmals unter sehr harten Bedingungen, aber sie stellen nur eine kleine Gruppen ? von einigen tausend, vielleicht einigen zehntausend Personen ? unter mehreren Millionen Gefangenen dar. Es handelt sich oft um erklärte Opponenten des Regimes, offene Dissidenten, welche ein nach wie vor diktatorisch herrschendes Regime verfolgt und zum Schweigen zu bringen versucht. Der prominenteste Fall ist jener von Wei Jingsheng, der 1979 in einem Schauprozeß verurteilt worden ist, weil er an der »Mauer der Demokratie« einen Aufruf für die Demokratie angeklebt hatte. In diesem wurde die »fünfte Modernisierung« als notwendige Ergänzung zu den vom Regime verfochtenen »vier Demokratisierungen« dargestellt. Wei wurde zu 15 Jahren Haft verurteilt, die er bis zum letzten Tag absitzen mußte, da er es ablehnte, seinen Überzeugungen abzuschwören; er wurde kurze Zeit nach seiner Freilassung erneut verhaftet und schließlich 1997 in die USA abgeschoben. Die Verfolger legen grosse Verbissenheit an den Tag angesichts der Tatsache, daß er allein Demokratisierung eingefordert hatte, ohne das KP-Regime als solches zerstören zu wollen.
Auf gleiche Weise war und ist die Repression sehr streng im Umgang mit jenen, die unabhängige Gewerkschaften begründen wollen oder die das Recht der Arbeiter verteidigen, vom Staat und der Regierung autonome Organisationen zu bilden. Dies war anläßlich der Gründung der ersten unabhängigen Gewerkschaft während der Erhebung im Frühjahr 1989 der Fall. Die Machthaber werden tatsächlich von der Schreckensvorstellung heimgesucht, wonach eine unabhängige Aktivität der Arbeiter ihrer Kontrolle entgleiten und ihren Anspruch ? der freilich nicht mehr großen Eindruck auf allzu viele Leute macht ?, die Vertreter der Arbeiterklasse zu sein, in Zweifel ziehen könnte.
In weiten Teilen jedoch hat das Regime aufgehört, seine Feinde in großangelegten politischen Kampagnen zu kennzeichnen, wie es dies während der Mao-Periode tat. In dieser Hinsicht muß die Bevölkerung heute nicht mehr ihre Loyalität, ihre Unterordnung unter die Regierung und ihre politisch-ideologischen Ziele demonstrieren, sondern kann ihren persönlichen Belangen nachgehen, solange sie nicht offen das Regime in Frage stellt. Der Großteil der Lagerbevölkerung heute besteht aus den »Vernachlässigten« der Ära der Deng-Reformen, unter den zahlreichen Opfern der ökonomischen Veränderungen. Diese produzieren, mit der Armut und in den an den Rand gedrängten Bevölkerungsteilen, eine immer mehr ansteigende und immer gewaltförmigere »soziale« Kriminalität, auf die das Regime mit einer strengen Repression und zahlreichen Todesurteilen in (buchstäblich) kurzen Prozessen antwortet. Das Laogai wird so zum Spiegelbild des neuen sozio-ökonomischen Systems, das im Entstehen ist. Also eines extrem autoritären Staatskapitalismus, der versucht, eine ungehorsame und bisweilen aufsässige Bevölkerung zu disziplinieren und der sein Lagersystem auf »Rentabilität« ausrichten will, indem er es als Potential extrem billiger Arbeitskräfte nutzt, welche Waren für den Export produzieren müssen. Was wiederum zu einem Aufschrei unter den internationalen Konkurrenten führt ? freilich weniger wegen der Abscheulichkeit der Methode, sondern vielmehr wegen unlauterer Wettbewerbsvorteile.



Roland Lew lehrt an der Universität Libre de Bruxelles über die ehemaligen sozialistischen Länder und ist assoziiertes Mitglied am Centre Chine der Ecole des Hautes Etudes en Siences sociales (CNRS) in Paris. In deutsch erschienen ist sein Aufsatz »Hat sich der chinesische Kommunismus nicht gewandelt?« in: Jens Mecklenburg, Wolfgang Wippermann (Hg.): Roter Holocaust? ? Kritik des Schwarzbuchs des Kommunismus. Konkret Literatur Verlag, Hamburg 1998.
Übersetzung: Bernhard Schmid



Geschichte des Lagers Yindge

Die Adresse des Lagers war in den siebziger Jahren »Postfach 201, Bahnhof Hetou, Bahnlinie Kanton-Beijing«. Tatsächlich befindet sich das Lager mehr als hundert Kilometer nördlich der Hauptstadt von Guangdong, unweit dieser kleinen Station, an einer Linie, die Millionen Reisende befahren haben. Berichten zufolge wurde das Lager 1949 gegründet oder aber 1952, als die Agrarreform in Guangdong besonders gewaltsam war. Die ersten Häftlingskontingente mußten Straßen anlegen, die Gebäude errichten und nebenher noch für ihre Ernährung sorgen. Nachschub brachten die heftigen Säuberungskampagnen, die in der Provinz stattfanden: 1954 soll das Lager 20.000 Insassen gehabt haben und im Jahre 1957 30.000. Auf jeden Fall war Yingde schon Mitte der fünfziger Jahre das berüchtigste Lager in Guangdong, und seine Erwähnung genügte, um die Bevölkerung in Furcht und Schrecken zu versetzen.
In den 60er Jahren herrschten furchtbare Zustände. In einer Bergbaubrigade von tausend Gefangenen starben 1961 bis zu drei pro Tag! 80 Prozent der Häftlinge einer Arbeitsgruppe litten an Hungerödemen, 10 Prozent an Typhus und 5 Prozent an Tuberkulose. Dieses Drama spielte sich in einem Lager ab, das als regelrechte Stadt bezeichnet wurde: zahlreiche Baracken, Verwaltungsbüros, Silos, Schulen, Werkstätten, Fabriken, ein Kalkofen, ein Krankenhaus und die Kaserne für die Aufseher. Das Ganze umgab ein Netz von Reisfarmen, Plantagen, Bergwerken und Industrieanlagen. Einem ehemaligen Häftling zufolge hatte das Lager 1961 eine Ausdehnung von hundert Quadratkilometern und vierzigtausend Arbeiter, darunter fünftausend »freie Gefangene«. Viele Häftlinge trugen Ketten an den Knöcheln, Widerspenstige sperrte man in winzige Disziplinarzellen, wo häufig gefoltert wurde. Diese Zellen waren noch in den siebziger Jahren zu sehen, sie hatten nur eine vergitterte Öffnung.
Gerüchten zufolge soll das Lager eine Zeitlang geschlossen gewesen sein. Es gab Häftlingstransfers, doch offenbar blieben fünf Brigaden an Ort und Stelle, die hauptsächlich auf einer Teeplantage namens »Roter Stern« arbeiteten. Verschiedene Zeugen bestätigten den Fortbestand von Yingde in den siebziger Jahren, ihre Schätzungen reichten von 13.000 bis zu 40.000 Gefangenen. Seit dieser Zeit ist die Entwicklung in Yingde weniger bekannt. Aber in den 80er Jahren fand seine Teeplantage Erwähnung. Am Ende des Jahrzehnts wurde der »rote Tee von Yingde« bis in die Vereinigten Staaten exportiert



aus: Jean-Luc Domenach: Der vergessene Archipel. Gefängnisse und Lager in der Volksrepublik China. Hamburger Edition. Hamburg, 1995. 637 S.


Jahrhundert der Lager?

Die Stadt am Lager
GULag: Aufgelöst, doch nicht geschlossen

von Julia Landau

Im »Siblag«, dem Lagersystem in Sibirien, das lange Jahre Teil des schier endlosen sowjetischen Lagersystems, des »GULag«, war, verrichten auch heute noch Häftlinge unter menschenunwürdigen Bedingungen Zwangsarbeit. Viele ehemalige Häftlinge und Aufseher wohnen nebeneinander in den benachbarten Orten, die zum großen Teil vom und mit dem Lager, das heute Gefängnis heißt, leben.

Im Kuzbassbecken, einem in den 30er Jahren weit hinter dem Ural in Sibirien aus dem Boden gestampften Kohleförderungs- und Chemieareal, wechseln sich unrentable und ökologisch gefährliche Fabriken mit noch immer großen Gefängnis- und Lagerarealen ab, im Jargon die »Zonen« oder die »Kolonien« genannt. Um diese Lager herum wurden schon früh Städte und Kolchosen ? größtenteils durch Zwangsarbeit ? aufgebaut. Opfer wie Täter und ihre Nachkommen haben sich hier angesiedelt. Dieses Nebeneinander führt den ehemaligen Häftlingen nicht nur täglich vor Augen, daß ihre Peiniger straffrei bleiben. Sie selbst leben häufig am Existenzminimum und können nicht auf staatliche Hilfen bauen.
Die Opfer der Repression können sich allenfalls um eine politische Rehabilitierung bemühen, eine materielle Entschädigung ist nur in symbolischen Größen vorgesehen. Und die späte Durchsetzung des Rechts erfordert viel Durchhaltevermögen: den Gang zum Archiv und zu verschieden Ämtern schaffen viele der schon älteren ehemaligen Häftlinge gar nicht mehr. Die HistorikerInnen in der Region an der Universität und anderen Forschungsinstituten, die mit viel Enthusiasmus, aber fast ohne Lohn arbeiten, verstehen sich daher auch in erster Linie als Anwälte der noch lebenden Opfer. Aber nicht nur bei der Rehabilitierung ist die staatliche Hilfe mager. Auch die Erforschung der stalinistischen Repression wird ? nach wie vor ? nicht gerne gesehen. Dem Erinnerungs- und Aufarbeitungsboom während der Perestroijka folgte eine neue Eiszeit: Heute sind viele Archivmaterialien nur gegen teures Geld zu sehen. Dazu kommt, daß die Mittel für Forschungsreisen und Publikationen fehlen; Filme, Bücher und Dokumentensammlungen liegen auf Halde, ausgegrabene Überreste von Lagergefängnissen stürzen in sich zusammen und geraten in Vergessenheit. Es gibt keine Stätten öffentlichen Erinnerns, kein » GULag-Museum« und auch keine GULag-eigene Abteilung im Stadtmuseum. Nur die Erinnerungen der wenigen alten Menschen, die überlebt haben, geben ein Bild vom Leben im und um den GULag. Die HistorikerInnen versuchen mit Hilfe eines Netzwerks engagierter SchülerInnen die Überlebendenberichte aufzuzeichnen. Die folgenden Beispiele, entstanden durch Interviews mit Gefangenen und Aufsehern, können dabei nur einen Teil der Erfahrungen ausdrücken.

Wanzenkeller ...
Andrej Petrovitsch Baboschko, ein ehemaliger politischer Gefangener, hat fast sein ganzes Leben hier verbracht: 1941 wurde der junge Lehrer, Hobbyfotograf und Literat auf Anzeige seines Schuldirektors verhaftet ? der ein bestimmtes Kontingent an Denunziationen erfüllen mußte, weil er sonst selbst Gefahr lief, angezeigt zu werden. Nach Monaten in Einzelhaft wurde er schließlich zu Kriegsbeginn auf endlosen Transporten nach Ost- Kasachstan verfrachtet, wo ein improvisiertes Gericht abgehalten wurde. In einer Ecke stand eine grüne, in der anderen eine gelbe Tafel: grün bedeutete Erschießung, gelb 10 Jahre Lager. Ohne Fragen wurden die 6000 Überlebenden des Transports den Farben zugeteilt ? die meisten zur Erschießung. Andrej Petrovitsch wurde zu 10 Jahren Haft verurteilt. Dann, sagt er, begann die »Lagergeschichte«: Monate im unterirdischen Gefängnis, das einzige Eigentum ein kleines Stück Filz, das er sich mit seinem Nachbarn teilte. Jede Nacht mußte man Angst haben, zur Untersuchung herausgerufen zu werden, in den »Nichtraucherwagen« zu kommen, was im Jargon soviel hieß wie erschossen zu werden. Sein Nachbar wird plötzlich um 2 Uhr nachts gerufen, er gibt ihm das Stückchen Decke mit. Stunden später wirft ihm jemand die Decke zu ? mit einem großen Fleck Blut in der Mitte. Noch während des Verhörs, den Filz unter dem Arm, muß der Nachbar erschossen worden sein. Schließlich begann für Andrej Petrovitsch eine Odyssee durch verschiedene Lager im Norden, bis er völlig entkräftet, nur noch 36 Kilogramm schwer, 1943 ins westsibirische »Siblag« ? im Slang der Häftlinge »Kurort« genannt, weil man sich hier »nur« mit Landwirtschaft beschäftigen mußte ? geschickt wird.
Als politischer Gefangener habe er auf der niedrigsten Stufe der Lagerhierarchie gestanden. Der Leiter der Erziehungs- und Kulturabteilung stellte ihn beispielsweise, nachdem er herausgefunden hatte, daß Andrej Petrovitsch gut zeichnen konnte, dazu ab, die Losungen in der Lagerkantine zu malen. Der Vorgesetzte des Lagers erfuhr davon, daß ein »Politischer« die Losungen gemalt hatte, und ließ ihn in den »Wanzenkeller« werfen. Die Nacht in dieser Gefängniszelle ohne Licht, in der Wanzen gezüchtet wurden, war die schlimmste seiner gesamten Haftzeit. Nach der Haft ist er, wie die meisten, am selben Ort geblieben ? weil er an sein früheres Leben nicht mehr anknüpfen konnte, kein Geld und keine Papiere hatte, um woanders hinzugehen. Das erste Jahr hatte er kein Zimmer und mußte am Bahnhof schlafen, viele Jahre später noch wird er als ehemaliger »Politischer« öffentlich gemieden. Erst 1960 wird er rehabilitiert, Parteimitglied darf er allerdings nicht werden.

... und »Kurort«
Andrej Pavlovitsch Tschernov dagegen hat trotz seiner Mittäterschaft keine negativen Konsequenzen zu fürchten. Der ehemalige Leiter des Kulturklubs im Lager »Siblag« erzählt mit Wehmut von der unverhofften kulturellen Blüte in Sibirien, von den Theaterstücken berühmter Schauspieler und Regisseure, die im Siblag gefangen waren. Während des Krieges wurde jede Woche für die Lager-Offiziere und ihre Frauen ein neues Theaterstück aufgeführt. Es gab einen Chor, ein Symphonieorchester, ein Blasorchester, Akrobaten, eine Pianistin, die Kindern Klavierunterricht gab, einen Ballettmeister. Manchmal kam es zu absurden Situationen: Raichel, ein berühmter Regisseur aus Moskau, inszenierte Othello und spielte selbst die Hauptrolle. Laut Regieanweisung sollte er plötzlich, fast unbemerkt auf der Bühne erscheinen. Stattdessen wurde er von mehreren Soldaten im Konvoi auf die Bühne eskortiert. Während der Vorstellungen saß die Wache auf den Vorhangstangen und bildete eine Kette um den Klub ? schließlich gehörten die verhafteten Schauspieler zu der gefährlichsten Häftlingsgruppe, den sogenannten »Politischen«.
Als handelte es sich um ein gewöhnliches Provinztheaterensemble, berichtet Andrej Pavlovitsch Tschernov mit Bedauern, daß später viele der Künstler rehabilitiert wurden und den Ort ihrer Verhaftung verließen. Der ehemalige Wanderkinovorführer, der voller Stolz aus dem Alltag sibirischer Lager erzählt, wohnt immer noch in der Holzhausanlage für Lageroffiziere aus den 30er Jahren. Schuldgefühle oder Vorsicht kennt dieser Mann, der einen Anzug mit allen wichtigen Orden der Sowjetunion im Schrank hängen hat, nicht. Zu seiner Zeit im Lager ? als einer der Täter ? zeigt er keine Distanz. Mit der Lagergeschichte fällt die Glanzzeit seines Lebens zusammen. Einen Bruch stellt in seiner Biographie eher die heutige »Demokratie« dar, der er eindeutig die Stalinzeit vorzieht.
Eine dritte Perspektive auf den Alltag der Lagergeschichte ergibt sich aus dem Blickwinkel einer alten Frau, die neben dem Lager aufgewachsen ist und in der Kolchose gearbeitet hat. Sie berichtet von einer nachts hell erleuchteten »Zone«, von Wachhunden und Erschießungen und von dem Tauschhandel, den die Kolchose mit dem Lager machte: Getreide gegen Tabak, Vodka, Eier und Fett. Das Lager produzierte mehr als die angrenzenden Kolchosen und versorgte die ganze Stadt. Nicht das Lager sei an der Stadt gelegen, sondern die Stadt an dem Lager.
Heute werden die Zeuginnen und Zeugen stalinistischer Repression immer seltener, die sichtbaren Zeugnisse verschwinden oder werden vergessen. Auf der anderen Seite lebt die Gefängnis- und Lagertradition weiter und hat auch den Systemwechsel überlebt. Am selben Ort, wo der größte Teil des Siblag 1961 geschlossen wurde, stehen immer noch Gefängnisse, spricht man von der »Zone«. Hierhin werden aus ganz Rußland Verurteilte transportiert. Jeder Häftling muß vollständig für seinen Unterhalt aufkommen, der Staat gibt im Monat nur eine halbe Kopeke, ungefähr einen halben Pfennig, für Nahrung, Kleidung und medizinische Versorgung eines Inhaftierten aus. Die Fabriken oder der Wohnungsbau, in denen sich die Gefangenen früher ihren Lebensunterhalt verdient haben, stehen großteils still. Die Häftlinge beschäftigen sich daher mit demselben, mit dem sich auch die übrige Bevölkerung Rußlands über Wasser hält: mit Landwirtschaft und Handel, allerdings in diesem Fall von Drogen aller Art sowie von Gold und Silber. Die Wachen bessern sich als Zwischenhändler ihren mageren Lohn auf.
Die Gräber der gestorbenen Häftlinge, direkt am Rand des Friedhofs aufgestellt, vergegenwärtigen, wie wenig sich der Umgang des Staates mit den Verurteilten gewandelt hat: Ein schief im Boden steckender Pfahl mit der Nummer »des Falles« auf einer Aluminiumplatte ist alles, was an die Toten erinnert.



Julia Landau ist Historikerin mit dem Schwerpunkt Osteuropa.