Volltext

(Artikel * 1997) Wolter,Udo
Kampf der Kulturen?
in Blätter des iz3w Nr. 224 * Seite 7
Themen: Kommentar; Identität; Befreiungsbewegung; Militär; Kulturelle; Naher Osten; Türkei; Kurdistan * Dok-Nr: 64170
Standorte: A3W Osnabrück; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; 3WF Hannover; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Kommentar

Türkei

Kampf der Kulturen?

von Udo Wolter

Samuel Huntington hat einmal zum Selbstverständnis der Türkei als »Brücke zwischen islamischer Welt und dem Westen« bemerkt, daß Brücken künstliche Gebilde seien, die leicht einstürzen können. Der Ideologe des angeblich unvermeidlichen »Clash of Civilisations«, auf deutsch typischerweise mit »Kampf der Kulturen« übersetzt, könnte sein Weltbild derzeit bestätigt sehen. Die Tage der »türkisch-islamischen Synthese«, einer von den Militärs im Nationalen Sicherheitsrat (NSR) geförderte Verbindung von rechtskemalistischem Nationalismus und kontrollierter Re-Islamisierung, scheinen vorerst gezählt zu sein.
Der in einem der üblichen »Briefings« (dt. Befehlsempfang) von den Militärs im NSR erzwungene Sturz Erbakans, das Ausbooten der islamischen Imam-Hatip-Gymnasien durch die Verlängerung der staatlichen Schulpflicht auf acht Jahre, »Säuberungen« gegen Islamisten im Offizierskorps oder gar ein Verbotsantrag gegen Erbakans Refah-Partei werfen die Frage auf, ob sich die kemalistischen Militärs auf ihre westlich-laizistischen Tugenden besonnen haben und zum Kulturkampf gegen den Islamismus blasen. So ähnlich sehen es offenbar auch einige antideutsche Linke wie Justus Wertmüller, der in antiislamischem Eifer den kalten Putsch der Generäle gleich als »Hoffnung für Kommunisten und Sozialdemokraten, selbstbewußte Frauen und Atheisten, religiöse Minderheiten und Intellektuelle« bezeichnet hat. Ähnlich wie in anderen Konflikten seit dem Ende der Blockkonfrontation ist diese vorschnelle und zwanghafte Parteinahme durch Linke fragwürdig.
Gegen jede Parteinahme spricht nicht nur die Tatsache, daß dieselben Militärs weiterhin an ihrer Kriegspolitik im Kurdistankonflikt kleben und parallel zu ihrem antiislamistischen Halali eine weitere, alle bisherigen übertreffende Invasion im Nordirak gegen die PKK und die kurdische Zivilbevölkerung durchführten. Der »Kulturkampf« der Generäle ist eher ein Schaukampf, der auch von der in der Person Çillers verkörperten Verstrickung des Sicherheitsapparates mit Drogenmafia, Konterguerilla und Politik ablenken soll. Hinter all diesen Erscheinungen zeichnet sich die tiefe Krise des nationalstaatlichen Projektes Kemalismus in der modernen Türkei ab. Angesichts dessen politischen Legitimationsverlustes beantworten die militärpolitischen Eliten panisch jede unkontrollierte gesellschaftliche Entwicklung mit Repression.
Erst wurde gegen die Linke und ab Mitte der achtziger Jahre gegen die kurdische Bewegung die Re-Islamisierung betrieben und neben dem Personal der islamischen Reaktion auch das des Faschisten Alparslan Türkes in den Sicherheits- und Staatsapparat geschleust. Als Ergebnis zeigte sich ein zunehmender Zerfall des Staates in Bandenstrukturen und der Vormarsch der sich zunehmend staatlicher Kontrolle entziehenden Islamisten. Gegen diese wird jetzt wieder die staatsautoritäre Karte gezogen, während der Knoten Konterguerilla ? Mafia ? Staat unbehelligt bleibt, da hier ja der Militärstaat gegen sich selbst vorgehen müßte. Der agressive Nationalismus der Rechtsextremen hat seine Rolle für die herrschenden Eliten noch lange nicht ausgespielt. Die inszenierten Scharmützel und militärischen Drohgebärden in der Ägäis und auf Zypern zeigen dies ebenso wie der exzessiv nationalistische Diskurs der staatsoffiziellen Medien.
Zwischen den bröckelnden Fundamenten des kemalistischen Narrativs der türkischen Moderne sprießen neu-alte Identitäten auch jenseits aller machtpolitischen Einflußnahme. Die entfremdenden Auswirkungen der forcierten warenkapitalistischen Vergesellschaftung im Zeichen von Globalisierung und Neoliberalismus befördern identitäre Sehnsüchte nach Aufgehobensein in den imaginierten ethnisch-kulturellen und religiösen Gemeinschaften des Kurdentums, des Alewismus und eben des Islam. Das hat natürlich nicht zuletzt handfeste wirtschaftliche Gründe: Massenverarmung, Migration sowie die Tatsache, daß etwa die Hälfte der Bevölkerung ihr Auskommen im sogenannten Informellen Sektor finden muß. Und genau hier hat die Refah-Partei mit paternalistischer Sozialarbeit die völlig fehlenden sozialen Sicherungssysteme zu ersetzen gesucht und damit ihre Basis in den Armutsvierteln der Geçekondus geschaffen.
Doch der Islamismus in der Türkei ist durchaus kein monolithischer Block. Dem Populismus der Refah stehen islamische Orden wie der Naksibendi gegenüber, die in den rechtskonservativen Parteien wie DYP und ANAP über politischen Einfluß verfügen, oder das islamistische Wirtschaftsimperium des Fetullah Gülen, der sich betont überparteilich darstellt. Schließlich gibt es eine aufgeklärt intellektuelle islamische Strömung, die die Theorien der westlichen Postmodernen ebenso fleißig rezipiert wie die Gesellschafts- und Kulturkritik eines Benjamin oder Adorno. Das macht die islamistische Ideologie der Refah und der Orden jedoch nicht sympathischer und sollte kein Anlaß für Linke sein, ihre materialistische Kritik an religiös inspirierten philosophischen Deutungssystemen als »eurozentrisch« über Bord zu werfen. Genausowenig ist die blinde Freude darüber angebracht, daß die Refah mit ihren Mobilisierungsversuchen zur Abwehr der gegen sie gerichteten Angriffe bisher ziemlich eingebrochen ist und gerade mal halb so viele DemonstrantInnen auf die Straße brachte wie die säkularen Kräfte. Es bedarf eines genauen Blickes, in welchem Verhältnis zum autoritären Militärstaat und seiner kemalistischen Nationalideologie die jeweiligen säkularen Kräfte stehen. Erst daraus läßt sich deren Bedeutung für die Chancen emanzipatorischer Veränderungen in der Türkei beurteilen.
Von einem Kulturkampf zwischen Islamisten und kemalistischen Laizisten, bei dem sich irgendwie auf Seiten der »Guten« Partei nehmen läßt, kann jedenfalls keine Rede sein. Richtiger ist da schon die von Jörn Schulz in der »Kommune« gestellte Frage, ob es »um die Konkurrenz zweier Eliten, um die Kontrolle über die Gesellschaft oder um den Kampf demokratischer Kräfte gegen jede Form des autoritären Zwangsstaates« geht. Und dieser Kampf einer emanzipatorischen gesellschaftlichen Opposition hätte dann natürlich auch etwas mit politischer Kultur zu tun.



Udo Wolter ist Mitarbeiter des iz3w.