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Literatur

Nigeria im Dornröschenschlaf
Ken Saro-Wiwas satirische Romane

von Frank Schulze-Engler


Ken Saro-Wiwa wird hierzulande meist mit dem Kampf der Ogoni gegen Shell und die nigerianische Militärmacht in Verbindung gebracht. Sein literarisches Vermächtnis liegt jedoch weniger in den Zeichen, die er als Umweltpolitiker gesetzt hat, als vielmehr in der Kraft seiner Satire, mit der er die nigerianische Gesellschaft radikal kritisiert hat.

Lange vor der Gründung der Bewegung für das Überleben des Ogoni-Volkes engagierte sich Ken Saro-Wiwa für einen demokratischen Übergangsprozeß in Nigeria. In den meisten seiner früheren Werke wie Sozaboy (1995), Basi and Company (1987), Prisoners of Jebs (1988) und Pita Dumbroks (1991)1 kritisiert er die autoritären Militärmachthaber ebenso wie die korrupten »zivilen« Politiker. Objekte seiner Kritik sind aber auch die Apathie, mit der ein Großteil der Bevölkerung ihr Schicksal einfach hinzunehmen scheint, oder die selbstzerstörerische Raffgier, Dummheit und Borniertheit, die seiner Ansicht nach bei Herrschern und Beherrschten gleichermaßen verbreitet ist. Die populäre, oft humorvolle Art, mit der Saro-Wiwa seine Visionen unter die Leute brachte, trug entscheidend dazu bei, ihm ein großes Publikum zu verschaffen. Dem satirischen Zorn tat sie aber keinen Abbruch. In ihren bittersten Momenten scheinen seine Satiren am Starrsinn der Gesellschaft zu verzweifeln, um sich dann doch wieder ein ums andere Mal der mühevollen Arbeit zu widmen, die Absurditäten einer Gesellschaft offenzulegen, die oft genug den Glauben an sich selbst verloren zu haben scheint.
Die Grundzüge des Werks Saro Wiwas werden bereits in seinem ersten Roman Sozaboy deutlich, der oft als bewegender Antikriegsroman bezeichnet worden ist. Dieser Begriff verdeckt allerdings die bittere Ironie und die Satire, die hinter der scheinbar simplen Struktur der Erzählung und des Protagonisten steckt.

Der »gute Mensch«
Mene, der naive Ich-Erzähler des Romans, meldet sich zu Beginn des nigerianischen Bürgerkriegs begeistert als Freiwilliger zur Armee Biafras. Er überlebt die Schrecken des Krieges und als er »nach Hause« zurückkehrt, wird er als Symbol der ungeliebten Vergangenheit aus der Stadt gejagt. Mene ist ein sorgfältig konstruierter »Simpel« (und deshalb nicht ganz zu Unrecht etwa mit Grimmelshausens Simplicius Simplicissimus verglichen worden2) und wird ? ohne es zu merken ? immer wieder selbst zum Ziel der Satire. Diese richtet sich nicht nur gegen machtbesessene Kriegstreiber, grausame Soldaten und korrupte Kriegsgewinnler, sondern auch gegen die einfachen Leute und »guten Menschen« von Dukana, Saro-Wiwas fiktiver Ogoni-Stadt.
Sozaboy beginnt mit Jubelszenen in Dukana. Die Bevölkerung feiert den Militärputsch, durch den die alte Regierung gestürzt wurde. In dieser Szene schwingen bereits bedrohliche Untertöne mit, deren Bedeutung sich allerdings erst später erschließt: Die bejubelte militärische Gewalt wird in naher Zukunft die völlige Zerstörung der Stadt zur Folge haben. Recht bald tritt indes das tragische Wechselspiel zwischen autoritären Politikern und blinder Autoritätshörigkeit offen zutage. Dem korrupten »Chief« Birabee gelingt es mühelos, die Bevölkerung für den Krieg zu mobilisieren, und die Leute feiern Menes Entscheidung, ein »Sozaboy« zu werden. Militärische Gewalt wird dabei immer wieder als Form sexueller Potenz beschworen: Menes junge Frau Agnes bestärkt ihn darin, seine Männlichkeit als Soldat zu beweisen, und in der Armee wird ihm ein erotisches Verhältnis zu seinem Gewehr eingedrillt: »Lieb? es, respektier? es, halt es immer sauber. (...) Schlaf? mit ihm, wie du mit deiner Frau oder deiner Freundin schläfst« (74).
Vor diesem Hintergrund keineswegs »unschuldiger« Ignoranz oszilliert Menes Schicksal zwischen Satire und Tragödie. Indem er nicht widerspricht und den Werten seiner Gemeinschaft treu bleibt, wird Mene in den Krieg hineingezogen ? einen Krieg, der zur heroischen Verteidigung dieser Gemeinschaft hochstilisiert wird. Der Heroismus bleibt bald auf der Strecke: Korruption und Gewalt in der eigenen Armee erweisen sich letztlich als genauso tödlich wie der mysteriöse »Feind«, und Mene wird schließlich zum Deserteur. Als er nach langem Umherirren die Überlebenden seiner Heimatstadt in einem Flüchtlingslager findet, scheint der einstige Simpel der einzige zu sein, der wirklich etwas aus dem Krieg gelernt hat. Während die hungernden Exil-Dukaner immer noch Chief Birabee und Pastor Barika folgen, entdeckt der ernüchterte »Sozaboy«, daß dieses infernalische Duo mit korrupten Militärbefehlshabern zusammenarbeitet und insgeheim Nahrungsmittel und Luxusgüter hortet. Während Mene gelernt hat, den Führern der Gemeinschaft zu widersprechen und ihre Versprechungen zu hinterfragen, trifft er bei den »guten Leuten« von Dukana nur auf Ablehnung. Als er in seine zerstörte Heimatstadt zurückkehrt, wird er von der Gemeinschaft verstoßen, für die er einst ins Feld gezogen war. Die überlebenden Stadtbewohner samt ihrem Chief und Pastor wollen nichts anderes, als zu ihrem gewohnten Leben zurückkehren und die Vergangenheit verdrängen. Der in den Ruinen Dukanas herumirrende »Sozaboy« verunsichert sie so sehr, daß sie ihn für alle Übel verantwortlich machen und ihn kurzerhand zum bösen Geist erklären. Mene muß aus der Stadt fliehen. Der Roman endet mit Menes bitterem Resümee: Wer Dukana nicht kenne, werde ihm wohl nicht glauben, tatsächlich aber »kann alles in dieser Stadt passieren« (180/ 181).
Die wichtigsten Merkmale der späteren Prosa Saro-Wiwas finden sich so bereits in seinem ersten Roman: radikaler Zorn angesichts der Dummheit, die überall aus Armut und Unterdrückung erwächst. Trotz des bitteren Endes von Sozaboy zeichnet sich aber auch dieser Roman keineswegs durch eine misanthropische Verdammung oder eine arrogante Ablehnung der »kleinen Leute« aus. Vielmehr prägt ihn eine klare Absage an populistische Mythen von den »guten Volksmassen« oder »traditionsverbundenen Gemeinschaften« als Quellen politischer Weisheit und Erneuerung.

Literatur mit dem Vorschlaghammer
In seiner Aufsatzsammlung Similia hat Saro-Wiwa einige der politischen Prinzipien benannt, die seine schriftstellerische Arbeit geprägt haben. Seinen polemischen Stil begründete er damit, daß es ihm darum ginge, einen »schlafenden Elefanten« zu wecken, dem man mit Nadelstichen nicht beikommen könne. »Bereits seit seiner Geburt liegt Nigeria in majestätischem Schlaf. So tief schläft es, daß Fliegen, Ameisen, Maden und sonstige Sendboten der Zersetzung längst annehmen, daß es bereits tot ist oder zumindest im Sterben liegt.« In dieser Situation müßten kritische Autoren notwendigerweise »mit dem Vorschlaghammer« arbeiten.3
Saro-Wiwa ließ keinen Zweifel daran, daß dieser »literarische Vorschlaghammer« in allen Bereichen der Gesellschaft zum Einsatz kommen müsse, um einer »neuen Barbarei« entgegenzuwirken, die er in Schulen, Universitäten und Regierungsbehörden ebenso am Werke sah wie in den einzelnen Familien, und für die er den Begriff der »Betrugs-Kultur« (»Culture of Cheating«) prägte.4 Jahre später, in der Zusammenfassung seiner Verteidigungsrede vor dem Gericht, das ihn schließlich zum Tode verurteilen sollte, vertrat Saro-Wiwa dieselbe Ansicht: »Solange wir das Unnormale hinnehmen und doppelte Standards akzeptieren, solange wir offen lügen und betrügen, solange wir Unrecht und Unterdrückung verteidigen, entleeren wir unsere Klassenzimmer, degradieren unsere Krankenhäuser, füllen unsere Mägen mit Hunger und entscheiden unsgleichzeitig dafür, zu Sklaven derjenigen zu werden, die sich an hohen Standards orientieren, der Wahrheit nachstreben und Gerechtigkeit, Freiheit und harte Arbeit honorieren.«5

Saro-Wiwa sah seine literarischen Aktivitäten stets im Kontext der Politik der Zivilgesellschaft und des demokratischen Übergangsprozesses.6 Da sich dieses Politikverständnis deutlich vom Entkolonisierungsdiskurs unterscheidet, der in den vergangenen Jahrzehnten die Rezeption afrikanischer Literatur maßgeblich beeinflußt hat, sollen an dieser Stelle einige Charakteristika dieser Politik umrissen werden.
Im Zentrum des demokratischen Übergangsprozesses steht ein radikaler Bruch mit einer von Issa G. Shivji als »Developmentalism« bezeichneten Denkrichtung, der zufolge Politik einen, angesichts der Notwendigkeit rascher Entwicklung im nachkolonialen Afrika unnötigen, Luxus darstellt.7 Für die erfolgreichen antikolonialen Bewegungen, die mit der Unabhängigkeit den autoritär geführten kolonialen Staatsapparat erbten, war Politik oftmals mit staatlichem Handeln deckungsgleich. Nationalistische Ideologien hatten regelmäßig die Einheit des Volkes beschworen, die nach der Unabhängigkeit im Zeichen des »Nation-Building« rasch in politische Formen wie Einparteienstaaten oder Militärdiktaturen gegossen wurde; unterschiedliche soziale, kulturelle oder geschlechtsspezifische Interessen wurden so zugunsten ideologisch homogener Nationalstaatskonzeptionen delegitimiert.8 In der Folge entstand ein »staatszentriertes« Politikverständnis, in dem das Verhältnis von Staat und Gesellschaft streng hierarchisch begriffen wurde.9

Blockierte Entwicklung
Der »Developmentalism« hatte so nicht nur die Herausbildung undemokratischer politischer Systeme zur Folge, die sich oft durch massive Menschenrechtsverletzungen auszeichneten, sondern blockierte auch eben jene Entwicklungsprozesse, die er eigentlich fördern sollte. Der Mangel an demokratischen Partizipationsmöglichkeiten und Kontrollinstanzen schlug so direkt auf die ökonomische Entwicklung zurück.10 Damit stellen der Ausbau von Partizipationsmöglichkeiten und eine »Repolitisierung« der Gesellschaft ein wesentliches Element zur Überwindung der sozialen und ökonomischen Stagnation dar, von der gegenwärtig so viele afrikanische Gesellschaften gezeichnet sind.11
Die Rolle der Intellektuellen bei der Konzeptionalisierung und praktischen Herausbildung zivilgesellschaftlicher Strukturen ist oft eher pessimistisch beurteilt worden. So bleiben z.B. Jean-Francois Bayart zufolge auch »oppositionelle« afrikanische Intellektuelle meist einem staatszentrierten Denken verhaftet, das sie kaum in die Lage versetzt, »die epistemische Kluft zwischen Staat und Zivilgesellschaft« zu überwinden.12
Wie immer man die generelle Plausibilität dieses Arguments beurteilen mag, trifft es jedenfalls kaum auf einen Schriftsteller wie Saro-Wiwa zu, der sich unablässig in die »Politik der Zivilgesellschaft« einmischte und in seinen Essays und literarischen Werken gegen das »staatszentrierte Denken« und die hierdurch ausgelösten politischen, sozialen und kulturellen Deformationen zu Felde zog. Diese politische Stoßrichtung, die bereits in Sozaboy eine wichtige Rolle gespielt hatte, kam in seinen späteren Werken noch deutlicher zum Ausdruck.
Dies trifft insbesondere auf Basi and Company zu, obwohl die satirischen Episoden über »Mr. B.« und seine Freunde, die sich in Lagos durchs Leben schwindeln, zunächst vor allem durch ihren Humor und ihre Situationskomik bestechen. Tatsächlich beschäftigen sich aber zahlreiche Passagen dieses »Modern African Folktale« mit politischen Themen wie der Manipulation von Wahlergebnissen, die Absurditäten der Parteienpolitik und dem Mißbrauch politischer Macht. Im Mittelpunkt der Satire steht die Vorherrschaft von Normen und sozialen Verhaltensweisen in der nigerianischen Gesellschaft, die wirkliche Entwicklung blockiert und autoritäre Strukturen fördert. So liegt der Skandal an den windigen Geschäften der Protagonisten nicht daran, daß sie haarscharf am Erfolg vorbeigehen, sondern daß sie sich scheinbar völlig im Einklang mit dem in der Gesellschaft vorherrschenden Wertesystem befinden. Damit wird in Basi and Company eine bizarre Dialektik zwischen Herrschenden und Beherrschten sichtbar. Erstere sind nicht einfach gewalttätige Schurken, sondern als solche Symptome einer generellen gesellschaftlichen Misere, die sie ? gemeinsam mit den Beherrschten ? unablässig reproduzieren.
Ähnliches zeigt sich auch in Prisoners of Jebs, ein Gefängnisroman der etwas anderen Art, in dessen Mittelpunkt eine imaginäre Gefängnisinsel steht, die von der Organisation für Afrikanische Einheit (OAU) eingerichtet wurde, um politische Gefangene aus ganz Afrika sicher zu verwahren. Da Nigeria einen Großteil der Gefangenen stellt, wird das Gefängnis bald zu einem grotesken Zerrbild der nigerianischen Gesellschaft. Die dreiundfünfzig Episoden, aus denen sich Prisoners zusammensetzt, wurden ursprünglich in einer wöchentlichen Kolumne der nigerianischen Zeitung Vanguard veröffentlicht und stecken deshalb auch voller Anspielungen auf die zeitgenössische afrikanische (und insbesondere nigerianische) Politik.
Die absurde Welt des Gefängnisses von Jebs, dem ein ebenso ambitionierter wie korrupter Direktor vorsteht und das von einer Vielfalt aller möglichen kriminellen und anderen Insassen bevölkert wird, bildet einen hervorragenden Resonzanzboden für Saro-Wiwas satirische Kritik. Eines der Hauptthemen Prisoners of Jebs ist das Unterschlagen öffentlicher Gelder. Das hochgelobte und hochdotierte Prestige-Projekt ist schon bald finanziell angeschlagen, weil der Direktor große Geldmengen aus der Gefängniskasse entnimmt und in seinem Garten, in der Decke seines Schlafzimmers und in seiner Matratze versteckt, während seine Untergebenen ebenso gewaltige Summen mit Hilfe erfundener »öffentlicher Aufträge« auf die Seite bringen. Als der Schwindel schließlich auffliegt, erklärt der Direktor in einer denkwürdigen Rede vor den Gefangenen, daß ihm die Hände gebunden seien. In Nigeria sei es üblich, daß sich Millionenbeträge in Luft auflösten, und da die Schuldigen alle Nigerianer seien, könne man sie nicht zur Rechenschaft ziehen.

Justiz des Känguruhs
Ein weiteres Objekt der Kritik ist die systematische Aushöhlung rechtsstaatlicher Strukturen und die Perversion des Gerichtswesens. Prisoners of Jebs ist voller Anspielungen auf zeitgenössische Justizskandale, in die hochgestellte Militärs, Geschäftsleute, Richter und Juristen verstrickt waren. Der Mißbrauch des Rechtssystems wird in der Figur des »Känguruhs Jeromi« symbolisiert, das aus der südlichen Hemisphäre importiert wird, um zunächst in Nigeria und später auch in Jebs seine Form der Rechtspflege durchzusetzen. Als Saro-Wiwa die Angst der Gefangenen vor der »Känguruh-Justiz« schildert, der er selbst einige Jahre später zum Opfer fallen sollte, weicht der leichte, spöttische Ton einer ernsteren Simmung: »Sie hatten Angst vor dem Känguruh. Denn es hatte nicht nur Macht über einzelne Menschen, sondern war auch der Schrecken des Sozialgefüges einzelner Nationen, weil die Gesellschaft auf der Annahme beruht, daß es Recht und Unrecht gibt und die Unterscheidung klar und unmißverständlich ist. Wenn aber ein Känguruh dafür sorgt, daß Recht zu Unrecht wird und umgekehrt, erntet die Nation Aufruhr.«
Aufs Korn genommen werden auch die Ineffizienz des Staatsapparates und der Armee, versinnbildlicht durch eine Gruppe hochrangiger Generäle, die sofort nach ihrem Eintreffen in Jebs in Tiefschlaf verfällt. Oder die Hegemonieansprüche der drei größten ethnischen Gruppen in Nigeria, die in Jebs als »Wazobians« auftreten und durch ihre Machtkämpfe allen den Spaß am großen Gefängnis-Fußballturnier verderben. Saro-Wiwa thematisiert auch seine eigene Rolle als Schriftsteller, indem er sich selbst in den Text hineinschreibt. Dem Gefängnisdirektor wird zugetragen, daß er von einem gewissen Ken Saro-Wiwa beobachtet wird, der sich als Satiriker bereits in Nigeria unbeliebt gemacht hat.
Im weiteren Verlauf der Geschichte gibt es immer mehr Gründe für schlaflose Nächte. Zwar ist Jebs arm dran, doch Nigeria steht noch schlechter da, und so spitzen sich die Rivalitäten zwischen beiden zu. Viele Nigerianer sind der Ansicht, ihnen gehe es schlechter als im Gefängnis und pilgern deshalb zum Direktor, um nach Jebs eingeliefert zu werden. Während die bankrotte nigerianische Regierung erfolglos versucht, das Land entweder an ITT oder an Großbritannien zu verscherbeln, möchte der machtbesessene Direktor von Jebs eine eigene Republik gründen. Er bereitet die Eroberung Nigerias vor, läßt schließlich aber davon ab, da er nicht weiß, was er mit dem Land anfangen soll. Schließlich entscheidet die nigerianische Militärregierung, die Gefängnisinsel zu zerstören und schickt den Literaturnobelpreisträger Wole Soyinka nach Stockholm, um das nötige Dynamit zu besorgen. Doch Jebs versenkt sich vorher selbst.

Die Insel der Faulheit
Drei Jahre später tauchte das Gefängnis von Jebs in Pita Dumbrok?s Prison wieder aus den Meeresfluten auf. Die eindrucksvollsten satirischen Passagen finden sich am Ende dieses Romans, als zwei junge Journalisten auf ihrer Suche nach Jebs sieben Inseln entdecken, die alle öffentlichen und privaten Übel versinnbildlichen, gegen die Saro-Wiwa unermüdlich anschrieb.
Die erste, die Insel der Faulheit, ist äußerst fruchtbar und voller Orangenbäume, wird aber von armseligen, hungernden Bettlern bewohnt, die von den überall verfügbaren Orangen nur dann essen, wenn vorbeikommende Fremde diese pflücken, schälen und sie ihnen in den Mund stecken. Die zweite, die Insel der Glückseligkeit, wird von Menschen bewohnt, die den ganzen Tag nur tanzen, trinken und sich der Liebe hingeben, deren Häuser jedoch über ihnen zusammenfallen und von stinkenden Kloaken umgeben sind. Die dritte Insel wird von Bürgerkriegen heimgesucht, seit Fremde verschiedene Religionen ins Land brachten, während auf der vierten die Unehrlichkeit herrscht und alle ehrlichen Menschen sofort verhaftet werden. Auf der fünften Insel treffen die Journalisten auf dünne Männer, die fette Herren auf ihren Armen tragen, die ihre Herrschaft mit Hilfe von ohrenbetäubendem Gelächter aufrecht erhalten. Auf der sechsten werden sie vom einzigen des Lesens und Schreibens mächtigen Bewohner begrüßt, der einsam und verlassen lebt, da alle anderen stolz darauf sind, Analphabeten zu sein. Die Bewohner der siebten und letzten Insel schließlich haben sich ganz der monetären Gottheit Moolah verschrieben und verbringen ihre Tage mit der Jagd nach Geld.

Vom Kritiker zum Populisten?
Blickt man auf die satirischen Werke Saro-Wiwas zurück, scheint deren gemeinsamer Nenner vor allem in einer beharrlichen, alle Bereiche der Gesellschaft umfassenden »zivilen Kritik« zu liegen, an der Saro-Wiwa unerschrocken festhielt. Aufgrund der intensiven Einbindung in den Kampf der Ogoni hat er während seiner letzten Lebensjahre jedoch seine Ansichten zur Rolle der Literatur in der Gesellschaft geändert. Ein Hinweis hierauf findet sich in einigen Passagen von A Month and a Day 13, seinem posthum veröffentlichten Gefängnistagebuch, in dem er stärker auf die unmittelbare Einbindung von Schriftstellern in politische Massenbewegungen abhebt. Er spricht dort von einer »interventionistischen Rolle« von Schriftstellern, die »direkt mit dem Volk in Kontakt treten« und sich stärker »auf die Kraft der oralen Tradition besinnen sollten (81)«.
Diese doch etwas populistischen Formulierungen zum »Interventionismus« von Schriftstellern erzeugen jedoch ein gewisses Spannungsfeld zu seiner früheren literarischen Praxis. Saro-Wiwa selbst scheint diese Spannung durchaus gespürt zu haben, da er im Anschluß an die oben zitierten Äußerungen vom Aufgehen der Literatur in politischen Massenbewegungen selbstkritisch auf die »Authentizität« von Literatur verweist, die im direkten politischen Kampf korrumpiert werden könne, und von einem »notwendigen Ringen« spricht, das sich aus diesem Spannungsverhältnis ergibt (81).
Aufgrund der enormen Vielseitigkeit und Kreativität, die Saro-Wiwa in seinen früheren Werken an den Tag legte, hätten nicht nur Literaturkritiker auf das Resultat dieses Ringens in seiner künftigen schriftstellerischen Arbeit gespannt sein können. Der feige Justizmord, dem er selbst und acht seiner Mitstreiter im November 1995 zum Opfer fielen, beendete jedoch nicht nur eine brilliante politische, sondern auch eine nicht minder brilliante literarische Karriere.
Das Vermächtnis der satirischen Werke Saro-Wiwas liegt in der Einsicht, daß es im Rahmen des demokratischen Übergangsprozesses grundlegende soziale, politische und kulturelle Deformationen der nigerianischen Gesellschaft in Angriff zu nehmen gilt, die nicht einfach nur den gegenwärtigen Militärmachthabern angelastet werden können. Diese sind selbst eher Symptome als Verursacher dieser Deformationen. Es kann kaum Zweifel daran bestehen, daß es nur Hoffnung für Nigeria gibt, wenn die amtierende mörderische Junta abtritt. Dann allerdings wird es darauf ankommen, eine noch größere Herausforderung zu bewältigen, die langwierige, mühevolle Aufgabe des zivilen Wiederaufbaus der politischen Kultur.
Der demokratische Übergangsprozeß hat erst dann eine Chance, wenn aus den Volksmassen Menschen werden, die willens und in der Lage sind, ihre Wahl zu treffen, Kritik zu äußern und ihre Geschicke selbst zu bestimmen. Dieser Chance ? die nach bitter enttäuschten Hoffnungen wieder in weite Ferne gerückt zu sein scheint ? hat Ken Saro-Wiwa seine satirischen Werke gewidmet.

Anmerkungen:

1 Alle vier Werke erschienen in Saro-Wiwas eigenem Verlag ?Saros International? in Port Harcourt.

2 Vgl. Willfried F. Feuser, »The Voice from Dukana: Ken Saro-Wiwa«, Matatu 10 [Contemporary Nigerian Literature, ed. Willfried F. Feuser], 1987: 52-66.

3 Ken Saro-Wiwa, »A Cannibal Rage«, in: Similia: Essays on Anomic Nigeria (Port Harcourt: Saros International, 1992): 166/167.

4 Vgl. ibid.: 167.

5 [Zusammenfassung der 40-seitigen Verteidigungsrede Saro-Wiwas], P.E.N. International 46.2 (1995): 109-10.

6 Zum Verhältnis von Literatur und der Politik der Zivilgesellschaft in Afrika vgl. z.B. Paul Tiyambe Zeleza, »The Democratic Transition in Africa and the Anglophone Writer«, Canadian Journal of African Studies / Revue Canadienne des Études Africaines 28.3 (1994): 472-97 und Frank Schulze-Engler, »Literature and Civil Society in South Africa«, in: Jürgen Klein und Dirk Vanderbeke (Hg.), Anglistentag 1995 Greifswald: Proceedings (Tübingen: Niemeyer, 1996): 391-405.

7 Vgl. Issa G. Shivji (ed.), The State and the Working People in Tanzania (Dakar: Codesria, 1985): 1-2.

8 Vgl. Zeleza, »The Democratic Transition in Africa and the Anglophone Writer«: 479.

9 Vgl. Frank A. Kunz, »Liberalization in Africa ? Some Preliminary Reflections«, African Affairs 90 (1991): 223-235.

10 Vgl. Peter Anyang? Nyong?o, »Introduction«, in: P. Anyang? Nyong?o (ed.), Popular Struggles for Democracy in Africa (London: United Nations University/Zed Books, 1987): 19.

11 Vgl. z.B. Jean-François Bayart, »Civil Society in Africa«, in: Patrick Chabal (ed.), Political Domination in Africa: Reflections on the Limits of Power (Cambridge: Cambridge Univ. Press, 1986): 109-125; Michael Bratton, »Beyond the State: Civil Society and Associational Life in Africa«, World Politics 41.3 (1989): 407-30; Patrick Chabal, Power in Africa: An Essay in Political Interpretation (New York: St Martin?s Press, 1992), Larry Diamond, »Introduction: Roots of Failure, Seeds of Hope«, in: Larry Diamond, Juan J. Linz und Seymour Martin Lipset (eds.), Democracy in Developing Countries, Volume Two: Africa (Boulder & London: Lynne Rienner Publ., 1988): 1-32; Robert Fatton, Jr., »Liberal Democracy in Africa«, Political Science Quarterly 105.3 (1990): 455-73, sowie Predatory Rule: State and Civil Society in Africa (Boulder & London: Lynne Rienner Publ., 1992); Julius E. Nyang?oro, »Reform Politics and the Democratization Process in Africa«, African Studies Review 37.1 (1994): 133-49; Eghosa Osaghae (ed.) Between State and Civil Society in Africa (Dakar: Codesria, 1994), Donald Rothchild und Naomi Chazan (eds.), The Precarious Balance: State and Society in Africa (Boulder: Westview Press, 1988).

12 Vgl. Bayart, »Civil Society in Africa«: 120.

13 Ken Saro-Wiwa, A Month and a Day: A Detention Diary, introd. William Boyd (London: Penguin, 1995), dt. Flammende Hölle, rowohlt 1996