Volltext

(Artikel * 1998) Kunczik, Michael / Zipfel, Astrid
Giganten in der guten Stube - Die Globalisierung des Medeinmarktes Medienkonzerne in Lateinamerika: Globo und Televisa
in Blätter des iz3w Nr. 228 * Seite 22
Themen: Wachstum; Dominanzkultur; Massenmedien; TV; Ökonomie; Militär; Kommunikation; USA; Unternehmen; Brasilien; Mexico; Multis; Weltinformationsordnung; Lateinamerika International; Di; Schwerpunktheft Medien * Dok-Nr: 49366
Standorte: A3W Osnabrück; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; 3WF Hannover; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Medienwelten

Giganten in der guten Stube
Die Globalisierung des Medienmarktes


von Michael Kunczik und Astrid Zipfel


I. Rupert Murdochs News Corporation

Die Geschichte der News Corp. ist im Mediensektor ohne Beispiel. Begann Murdoch 1953 in Australien mit zwei Zeitungen, so erreicht sein Unternehmen heute bald 75% der Menschheit. Die globale Expansion des Konzerns ist durch eine Strategie gekennzeichnet, die auf marktbeherrschende Positionen und sich gegenseitig verstärkende Effekte in der Tagespresse, im Druckgewerbe, in Buchverlagen und nicht zuletzt bei Fernsehstationen setzt.

Die News Corp. ist zu 28% in der Hand von Rupert Murdochs Familie und wird von ihm persönlich kontrolliert. Nachdem er bereits in Australien seine beiden ersten Zeitungen in Blätter mit den Hauptthemen »Sex, Crime and Human Interest« umgewandelt hatte, begann er auch in Großbritannien mit Boulevardblättern. Mittels eines bis dahin unbekannten aggressiven Marketings, kostenlosen Verteilungen und Preissenkungen eroberte Murdoch bis heute mit Blättern wie News of the World und Sun fast 40% des britischen Zeitungsmarktes.
Ein wesentlicher Faktor für Murdochs Erfolge war sein gutes Verhältnis zu Margaret Thatcher. Schon im Wahlkampf 1979 wurde sie von seinen Zeitungen unterstützt. Eine ihrer Gegenleistungen bestand darin, daß sie Murdoch die aufgrund der Monopolgesetze schwierige Übernahme der Times ermöglichte. Thatcher und Murdoch arbeiteten zudem zusammen, als es darum ging, die Macht der Gewerkschaften einzudämmen. War es die Murdoch-Presse, die während der Bergarbeiter-Streiks die Gewerkschaften als »rote Gefahr« aufbaute, so unterstützte Thatcher Murdoch, als er 1986 erfolgreich versuchte, die Drucker- und Setzergewerkschaften aus seinem Zeitungsunternehmen zu verdrängen.

Mike bringt Millionen
Thatchers Unterstützung war ferner entscheidend für Murdochs Einstieg ins britische Fernsehgeschäft. Ausnahmeregelungen, die bestehende Gesetze zur Verhinderung von Monopolbildungen im Medienbereich umgingen, ermöglichten es Murdoch, 1983 mit Sky TV ins britische Satellitenfernsehen einzusteigen und 1990 mit einem Konkurrenten zu BSkyB zu fusionieren. Heute ist BSkyB ein erfolgreicher Pay-TV-Sender, dessen Abonnentenzahl ständig zunimmt und inzwischen bei knapp 6,4 Millionen liegt.
Renner im BSkyB-Programm ist der Sport. Im März 1996 zahlten ca. 650.000 britische Haushalte rund 15 Millionen DM, um am Sonntagmorgen um 5.00 Uhr den Boxkampf Mike Tyson gegen Frank Bruno zu sehen. Die Premier League (die engl. Bundesliga) hat für die Übertragungsrechte für 4 Jahre 670 Millionen Pfund erhalten (wobei die Rechte doppelt soviel wert sein sollen). Auch die Rugby-Liga hat die Senderechte an Murdoch verkauft. Eine zentrale Bedingung des Vertrags verlangt, daß die Saison vom Winter in den für das Fernsehen attraktiveren Sommer verlegt wird, und eine Geheimklausel legt fest, daß Spieler-Transfers nur noch mit Zustimmung der News Corp. durchgeführt werden dürfen.
In letzter Zeit engagiert sich Murdoch insbesondere im digitalen Fernsehgeschäft. Er hat den ersten digitalen Decoder in Großbritannien auf den Markt gebracht. Anfängliche Subventionierung soll den Absatz ankurbeln, um dann im Laufe des Jahres die ca. 200 digitalen Satellitenkanäle, darunter auch Dienste wie Telebanking und Homeshopping, zu starten. Murdoch hat auch versucht, ins deutsche Digitalfernsehen einzusteigen. Eine Vereinbarung mit Bertelsmann, Havas und Canal plus wurde von Murdoch jedoch ebenso wieder aufgekündigt wie jüngst ein Übereinkommen mit Leo Kirch über den Einstieg in DF1.
Auch in den USA begann Murdochs Engagement auf dem Zeitungsmarkt. In seinem Besitz befinden sich zudem Verlage und die größte amerikanische Programmzeitschrift TV Guide, die wiederum für Murdochs Fernseh- und Filmproduktionen wirbt. 1985 wurde er amerikanischer Staatsbürger und erwarb die erste Fernsehkette. Fox TV soll mit einem unkonventionellen Programm insbesondere die Altersgruppe zwischen 18 und 49 ansprechen. Dazu schuf Fox das Reality-TV mit Sendungen wie Cops, in der die Polizei bei realen Einsätzen begleitet wird. Politik spielt eine Nebenrolle und ist dem Sport weit untergeordnet. So verfügt das Fox-Network über die Übertragungsrechte der amerikanischen National Football League, die für 1,6 Milliarden US$ gekauft wurden. 1997 brachte die Übertragung der Spiele um die sogenannte ?Super Bowl? Fox die vierthöchsten Einschaltquoten in der Geschichte des US-Fernsehens ein. Neben solchen nationalen Großereignissen wird das Fox Sports Net zunehmend auch im Bereich der lokalen Sportübertragung aktiv.
1985 erwarb Murdoch 50% von 20th Century Fox und verfügt so über ein Filmarchiv von ca. 2.000 Filmen ? darunter so große Erfolge wie Independence Day und die Neuedition der Star Wars-Trilogie. Erfolgreiche Kino- und Fernsehproduktionen werden durch andere Abteilungen von Fox z.B. als Videos und Videospiele weiter vermarktet. Auch in den USA pflegt Murdoch den Kontakt zu einflußreichen Personen. Er veröffentlichte Newt Gingrichs Autobiographie und unterstützte den Wahlkampf des New Yorker Bürgermeisters Rudolph Giuliani, der sich im Gegenzug für Murdoch einsetzte, als sich New Yorks größter Kabelnetzbetreiber weigerte, Fox News in sein Netz einzuspeisen.

Pferderennen statt Menschenrechte
Ein Hauptschwerpunkt von Murdochs Aktivitäten ist der wachstumsintensive asiatische Fernsehmarkt. Dort ist Murdoch insbesondere mit STAR TV tätig, das potentiell von ca. zwei Dritteln der Menschheit empfangen werden kann. Die im Geschäftsbericht 1997 genannten Hauptzielmärkte sind China, Indien, Taiwan, Japan, der Mittlere Osten und Indonesien. Dabei setzt Murdoch auf Sprachraum- und Kulturbezug seines Programms sowie auf die Kooperation mit nationalen Partnern, da er erkannt hat, daß global verbreitete Programme im westlichen Stil und in englischer Sprache in Asien keinen Erfolg haben. Danach richtet sich auch das Sportprogramm: Für China gibt es Gymnastik, Fußball und Pferderennen, in Indien hat sich Murdoch die Cricket-Rechte gesichert.
Beim Programmangebot setzt Murdoch v.a. auf Unterhaltung, um auch von den nicht-demokratischen Regierungen im Sendebereich nicht als systembedrohend betrachtet zu werden. Dadurch sollen sich Restriktionen gegen die Verbreitung von Star TV, z.B. Verbote von Satellitenschüsseln, lockern. Während Murdoch noch 1993 erklärt hatte, daß Satellitenfernsehen ein Feind des Totalitarismus sei, weil dadurch staatlich kontrolliertes Fernsehen umgangen werden könne, gab er ein Jahr später dem chinesischen Druck nach und entfernte BBC?s World Service Television aus dem Programm, weil es kritisch über China berichtet hatte. Mittlerweile hat Murdoch Dengs Biographie veröffentlicht; in Joint Ventures mit chinesischen Medienorganisationen werden chinesischsprachige Web-Sites (»China-Byte«) und Unterhaltungskanäle produziert. Da Star bisher nur einen Bruchteil der chinesischen Fernsehhaushalte erreicht, beginnt auch eine vorsichtige Kooperation mit Chinas einzigem nationalen Sendeveranstalter. Angesichts potentieller hoher Umsätze aus der Fernsehwerbung wäre das Eindringen in diesen Markt geeignet, Star TV zu sanieren, das 1996 nach Schätzungen von Murdoch 100 Mio. US$ Verlust gemacht hat. In diesem Zusammenhang steht wohl auch, daß im Februar aufgrund persönlicher Intervention von Murdoch ein Vertrag zwischen dem zu seinem Konzern zählenden renommierten britischen Verlag ?Harper Collins? und Chris Patten, dem letzten britischen Gouverneur von Hongkong, wieder gekündigt wurde. Patten arbeitete an einem Buch, in dem er sich kritisch mit der chinesischen Regierung und ihrer Menschenrechtspolitik auseinandersetzt.
Der lateinamerikanische und der asiatische Markt werden in Zukunft wesentliche Zielmärkte von News Corp. darstellen. Sport wird auch künftig im Mittelpunkt stehen. Neben seiner Popularität hat der Sport den Vorteil, daß auch in Staaten, in denen Zensur herrscht, kaum Probleme auftreten. Zudem betrachtet Murdoch den Sport als »Türöffner«, um die Märkte seiner Pay-TV-Dienste weiter zu vergrößern. Ein weiterer wichtiger Faktor für Murdochs Erfolg ist das frühzeitige Engagement in neuen Technologien. Zu diesem Zweck wurde jüngst die News Technology Group gebildet. Neben dem Erscheinen diverser Zeitungen und Sender im Internet sowie dem erwähnten »China-Byte« betreibt Murdoch außerdem eine große Internet-Anzeigen-Datenbank in Australien und plant einen Internet-Dienst für Großbritannien.
Murdochs News Corp. ist der Medienkonzern mit der weltweit größten Reichweite. Seinen globalen Anspruch umschreibt Rupert Murdoch so: »We want to put our programming everywhere and distribute everybody?s product around the world.« Allerdings hat er auch die Grenzen der Globalisierungsstrategie erkannt. Zum einen differenziert er in globale (Fernsehen, Film, Buch) und regionale Medien (Zeitungen, Magazine). Zum anderen werden zunehmend die jeweiligen kulturellen Besonderheiten eines Marktes berücksichtigt, insbesondere in Asien und Lateinamerika. Murdoch ist offensichtlich zu der Erkenntnis gelangt, daß Globalisierung auch im Medienbereich ohne ein gewisses Maß an Provinzialisierung nicht zum Erfolg führt.


II. Medienkonzerne in Lateinamerika: Globo und Televisa

Medienkonzerne aus dem Süden finden bisher kaum Beachtung. Dabei lassen sich die Umsätze einiger von ihnen mittlerweile mit nordamerikanischen und europäischen Unternehmen vergleichen. Herausragend sind hier der brasilianische Globo-Konzern und die Grupo Televisa S.A. aus Mexiko. Basis ihres Erfolgs ist neben guter Zusammenarbeit mit den politischen Führungen die Popularität von Telenovelas.

Rede Globo de Televisáo (Globo), das 1965, zwei Jahre nach der ersten Fernsehsendung in Brasilien, zum ersten Mal auf Sendung ging, stellt heute das größte Network Lateinamerikas dar. In den letzten 30 Jahren entwickelte sich der Globo-Konzern mit Hauptsitz in Rio de Janeiro zu einem Medienkonzern, der sich im internationalen Vergleich durchaus sehen lassen kann. 1994 war Globo, was die TV-Umsätze betrifft, das elftgrößte Medienunternehmen der Welt mit 2,1 Milliarden DM Umsatz. Mit 1,4 Milliarden DM überstieg im gleichen Jahr auch der Bruttoumsatz von Televisa in Mexiko den des deutschen Bertelsmann-Konzerns (1,3 Mrd.).
Wie Rupert Murdochs News Corp. waren auch Globo und Televisa gute Kontakte zu maßgeblichen politischen Entscheidungsträgern bei der Unternehmensentwicklung förderlich. Außerdem haben jeweils finanzielle Mittel und personelles Know-how nordamerikanischer Firmen in den Gründungsjahren wesentlich zu ihrem Wachstum beigetragen. Trotz der Starthilfe wird jedoch die Prime-time in beiden Ländern nicht durch nordamerikanische Produktionen, sondern durch einen speziellen lateinamerikanischen Programmtypus, die Telenovela, dominiert. Wo Telenovelas vorherrschen, ist der oft beklagte US-amerikanische Medienimperialismus im Fernsehunterhaltungssektor kein Thema mehr. Brasilien ist das erste Entwicklungsland, dem es ab ca. 1970 gelungen ist, Importe aus den USA durch eigene Programme zu substituieren.
Die Thematik der Telenovelas entspricht der der Soap Operas: Liebe, Intrigen usw. im Alltag ihrer Helden. Es geht um den Gegensatz zwischen Gut und Böse, wobei am Ende stets das Gute siegt. Im Mittelpunkt stehen meist komplizierte Liebesbeziehungen oder eine scheinbar unmögliche Liebe aufgrund von Klassenschranken (»Schneewittchenplot«). Weitere beliebte Themen sind: Verfolgte Unschuld, gerechte Rache, Wiederkehr Totgeglaubter, mysteriöse Herkunft, Identitätsvertauschung, getrennte Geschwister, Waisen auf der Suche nach ihren Eltern. Dabei vereinen Telenovelas wie die Soap Operas Elemente aus Roman und Theater mit Fernseh- und Filmtechniken, sind diesen aber aufgrund ihres ausgeprägt brasilianischen Charakters nicht gleichzusetzen.
Die Telenovelas erfüllen neben reiner Unterhaltung noch Funktionen wie die Produktwerbung in Form von Werbeunterbrechungen und erzählimmanenter Werbung, die nationale Integration sowie die Vermittlung erzieherischer Aspekte. Die typische brasilianische Telenovela hat eine Länge von 150 bis 200 Folgen, d.h. eine Spieldauer von sechs bis neun Monaten. Sie wird täglich ausgestrahlt, ist potentiell endlos, mehrmals durch Werbung unterbrochen, hat offene Kapitelenden (Cliffhanger) und arbeitet mit einem sogenannten Multiplot, das heißt mit einer Vielzahl von Handlungssträngen, die eine zentrale Handlung stützen.
Vergleichbar ist die Länge mexikanischer Telenovelas. Der wesentliche Unterschied zwischen brasilianischen und mexikanischen Telenovelas besteht darin, daß das Ende der brasilianischen Telenovelas zu Drehbeginn meist noch offen ist, um die Zuschauermeinung berücksichtigen zu können. Und das Exportpotential für unsynchronisierte Fernsehfilme ist bei Globo im Vergleich zum Marktpotential des mexikanischen Mediengiganten Televisa (s. Kasten) gering. Schließlich leben von den ca. 200 Millionen portugiesisch sprechenden Menschen allein 160 Millionen in Brasilien.

Der heutige Medienkonzern Organizaçóes Globo ging aus dem Presseverlag von Roberto Marinho (»Mr. Globo«, geb. 1905) hervor, der die 1923 gegründete Zeitung O Globo herausgab. TV Globo nahm am 26.04.1965 den Sendebetrieb auf. Globo stand anfänglich vor dem Problem, daß es aufgrund der bereits etablierten Konkurrenzsender (TV Tupi und TV Rio) zunächst von den Zuschauern wenig beachtet wurde. In dieser Situation versuchte Globo, Zuschauer emotional anzusprechen. Überschwemmungen in Rio de Janeiro im Jahr 1966 wurden zum Anlaß genommen, die »menschliche Seite« des Senders herauszustellen. Neben der Berichterstattung vor Ort wurden Hilfsaktionen für die Betroffenen organisiert. Die Sendegebäude wurden zum Teil in Sammelstellen für Decken und Lebensmittel umgewandelt.
Die Expansion des brasilianischen Fernsehens wurde in den 60er Jahren vor allem von der Militärregierung vorangetrieben, die die Förderung des Fernsehens zum Bestandteil einer umfassenden Telekommunikationspolitik entwickelte. Das in den Anfangsjahren weitgehend unreglementierte Fernsehen geriet unter autoritäre Kontrolle. Die Massenmedien wurden vom Militär als wichtiges Instrument für die nationale Entwicklung und die Herausbildung einer nationalen Identität angesehen. Und waren bis Mitte der 60er Jahre die Fernsehverantwortlichen noch davon überzeugt, daß Fernsehen und Hörfunk regionalen Besonderheiten entsprechen mußten, änderte 1969 Globo dieses Konzept. Die neue Globo-Strategie der Übertragung eines gesamtbrasilianischen Programms entsprach den Interessen der Militärregierung, die jeden Winkel des Landes erreicht wissen wollte.
So lieferte in der heterogenen brasilianischen Gesellschaft vor allem anderen das landesweit ? d.h. von den wenigen Zentren ins Landesinnere ? ausgestrahlte Fernsehen einen gemeinsamen Vorrat politischer Kenntnisse und kultureller Erfahrungen. Dabei liegt der Marktanteil von TV Globo heute über 60%. Nach einer Umfrage gilt Globo als »...mächtigste Institution des Landes, noch vor Kirche, Präsident, Parlament und Justiz«, und nach Überzeugung vieler Brasilianer ist es nicht möglich, zum Präsidenten gewählt zu werden, wenn dies nicht im Sinne von Roberto Marinho ist: »Während es keiner Regierung gelang, ein Volk zu formen, zog sich Globo ein Publikum heran.«
Für die Ausdehnung des Globo-Konzerns war die Protektion des Militärs von Beginn an von entscheidender Bedeutung. Die Sonderbehandlung durch die Militärregierung folgte auf die Unterstützung ihrer Politik: Die Zeitung O Globo hatte 1964 den Putsch als wichtigen Schritt zur Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung, zur Errichtung einer fortschrittlichen, westlichen Zivilisation und zur Erhaltung der christlichen Religion charakterisiert. In Zeiten politischer Unruhe hat die Fernsehstation von Globo den Zuschauern auch weiterhin eine heile Welt vorgegaukelt. Militärdiktator General Emilio Garrastazu Médici (1970-1974) brachte es am 22. März 1973 auf den Punkt: »Ich fühle mich glücklich, wenn ich jeden Abend das Fernsehen einschalte, um die Nachrichten zu verfolgen. Während die Nachrichten von Streiks, politischer Agitation, von Attentaten und Konflikten in verschiedenen Erdteilen sprechen, marschiert Brasilien in Frieden in Richtung Entwicklung. Es ist also, als ob ich nach einem Tag harter Arbeit ein Beruhigungsmittel einnehmen würde...«
Die andere Massenmedien weit überragende Bedeutung und Einflußmöglichkeit des Fernsehens in Brasilien ist zum einen in der nach wie vor hohen Analphabetenrate zu sehen: Rund 30 Millionen der 160 Millionen Brasilianer können weder lesen noch schreiben. Zum anderen erreicht das Fernsehen alle Bevölkerungsgruppen. Während 1980 nur 37,8% der städtischen Haushalte an die öffentliche Kanalisation angeschlossen waren, verfügten bereits damals 73,1% über private Fernsehgeräte. In vielen ländlichen Gebieten ist eine Form des »öffentlichen Fernsehens« üblich, das als »teleposto« bezeichnet wird: Dabei wird am Abend an einem zentralen Platz des Dorfes ein über Generator betriebenes und damit für jedermann zugängliches Fernsehgerät aufgestellt.

Rückkoppelung mit dem Publikum
Durch die landesweite Ausstrahlung v.a. der Telenovelas wurde nicht nur die Durchsetzung des Portugiesischen als Landessprache und die nationale Integration durch den Transport von Verhaltensweisen und Ideologien gefördert. Für das Medienunternehmen stehen die mit den Telenovelas verbundenen Werbemöglichkeiten im Vordergrund. Die Serienproduktionen garantieren hohe Einschaltquoten und sichern damit hohe Werbeeinnahmen. In Brasilien ist das Fernsehen aufgrund seiner großen Publikumsreichweite das wichtigste Werbemedium. Ca. zwei Drittel des Gesamtwerbeaufwands flossen dem Fernsehen zu, wobei manche Teilmärkte (Kleidung, Nahrungsmittel, Parfümerie) diesen Satz sogar noch deutlich überschritten. Davon entfallen wiederum zwei Drittel allein auf Globo.
So steht die Stimulierung des Konsums durch Produktwerbung im Vordergrund der Telenovela-Produktion. Vom Drehbuchautor bis zum Produktionsleiter waren in der Anfangsphase die wichtigsten Köpfe der Telenovelas direkt bei den werbetreibenden Konzernen bzw. deren Werbeagenturen angestellt. Die Werbeabteilung der Fernsehkonzerne ist maßgeblich an der Produktion der Telenovelas beteiligt. In Abstimmung mit ihr werden die Spannungsgipfel vor den Werbeblöcken festgelegt (pro Novela gibt es meist drei bis vier Werbeunterbrechungen à zwei bis fünf Minuten).
Die Telenovelas bieten außerdem die Möglichkeit der erzählimmanenten Werbung, also des Product Placement. Hier werden gezielt Markenprodukte in die Dramaturgie eines Filmes eingefügt. Globo gründete eine eigene Verkaufsagentur Apolo de Comunicaçóes, in der auch versucht wird, möglichst vorteilhafte Verbindungen zwischen der Serienhandlung und bestimmten Produkten herzustellen. Im allgemeinen wird das Produkt dabei in die Handlung integriert.
Es kann aber auch geschehen, daß der Regisseur von der Werbeabteilung die Vorgabe erhält, bei einem Kuß von den Lippen der Liebenden auf die Füße des Mädchens zu schwenken, weil ein Hersteller für ein neues Modell Strandsandalen werben will. Daß Product Placement innerhalb einer Telenovela manchmal zum handlungstragenden Faktor wird, zeigt auch das Beispiel einer Werbekampagne für eine Höschenmarke in der Telenovela Roque Santeiro. Eine aufreizende Werbung für diese Marke wurde zunächst innerhalb der Geschichte präsentiert, so daß die Zuschauer am Bildschirm verfolgen konnten, wie sich liberale und weniger liberale Gemüter mit diesem Plakat auseinandersetzten. Eine Woche später wurde das Werbeplakat tatsächlich in den brasilianischen Städten eingesetzt. Das an der Wirkung von Soap Operas und Telenovelas oft kritisierte Verhältnis von Fiktion und Realität (Entwirklichung von Realität und Verwandlung der Fiktion in Realität) wird hier handgreiflich und ist aus kommerziellen Zwecken beabsichtigt.
Um die Attraktivität für die Zuschauer zu gewährleisten, entstehen die von Globo produzierten Telenovelas in kontinuierlicher Rückkoppelung mit dem Publikum. Meinungsforschungsinstitute verfolgen die Resonanz. Inzwischen reagieren Globo und andere brasilianische Sender bereits während einer Sendung auf die aktuellen Einschaltquoten. Das Meinungsforschungsinstitut Ibope gibt die entsprechenden Daten ohne Verzögerung an die Sender weiter. Damit verändert sich das Live-Programm: Wenn etwa am Sonntagnachmittag bei der vierstündigen Familienshow ?Domingo Legal? von Globos Konkurrenz SBT während einer Shownummer die Quoten steigen ? beliebt sind Tänzerinnen, die ihren Unterleib rhythmisch über Bierflaschen kreisen lassen ? wird die Einlage wiederholt oder verlängert. Sinken die Quoten, wird die Nummer gekürzt.



Astrid Zipfel ist wissenschaftliche Mitarbeiterin, Michael Kunczik Professor für Kommunikationswissenschaften am Institut für Publizistik in Mainz.



Die GRUPO TELEVISA S.A.

Seit 1973 beherrscht Televisa die mexikanische Fernsehlandschaft. Als führender und beliebtester Fernsehkanal Mexikos gilt dabei Kanal 2, der von 96% aller Haushalte empfangen wird. Die staatliche Imevisión stellt keine Konkurrenz dar. Vielmehr besteht eine symbiotische Beziehung zwischen den zwei stärksten Machtzentren Mexikos, der Staatspartei PRI und Televisa. Die Regierung ist auf eine positive Berichterstattung angewiesen und Televisa braucht das Wohlwollen der Regierung für die weitere Expansion. Die ist auch nötig, denn seit der Abwertung der mexikanischen Währung Ende 1994 hat Televisa mit hohen Schuldenlasten zu kämpfen (1,25 Milliarden US$, Economist 20.7.1996).
Telenovelas sind einer der größten Exportschlager von Televisa. 1996 wurden bereits Produktionen in 100 Länder exportiert. In den spanischsprachigen lateinamerikanischen Staaten haben mexikanische Produktionen bereits in den 80er Jahren in hohem Maße die Einfuhr von US-Programmen ersetzt. Televisa (und Globo) bedienen mittlerweile auch den europäischen (spanischen) und den US-Markt, wo Televisa aufgrund des großen spanischsprachigen Bevölkerungsanteils einen Vorteil gegenüber Globo besitzt. Auch kann Televisa als »Gate-Keeper« für den Programmfluß zwischen Lateinamerika und den USA bezeichnet werden: Die Synchronisation von US-Filmen orientiert sich v.a. am Kaufinteresse Mexikos, als dem größten spanischsprachigen Land. Da die Synchronisation zudem meist in Mexiko selbst stattfindet, werden in ganz Lateinamerika Sendungen mit »mexikanischem Einschlag« verbreitet.
Inzwischen exportiert Televisa auch synchronisierte Telenovelas (6% der Einnahmen in 1996). Simultan werden eigene englisch-sprachige Versionen zu den spanischen gedreht. Lediglich die Schauspieler werden durch US-Amerikaner ersetzt und ab und zu die Handlung abgewandelt, um amerikanischen Werten besser gerecht zu werden. Es wird jedoch bezweifelt, daß Televisa in der Lage ist, das US-amerikanische Publikum für sich zu gewinnen. So meinte der Fernsehkritiker John Freeman, die mexikanische Serie Acapulco Bay »makes ?Baywatch? seem like Masterpiece Theatre.«