Volltext

(Artikel * 1997) N.N.
Biopolitik Das Double und sein selbst
in Blätter des iz3w Nr. 225 * Seite 15 - 32
Themen: Ressourcen; Debatte; Handel; Industrie; Gesundheit; Bevölkerungspolitik; Gentechnik; Ökologie; WHO; International; Fa; Schwerpunkt: Cyborg, Bio Technologie * Dok-Nr: 48163
Standorte: A3W Osnabrück; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; 3WF Hannover; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Biopolitik

Bio boomt. Kaum eine Ware kann heute auf dem Markt bestehen, ohne in irgendeiner Form an bio und damit an glücklich, weil gesund und alles wird gut zu erinnern. Was übrig bleibt, kommt in die Biotonne. Die Biowelle in der Warenwelt korrespondiert mit den Erfolgsmeldungen der Biowissenschaft. Die Decodierung des genetischen Codes durch die Genomforschung soll vollkommene Information über »den Menschen« liefern. Das Heil der Menschheit liege in deren Genen. Die politische Begleitmelodie verspricht die Lösung aller gesellschaftlichen Probleme ? seien es Alkoholismus, Schizophrenie oder Kriminalität. Vom biologistischen Weltbild der Rassisten ganz zu schweigen.

Außenpolitik befaßt sich mit auswärtigen Angelegenheiten, Familienpolitik mit Familie. Doch womit befaßt sich Biopolitik? Zunächst und mit Michel Foucault ist Biopolitik eine Machttechnik, die den Menschen als Lebewesen zum Gegenstand hat. Es ist die Macht, leben zu machen und sterben zu lassen. Dieser sich im 19. Jahrhundert durchsetztende Machttyp unterscheidet sich von der Macht des Souveräns leben zu lassen und sterben zu machen. Die Macht verschiebt sich auf die Seite des Lebens.
Wenn also Biomediziner über den Eingriff in das Erbgut nachdenken, wenn Bioethikkommissionen darüber streiten, wieviel beim Sterben nachgeholfen werden darf, wenn Biokonzerne sich mit dem Handel von Organen aus Ländern der Dritten Welt und mit Patentrechten an menschlichen, tierischen und pflanzlichen Genen eine goldene Nase verdienen ? dann hat das mit Biopolitik zu tun. Biopolitik läßt sich somit bestimmen als Politik, die sich nicht nur mit »dem Leben« befaßt, sondern die dort angesiedelt ist, wo es um die Möglichkeit und Wirklichkeit geht, Leben zu produzieren und über den Tod zu bestimmen. Wir folgen dieser Politik auf das Terrain, auf dem Herrschaftswissen produziert wird, auf dem Leben und Tod, Mensch und Natur (neu) definiert werden.

Der erste Artikel thematisiert deshalb den Cyborg ? die Schnittstelle Mensch-Maschine. Vor dem Hintergrund der technischen »Eroberung« des menschlichen Körpers in der Humanbiologie reflektiert Dierk Spreen das Verhältnis Körper-Maschine auf drei Ebenen: der Ebene der Metapher für den »Neuen Menschen«, wie sich dies beispielsweise in literarischen Phantasien eines Ernst Jüngers über die Verschmelzung des Menschen mit der Materie ausdrückt; auf der Ebene von Science-Fiction Romanen und Filmen, in denen Cyborgs à la Terminator imaginiert werden; und zuletzt auf der »realistischen« Ebene der Humanmedizin. Die durchgängige Frage ist die nach der Subjektkonstitution ? oder alltagssprachlich: was bedeuten die technisch möglichen Veränderungen des menschlichen Körpers für das Bewußtsein, für unser Selbstbild. Überraschenderweise kommt der Autor zu dem Ergebnis, daß im Cyborg das cartesianische Subjekt ? Ich denke, also bin ich ? nochmals reformuliert wird. War es ein Ansinnen der idealistischen Subjektphilosophie, die Vernunft als reines, von jeder störenden Leiblichkeit abstrahierendes Denken zu definieren, kehrt diese alles Körperliche abstoßende Form des Subjekts im Cyborg unter technisch veränderten Bedingungen wieder. Die technischen Möglichkeiten, den Menschen durch Organverpflanzung und Implantate zu perfektionieren, lassen die Idee der Subjektphilosophie, den Menschen als rein geistiges Wesen zu bestimmen, praktisch (wahr) werden.
Im thematisch sich anschließenden Artikel von Thomas Cernay geht es um die Verfeinerung der Machttechniken durch den bio-industriellen Komplex. Die mit Voranschreiten der Biotechnologie entstehenden Machtverhältnisse konstruieren nicht mehr entlang der Differenz eigen/fremd mittels Rassismus und Nationalismus einen Volkskörper, sondern zielen direkt auf das Individuum. Dieselbe Differenz spaltet den einzelnen in Ich/Körper: Der Körper wird zu einer das Subjekt bedrohenden »fremden« Instanz. Diese Bedrohung zu kontrollieren, verspricht der bio-industrielle Komplex. Ausgehend von dieser These stellt der Autor die Konsequenz der »Bio-Macht« für das Subjekt dar, als dessen Modell Narziß fungiert, jener in sein eigenes Spiegelbild verliebte Jüngling. Doch das narzißtische Subjekt im Zeitalter seiner biotechnischen Reproduzierbarkeit ist ebenso tot wie sein Körper, den es sich, sei es durch Fitneßtraining, sei es durch biomedizinische Eingriffe, nach seinen eigenen Vorstellungen geformt hat. Hier kommen Argumente einer Kritik instrumenteller Vernunft zum Tragen: Biotechnologie muß, wie jede andere Forschungspraxis, ihren Gegenstand zergliedern und verobjektivieren, damit aber »Lebendiges« in »Totes« verwandeln.

Wie die Ökologiebewegung uns gelehrt hat, haben wir die Erde von unseren Kindern und Enkeln geborgt. Für deren Wohl und für das Überleben der Menschheit trennen wir bereitwillig unseren (Bio-)Müll. Nun soll auch der Körper in den Dienst der Zukunft genommen werden: der eigene Leib als Ressource für kommende Generationen. In der Logik, zukünftiges Leben durch biomedizinische Eingriffe zu vervollkommnen, liegt nicht zuletzt die mehr oder weniger ausgesprochene Forderung, seinen Körper als Forschungsobjekt im Namen der (zukünftigen) Volksgesundheit herzugeben. Diese bioethische Optimierungsvision des Lebensglücks von morgen im Namen des Profits von heute beschreiben Erika Feyerabend und Petra Gehring.

Welche konkreten Auswirkungen hat die häufig mit der industriellen verglichene biotechnische Revolution für die Gesellschaften des Nordens und des Südens? Während im Norden noch über das elfte Gebot (Du sollst nicht klonen) gestritten wird, wird im Süden an Instrumenten einer Bevölkerungspolitik gebastelt, die die Gentechnik bereits wie selbstverständlich miteinbezieht und so die Geburtenkontrolle perfektioniert. Ute Sprenger zeichnet diese Entwicklung nach. Sie zeigt, daß die Biologisierung der Macht von neuen Techniken lebt. Ähnlichen Bedeutungszuwachs erlangt ? durch die Techniken der Decodierung und Transplantation ? der Handel mit Rohstoffen. Michael Flitner und Volker Heins gehen auf den zunehmenden Handel mit dem Rohstoff Leben ein, codiert und patentiert in Gen-Form. Auch hier: bio boomt.

die redaktion


Biopolitik

Was ver-spricht der Cyborg?
Über den technisch angepaßten Menschen


von Dierk Spreen


Wer kennt sie nicht, die omnipotenten Maschinenmenschen wie Arnold Schwarzenegger alias Terminator? Doch ist es eine Frage des persönlichen Geschmacks, ob man sich die Inszenierung von Technokörpern in Science-fiction-Filmen anschaut oder sich beim nächsten Kinobesuch nicht doch lieber für eine Komödie (mit Schwarzenegger in der Hauptrolle?) entscheidet. Dagegegen hat die nicht nur in der Debatte um Biotechnologie virulente Frage nach dem Subjekt im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit weiterreichende Implikationen. Doch zunächst: Was ist überhaupt ein Cyborg und welche Subjektposition kommt in ihm zur Geltung, oder anders gefragt: welche Auswirkungen haben Herzschrittmacher, organische Transplantate oder genetische Manipulationen auf die Vorstellungen und Erfahrungen, die die Menschen von und mit sich selbst machen.

Das Wort Kybernetik kommt aus dem Griechischen und bezeichnet die Kunst des Steuermanns, Piloten oder Leiters. Kybernetik ist laut Norbert Wiener die Wissenschaft von »Nachrichten, insbesondere Regelungsnachrichten« (1974, 20); sie untersucht automatische Systeme aller Art, die sich durch informationsverarbeitende Rückkopplungsmechanismen selbst regulieren.
Die Bezeichnung Cyborg ist eine Abkürzung für cybernetic organism. Gemeint wird mit dieser Bezeichnung eine informations-, gen- und/oder biotechnische Rekonstruktion des Menschen, die in erster Annäherung impliziert, den Menschen an neue Umwelten anzupassen (etwa technische Milieus, fremde Planeten, Raumstationen, Subaquaterrains oder auch eine hochtoxische, postatomare Zukunft), weil die natürlich-gegebene Selbstregulierung des Organismus diesen neuen Umwelten und ihren Anforderungen nicht entspricht.

Der Cyborg als Metapher
Zunächst erscheint der Cyborg als Metapher für den Neuen Menschen. Daß die Verschmelzung des Menschenkörpers mit Maschine und Materie Befreiung aus den Verstrickungen der bürgerlichen Welt und Wendung zu etwas ganz Neuem sei, wird bereits vor dem ersten Weltkrieg von der futuristischen Bewegung formuliert. Im futuristischen Manifest von 1909 heißt es entsprechend: »Mit uns beginnt die Herrschaft des von seinen Wurzeln abgetrennten Menschen. Die des vervielfältigten Menschen, der sich mit dem Eisen vermischt und von Elektrizität nährt. Bereiten wir die bevorstehende und unvermeidliche Verschmelzung des Menschen mit dem Motor vor.« (F.T. Marinetti n. Virilio 1994, 141) Der Mensch wird von seiner sorgenvollen Schwere befreit, indem er sich der technischen Hyperbeschleunigung seines Körpers hingibt und in einen »revolutionären, kriegerischen Dynamismus« (Marinetti/Balla) eingeht, der ihn von der Ich-Identität löst und mit der Materie vereinigt.
Die Momente der Umwälzung und des gänzlich Neuen im Zusammenhang mit einem völligen Einlassen auf die Technik erscheinen ebenfalls in den Techno-Phantasmen Ernst Jüngers. Auch teilt er mit dem Futurismus die Begeisterung für den Krieg, der Grenzsituation, die die Sinne des Menschen zu technischer Präzision schärft. Der Prognose des Futuristen Enrico Prampolini, daß »der Ausbruch des Krieges [...] die europäische Sensibilität schärfen« wird, kann Stoßtruppführer Jünger (später Käfersammler) nur zustimmen. Er beschreibt den Cyborg in der Gestalt des Arbeiters, der als »neues Menschentum« auftritt, das sich durch die »Verschmelzung des Unterschieds zwischen organischer und mechanischer Welt« auszeichnet. Als Symbol dieser Identität von Fleisch und Maschine gilt ihm die »organische Konstruktion«. Technik wird einverleibt; sie wird Organ: »In bezug auf diese Werkzeuge selbst ist von organischer Konstruktion dann zu sprechen, wenn die Technik jenen höchsten Grad von Selbstverständlichkeit erreicht, wie er tierischen oder pflanzlichen Gliedmaßen innewohnt.« (Jünger 1982, 187)
In diesen Ideen eines Neuen Menschen verbinden sich technische Kraft und kriegerische Zerstörungsgewalt zu einem metaphorischen Konglomerat: Der technische Krieg zerstört die alte Gattung bzw. das bürgerliche Subjekt und erschafft einen neuen, gestählten Menschen, der in der gefährlichen Umgebung der Schockwirkungen, plötzlichen Effekten und hohen Geschwindigkeiten nicht nur besser zurecht, sondern an seinen (kollektiven) Ursprung, zu sich selbst kommt.
Ein paar Katastrophenmeldungen später sieht diese Cyborg-Metapher auch für den Blindesten nicht mehr so rosig aus, und Jüngers Bruder, Friedrich-Georg, verfaßt eine radikale Kritik der technischen Welt. Der Cyborg selbst mutiert nun zu einer pazifizierten Metapher, in die sich jetzt gentechnologische Möglichkeiten hineinmischen. Im Namen des »evolutionären Humanismus« entwickelt Julian Huxley die Idee zur Umformung des Menschen durch »positive Eugenik« in seinem ? dem technikkritischen Bruder Aldous gewidmeten ? Werk. »Die Wirkkraft der menschlichen Umformung kann jedoch nicht die blinde, automatische, natürliche Selektion der vormenschlichen Phase sein.« Vielmehr »täte eine psychosoziale Selektion not, eine Selektion, die ebenso, nicht-natürlich? wäre wie die meisten menschlichen Tätigkeiten und Beschäftigungen, wie das Kleidertragen, das Kriegführen, das Essenkochen, die Benutzung willkürlicher Kommunikationsmittel. Eine solche ,nicht-natürliche? Auslese, soll sie wirksam sein, müßte bewußt, zweckdienlich und planvoll durchgeführt werden.« (Huxley 1965, 262) Ziel dieser Rekonstruktion soll die »entwicklungsgeschichtliche Erfüllung« sein: »Liebe, guter Wille und vorbehaltlose Zusammenarbeit; Integration der Persönlichkeit und innere Harmonie; Vermehrung unseres Wissens.« (218) Wird die totale Mobilmachung Ernst Jüngers jetzt durch die totale Optimierung ersetzt bzw. ergänzt?
Der Cyborg dient jedoch nicht nur als Metapher des ganz Neuen, sondern auch des ganz Anderen, das gerade die Unifizierung im Phantasma des Neuen Menschen zu zerbrechen scheint. Die amerikanische Biologin, Wissenschaftshistorikerin und Feministin Donna Haraway sieht in den grundsätzlichen Möglichkeiten zur Neuanordnung von Grenzen, die die Gen- und Cyborgwissenschaften hervorbringen, die Chance abzuweichen. Es ergibt sich die Möglichkeit, »unsere eigenen Grenzlinien in die Welt zu zeichnen.« (Haraway 1995, 174) Cyborgs erscheinen als Mischwesen, deren Mischungsverhältnisse sich stets ändern können, offen und unklar sind. Ihre Subjektposition wird nicht durch einen natürlichen Körper verdinglicht und als natürlichste Sache der Welt ins Feld patriarchaler Macht eingefügt, vielmehr scheinen Cyborgs sich als »un/an/geeignete Andere« den Praxen hierarchischer Herrschaft zu entziehen: »Eine Cyborg-Subjektposition resultiert aus und führt zu Unterbrechungen, Lichtbeugungen, Neuerfindung.« (191) Wie die Verschiebung von Schriftzeichen einen Text völlig verändern und verfremden kann, so gibt der Cyborg endlich auch einen Körper, der es dem Subjekt erlaubt, sich den allgemeinen und autoritären Zuschreibungen und Formen zu entziehen. Ist der Cyborg eine neue Hoffnung, sozialen Machtverhältnissen zu entkommen?

Imaginäre Cyborgs
Inzwischen wird immer häufiger die begründete Befürchtung geäußert, daß Logik und Richtung der informations- und biotechnologischen Forschung und Praxis, die sich selbst als Rettung des Menschen und des Lebens anpreisen, vielmehr umgekehrt zur Diffusion der Subjektivität des technisch erlösten Leibes ins reine Medium bzw. in den »bloßen Diskurs« (Berr 1994) führen könne. Werden von uns nur Digital-Gespenster (,Digispenster?) bleiben? Ist der Cyborg gegenüber dieser Auflösung des Subjekts in den unbegrenzten Verschiebungen, die im Netz möglich sind, eine Alternative?
In den Medien und in der Science-fiction erscheint der Cyborg als verkörperte Imagination des Subjekts per se. Ob als »Robocop«, »Universal Soldier« oder »Terminator«, immer rumort unter der oberflächlichen Programmierung das Subjekt. Schließlich bricht das Ich wie ein Phoenix aus dem technischen Unbewußten hervor und übernimmt die Kontrolle über den superpotenten Technokörper. Der Cyborg erscheint von vornherein als vereinzelter Körper, als Individuum; die technische Kontrolle gilt als aufgesetzt und dem ,menschlichen? Inneren als letztlich wesensfremd. Implizites Versprechen der imaginären Cyborgs ist also das Subjekt selbst. Ist der Cyborg die Körper-Imago, die eine sich im Netz verstrickende Subjektivität retten hilft? Oder ist dieses Versprechen eine Täuschung?
Zumindest ist es ambivalent. Zunächst ? um welche Subjektform handelt es sich eigentlich? Es ist offensichtlich, daß sich an der Cyborg-Imago ungebrochene Männerphantasien austoben. Es handelt sich um gepanzerte, gestählte, mit integrierten Waffen bestückte und selbstdisziplinierte Kämpfernaturen, menschliche Ganzheitsmaschinen.
Die Cyborg-Imago flimmert nicht nur über die Leinwand, lebt nicht nur in den Seiten von SF-Romanen, sondern sie diskutiert auch in wissenschaftlichen Diskursen mit. Die Bezeichnung Cyborg wurde zum erstenmal 1960 von den australischen Wissenschaftlern Manfred Clynes und Nathan Kline geprägt. Sie arbeiteten für die NASA an einem Unternehmen, Möglichkeiten der Anpassung des menschlichen Körpers an Bedingungen im Weltraum zu erforschen (Clynes und Kline 1995). Diese Initialforschung weitet sich aus zu einem wissenschaftlichen, wenngleich in den Sechzigern noch hypothetischen Projekt des universellen Umbaus und der gezielten Rekonstruktion des Menschen. Imaginiert wird ein äußerst ,abgehärtetes? Menschenwesen, das in extremen Umwelten existieren können soll: Ein solcher Cyborg hat keinen Verdauungsapparat mehr; damit werden auch Zähne und Kiefer überflüssig. Eventuell wird sogar der ganze Mund ersetzt, falls Kommunikation über eine permanente Funkverbindung, eine Art technischer Telepathie, abgewickelt werden kann. Einige Bio-Bausteine des Körpers sollen zwar erhalten bleiben (z.B. Gehirn, Muskeln, Haut, Skelett), aber die bisher unwillkürlichen Funktionen des Organismus werden nun bewußt kontrolliert. Zusätzlich werden im Körper osmotische Pumpen implantiert, die Nährstoffe, Medikamente oder Drogen nach Bedarf zuführen können (Lem 1981, 583f).
Dadurch, daß der Körper dem Stoffwechsel mit der Natur entzogen und totale ? weil den Körper ohne Rest unterwerfende ? Subjektivität erzeugt wird, setzt sich das Subjekt über die vermittelte Geschäftsfähigkeit seines bürgerlichen Typus hinweg. Bedenkt man die Tatsache, daß Geld in der Sprache des Unbewußten das Symbol für Kot ist, läßt sich die Konstruktion der Cyborg-Imago nahtlos mit den Phantasmen unmittelbarer Identität im vernetzten Technokollektiv zusammenführen, wenn man diese symbolische Äquivalenz einmal probehalber umkehrt: Die Zirkulationssphäre, die zwielichtige, unklare und kritische Vermittlung sozioökonomischer Prozesse durch das Medium des Geldes wird symbolisch abgespalten. Insofern verbindet sich der Cyborg ,organisch? mit der Idee universeller Vernetzung menschlicher Restkörper (Gehirne) und künstlicher Intelligenzen zu einem telematischen System.
Was meint der Cyborg, wenn er (besser als seine Kritiker) vom Subjekt spricht? Die Abstoßung des inneren Stoffwechsels, die unbedingte Kontrolle des technisch aufgerüsteten Körpers, die Beseitigung der Sprache durch eine Kommunikation unmittelbaren Anschließens, münden alle diese Phantasmen nicht genau darin, »das eigen Menschliche, das Es, die Produktivkraft des Unbewußten in sich zu beherrschen, von sich abzustoßen«? (Theweleit 1980, 162)
Dieses Ziel kann auf zwei Wegen erreicht werden: Entweder durch Panzerung und Cyborgisierung oder durch Abstoßen der Körper und Aufgehen im Kollektivleib. Ob der Körper durch ein umfassendes Arsenal von Körpertechniken (von Yoga bis zum Implantat) ?in-Form? gebracht wird oder sich in einem Digital-Gespenst auflöst, ist vielleicht im Ergebnis gleich. In beiden Fällen schließt der Mensch sich mit sich selber kurz und verliert gerade damit jenes potentiell offene und unbestimmte Körperverhältnis zu sich selbst und zur Welt, das ihn ausmacht.
Aber müssen Cyborg-Imago und Cyborg-Metapher zusammenfallen? Gäbe es nicht doch die Chance eines sich wandelnden, schizophrenen und unklaren Cyborgs, wie ihn sich Donna Haraway vorstellt? Werfen wir einen Blick in die ,Wirklichkeit?.

Der reale Cyborg
Der reale Cyborg spricht im Diskurs der Humanmedizin. Welche Aussagen, welche Wissenskonfigurationen und welche Kontexte bilden den realen Text, den der Cyborg heute spricht (der er ist) ? gewissermaßen ,jenseits? der Zukunftsvisionen? Aus welchen materialen Elementen besteht sein Diskurs?

Organtransplantate: Ein inzwischen weitverbreitetes Element des Cyborgs sind organische Transplantate. Nieren, Herzen, Netzhäute, lebenden oder hirntoten Spendern ? gelegentlich auch klassischen Leichen ? entnommen, verbessern Körper, die sich ihrer Umwelt nicht mehr oder nicht mehr optimal gewachsen zeigen. Diese Ersatzteile versprechen Gesundheit und neues Lebensglück. Aber werden riesige Ressourcen aus Mitleid und Hilfsbereitschaft in Gang gesetzt oder wird der ,kranke? Leib als Versuchsfeld benutzt, in dem Tests zur Verträglichkeit von Fremdgewebe durchgeführt und Immunsuppressiva geprüft werden? Wozu dient dieses Wissen über den Menschen? Spricht das humanitäre Bedürfnis zu helfen oder spricht der Cyborg? Oder spricht dieser vielleicht gerade durch die Humanität hindurch?
Fremde Nieren kann ich noch als ,meine? identifizieren, aber was bedeutet ,mein?, wenn Hirngewebe transplantiert wird? Hirngewebeverpflanzungen werden ja gerade deshalb durchgeführt, um die geistige Haltung, z.B. von Parkinson-Kranken, zu ändern und ein körperkontrollierendes Subjekt herzustellen (Linke 1996, 51). Aber werde ,ich? geheilt oder wird nicht nurmehr ,der? Mensch erneuert/rekonstruiert?
Ernsthaftere Bedenken wirft Xenotransplantation auf, d.h. der Einbau tierischer Organ- und Hirnsubstanz in Menschenkörper. Man hat zwar keine Probleme, abgetriebenen menschlichen Föten neuronale Substanz und hirntoten, aber ansonsten noch lebendigen Menschen, Organe zu entnehmen, aber ist es gestattet, Primaten zu züchten, um sie bei lebendigem Leibe auszuschlachten? Anders steht es mit Xenotransplantaten, die von genetisch manipulierten Schweinen produziert werden, denn ? so ein Gutachten des unabhängigen britischen Nuffield Council on Bioethics ? »es ist schwer einzusehen, daß in einer Gesellschaft, die Schweine für Schnitzel und Kleidung züchtet, deren Nutzung für lebensrettende Medizin nicht akzeptiert sein sollte.« (Science, Vol. 271, 8.3.1996, 1357; vgl. Koechlin 1996)
Künstliche Implantate: Durch den realen Cyborg-Diskurs geistert der gesunde Mensch. Ein anderes, künstlich-technisches und klassisches Element dieses Versprechens sind Prothesen. Sie dienen schon lange verstümmelten und unvollkommenen Körpern als Überlebenshilfe. Inzwischen hat ihre Technik einen beinah perfekten Stand erreicht: Mit porösen Titanlegierungen beschichtete Prothesen verwachsen mit den Knochen und geben einen Halt, der sie zunehmend komfortabler macht und »ein ganz irres Lebensgefühl« ermöglicht.
Prothesen sind bereits eine Ausweitung des Nervensystems: Nehmen Sie einen Bleistift in die Hand, schließen Sie die Augen und tippen Sie vorsichtig auf eine Tischfläche. Wo ist Ihr Empfinden? In den Fingerkuppen oder in der Bleistiftspitze? Inzwischen ist es möglich technische Implantate zu konstruieren, deren elektrische Leiter mit Nervenfasern verbunden sind. Dies ist der Fall beim »Cochlea-Implant«, einem Radio im Kopf, das im Falle einer bestimmten Art von Taubheit in die Ohrschnecke implantiert wird. Ein Mikrophon erfaßt akustische Daten aus der Außenwelt, die ein Mikroprozessor verarbeitet. Durch Radiowellen werden diese Informationen an den im Kopf eingepflanzten Empfänger-Stimulator übermittelt, der sie in elektrische Impulse zurückverwandelt und den Hörnerv reizt. Die Frage, ob elektrische Telepathie möglich ist, wird rhetorisch.
Der Einsatz von technisch-mechanischen Implantaten erzeugt Schnittstellenprobleme an der Körpergrenze, da aus der Haut austretende Drähte, die zu Batterien führen, leicht zu Infektionsherden werden können. Neuere Forschungen versuchen daher das Energieproblem durch biotechnische Implantate zu umgehen: Ein dem Körper entnommener Muskel wird um einen Zylinder mit Flüssigkeit gewickelt, mit einer Blutpumpe verbunden und im Brustkorb implantiert. Ein kleiner elektrischer Stimulator reizt den Muskel, so daß er sich kontrahiert und entspannt, also als biologischer Motor der künstlichen Pumpe wirkt. Der Muskelstimulator benötigt so wenig Strom, daß ihm dieser durch Induktion an der unversehrten Hautoberfläche geliefert werden kann.
Der Körper verschmilzt mit seinen künstlichen Implantaten. Dagegen mit Entfremdung (Virilio 1994) zu argumentieren, wirkt ziemlich hilflos. »Der Mensch«, so wird der Cyborg antworten, »hat schon immer technische Instrumente benutzt, ist von daher sowieso ein künstliches Wesen.« Und recht hat er: um Entfremdung geht es schon lange nicht mehr.
Neue Organe: Elektrische Netze können als Ausweitungen des zentralen Nervensystems, mithin als neue Körperorgane, gesehen werden. Das Auge beispielsweise kann als elektrischer Dipol betrachtet werden, dessen willentlich herbeiführbare Zustandsveränderungen von einem entsprechenden Interface gemessen und interpretiert werden können. Behinderte mit schweren Rückenmarksverletzungen oder durch amyotropische Lateralsklerose Gelähmte können dadurch einen Computer bedienen und als Kommunikationsprothese benutzen. Ein solches Interface am Auge gibt dem reinen Wahrnehmungsorgan zusätzlich instrumentellen Charakter; es kann z.B. genutzt werden »einem Chirurgen das Steuern eines Endoskops während der Operation mit den Augen zu ermöglichen.« (Lusted/Knapp 1996, 74) Per »Biomuse«, einem universalen Interface zwischen Computern und elektrischen Signalen im Körper, können Muskelströme abgelesen und zur Steuerung von Instrumenten benutzt werden. Analog können auch Hirnströme gemessen (EEG) und so verarbeitet werden, daß die Gedanken unmittelbar körperexterne Geräte steuern können wie die eigene Hand. Die amerikanische Luftwaffe experimentiert damit in der Hoffnung auf zusätzliche Kontrollmöglichkeiten, »die die Piloten auch dann nutzen können, wenn ihre Hände und Füße bei schwierigen Flugmanövern beschäftigt sind.« (ebd., 78) Das Flugzeug funktioniert als Körper des Piloten, und umgekehrt ist der Pilot der Servomechanismus seines Fahrzeugs ? er ist mit ihm zu einem kybernetischen System verschmolzen.
Der Cyborg verspricht gehandicapten Körpern ein besseres Weltverhältnis. Und ist der Menschenkörper nicht grundsätzlich antiquiert? Sind wir nicht alle nur Krüppel, deren Unzulänglichkeit im technischen Umfeld deutlich zur Geltung kommt? Geborene Versager, Mängelwesen eben? Ob körperlich Versehrter, Chirurg oder Flugzeug- und Raumschiffpilot ? die Heilungsversprechen des Cyborgs weiten sich ganz selbstverständlich zur Rekonstruktion des Menschen überhaupt aus.
Neue Sinne: Nicht nur aus der Medizin, sondern auch aus der Industrie kommt ein weiteres Versprechen des Cyborgs: Er verspricht neue Selbsterfahrungsmöglichkeiten und neue Sinnlichkeit. Organische dünne Schichten aus Proteinen, Enzymen usw., eingefaßt in Kunststoffmembranen, erweisen sich wahlweise als äußerst feinfühlige Biosensoren oder Energieemitter. Damit wird es prinzipiell möglich, organische Geräte zu bauen. Organische Transistoren erreichen inzwischen Schaltgeschwindigkeiten, die an jene ihrer Siliziumkollegen heranreichen. Mit genetisch programmierten Bakterien als Motor verbunden, sollen organische dünne Schichten als Biosensoren das Innere des Körpers erforschen und winzige implantierte Pharma-Pumpen steuern, die dann ein künstliches und vor allem kontrollierbares Immunsystem bilden (Bertrand 1993). Der Cyborg ist online mit seinen Cholesterinwerten. Über Fragen, die das Verhältnis von Geist und Körper behandeln, macht er sich keine Gedanken, denn er ist mit sich selbst gleichgeschaltet.
Umschreiben des genetischen Codes: Werden in Zukunft genetische Manipulationen vorbeugend die diversen Abwehrreaktionen therapieren, mit denen der Körper auf übermäßige Technisierung oder auf organische Fremdpartikel in seinem Innern zu reagieren pflegt (Immunreaktionen, Phantomschmerzen, Schock)? Offensichtlich ist der menschliche Körper nicht immer in der Lage zu erkennen, was gut für ihn ist, so daß es sich als medizinisch-ethisch gerechtfertigt erweisen kann, einen zum Implantat passenden Körper zu züchten. Wäre es nicht verantwortungslos, kommende Generationen leiden zu lassen, indem man ihnen die Einlösung der Versprechungen des Cyborgs verwehrt?

Dem Cyborg eine Chance
Sollen wir dem Cyborg eine Chance geben? Obwohl die Frage von Medizin, Industrie, Wissenschaft und Politik schon entschieden scheint, lohnt es sich vielleicht doch, sie erst einmal zu stellen. Gestellt hat sie, als offene Frage, meines Wissens nur Donna Haraway. Sie spricht für den Cyborg, aber sie diskutiert mit ihm und setzt ihn unter Zwang, sein Wort zu begründen. Eine andere Frage ist, ob diese Gründe überzeugen. Handelt es sich um Versprechungen oder um Versprecher?
Wenn man Haraways Cyborg-Metapher für den Moment beiseite schiebt, dann versprechen sowohl metaphorische wie imaginäre und reale Cyborgs einen sich selbst gleichen, mit sich selbst identischen Menschen. Diese Subjektposition läßt sich als »fraktal« kennzeichnen. Das fraktale Subjekt träumt davon, »jedem seiner elementaren Bestandteile zu gleichen« (Baudrillard 1986, 6). Von nichts anderem spricht der Cyborg, der sich aus sich selbst recycelt! Und das Ergebnis? ? »Das Ende vom Ende ist es, nur noch sich selbst zu gleichen, was einen von der Angst befreit, den anderen zu gleichen ? das heißt, sich überall selbst wiederzufinden, umgesetzt, aber mit der eigenen Formel identisch: überall geht man gleichzeitig mit den gleichen Voraussetzungen über die Bildschirme.« (ebd., 7) Die Versprech/er/en des Cyborgs münden in der vollkommenen Implosion des Selbst. Was er ver-spricht, das hält er.
Aber, um den Blick wieder auf die Seite zu richten, gibt es wenigstens die Möglichkeit eines Schizo-Cyborgs? Ich möchte diese Frage bejahen. Aber wo findet sich dieser Cyborg? Es ist der Mensch, dieses Erfahrungstier, selbst. Wegen seiner weltoffenen, exzentrischen Körperverhältnisse steht er im Bodenlosen und befindet sich daher immer in unklarer Schwebe: Was wir ,sind?, ist immer künstlich. Mit und gegen Donna Haraway läßt sich also sagen: Wir sind schon Cyborgs, warum also sollten wir Cyborgs werden?

Leicht gekürzte Fassung eines zuerst im März 1997 in Ästhetik & Kommunikation, H.96 erschienen Artikels.

Literatur:

Baudrillard, Jean (1986): Subjekt und Objekt: fraktal, Bern

Berr, Marie-Anne (1994): Die Kadenzen der Schöpfung: Gott ? Mensch ? Maschine, in: Dietmar Kamper/Christoph Wulf (Hrsg.): Anthropologie nach dem Ende des Menschen, Frankfurt am Main 1994, S. 203-216

Bertrand, Ute (1993): Allheilmittel Information. Gen- und Informationstechnologien sollen das Gesundheitsmanagement optimieren, in: Wechselwirkung, Nr. 62, August 1993, S. 9-14

Clynes, Manfred E./ Kline, Nathan S. (1995): Cyborgs and Space, in: Chris H. Gray (Hrsg.): The Cyborg Handbook, New York/London 1995, S. 29-33

Futuristen (1985): Drahtlose Phantasie. Auf- und Ausrufe des Futurismus, Hamburg/Zürich

Haraway, Donna (1995): Monströse Versprechen. Coyote-Geschichten zu Feminismus und Technowissenschaft, Berlin

Huxley, Julian (1965): Ich sehe den künftigen Menschen. Natur und neuer Humanismus, München

Jünger, Ernst (1982): Der Arbeiter. Herrschaft und Gestalt, Stuttgart

Koechlin, Florianne (1996): 93% Mensch, 7% Schwein. Xenotransplantationen bringen neue Gefahren und ethische Probleme, in: Wechselwirkung, Juni 1996, S. 7-11

Lem, Stanislaw (1981): Summa technologiae, Frankfurt am Main

Linke, Detlef B. (1996): Hirnverpflanzung. Die erste Unsterblichkeit auf Erden, Reinbek

Lusted, Hugh S./ Knapp, Benjamin R. (1996): Computersteuerung mit Nervenimpulsen, in: Spektrum der Wissenschaft, 12/1996, S. 72-78

Theweleit, Klaus (1980): Männerphantasien, Bd. 2, Männerkörper ? zur Psychoanalyse des weißen Terrors, Reinbek

Virilio, Paul (1994): Die Eroberung des Körpers. Vom Übermenschen zum überreizten Menschen, München/Wien

Wiener, Norbert (1964): Mensch und Menschmaschine. Kybernetik und Gesellschaft, Frankfurt am Main/Bonn


Dierk Spreen ist Soziologe und arbeitet zur Zeit über Medientheorie. Zuletzt hat er herausgegeben: Online-Verstrickungen (= Ästhetik & Kommunikation, Nr. 96)


Biopolitik


bios (Bogen, Leben):
Des Bogens Namen also ist Leben,
sein Werk aber Tod.

Heraklit, Fragmente.



Anleitungen zum Leblos-Sein
Der biotechnische Zugriff auf das Subjekt


von Thomas Cernay


Biotechnologie stellt sich als folgerichtiger Schritt in der Verfeinerung der Machttechniken dar. Die subtile Beherrschung der Subjekte ist der Sinn des Übergangs vom militärisch-industriellen zum bio-industriellen Komplex. Die Macht erreicht eine höhere Auflösung ? man operiert nicht mehr nur in den Kategorien von Volk und Rasse, man operiert im Individuum. Nach der Disziplin dringt die Technik in den Körper ein.

Zur Kontrolle von Sicherheit und Angst erzeugen Nationalismus und Rassismus vor allem den Code von eigen/fremd als ein wesentliches Instrument der Herrschaft. Beim Voranschreiten vom Volkskörper zum Körper des Subjekts bezieht sich der gleiche Code zusätzlich auf die Spaltung des Einzelnen in Ich / Körper. Der Körper rückt damit in die Stellung des unkontrollierten Fremden und Anderen. Sicherheit vor den Fremden bietet der nationale militärisch-industrielle, Sicherheit vor den Attacken des Körpers verspricht der internationale bio-industrielle Komplex. In beiden Fällen verlangt die Kanalisation und Abwehr der Angst eine spezifische Kontrolle über Leben und Tod. Militärische Kontrolle ? Körperkontrolle.
Über die territorial-physische Sicherung hinaus ermöglicht der Code einen zweiten, symbolischen Modus der Akzeptanz von Herrschaft, die Identifikation. Die Nation gibt dem Subjekt mit dem Code von eigen/fremd trivialerweise nationale Identität, im Individuum dagegen läßt die Spaltung von Subjekt und Körper nur noch die Selbstbezüglichkeit von Selbst und Selbstbild zu. Die Konkretisierung dieser Position ist die symbolische Operation, die die »life science« neben der Kontrolle des Körpers unternimmt. Mehrere Gründe sprechen dafür, daß Narziß das Modell eines Subjektes für das biotechnische Modell des Körpers werden soll. Bereits die nationale Identität trägt die Züge einer narzißtischen Wunschvorstellung. Man ist nur stolz, wenn man Deutscher ist. Der Mangel an Selbstwert wird durch die Projektion in die Größe der Nation überwindbar. Narziß tritt uns auch in den Nah- und Fernerholungsgebieten entgegen. Im Anblick der Landschaft genießt er dort still die eigene Größe. Die Liebe zur Technik ermöglicht einen überschwenglicheren und meist lärmenden Narzißmus. In der Bewunderung des Funktionierens der eigenen Schöpfungen leuchtet uns ein, daß wir noch besser als wir selbst sind. Die Möglichkeiten der biotechnologischen Körperkontrolle kommen dem Narzißmus wesentlich weiter entgegen. Der Spiegel, den die Biotechnologie dem Subjekt vorhält, liefert vielfältige Bilder vom schöneren und besseren Körper. Der Körperkult, weniger eine Feier des Leibes als ein breitangelegter Angriff auf denselben, handelt von der Veränderbarkeit eines dem Willen unterworfenen Körpers und vom Erwerb des Wunschkörpers als neuer Handlungsmaxime.
Ein Fortschritt, der zur Herstellung und Vertiefung individueller Akzeptanz der Herrschaft führen soll und kann. Sicherte in den Nationalökonomien zunächst die Beseitigung des Mangels, später die Erzeugung und Befriedigung von Wünschen, das Einverständnis mit der kapitalistischen Produktionsweise, so wird das Subjekt in der Biorevolution zum Aufstand gegen den eigenen Körper verführt. Die Wünsche des Subjekts sind nicht mehr auf die herkömmliche Besitznahme von Gütern beschränkt. Körpermodelle reizen zu neuen Aneignungen, dazu, vom Habenwollen zum Seinwollen weiterzuschreiten. Aber nirgends wird klarer, daß dieses Subjekt gemacht wird. Jeder kann, ökonomische Potenz vorausgesetzt, Narziß werden und sich zu einem Bild umformen lassen, das der Selbstliebe wert ist. Der grassierende und immer infantilere Narzißmus ist das zeitgemäße Lebensmodell, das durch die Biotechnik herstellbar wird. Die Selbstliebe dieses Prototyps des spätkapitalistischen Subjektes sichert die optimale Akzeptanz der ihn produzierenden Verhältnisse. Der moderne Narziß löst Adam Smiths Egoisten als Triebfeder der ökonomischen Entwicklung ab.

Alles wird gut!
Heute ist ?bio? eine, wenn nicht die moderne Formel für den Pol ?positiv?. »Gesund«, »natürlich« und »ohne chemische Zusätze« finden die Sprachbeobachter des Duden. Die semantische Verallgemeinerung von ?bio? ist damit aber nur unzureichend erfaßt. Vom Gesundheits- und Körperkult bis zum industriellen Zugriff auf das organische Material ist alles ?bio?. Mit neuen Namen suggerieren uns Konzerne wie die »Novartis«-Gruppe »neue Künste«. Neu, Leben, Wissenschaft, Kunst ? dieses Übermaß an Positivität, das das Label »life science«1 ausstrahlt, ersetzt alte Heilsversprechen. Alles wird gut. Das Leben wird besser. Die Aussichten auf synthetisch-schöpferische Möglichkeiten sind phantastisch, und der Fluchtpunkt dieser Perspektive wird längst offen zugegeben: Endsieg über Krankheit und Tod. Das Radikale dieser Simplifikation ist nicht nur ihre einseitige Aufladung, sondern der feste Glaube an die Erkenn- und Machbarkeit des Guten, also auch des Lebens. Das Leben wird mehr wert, das Leben ist Zugewinn. ?Bio? ist der angemessene Ausdruck eines fortgeschrittenen Produktionswahns. Der inflationäre und quasireligiöse Gebrauch der Bio-Formel hat dabei unsere Unfähigkeit einer rationalen Lebensdefinition und die Leblosigkeit der biotechnischen Manipulationen zu bedecken.
Logisch fungiert das Leben offensichtlich als Negation des Todes, der Tod als Negation des Lebens. Die wechselseitige Bestimmung setzt damit die Möglichkeit einer positiven Definierbarkeit eines der beiden Pole voraus. Bisher hielt man sich im Allgemeinen für lebendig, und es nimmt nicht wunder, daß das Augenmerk stets auf Listen gerichtet wurde, die exklusive Eigenschaften des Lebens aufzuzählen versuchten: Stoffwechsel, Fortpflanzung oder Selbstorganisation. Alle Kriterienkataloge teilen das gleiche Schicksal. Es sind Selbstdefinitionen des Menschen, die durch die Fortentwicklung des Wissens wie der Gesellschaft unhaltbar geworden sind. Das philosophische Bemühen um eine rationale Begründung dieser Differenz hat sich dabei von gröberen Biologismen auf Felder wie Embryologie und Kybernetik2, also systemtheoretische Versionen verschoben. Widerspruchsfreie oder formalisierbare Definitionen des Lebens fehlen trotzdem nach wie vor. Also bleiben nur soziale Konstruktionen, um in der Frage von Leben und Tod die Wahrnehmung eines Unterschiedes zu ermöglichen. Die Etablierung der Bioreligion und Bioethik ist die nichttechnische Voraussetzung für die Produktion des Lebens im Allgemeinen und des neuen Menschen im Besonderen.
Aber die Werbung hält nicht, was sie verspricht. Auf den zweiten Blick erscheint der Triumph des narzißtischen Subjekts eher schal. Vor der großartigen Synthese des Lebendigen steht die rationale Analyse. Für den Verstand ist das Leben nur in kleinsten Portionen verdaulich, und der wissenschaftlichen Erkenntnis geht stets die Beförderung des Lebens zum Tode voraus. Der Organismus muß zerlegt werden, da er als Ganzes unbegreiflich bleibt. Mit jedem technischen Schritt verliert das Individuum Terrain, mit jedem erklärbaren Mechanismus verliert der Organismus ein weiteres Teil, auch wenn er neue oder künstliche Organe zugesetzt bekommt. Organon, das Werkzeug, erhält seine alte umgangssprachliche Bedeutung zurück. Was die Wissenschaft berührt, es wird ? wie bei Midas ? leblos. Der Preis für die Verwandlung des Lebens in Positivität ist immer der Tod. Und der Prozeß von Fleisch zu Lego ist unumkehrbar.

Die Schöpfungen
bleiben die Summe ihrer Teile
Eine Technik, die sich ?bio? nennt, verschleiert nur die Gleichsetzung von Leben und Tod, die sie vollzieht. Es handelt sich um die Verwechslung des Lebens mit einem Modell, die Landkarte gilt als Territorium. Diese klassische Fehlleistung gehört zu den Grundlagen des Phantasmas von der Erzeugung des Lebendigen. Organismen mit rekombinierter Erbsubstanz bleiben Werkzeuge, die aus der Sphäre des Lebens herausgebrochen sind. Die Beziehung zu den Organismen, aus denen sie gemacht werden, ist wie die der Wurst zum Schwein.
Technik ist »funktionierende Simplifikation« , wie Luhmann positiv definierte, »ist eine Form der Reduktion von Komplexität, die sich konstruieren und realisieren läßt, obwohl man die Welt und die Gesellschaft nicht kennt, in der dies geschieht: ausprobieren an sich selber. Die Emanzipation der Individuen ? wohlgemerkt auch der unvernünftigen Individuen ? ist ein unvermeidlicher Nebeneffekt dieser Technisierung«3. Technik ist auch die uns vertrauteste Form des Toten. Unser intimer Umgang mit den Dingen, die wir selbst zum Funktionieren bringen, entspringt vermutlich einem eingefleischten Hang zum Animismus, der Zubilligung eines Subjekts zur Funktion, eines Täters zum Tun. Funktionieren, ein quasilebendiger Zustand auf den sich Mensch und Robotik gleichermaßen zubewegen. Das Subjekt muß nicht erst eine bestimmte Anzahl der Teile seines Körpers austauschen, um das Subjekt einer Maschine zu werden. Es ist Cyborg in dem Moment, in dem es den Körper nur noch als Funktion und Summe begreifen kann und somit den Reduktionismus der Technik verinnerlicht und mitorganisiert. Ein Herz aus Eisen ist einem Herz aus Protein dann vorzuziehen, wenn es in jeder Hinsicht besser funktioniert. Die organische Materie, eine Ansammlung molekularer Maschinen, ist so tot wie jede andere Maschine auch. Die Gentechnik ist Genmechanik, und die Raffinesse der Biotechnik kann nur zu einer funktionalen Ununterscheidbarkeit zwischen Leben und Tod führen.
Alles spricht dafür, daß das höhere Wesen im narzißtischen Spiegel nur ein Cyborg sein kann. Aus seiner Sicht gleichen wir Behinderten. Wir sind zu langsam, unsere frei verfügbare Rechenkapazität ist niedrig. Im Hinblick auf die Funktionen sind wir immer unvollständig. Spätestens in den entstehenden Technotopen brauchen wir die Hilfe verschiedenster Prothesen, um zu überleben. Das überlegene Funktionieren der Maschinen zwingt uns, uns durch »erweiternde« Zusätze zu verbessern. Die Eugenik der Wünsche beginnt mit Fitnesstudio und Schlankheitskur, Schönheitschirurgie und Frischzellen, verlangt dann den Austausch von Teilen und könnte bei einer Totaltransplantation enden. Die Zumutung, die uns im Cyborg gegenübertritt, ist die letzte in einer längeren Reihe narzißtischer Kränkungen. Der Mensch als Mittelpunkt der Welt ? geopfert in der kopernikanischen Wende. Seine höhere Abkunft ? von Darwin durch eine niedere ersetzt. Der freie Wille ? gesteuert durch Freuds Unterbewußtes. Die positive Auszeichnung des Lebens vor dem Tode ? vom Fortschritt der Technik überholt. Die Illusion des Subjektes und des Lebendigen versinkt in einer Welt funktionierender Materie auf die gleiche Weise wie zuvor die des göttlichen Wesens. Gott ist tot. Und wir sind schon viel länger und umfassender tot, als wir uns glauben machen.

Lieber fit als tot oder lebendig
Der Narzißmus ist beim gegenwärtigen Stand der Technik noch nicht für alle anbietbar. Ganz aktuell macht sich dies in der Hirntoddebatte bemerkbar. Hier sind ausnahmsweise die Kriterien oder die normierbare Feststellung des Todes von größerem Interesse als die des Lebens. Der systemimmanente Bedarf des Transplantationswesens an Organen soll befriedigt und durch gesetzliche Formalisierung die Akzeptanz des ? für den »Spender« ? finalen Rettungseingriffs gesichert werden4. An dieser Stelle sind aber weniger die Interessen von Bedeutung als die Widersprüche, die mit der neuen Definition in Kauf genommen werden. Der Tod des Körpers wird in eine Vielzahl von Todesprozessen zerlegt, die Elemente einer hierarchischen Wertordnung sind. Einzelne Teile des Menschen können damit bereits tot sein, ohne daß vom Tod des Individuums gesprochen werden darf. Umgekehrt erlaubt der Tod des Gehirns vom Tod des Ganzen zu sprechen. Die Qualität »tot« wird hiermit paradoxerweise auf genau die Teile und Organe des Körpers anwendbar, die im medizinischen und biologischen Sinn vor einem Qualitätsverlust geschützt werden, die für das »Weiterleben« im Empfänger frisch bleiben sollen. Um der Verderblichkeit der Organe entgegenzuwirken, muß der funktionierende Kreislauf oder das schlagende Herz aus der Liste der Lebenskriterien gestrichen werden. Bereits vor der Explantation und unter Beibehaltung ihrer vollen Funktion verlassen die Körperteile die Sphäre des Lebendigen ohne wirklich in die des Todes einzutreten. Der lebende Körper heißt tot.
Mit dem Hirntod verbindet sich eine abendländische Auffassung vom geistigen Wesen des Menschen, die die cartesische Spaltung in Leib und Seele medizintechnisch vertieft. Das Ende der kognitiven Funktionen und der Wahrnehmung, der Tod des Subjekts ist gemeint. Das erzwingt einen neurologischen Widerspruch, denn der Großteil der Hirnfunktionen hat mehr mit dem Körper als mit dem Subjekt zu tun. Eine weitere Verschiebung der Todeskriterien ist damit absehbar, hin zum Teilhirntod, zum Beispiel dem neokortikalen Tod, der am Ausfall der höheren Hirnfunktionen festzumachen wäre. Gegenüber dem Tod der Großhirnrinde, vermeintlich identisch mit dem des Subjekts, läßt sich das Leben oder der Tod des Körpers bagatellisieren. Der Hirntod, Mosaikstein der Biorevolution, zeigt exemplarisch das Verwischen von Grenzen. Im Ergebnis schafft seine Definition nur eines ? das Gegenteil eines Unterschiedes zwischen Leben und Tod.

Anmerkungen:

1 Als »life science« preist sowohl die scientific community als auch die Bioindustrie ihr Handwerk.

2 Gregory Bateson, Geist und Natur. Eine notwendige Einheit, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1987.

3 Niklas Luhmann, Beobachtungen der Moderne, Westdeutscher Verlag, Opladen 1992.

4 Günter Feuerstein, Body-Recycling-Management, in: Bernward Joergens (Hg.), Körper-Technik, Edition Sigma, Berlin 1996.



Thomas Cernay ist Mitarbeiter des iz3w.


Biopolitik

Die politische Entwicklung der Natur
Neue Konflikte um biologische Ressourcen

von Michael Flitner und Volker Heins


Aus Sicht der alten Industrieländer des Westens, die für sich Zivilisation und Geist reklamieren, ist die Dritte Welt gewissermaßen der Körper der Welt, der auf dieselbe zweideutige Art behandelt wird, wie das Bürgertum seit jeher lebende Körper behandelt hat. Die Dritte Welt wird in diesem Sinne »unterdrückt«, zugleich aber auch humanitär gepflegt, ökotouristisch geliftet und durch monetäre Diät und Strukturanpassungsprogramme »verschlankt«. Die »biologische Vielfalt« ist im Rio-Prozesses zu einem zentralen politischen Symbol dieser ambivalenten Beziehung geworden und somit zum Anreiz, Vorstellungen über Dritte Welt und Natur, Moderne und Technologie zu überdenken.

Wie der menschliche Körper und besonders der weibliche Körper in der Vorstellungswelt des Bürgertums, so erscheint der Süden der Erde zugleich als Quelle lockender Reize, als Herd lebensbedrohlicher Krankheiten und Wucherungen wie der »Bevölkerungsexplosion« und schließlich als Sitz reinigender Organe wie der grünen Lungen des Amazonasgebiets. Die Bedeutung des jüngeren Konflikts um den Schutz der biologischen Vielfalt und die Aneignung genetischer Ressourcen liegt darin, daß diese verschiedenen Bilder neu verwoben werden ? und sich so auch der Kritik ausliefern.
Zunächst wurde das klassische Anliegen des Naturschutzes zugunsten entwicklungs-, technologie- und menschenrechtspolitischer Forderungen relativiert. Dies läßt sich besonders anschaulich mit dem Vergleich der beiden wichtigsten internationalen Verträge in diesem Bereich illustrieren. Das Washingtoner Artenschutz-Abkommen von 1972 zielte noch allein auf den Schutz bedrohter Arten, deren Bestand durch schärfere Kontrollen im Handel gesichert werden sollte: Nashörner, Elefanten und kulleräugige Pandas standen im Brennpunkt des Vertrags und Zollbeamte wurden zu ihren Rettern bestimmt. Die 1993 in Kraft getretene UN-Konvention über biologische Vielfalt bringt ganz andere Prozesse und Akteure ins Spiel: Ihr Ziel ist es, die nachhaltige Nutzung ganzer Ökosysteme zu fördern, »ganzheitlich« und gewissermaßen genetisch egalitär vom Pantoffeltierchen bis zur Wanderratte. Ein so umfassendes Programm verlangt denn auch andere Mechanismen als die Suche nach Elfenbeinschmuck im Reisegepäck. Neben staatlichen Naturschutzbehörden werden nun alle erdenklichen gesellschaftlichen Gruppen bemüht, die mit der biologischen Viefalt zu schaffen haben, von den indigenen Völkern bis zur gentechnischen Industrie. Gemeinsam sollen sie die Natur zu Markte tragen, zum Wohle der Menschheit.
Ein wesentlicher Grund für die Abkehr vom klassischen »Artenschutz« liegt ohne Frage in der Dynamik wissenschaftlicher und technischer Innovation. Aus der Entwicklung neuer Biotechnologien ergeben sich ungeahnte Potentiale für die Entdeckung und Entschlüsselung genetischer Information. Hochauflösende Testsysteme erlauben eine immer präzisere und schnellere Identifikation organischer Aktivitäten im »Molekülkino« biotechnologischer Labors. Natürliche Rohstoffe und vor allem komplexe Produkte des sekundären Stoffwechsels von Organismen werden für die chemische Industrie dadurch wieder interessant, nachdem in den letzten Jahrzehnte vor allem in die Bereiche Synthese und Kombination investiert wurde. Das Resultat ist eine »Renaissance der klassischen Naturstoffsuche« (so ein deutscher Experte) in den Ländern des Südens.

Leitbild Mikrobe
Mit der Verwandlung der Biologie zur Ingenieurskunst ändern sich auch die Bilder und Metaphern, die seit langem gesellschaftliche Diskurse jenseits der Naturwissenschaften speisen. Die Vorlagen, die die moderne Biologie im Laufe dieses Jahrhunderts für Gesellschaftsmodelle, Staatsrassismen und klassische Artenschutzkonzepte geliefert hat, beruhten allesamt auf einer monolithischen Vorstellung vom Körper als Einheit, der sich im harten Überlebenskampf erhält und fortpflanzt. Dieses »zoozentrische Modell« ist durch eine Reihe von Entwicklungen der biologischen Forschung unterminiert worden, die damit begonnen hat, den Körper in eine wandelbare Konstruktion aus symbiotischen Einzellern aufzulösen. Ähnlich wie zu Beginn des Jahrhunderts das »Unbewußte« die Einheit des Bewußtseins in Frage gestellt hat, führt heute die Entdeckung der bakteriellen und genomischen Unterwelt alles Lebendigen zur Auflösung älterer Begriffe des menschlichen Körpers und der Arten. Die taxonomischen Arten sind demnach Ergebnis der ganz und gar unartigen Promiskuität von Mikroorganismen, deren »Körper genetisch so offen sind, daß der Begriff der Art dem Wesen dieser einzigartigen Lebensform widerspricht«1. Es ist diese genetische Offenheit, die Mikroben zu Modellen und »Komplizen« der Biotechnik-Industrie gemacht hat. Sowohl die neuere Biologie als auch die neuen Biotechnologien verwerten jeweils auf ihre Weise die Mikroorganismen als Träger und Kurier genetischer Information, als ein biologisches Pendant der Mikrochips.
Die neue Biologie entwertet den Gedanken, daß die Natur vor uns oder wir vor ihr zu »schützen« seien. Sie enttarnt die elementaren Gentransfer-Techniken omnisexueller Bakterien und legitimiert dadurch auch den gentechnischen Transfer auf höherer Stufe, indem so die Genmanipulationen der Bio-Industrie als natürliche Prozesse erscheinen. Der Konflikt um biologische Vielfalt und genetische Ressourcen, wie er heute geführt wird, kommt folglich in weiten Teilen ohne Naturpathos aus, obgleich auch die bakteriologisch entzauberte Natur ein Reservoir politischer Metaphern bleibt.
Sobald wir hinter die »umweltpolitische« Fassade des Konflikts blicken, tauchen Bilder auf, die auf ein tieferliegendes Konfliktgelände verweisen. Hört man auf die Sprache von Unternehmenssprechern, Wissenschaftsjournalisten und Naturschützern, dann beheimaten die Tropen riesige »Waldapotheken« und »Datenbanken«, in denen Pharmakonzerne nach neuen Wirkstoffen für ihre Naturstoffreaktoren fahnden. Das kollektive Gedächtnis indigener Bevölkerungsgruppen wird von eigens ausgebildeten Ethnobotanikern nach verwertbaren heilkundlichen und pflanzengeographischen Kenntnissen durchleuchtet. Selbst das Blut verborgen lebender indigener Völker wird von Genetikern und Industrieforschern angezapft, seit 1991 das Human Genome Diversity Project2 ? eine Abteilung des euro-amerikanischen Human Genome Project ? gegründet wurde.
Die Opposition richtet sich folglich nicht mehr einfach gegen den Raubbau an der Natur, sondern gegen großindustrielle Informations-Junkies, gegen Wissenspiraterie und virtuellen Vampirismus. Angst grassiert unter den Eliten des Südens heute weniger vor physischen Hungersnöten als vor »information starvation« ? Wissenshungersnöten ?, die durch neue Patentregimes und den selektiven Zugang zu vitalen Ressourcen hervorgerufen werden könnten.
Daran wird deutlich, wie sehr der Konflikt klassische umweltpolitische Arenen verlassen hat und exemplarisch ist für eine Epoche, die Kevin Kelly, Herausgeber des Internet-Magazins Wired, als »hyperbiologisch« bezeichnet hat: »Das nächste Jahrhundert mündet nicht in ein Zeitalter des Siliziums, wie alle Welt posaunt, sondern in ein biologisches Zeitalter: Mäuse, Viren, Gene, Ökologie, Evolution, Leben. Oder so ähnlich. Tatsächlich mündet das Jahrhundert in ein Zeitalter der Hyperbiologie: synthetische Mäuse, Computerviren, fabrizierte Gene, industrielle Ökologie, überwachte Evolution, künstliches Leben«.3
Autoren wie Kelly machen sich zu Anwälten und Propheten einer »neo-biologischen Zivilisation«, die radikal antirassistisch, industriefreundlich, technophil und androgyn gezeichnet wird. Seine Welt wird eigentlich nur von Ingenieuren, Freaks und Managern bewohnt, wobei genaugenommen alle drei Typen zu einem verschmelzen. Die Zukunft ist ein riesiges Positivsummenspiel, bei dem die Summe aller Erträge größer ist als der Verlust einzelner Beteiligter, die folglich leicht kompensiert werden können. Kooperation ist mithin wahrscheinlicher als Konflikt, und Vertrauen besser als Kontrolle.

Genome zu Goldadern
Gegen diese euphorische Sicht der techno-biologischen Zukunft richten sich viele der Beiträge, die in letzter Zeit unter der Überschrift »political ecology« erschienen sind.4 Das vielleicht stärkste Motiv, das dieser Strömung zugrundeliegt, wendet sich gegen die Optimisten »nachhaltiger Entwicklung«, die in einem Waschgang kapitalistisches Wachstum, schonenden Ressourcenumgang und soziale Gerechtigkeit optimieren wollen. Im Unterschied zu solchen Programmen ist die politische Ökologie die Lehre von den Schwierigkeiten, zwei oder drei Ziele gleichzeitig zu verfolgen. Gerade das Konfliktfeld biologische Ressourcen, in dem sich Multis, Universitäten, die UNO, Frauenorganisationen, Bauern und Indigene tummeln, erscheint als ein exemplarischer Mikrokosmos moderner politischer Auseinandersetzungen unter dem Streß beschleunigter Globalisierung.
Zunächst geht es offenbar einmal mehr um Verteilungsgerechtigkeit zwischen Nord und Süd. Wo Genome zu Goldadern werden, wollen sich diejenigen nicht übervorteilen lassen, unter deren Obhut und Pflege ein Großteil biologischer Vielfalt entstanden ist oder wenigstens nicht verlorenging. Unter dem Schlagwort »Farmers? Rights« bemühen sich einige NROs gemeinsam mit den Entwicklungsländern seit fast zehn Jahren in der Landwirtschafts- und Ernährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO), irgendeine substantielle Kompensation für diese Leistungen zu erzielen (vgl. iz3w 202). Daß dieses Bemühen bisher ohne Erfolg blieb, liegt nicht nur an handfesten Interessen, sondern auch an den reichlich plumpen politischen Gleichungen, mit denen in diesem Konflikt von Anbeginn an hantiert wurde. So wird das gern bemühte Bild vom Saatgut-Multi aus dem Norden, der die Subsistenzbäuerin im Süden beraubt, schwer überstrapaziert, wenn es zur Legitimation zwischenstaatlicher Deals herhalten muß. Staaten wie Brasilien und Indonesien, die zu den biologischen »hotspots«, Orten höchster Artendichte zählen, verbinden seit langem beherzten Raubbau an den Wäldern und gnadenlose landwirtschaftliche Modernisierung, die den Vergleich mit Kanada in beiden Feldern nicht zu scheuen brauchen. Noch weniger als Kanada lassen sie sich zu den legitimen Sachwaltern ethnischer und sonstiger Minderheiten zählen. Dementsprechend wird der erleichterte Zugang zu gentechnischen Verfahren, den sich diese Staaten im Gegenzug für die Bereitstellung ihrer biologischen Vielfalt erhoffen, kaum dazu gesucht werden, den Wohlstand der berüchtigten Subsistenzbäuerin zu mehren.
Doch nicht nur an den Zielen und der Integrität einzelner Nationalstaaten sind Zweifel angebracht. Wenn sich die zunehmend »verschlankten« Staaten im Zuge einer Internationalisierung der Natur auch zu größerer Kooperationsbereitschaft auf globaler Ebene bereitfinden, so nimmt doch mindestens im selben Maße ihre Fähigkeit ab, die unterschiedlichen nichtstaatlichen Akteure überhaupt zu steuern. Das ist im Feld der biologischen Vielfalt aus zwei Gründen besonders folgenreich.
Zum einen sind die großen Reservoire der biologischen Vielfalt oft gerade dort zu finden, wo staatlicher Zugriff schon bisher begrenzt war, nämlich in den peripheren und »unmodernen« Regionen. Gerade deshalb blicken ja moderne Ökologen so freundlich auf Menschen, die bescheiden, subsistent und umweltfreundlich leben, wie es den indigenen Völkern nun insgesamt vertraglich bescheinigt wurde. Plötzlich sollen diejenigen zu zentralen Akteuren auf dem Spielfeld werden, die in den Augen der anderen Spieler bis vor kurzem noch als hoffnungslos rückständig und modernisierungsresistent galten.
Zum anderen sind auch die Industrien, deren Wertschöpfung letztlich der Natur zugute kommen soll, weitaus flexibler geworden. Hoechst kann heute in Indien hunderte von Wissenschaftlern in der Naturstoffchemie beschäftigen, den Wirkstoff in den USA herstellen und bald schon in jedem Land der Welt patentieren. Die Gensequenz paßt auf eine Diskette ? ob diese Diskette aber schließlich in Frankfurt Arbeit schafft und mit den Erträgen dieser Arbeit, wie es die Konvention zur biologischen Vielfalt will, wiederum in Indien die Natur geschützt wird, das ist bei aller Standortpolitik in Bonn und Delhi unsicherer denn je.
Derartige Unsicherheiten und die wachsende Rolle sehr unterschiedlicher nichtstaatlicher Akteure sind aus der Sicht der international orientierten politischen Ökologie mehr und mehr der Normalfall. Ihre Sprecher betonen daher den verwickelten Charakter und die »Komplexitäten«5 neuerer ökologischer Konflikte in der Dritten Welt, die sich nicht länger in die vertrauten Denkschemata des Nord-Süd-Gegensatzes pressen ließen. Größere Erklärungskraft wird etwa dem neuen Gegensatz zwischen ortsgebundenen und ortsunabhängigen Akteuren zugetraut, der mit den Gegensätzen von arm/reich, Frau/Mann, Arbeiter/Kapital oder eben Süd/ Nord nicht deckungsgleich ist. Anders als die Dependenztheorie rechnet die politische Ökologie mit dem Aufstieg industrieller Weltregionen auch im Süden und daraus sich neu ergebenden Ressourcenkonflikten; anders als die Modernisierungstheorie zweifelt sie am unerschütterlichen Primat des Staates und der kulturellen Homogenisierung der Welt; anders schließlich als die herkömmliche Umweltsoziologie bestreitet sie die Problemlösungskompetenz von Technokraten und Ressourcenmanagern, die wie keine andere Gruppe ihre Macht durch Ortsunabhängigkeit und weltweite Echtzeit-Kommunikation gesteigert hat.

Die Macht schwacher Akteure
Radikale Diskurse im Bereich der engagierten Dritte-Welt-Forschung haben immer wieder geschwankt zwischen den Allmachtsphantasien eines projizierten Weltproletariats und der Selbstentmutigung durch die Überschätzung der Macht des Gegners. Die neue politische Ökologie hat demgegenüber eine realistische Machtanalyse zum Herzstück ihrer Programmatik gemacht. Orientiert am Ideal asiatischer Kampfsportarten, das bereits Michel Foucault inspiriert hat, zeigt sie sich sensibel für das Paradox, daß gelegentlich »schwache« Akteure durchsetzungsfähiger sind als »starke«. Für Bryant und Bailey sind Konflikte um natürliche Ressourcen und lokale Wissensarten beispielhaft für etwas, das wir die virale Macht schwacher Akteure nennen ? um im riskanten Spiel mit biologischen Metaphern zu bleiben. Darunter ließe sich die vielgestalte Fähigkeit der schwachen Akteure fassen, fern von den Zentren ökonomischer und politischer Herrschaft sehr eigensinnig und folgenreich zu handeln, die Zahl »schwieriger Leute« im Innern großer Organisationen zu mehren, bisweilen unerkannt in den Systemen des Gegners zu wildern, und nicht zuletzt die Geschlossenheit seiner Selbstdarstellung anzugreifen.
Etwas wortkarg werden diese Vertreter der politischen Ökologie erst bei dem zuletztgenannten Aspekt, d.h. wo es um die Rolle von Diskursen und Bildern beim Aufbau oder der Auflösung von Machtbeziehungen geht. Nun sind aber gerade in den neuen Konflikten um biologische Ressourcen Diskurse von maßgeblicher Bedeutung.6 Der Ressourcenbegriff selbst und mit ihm die allgegenwärtige Informationsmetapher, an der sich der biotechnische Zugriff auf das Erbgut von Lebewesen orientiert, bleiben unverständlich ohne den Rückgriff auf institutionelle Diskurse. Die Macht multilateraler Einrichtungen wie der Weltbank, internationaler NGOs und anderer Organisationen im Konfliktfeld biologischer Ressourcen beruht auf der breiten Durchsetzung von jeweils besonderen Deutungsleistungen. Es geht hier oftmals gerade darum, wer berechtigt erscheint, für die Kleinbäuerin, für die Dritte Welt, für die Natur oder für die Menschheit etc. zu sprechen. Arturo Escobar spricht hier in Anlehnung an Foucault von »regimes of representation«, die die Legitimität von Eingriffen in Ökosysteme und Gesellschaften, die politische Eignung von Koalitionskandidaten, die Festigkeit von Bedürfnishierarchien und die Objektivität von Interessenlagen konstruieren.7
Aber auch Escobar, dessen Buch ?Encountering Development? in den USA heftig diskutiert wird, bleibt einer Reihe von Vorurteilen und Vereindeutigungen verhaftet, die sich mit seinem »poststrukturalen« Credo überhaupt nicht vertragen. Das erste Klischee betrifft die Weltbank bzw. die aus dem Rio-Prozeß hervorgegangene Global Environmental Facility (GEF; vgl. iz3w 221), die Escobar zu Verkörperungen einer beinahe gottgleichen Allmacht stilisiert, welche selbst noch das Scheitern größenwahnsinniger Entwicklungsprojekte mit beabsichtigt zu haben scheint.8 Das zweite Vorurteil besteht in der Romantisierung angeblich »ganzheitlicher« Lebensformen in der Dritten Welt, die der kalten Engstirnigkeit westlicher Analytiker gegenübergestellt wird (S. 169). Drittens schließlich beklagt Escobar die »semiotische Eroberung« (ebd., S. 203) des Zentrums von Natur und Leben durch einen neuen, biowissenschaftlich aufgerüsteten Kapitalismus als eine Art Vertreibung des Paradieses aus sich selbst. Somit wimmelt es in der politischen Ökologie immer noch von Götzen, guten Wilden, Paradiesgärten und Höllenschlunden, und die Versatzstücke französischer Pop-Philosophie wirken eher wie modisches Make-up.
Zu den wenigen, die hier einen Schritt weitergehen, gehört Donna Haraway9, die sich um eine Sicht auf neue biowissenschaftliche Machtformen bemüht, die auskommt ohne »die Trennung von Natur und Kultur, bewaffnete Wächter vor Paradiestoren und das heroische Streben nach den Geheimnissen von Leben und Tod« (1995, S. 71). Haraway hat insbesondere auch ein neues Licht geworfen auf die symbolische Bedeutung des Konflikts um biologische Vielfalt in einer globalen kapitalistischen Kultur, in der Differenz und Vielfalt mehr und mehr selbst zu einem Standortfaktor werden. Durchaus nicht als Witz gemeint ist ihr Vorschlag, ?United Colors of Benetton? als eine Ikone des genomischen Zeitalters zu entziffern. Diversität werde wie die DNS zu einem Code der Codes (1997, S. 261f). Indem die Hautfarbe zum Modeartikel wird, verschwindet zwar nicht die rassistische Macht, sie wird jedoch neu repräsentiert. So verändert das neue »biowissenschaftliche Regime von Macht und Wissen« mit neuen Aneignungsweisen von Natur auch unsere Selbstwahrnehmung.
Haraway bietet einen guten Ansatzpunkt für die Entwicklung von politischen Positionen innerhalb der Kontroverse um biologische Ressourcen, die über Forderungen nach dem »Schutz« von Artgrenzen, Naturräumen und Lebensweisen hinausgehen. Foucault hat gezeigt, wie sich das Konzept der Familie als privater Schutzraum parallel zur wissenschaftlich-administrativen Durchdringung der Intimbeziehungen entwickelte. Ähnliches entdeckt Haraway für Konstruktionen der »Natur«, die wir uns abwechselnd als Labor und als interventionsfreies Idyll vorstellen.
Man kann leicht zeigen, daß solche Konstrukte auch viele kritische Beiträge in der Diskussion um biologische Vielfalt bestimmen. So heißt es in einem Policy-Paper der Stiftung Entwicklung und Frieden: »Wichtig ist, daß die lokale Bevölkerung und indigenen Gemeinschaften, die großes Wissen über biologische Vielfalt in die Suche nach neuen Wirkstoffen einbringen können, in der Absicherung ihrer Rechte unterstützt und in ihrer Erhaltungsarbeit gefördert werden«.10 Was in dieser wohlklingenden Aussage erst beim zweiten Lesen durchschimmert, ist der Gedanke einer globalen biopolitischen Arbeitsteilung, in der lokale Gemeinschaften der Dritten Welt unterstützt werden, damit sie ihr Wissen einbringen können und biologische Ressourcen erhalten, während industrielle Pioniere aus den OECD-Ländern die technologische Nutzung dieser Ressourcen übernehmen und reich werden. Das wäre so ziemlich genau das Gegenteil von dem, was andere Vertreter der politischen Ökologie vor kurzem als »Befreiungsökologie« bezeichnet haben.11 Während von diesen die Umwelt vor allem als ein symbolisches Terrain konzipiert wird, in dem sich soziale Kämpfe neu artikulieren, so wird in dem genannten Zitat die soziale Frage mitsamt der Natur zu einer reinen Funktion für die kapitalistische Verwertung. Indem der Blick auf die eigensinnige Ressourcennutzung lokaler Bevölkerungsgruppen verstellt wird, werden diese nicht nur zu Museumswärtern der Natur degradiert, sondern schließlich auch selbst zu Museumsstücken.
So steht die Kritik einer schrankenlosen Kommerzialisierung und Inwertsetzung der Natur fortwährend in einer doppelten Gefahr, was ihre Haltung gegenüber den von diesem Zugriff noch nicht erreichten Resten angeht. Entweder diese bekommen eine Aufgabe zugewiesen, die auf ihrer Marginalisierung beruht und sie neu festschreibt, oder sie werden zu Fetischen gemacht, die nicht mehr sind als lebende Wachsfiguren des globalen Casino-Kapitalismus.

Anmerkungen:

1 Sagan, Dorion 1992: Metametazoa: Biology and Multiplicity, in: Jonathan Crary/Sanford Kwinter (Hg.), Incorporations, New York: Zone/MIT Press, S.378

2 Das Human Genome Diversity Projekt wurde 1991 nach einem Aufruf des Populationsgenetikers L. Cavalli-Sforza in der Zeitschrift ?Genomics? ins Leben gerufen. Bevor alles zu spät ist, weil die indigenen Völker in absehbarer Zeit aussterben, soll in einer gemeinsamen Kraftanstrengung weltweit Erbsubstanz von indigenen Völkern gesammelt, analysiert und konserviert werden.

3 Kelly, Kevin 1995: Out of Control: The New Biology of Machines, London: Fourth Estate, S.236f.

4 Wir verwenden hier ? und meinen auch im weiteren Text ? den Begriff aus der angelsächsischen Literatur, der sich von der deutschsprachigen Debatte unter anderem durch einen starken internationalen Bezug unterscheidet (vgl. Bryant/ Bailey).

5 Bryant, Raymond L./Bailey, Sinéad 1997: Third World Political Ecology, London: Routledge, S.191

6 Zerner, Charles 1996: Telling stories about biological Diversity, in: Stephen B. Brush/Doreen Stabinsky (Hg.) Valuing local knowledge Washington/Covelo: Island Press

7 Escobar, Arturo 1995: Encountering Development: The Making and Unmaking of the Third World, Princeton, NJ: Princeton U.P.

8 Für eine intelligente Kritik herkömmlicher Weltbankkritiken, vgl. Hanke 1996. Hanke befaßt sich auch mit der eigentümlichen ?Symbiose der Weltbank und ihrer Kritiker? (ebd. S. 342)

9 Haraway, Donna 1995: Otherworldly Conversations, Terran Topics, Local Terms, in: Vandana Shiva/Ingunn Moser (Hg.), Biopolitics: A Feminist and Ecological Reader on Biotechnology, London und Penang, Malaysia: Zed Books/Third World Network; dies., 1997: Modest Witness@Second Millenium. FemaleMan Meets Oncomouse, New York/London: Routledge.

10 Gettkant, A./Suplie, J./Simonis, Udo 1997: Biopolitik für die Zukunft. Policy Paper 4, Bonn: Stiftung Entwicklung und Frieden, S.10

11 Peet, Richard/Watts, Michael 1996: Liberation Ecologies. Environment, Development, Social Movements. London/New York: Routledge.


Michael Flitner und Volker Heins sind zusammen mit Christoph Görg Herausgeber des demnächst erscheinenden Bandes Die politische Entwicklung der Natur. Neue Konflikte um biologische Ressourcen (Leske u. Budrich).


Biopolitik

Gefeit gegen Fruchtbarkeit
Von Sexualhormonen, Forscherbegierden und Geburtenkontrolle

von Ute Sprenger


Impfstoffe gegen Schwangerschaft scheinen einen bevölkerungspolitischen Traum von Kontrolle und Sicherheit zu erfüllen. Mit Unterstützung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wird nach Möglichkeiten geforscht, Antikörper gegen körpereigene Substanzen zu bilden. Die gesundheitlichen und ethischen Probleme werden allerdings unzureichend berücksichtigt.

Beunruhigende Nachrichten trafen Mitte 1995 beim Impfprogramm der WHO in Genf ein. In Mexiko, Nicaragua, Tansania und auf den Philippinen waren Gerüchte aufgetaucht, daß in Gesundheitsdiensten verabreichte Schutzimpfungen mit Substanzen versetzt seien, die Frauen unfruchtbar machten. Tetanusimpfungen, so wurde dort gemunkelt, enthielten nicht nur den eigentlichen Wirkstoff, sondern zusätzlich noch das in der Plazenta während der ersten Monate einer Schwangerschaft gebildetete Geschlechtshormon hCG (human Choriongonadotropin). Eilends ließ die WHO die verdächtigten Wirkstoffe verschiedener Hersteller untersuchen. Sämtliche Tetanusimpfstoffe erwiesen sich bald als unverfälscht und die Gerüchtemacher als eine Gruppe philippinischer Lebensschützer. Doch wie Jong Wock Lee, Leiter der WHO-Abteilung für Impfstoffe und Immunisierung erklärt, kann solch blinder Alarm den Erfolg von Impfprogrammen erheblich beeinträchtigen.
Doch ist die UN-Organisation nicht ganz unbeteiligt daran, daß derartige Gerüchte ausgestreut werden können. In einer anderen Abteilung der WHO nämlich, in dem Programm für menschliche Reproduktion (HRP), wird nach kontrazeptiven Methoden für den Einsatz in Familienplanungsprogrammen in Ländern des Südens gesucht. Und dort läuft eine Forschung an Verhütungsmitteln, bei der tatsächlich das Geschlechtshormon hCG eine Rolle spielt.
Geforscht wird an kontrazeptiven Impfstoffen1, die ? anders als konventionelle Methoden wie Spiralen, Pillen, hormonelle Injektionen oder Implantate ? mit Antikörpern in den Fortpflanzungsprozeß eingreifen, um eine Schwangerschaft zu verhindern. Diese Methoden können sowohl an Frauen als auch an Männern eingesetzt werden. Da der weibliche Zyklus jedoch wesentlich mehr enträtselt ist als der männliche, zielt der überwiegende Teil der Forschung auf Frauen ab.
Unter Befürwortern einer Politik der Bevölkerungskontrolle gelten diese Impfstoffe als vielversprechende Kontrazeptiva. Mit ihnen, so wird behauptet, werde die Palette der zur Verfügung stehenden Verhütungsmethoden und somit die individuelle Auswahl erweitert.
Frauen- und Gesundheitsorganisationen in Süd und Nord stellen der bevölkerungspolitisch motivierten Verhütungsforschung und dem Einsatz invasiver Methoden zur Geburtenkontrolle in den letzten Jahren das politische Konzept der ?Reproduktiven Rechte? entgegen. In dessen Mittelpunkt stehen das Wohlergehen und die soziale Sicherheit von Frauen sowie deren Recht auf sexuelle Selbstbestimmung. Damit verbunden ist zum einen die Zurückweisung einer Funktionalisierung von Frauen und deren Fruchtbarkeit im Rahmen bevölkerungspolitischer Konzepte ? seien sie nun pro- oder antinatalistisch. Zum anderen beinhalten die ?Reproduktiven Rechte? eine klare Abgrenzung zum Lager religiöser Fundamentalisten und der Neuen Rechten, die weltweit zunehmend aggressiv in die Debatte um Verhütung und Abtreibung eingreifen. Auch die Forschung an den neuen Technologien zur Geburtenkontrolle, die derzeit in der molekularen Biologie, der Immunologie, der Biochemie und der synthetischen Chemie entwickelt werden, muß danach befragt werden, wie diese Technologien in das Selbstbestimmungsrecht und die Gesundheit von Frauen eingreifen.
Bei den Arbeiten an oralen Kontrazeptiva (Pille) und an Intrauterin-Pessaren (Spirale) in den 50er und frühen 60er Jahren, sowie den ihnen folgenden hormonellen Spritzen, Implantaten und neuen Sterilisationstechniken spielten die Bedürfnisse von Frauen keine ernsthafte Rolle. Tatsächlich waren es demographische Zielsetzungen, bevölkerungspolitische Strategien und wirtschaftliche Erwägungen der Pharmaindustrie, aus denen ? je nach Stand der Wissenschaft ? die Entscheidungen für oder gegen die Entwicklung und Vermarktung verschiedenster Methoden zur Geburtenkontrolle resultierten.
Vor gut fünfundzwanzig Jahren setzten sich einige Forscher bei der WHO in Genf zusammen, um gemeinsam mit Vernon Stevens, Professor an der Ohio State University, der seinerzeit die meisten Erfahrungen in der Reproduktionsimmunologie besaß, zu überlegen, was die Fortschritte in den Biowissenschaften für das Gebiet der Geburtenkontrolle herzugeben vermögen. Die Verhütungsmethoden und -programme, die es seit den 60er Jahren in den Ländern des Südens gab, hatten nicht zu den nachhaltigen demographischen Effekten geführt, die man sich zuvor von den neuen Technologien erhofft hatte. Deshalb wurde erneut verstärkt nach lang wirksamen Verhütungsmitteln gefahndet, die nicht der Kontrolle der AnwenderInnen unterliegen, sondern die vielmehr durch medizinisches oder paramedizinisches Personal verfügbar sind. Damit, so die Erwartung, sollte ausgeschlossen werden, was als userfailure, also als Benutzerfehler, verstanden wird ? wenn Frauen, aus was für Gründen auch immer, nicht effektiv verhüten und schwanger werden.
Befürworter einer demographischen Kontrolle mittels lang wirkender Methoden sehen deren Vorteile hauptsächlich auf zwei Ebenen: Impfungen gegen Schwangerschaft bedürfen keiner täglichen Einnahme, die Methode ist also weitgehend unabhängig von der Motivation der Benutzerin/des Benutzers und bleibt dennoch lange Zeit wirksam. Überdies hofft man, sie besonders in medizinisch unterversorgten Regionen in den Ländern des Südens als preiswerte und einfach handhabbare Verhütungsmethoden einsetzen zu können. Die Suche nach einer Anti-Fruchtbarkeitsimpfung setzt dabei auf ein weit verbreitetes positives Image von Impfstoffen, die sich ja durchaus als potente Wirkstoffe gegen Infektionskrankheiten erwiesen haben.

Antikörper gegen Schwangerschaft
Die derzeit erforschten Anti-Fruchtbarkeitsimpfungen beziehen sich auf die Wirkungsweise konventioneller Impfungen gegen Krankheiten. Wie diese beruhen sie auf der Stimulierung des Immunsystems, sollen aber im Unterschied dazu nicht gegen körperfremde Substanzen Antikörper bilden, sondern gegen Stoffe, die der Körper selbst absondert, in diesem Fall körpereigene Moleküle von Hormonen oder Keimzellen. Diese Forschung läuft hauptsächlich in drei Bereichen: der Unterdrükkung der Reifung von Sexualhormonen, die für die Fortpflanzung notwendig sind; der Verhinderung einer Vereinigung von Sperma und Eizelle oder der Beendigung einer Schwangerschaft zu einem frühen Zeitpunkt durch den Körper selbst. Ansatzpunkte dazu werden bei Männern und bei Frauen gesucht, weshalb auch von universellen Kontrazeptiva gesprochen wird. Das Ergebnis einer solchen Forschung wäre ein umprogrammierter Selbstschutzmechanismus des Körpers, der soweit getäuscht wird, daß er Moleküle attackiert, die normalerweise toleriert werden. Dazu müssen diese Moleküle zuerst mit einem körperfremden Protein verbunden werden. Auf diese neuen Konstrukte schließlich sollen die Abwehrkräfte wie auf körperfremde Substanzen mit einer Immunantwort reagieren und sie mittels Antikörperbildung ausschalten. Als potente Proteine, die eine entsprechend starke Immunantwort hervorrufen sollen, nutzen die ForscherInnen bisher hauptsächlich Tetanus- und Diphterie-Toxoide.
Erste klinische Tests mit Anti-Fruchtbarkeitsimpfungen begannen in den 70er Jahren. Bis 1994 nahmen schätzungsweise 400 Menschen ? in der Mehrzahl Frauen ? an Experimenten mit verschiedenen Typen der Kontrazeptiva teil. Die weitaus umfangreichsten Tests liefen bislang mit zwei Prototypen von Anti-hCG Vakzinen, die vom indischen National Institute of Immunology (NII) und dem schon erwähnten Special Programme of Research, Development and Research Training in Human Reproduction (HRP) der WHO entwickelt wurden. Erprobt wurden sie an Frauen in Indien, Australien, Brasilien, Chile, der Dominikanischen Republik, Finnland und Schweden.
Innerhalb des WHO-Programmes zur Erforschung der menschlichen Reproduktion wurde 1973 ein Sonderprogramm für die Forschung an immunologischen Verhütungsmitteln eingerichtet, die ?Task Force on Vaccines for Fertility Regulation?. Beim HRP, das inzwischen unter der Schirmherrschaft verschiedener UN Programme (Weltentwicklungs-, -bevölkerungs- und -gesundheitsorganisation; UNDP, UNFPA, WHO) sowie der Weltbank operiert, werden Verhütungsmethoden und entsprechende Dienstleistungen sowie soziale und ethische Standards für deren Einsatz in Ländern des Südens erforscht und entwickelt. Die ?Task Force? koordiniert hauptsächlich die weltweite Forschung an immunologischen Kontrazeptiva. Gleichwohl laufen auch eigene Projekte, etwa zu Anti-Sperma und Anti-Eizellen Vakzinen oder zu besagter Anti-hCG Impfung.
Derzeit arbeiten fünf große Forschungsgruppen ? in Konkurrenz zueinander aber auch kooperierend ? an dem neuen Verhütungsprinzip:
WHO/HRP in der Schweiz, The Population Council in den USA, National Institute of Immunology (NII) in Indien, Contraceptive Development Program (CONRAD) in den USA und der Center for Population Research im National Institute of Child Health and Development (NICHD) der US-Gesundheitsbehörden National Institutes of Health (NIH).
Hinzu kommen zahlreiche Teams, die an Universitäten, staatlichen oder halbstaatlichen Einrichtungen in Kenia, Deutschland, Frankreich oder England forschen. Sie erhalten öffentliche Mittel oder werden finanziert durch Pharmakonzerne wie Organon oder Schering. Etwa 57 Millionen US-Dollar werden jährlich in die gesamte Verhütungsforschung gesteckt. Mit schätzungsweise zehn Prozent davon werden die Projekte zu Anti-Fruchtbarkeitsimpfungen gefördert2.

Risiken und Nebenwirkungen
Immunologische Verhütungsmittel sollen nach den Vorstellungen der meisten Forscher ein bis zwei Jahre wirksam sein. Ist die Methode einmal verabreicht, kann sie nicht abgesetzt werden, was heißt, daß die betroffenen Frauen oder Männer abwarten müssen, daß deren Wirkung abklingt. Bei der WHO/HRP wird kaum erwogen, Gegenimpfstoffe, mit denen die Fruchtbarkeit bei Bedarf wieder eingeschaltet werden könnte, zu entwickeln. Schließlich wird schon länger nach sogenannten nicht-chirurgischen Sterilisationen geforscht.
Anti-Fruchtbarkeitsimpfungen sollen den Selbstschutzmechanismus des Körpers dazu zwingen, Moleküle auf Keimzellen oder Hormonen anzugreifen. Zwar behaupten mitwirkende Wissenschaftler, daß bis heute keine Nebenwirkungen oder unerwarteten Reaktionen des Immunsystems feststellbar seien3. Gleichwohl muß mittel- und langfristig erwartet werden, daß bei den behandelten Menschen Autoimmun-Erkrankungen, Kreuzreaktionen mit anderen Zellen und Allergien auftreten. Schließlich verändert sich das Immunsystem mit zunehmendem Alter und wird durch Streß, Verletzungen oder Krankheit geschwächt. Schon seit den 60er Jahren nehmen Krankheiten ohne erklärbare Ursachen zu, die den Autoimmunerkrankungen zuzuordnen sind. So sollen fünf Prozent aller Erwachsenen in Europa und Nordamerika an Autoimmunerkrankungen leiden ? zwei Drittel von ihnen sind Frauen. Angesichts dessen und besonders in Anbetracht völlig unzureichender Gesundheitsfürsorge in vielen Ländern des Südens, wo diese Verhütungsforschung immerhin ihre hauptsächliche Zielgruppe verortet, ist es erstaunlich, wie bedenkenlos Wissenschaftlerlnnen an dem hochkomplexen Geflecht körpereigener Selbstschutzmechanismen manipulieren.
Selbst etliche der Forscher räumen ein, über die Wirkungsweise und Konsequenzen der immunologischen Verhütungsmethoden nur zu spekulieren. So wird berichtet, daß Frauen in den indischen Impfexperimenten schwanger wurden und Kinder zur Welt brachten. Weder ist bekannt, welche möglichen Auswirkungen immunologische Kontrazeptiva auf diese Kinder haben, noch wird daran geforscht.
Doch neben den genannten medizinischen Problemen bergen die Impfungen gegen Schwangerschaft noch weitere Gefahren. Verhütungsmethoden wie diese schützen nicht vor der Übertragung von Geschlechtskrankheiten. Die Verwendung unsteriler Injektionsnadeln erhöht das Risikopotential für Infektionen. Da die Abwehr von Krankheitserregern von einem intakten Immunsystem abhängt, ist es wahrscheinlich, daß solche Impfungen bestehende Krankheiten verschlimmern und/oder die Entwicklung neuer Erkrankungen begünstigt werden. Das Gesundheitswesen und die medizinische Infrastruktur in vielen Ländern des Südens sind mit immunologischen Verhütungsmethoden und den damit verbundenen Notwendigkeiten finanziell, technisch und auch personell überfordert.
Besonders groß aber ist die Gefahr des Mißbrauchs dieser Methoden unter anderem für Programme mit demographischen Zielen. Von sämtlichen bisher verfügbaren lang wirksamen Verhütungsmethoden gibt es zahlreiche Berichte darüber, wie sie zur Bevölkerungskontrolle angewandt wurden und werden. Aus diesen Erfahrungen resultiert die erfolgreiche Verbreitung der Gerüchte über heimlich sterilisierende Tetanusimpfungen. Da nun die Anti-hCG Impfungen tatsächlich an Tetanus- oder Diphterieproteine gekoppelt werden, ist ja auch mühelos vorstellbar, daß Frauen in praxi ungewollt verhütungs»geimpft« werden.
Rund fünfundzwanzig Jahre nach Beginn der systematischen Erforschung von Antikörpern auf ihre kontrazeptive Potenz hin bleiben viele der seinerzeit gestellten Fragen nach Wirksamkeit und Sicherheit offen, ihre positive Bedeutung für das Wohlergehen von Frauen mehr als fragwürdig. Damit nicht genug. Anti-Fruchtbarkeitsimpfungen fördern bevölkerungspolitische Praktiken, mit denen die Rechte von Frauen auf sexuelle und reproduktive Selbstbestimmung weiter untergraben werden. Hat doch so manche Regierung im Süden in den letzten zehn Jahren demographische Ziele eingeführt, was (para)medizinisches Personal und Mitarbeiterlnnen von Familienplanungsprogrammen dazu anspornt, effektive ? also von der Motivation abgekoppelte, über einen langen Zeitraum wirksame ? Kontrazeptiva unter die Leute zu bringen, um die Geburtenraten zu senken. Und besonders angesichts einer zunehmenden Tendenz, vor allem arme Frauen aus dem Süden regelrecht zur Geburtenkontrolle zu verpflichten, wird zweifelhaft, wie Frauen ihre Souveränität in reproduktiven Fragen überhaupt noch wahrnehmen können.
Unbestreitbar ist, daß Frauen und Männer sichere und ihren Bedürfnissen entsprechende Methoden zur Verhütung und Abtreibung benötigen. In einem weltweit verbreiteten Aufruf fordern deshalb AktivistInnen aus Frauen- und Gesundheitsbewegungen aus rund 40 Ländern den sofortigen Stopp der Forschungen an immunologischen Kontrazeptiva und eine »radikale Umkehr in der Verhütungsmittelforschung«. Die sollte, anstatt sich demographischen Erwägungen anzudienen, den Menschen ermöglichen, die Kontrolle über ihre Fruchtbarkeit in den eigenen Händen zu behalten.

Anmerkungen:

1 Impfstoffe oder Impfungen (engl. vaccines) werden allgemein zur Vorbeugung oder Behandlung von Erkrankungen verwendet. In der Wissenschaftsliteratur wurde die Forschung und Entwicklung an immunologischen Verhütungsmitteln allerdings als Arbeit an »Anti-Fruchtbarkeitsimpfstoffen« eingeführt. Da Schwangerschaften keine Krankheiten sind, ist dieser Begriff fachlich nicht korrekt. Allerdings werden Schwangerschaften in den Ländern des Südens in Kreisen der internationalen Bevölkerungspolitik auch als »Epidemie« bezeichnet und insofern wie Krankheiten begriffen und bekämpft. Vgl.: Sprenger, U.; Zweifel, H. (1994): Auswirkungen der modernen Biotechnologien auf Frauen in den Ländern des Südens ? Im Bereich der medizinischen Anwendung in der Geburtenkontrolle und im Bereich der Landwirtschaft und Nahrungsmittelversorgung. Bonn: Büro für Technikfolgen-Abschätzung (TAB) beim Deutschen Bundestag, 2X.

2 Klinische Tests in Schweden wurden allerdings 1994 von der WHO/HRP vorerst abgebrochen, nachdem dort bei den erstem sieben Frauen heftige Entzündungen der Einstichstellen auftraten. Vgl.: WHO/HRP, Annual Report 1995, S. 76/77.

3 Vgl.: Sprenger, U. (1995): Challenging the immune system: The development of anti-fertility vaccines. In: Biotechnology and Development Monitor, Nr. 25, Dez. 1995, S. 2 5. Amsterdam; Sprenger, U.; Zweifel, H. (1994).


Ute Sprenger ist Publizistin und seit Jahren aktiv im Bereich Bevölkerungspolitik und Gentechnik.