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(Artikel * 2016) Kaltenbacher, Siobhan
Äußerste Außengrenzen Migration in Frankreichs jüngstes Übersee-Département Mayotte
in iz3w Nr. 357 * Seite 8 - 9
Themen: Migration; Sozialstruktur; Abschiebung; Illegalisierte * Frankreich; Komoren * Dok-Nr: 275317
Standorte: A3W Osnabrück; FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; VNB Barnstorf; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Grenzregime


Äußerste Außengrenzen
Migration in Frankreichs jüngstes Übersee-Département Mayotte
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Mayotte ist eine kleine Insel im Indischen Ozean, achttausend Kilometer von Paris entfernt und seit 2011 Übersee-Département von Frankreich. Die Situation von MigrantInnen an dieser EU-Außengrenze findet kaum Beachtung.

von Siobhan Kaltenbacher

Nur 60 Kilometer Meer trennen die drei Komoreninseln Anjouan, Mohéli und Grande Comore von der vierten Insel Mayotte – und damit die Union der Komoren vom jüngsten Übersee-Département Frankreichs. Während sich die Bevölkerung der Komoren 1975 für die Unabhängigkeit entschied, verblieb Mayotte bei Frankreich. Sie erhielt 2011 den Status des fünften französischen Übersee-Départements. Seit 2014 ist Mayotte als sogenanntes Gebiet in äußerster Randlage Teil der EU und bildet damit eine EU-Außengrenze nördlich von Madagaskar.
Inzwischen sind rund 100.000 der 250.000 EinwohnerInnen Mayottes MigrantInnen. Ein Großteil von ihnen stammt von den Inseln des Komorenarchipels, zu dem Mayotte kulturell, linguistisch und religiös gezählt wird. Die Union der Komoren gilt als eines der ärmsten Länder der Welt und hat seit der Unabhängigkeitserklärung bereits mehrere Putsche erlebt. Daneben erscheine Mayotte als Oase des Reichtums, fasst Abdou, ein 19-jähriger komorischer Migrant, die Lage zusammen: Die
60 Kilometer Abstand trennten Welten voneinander.
Oftmals sind es elementare Bedürfnisse nach genügend Wasser, Nahrung und Elektrizität, die die Menschen zur Migration zwischen den Inseln bewegen. Aber auch das mit französischen Subventionen ausgebaute Gesundheits- und Schulsystem sowie die Chance auf französische Staatsangehörigkeit für die Kinder regen Hoffnung auf ein besseres Leben auf der »europäischen« Nachbarinsel.

Mit der Grenze …
Jahrhundertelang hatten sich die Menschen frei zwischen den vier Inseln bewegt. Ein dichtes Verwandtschaftsnetz überzieht die Inseln. Bis heute kommt kaum jemand nach Mayotte, ohne soziale Kontakte vor Ort zu haben. Doch Frankreich versucht die Bewegungen zu kontrollieren und bindet seit 1995 die Einreise nach Mayotte an ein Visum. Dieses ist inzwischen schier unmöglich zu erhalten – zu hoch die Anforderungen an Dokumente und die durch Korruption auf den Komoren gestiegenen Kosten für die Ausstellung, zu lang die Wartezeiten.
Legale Einreisewege nach Mayotte werden zunehmend versperrt und so wird die illegalisierte Einreise zur alternativlosen Normalität. Dementsprechend boomt das Geschäft mit nächtlichen Überfahrten nach Mayotte. Menschen zahlen hunderte, gar tausende Euros für das gefährliche Übersetzen in sogenannten Kwassa-Kwassa: Fischerbooten, die oftmals überfüllt sind. Seit der Visaeinführung haben etwa 10.000 Menschen ihr Leben vor den Küsten Mayottes verloren. Täglich gibt es dort neue Bilder, die sonst mit Lampedusa verbunden werden – die aber kaum jemand in Europa sieht.
Trotz der gefährlichen Überfahrt riskieren Menschen weiterhin ihr Leben, um nach Mayotte zu gelangen. Frankreich reagiert mit Abschottung und Abschiebung. Vier Radarsysteme überwachen das Küstengebiet, Grenzschutzpolizei zu Wasser patrouilliert Tag und Nacht, um das »Problem« der sogenannten irregulären Einwanderung zu bekämpfen. Dabei existiert das Konstrukt der irregularisierten Migration erst, seitdem der Staat mit der Schaffung des Départements eine Grenze innerhalb des Komorenarchipels gezogen hat. Seitdem erklärt Frankreich komorische Verwandte, NachbarInnen und FreundInnen zu MigrantInnen und Fremden. Frankreich geht so gegen ein selbstgeschaffenes »Problem« an.
Im Jahr 2014 wurden 19.995 Menschen von der 374 Quadratkilometer kleinen Insel abgeschoben, mehr als vom gesamten Festland Frankreichs. Ein Großteil der Abschiebungen findet bereits vor der Küste Mayottes und somit fernab der Öffentlichkeit statt. Die Police aux Frontières (Grenzschutzpolizei) fängt die Kwassa-Kwassa ab und bringt die Menschen direkt in das Abschiebegefängnis auf einer Nebeninsel Mayottes. Die Zeit bis zur Abschiebung, die täglich per Touristenfähre erfolgt, reicht oftmals nicht für juristischen Widerspruch aus.

… folgen Spannungen
Auch den Menschen, die es nach Mayotte schaffen, droht täglich die Abschiebung. Nicht selten werden dabei Familien getrennt – Eltern ohne Kinder sowie Kinder ohne Eltern abgeschoben. Als Folge des restriktiven Vorgehens leben derzeit rund 4.000 unbegleitete minderjährige MigrantInnen meist unter prekärsten Bedingungen auf Mayotte. Nicht nur für sie bleiben die Erwartungen an das Leben in der »Oase des Reichtums« unerfüllt.
Ein Großteil der irregularisierten komorischen MigrantInnen lebt in Slums ohne Strom- und Wasseranschluss nahe der mayottischen Hauptstadt Mamoudzou. Der Alltag wird bestimmt von scheinbar endlosen administrativen Prozessen für eine eventuelle Regularisierung des Aufenthalts sowie von der unablässigen Angst vor Abschiebung. Polizeikontrollen erschweren die Mobilität der Menschen nicht nur zwischen den Inseln, sondern auch auf Mayotte selbst. Die Teilhabe an sämtlichen Bereichen des öffentlichen Lebens wird dadurch eingeschränkt. Jeder Markt- oder Arztbesuch, gar jeder Schritt aus dem direkten Wohnumfeld heraus, birgt das Risiko, abgeschoben zu werden.
Eine Lohnarbeit finden die Menschen, wenn überhaupt, nur im irregulären Arbeitsmarkt und damit ohne jeden Schutz vor Ausbeutung und in geringqualifizierten Berufen. Auch die Hoffnung auf Beschulung der Kinder wird nicht immer erfüllt. Trotz allgemeiner französischer Schulpflicht hat sich aufgrund der großen Anzahl an Kindern auf der Insel inoffiziell eine Rangfolge in der Schulplatzvergabe entwickelt. Dabei werden Kinder mit französischer Nationalität bevorzugt. Der Zugang zur Bildung für über-16-jährige KomorierInnen ist fast unmöglich, denn die Schulpflicht gilt nur bis zum 16. Lebensjahr. Der privilegierte Zugang zu Bildung – und damit auch bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt – für die auf Mayotte lebenden französischen StaatsbürgerInnen spalten die Gesellschaft.
Mit der Präsenz von Métropolitain/es, festlandfranzösischer Bevölkerung, die die höheren Positionen im Gesundheits- oder Schulsystem, Verwaltung und Wirtschaft besetzen, ist generell eine hierarchisierte Teilung der Bevölkerung auf Mayotte zu beobachten. An oberster Stelle stehen die [zumeist weißen] 10.000 Festlandfranzösinnen und -franzosen, die für einen befristeten Arbeitsaufenthalt samt hoher Boni und Prämien in den »französischen Tropen« sind und Erinnerungen an die koloniale Vergangenheit wachrufen. Der von einem Großteil dieser Gruppe gepflegte französisch-postkoloniale Lebensstil gilt auch unter Menschen lokaler Herkunft, den Mahorais/es, als erstrebenswert. Im Gegenzug gelten Herkunftsbezeichnungen wie Comorien/nes und Anjouanais/es als Beleidigungen. Die regionale Sprache Shimaoré oder lokale Traditionen werden abgewertet, die eigene lokale Herkunft wird negiert. Eigene Verwandte und Bekannte von den Komoren werden als »illegale MigrantInnen«, unerwünschte AusländerInnen und Fremde diskriminiert und sozial ausgegrenzt.
Auf der Insel herrschen enorme soziale Spannungen. Komorische MigrantInnen werden dabei leicht zu Sündenböcken gemacht. Von der Jugendkriminalität und der schlechten Wirtschaftslage über das strapazierte Gesundheitssystem, die marode öffentliche Verwaltung, überfüllte Schulen bis hin zur Massenarbeitslosigkeit – für sämtliche Missstände wird den komorischen MigrantInnen die Schuld zugewiesen. Mahorais/es gingen dieses Jahr mit Demonstrationen und in Zusammenrottungen aktiv gegen die komorische Bevölkerung vor. In razzienartigen Aktionen auf der ganzen Insel jagten eigens dafür gegründete Kollektive rund 1.000 Menschen aus ihren Behausungen und Dörfern regelrecht fort und trieben sie in die Obdachlosigkeit. Diese Gewalttaten begannen am 10. Januar mit einer ersten Razzia, bei der die Behausungen von etwa 200 komorischen Menschen, sowohl mit irregulärem als auch regulärem Aufenthaltsstatus, zerstört wurden. Ähnliche Vorfälle ereigneten sich über Monate hinweg in Dörfern und Städten auf der ganzen Insel.
Mayotte mag auf den ersten Blick wie ein Ausnahmefall der französischen Migrationspolitik wirken. Doch verschiedene Prozesse und Thematiken, die auch im kontinentaleuropäischen Kontext diskutiert werden, finden sich auf Mayotte auf engstem Raum konzentriert. Die Folgen von Grenzziehung, Irregularisierung von Migration und repressivem Umgang mit MigrantInnen zeigen sich vor Ort in kürzester Zeit. In erschreckendem Ausmaß lässt sich auf Mayotte die Macht politischer/gesellschaftlicher Zuschreibung beobachten, die aus eigenen Verwandten, FreundInnen und Bekannten 60 Kilometer weiter nun Fremde und Auszugrenzende macht. Die globalen Nord-Süd-Ungleichheiten existieren dabei auf engstem Raum nebeneinander. Nicht nur, weil Mayotte eine EU-Außengrenze bildet, sollte der unannehmbaren Situation mehr Beachtung geschenkt werden.


Siobhan Kaltenbacher ist Masterstudentin an der SOAS in London und hat 2015 bei der NGO La Cimade auf Mayotte gearbeitet.