Volltext

(Artikel * 2016) Backes, Martina; Ellerson, Beti
"Brennende Fragen der Gesellschaft aufwerfen" Interview mit Beti Ellerson über filmschaffende afrikanische Frauen
in iz3w Nr. 356 * Seite 18 - 19
Themen: Film; Frauen; Widerstand; Identität * Sisters in African Cinema; Centre for the Study and Research of African Women in Cinema * Dok-Nr: 274131
Standorte: A3W Osnabrück; FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Film


»Brennende Fragen der Gesellschaft aufwerfen«
Interview mit Beti Ellerson über filmschaffende afrikanische Frauen


2008 begründete Beti Ellerson ein Studien- und Forschungszentrum zum Filmschaffen afrikanischer Frauen. Damit hat sie in der Filmgeschichtsschreibung ein Kapitel aufgeschlagen, das bis dahin kaum sichtbar war. Anlässlich der Vorführung ihres Films »Sisters of the Screen: African Women in the Cinema« im September in Köln sprachen wir mit der Afrikanistin über die Rolle von filmschaffenden Frauen in afrikanischen Kontexten.


iz3w: Wie kamen Sie dazu, ein eigenes Forschungszentrum zur Rolle afrikanischer filmschaffender Frauen zu kreieren?
Beti Ellerson: Als Feministin war ich schon immer daran interessiert, mich aus einer kritischen Haltung heraus für Frauenthemen zu engagieren, und als Studierende wollte ich die Erfahrungen afrikanischer Frauen mit bewegten Bildern erforschen. Für mich war dieses Medium besonders fesselnd, weil Filmschaffende über das Kino komplexe Themen ihrer Gesellschaft behandeln können und das Kino zugleich für pädagogische Ansätze und Bewusstseinsbildung nutzbar ist. Die Forschung darüber brachte mich dazu, die African Women Cinema Studies zu entwerfen. Das Studium umfasst die Filmgeschichtsschreibung ebenso wie die Filmrezeption. Als Aktivistin wollte ich damit zugleich das Schaffen von Filmemacherinnen unterstützen und einen Raum für Diskussionen eröffnen. Rezeption und Anwaltschaft sind besonders wichtig, weil ich möchte, dass die in den African Women Cinema Studies geführten Debatten die Vorlesungs- und Konferenzsäle verlassen und in der Öffentlichkeit hörbar werden.

Werfen wir zunächst einen kurzen Blick auf die Produktionsbedingungen und Herausforderungen des afrikanischen Filmschaffens generell: Was hat sich heute im Vergleich zur Zeit der gerade erlangten Unabhängigkeit vor rund 50 Jahren verändert?
Die Sichtbarkeit afrikanischer Filme hat zugenommen, auch infolge des generellen Interesses an Diversität und Multikulturalismus – nicht ohne die Gefahr, dass letztere zelebriert werden. Weltkino – und damit auch das Afrikanische Kino – genießen heute deutlich mehr Aufmerksamkeit. Auch die Technik spielt eine wichtige Rolle. Die neuen digitalen Technologien haben die Spielregeln neu aufgestellt, sowohl für den Zugang und die Rezeption als auch für Marketing und Werbung.
Frauen waren zwar zahlenmäßig kaum vertreten, aber sie waren seit Beginn der afrikanischen Kinogeschichte in den 1960er Jahren praktisch tätig, als Organisatorinnen und Anwältinnen für eine zukunftsweisende cineastische Infrastruktur auf dem Kontinent. So steht zum Beispiel die französisch-guadeloupe Filmemacherin Sarah Maldoror seit den 1970er Jahren für diese aktive sichtbare Präsenz von Frauen im Filmschaffen. Ihr Film Sambisanga, der sinnbildlich auf die angolanische Befreiungsbewegung Bezug nimmt, bleibt ein Symbol für ihr Engagement für das afrikanische Kino und für die afrikanische Unabhängigkeit. Seit dieser bahnbrechenden Arbeit findet man in jeder Dekade Filme von Frauen über afrikanische Befreiungsbewegungen, Freiheitskämpfe und das Bemühen um Frieden und Versöhnung.

In der nigerianischen Filmindustrie, weithin bekannt als Nollywood, führen bis heute nur wenige Frauen Regie oder sind Produzentinnen. Was für Filme machen sie?
Hier möchte ich die Arbeit von Agatha Ukata anführen, Researching Women in Nollywood, sowie den Dokumentarfilm Amaka‘s Kin – The Women Of Nollywood von Tope Oshin, in dem sie die Arbeit der 2014 verstorbenen Nollywood-Filmemacherin AmakaIgwe würdigt. 2010 gab es in Nigeria eine Konferenz, die sich dem Thema widmete. Das verweist auf das offensichtliche Interesse, und in den African Women Cinema Studies entsteht gerade ein Forschungsschwerpunkt dazu.

Warum stellt gerade das Filmschaffen eine wichtige Ausdrucksform für die freie Meinungsäußerung von Frauen dar?
Lassen Sie mich drei Beispiele dafür geben, wie Frauen als Filmemacherinnen in gefährlichen Situationen die Konfrontation geradezu suchten, um ihre Anliegen ans Licht zu bringen: Die Algerierin Horria Saihi wurde beim internationalen Wettbewerb Women in Media Foundation Courage in Journalism Award als Preisträgerin für ihre Arbeit während des Algerienkrieges in den frühen 1960er Jahren gewürdigt. Sie musste anschließend aufgrund von Todesdrohungen untertauchen. Wegen ihres Films Feminine Dilemma (1996) über weibliche Genitalverstümmelung sprach die Muslimbruderschaft eine Fatwa gegen die aus Nigeria stammende Regisseurin Zara Mahamat Yacoub aus. 2011 wurde die Tunesierin Nadia el Fani nach der Vorführung ihres Film Neither Allah, nor Master von Leuten belästigt, die ihren Film als Angriff auf den Islam interpretierten. Alle drei Filmemacherinnen sagten, ihre Rolle sei es, brennende Fragen der Gesellschaft aufzuwerfen und die freie Meinungsäußerung über die Gefahren zu stellen, die bestehen, wenn über diese Fragen geschwiegen wird.

Warum erwarten das Publikum und die Filmindustrie oft, dass Filmemacherinnen Filme zu Frauenthemen produzieren?
Gerade Frauen afrikanischer Herkunft haben mir gegenüber oft geäußert, dass sie sich von internationalen Agenturen, die Bewusstsein für genderrelevante Fragen schaffen wollen, dazu gedrängt fühlen, Frauenthemen zu behandeln. Al’leessi…an African Actress (2004) ist ein informativer Film zu dieser Frage. Die Autorin Rahmatou Keita geht darin den Spuren von Zalika Souley aus dem Niger nach, der Pionierschauspielerin in den ersten Filmen aus dem sub-saharischen Raum. Und ich möchte hier die Rolle der Schauspielerinnen in meinem Film Sister of the Screen erwähnen. In beiden Filmen sprechen die Schauspielerinnen über die Schwierigkeiten, die sie hinter der Leinwand in ihrem privaten Leben hatten, weil sie den Erwartungen der Gesellschaft und auch der Frauen darin entgegenstanden.

In wie weit haben die »Sisters in African Cinema« Diskussionen zu Fragen ermöglicht, die eigentlich tabu sind?
Klar, gerade Themen, die nicht offen angesprochen werden, kommen in ihren Filmen vor. Zara Yacoubs Feminine Dilemma ist ein sehr drastischer Film über die aktuelle Praxis weiblicher Genitalverstümmelung, der im Tschad im Fernsehen ausgestrahlt wurde. Mossane (1996) von Safi Faye zeigt eine explizit erotische Liebesszene und bricht damit ebenfalls ein Tabu. Mit ihrem Film L’Autre Femme (The Other Woman, 2013) sagte die senegalesische Regisseurin Marie Kâ, sie wolle die Haltung der senegalesischen Gesellschaft herausfordern, eine Frau sei nicht länger attraktiv, wenn sie erst einmal ein Kind zur Welt gebracht habe. Das sind Beispiele dafür, dass visuelle Repräsentationen der weiblichen Sexualität und des Frauenkörpers tabubrechend wirken.

Auf welche Weise behandeln Filmemacherinnen afrikanischer Herkunft Themen wie Privilegien und Überlegenheitsdenken von Weißen Frauen?
Das ist ein heikles Thema, wenn man es aus der Perspektive von und auf »Weiße Frauen afrikanischer Herkunft« betrachtet. Ich verwende hier Anführungszeichen, weil diese Identität wirklich selten Thema ist. Ihre Frage impliziert, dass afrikanische Frauen Schwarz oder zumindest Nichtweiß sind, obwohl es Weiße Frauen gibt, gerade in Südafrika, die in der Rede über afrikanische Filmemacherinnen berücksichtigt werden sollten. Zudem denke ich an schwarze und arabische Frauen, die mit europäischen oder amerikanischen Pässen rund um die Welt reisen und damit in jenen dominanten westlichen Kulturen herumkommen, in denen viele dieser Privilegien gerahmt werden. Hier würde ich gerne erwähnen, was Ngozi Onwurah in einem Interview 1997 sagte: Es gibt sehr unterschiedliche Erfahrungen unter schwarzen Frauen, die auf dem Kontinent leben, und jenen, die im Westen leben, und diese Unterschiede werden nicht ausreichend gesehen. Aus meiner Sicht hat sie damit eine Debatte losgetreten, die Privilegien auch über Positionierung und soziale Verortung betrachtet.

Inwieweit können Filme jene Identitäten infrage stellen, die Frauen afrikanischer Herkunft zugeschrieben werden und die einer starken Definitionsmacht unterliegen?
Der Begriff der Identität afrikanischer Frauen wird mit dem Aufkommen diverser Formen von Binationalität, hybrider Kulturen, transnationalen Praktiken und bi-ethnischen Beziehungen immer noch komplexer, und dadurch kommt ein diasporisches Bewusstsein auf. Wir sprachen darüber, dass es Weiße Frauen gibt, die zugleich Afrikanerinnen sind und afrikanische Frauen, die Europäerinnen sind und in kulturellen Sphären leben, die Teil der dominanten westlichen Kultur sind. In ihrem Film La Passante (1972) spricht die in Paris lebende Senegalesin Safii Faye beispielsweise über eine Protagonistin, die zwischen zwei Kulturen lebt, der afrikanischen und
der europäischen. Der Film The Body Beautiful (1991) von Ngozi Onwurah erforscht die nigerianisch-britische Herkunft und Identität ihrer Protagonistin und deren Leben in weißer Nachbarschaft in Newcastle in England.

Tragen Filmemacherinnen mit ihrer Arbeit zu einem Geist der Solidarität unter Frauen bei?
Das Aufkommen eines Frauenfilmfestivals in Afrika weist auf genau diesen Solidaritätsgeist hin. Frauenfilmfestivals gibt es in allen Teilen des Kontinents, meistens werden sie von Frauen geleitet, deren Absicht es ist, filmschaffende Frauen mit afrikanischen Bezügen zu unterstützen, zu ermächtigen und in ihrer Arbeit zu ermutigen.


Beti Ellerson ist Direktorin des Centre for the Study and Research of African Women in Cinema (africanwomenincinema.org) und betreibt den Blog africanwomenincinema.blogspot.lu. Sie ist für den Kölner Verein FilmInitiativ als Beraterin des Festival-Schwerpunktes Sisters in African Cinema tätig. Interview und Übersetzung: Martina Backes. Langfassung des Interviews auf www.iz3w.org.