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(Artikel * 2016) Rössel, Karl
Cool, visionär & kreativ Eine neue Generation von afrikanischen Filmschaffenden
in iz3w Nr. 356 * Seite 16 - 17
Themen: Film; Frauen; Kunst; Widerstand * Afripedia * Dok-Nr: 274124
Standorte: A3W Osnabrück; FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Film


Cool, visionär & kreativ
Eine neue Generation von afrikanischen Filmschaffenden

Seit 1992 stellt der Verein FilmInitiativ Köln Filmschaffende und cineastische Kunst-Initiativen mit afrikanischen und transkulturellen Bezügen vor. Die 14. Ausgabe des Kölner Afrika Film Festivals zeigt erneut aktuelle Beispiele für die Filmkunst dieses Kontinents und der globalen afrikanischen Diaspora. Schwerpunkt ist dieses Mal das cineastische Schaffen von Frauen.

von Karl Rössel

In der senegalesischen Hauptstadt Dakar entwerfen KünstlerInnen futuristische Mode für »Aliens«, betreiben eine Online-Plattform namens »Wakh’art« für 45.000 kunstinteressierte Follower, veranstalten Hiphop-Battles auf der Straße oder produzieren avantgardistische Tanz-Videos, denn: »Dancing means Freedom«. Sie betreiben alternative Szenetreffs für diejenigen, die ein anderes Bild ihres Landes vermitteln wollen als es PolitikerInnen tun, »eines, das gezeigt werden sollte!«
In Ghana protestieren AktivistInnen mit Kunstaktionen gegen illegalen Bergbau und erklären: »Wir definieren sehr bewusst selbst, was es heißt, AfrikanerIn zu sein. Als KünstlerInnen suchen wir Lösungen für die Probleme unseres Landes.« In Kenia experimentieren Video-KünstlerInnen mit 3D-Animationen, eine »neue Generation« von Filmschaffenden verweigert sich »dem Diktat« der kommerziellen Medien und will »eigene Geschichten« erzählen. In einem Musik-Video für das Portal »African Digital Art« heißt es: »Wir entsprechen nicht euren Klischeevorstellungen von Afrika!«, und ein Designer, der abgedrehte Brillengestelle aus Müll kreiert, sagt selbstbewusst, wer nach »Elends-Stories« suche, sei bei ihm fehl am Platz: »Ich verkaufe nicht Armut, sondern Kunst.«
Im südafrikanischen Soweto organisiert eine Heavy Metal Band ein Rockfestival, um zu beweisen, dass auch in einem Viertel mit zweifelhaftem Ruf Positives geschieht. Programmierer in Johannesburg entwickeln Video-Spiele für »Street Fighter«, ein »DJ Invisible« hat einen neuen Musikstil namens »LIM POP« geprägt, der »afrikanischer Ästhetik entspricht«, und ein Video-Künstler erklärt, es passierten aufregende Dinge »von Angola über Nigeria bis Südafrika«: »Wir müssen nur dafür sorgen, dass unsere Träume nicht sterben«.
All diese Zitate stammen aus der fünfteiligen Dokumentarfilmserie »Afripedia«. Zu den InitiatorInnen dieses Filmprojekts über (Jugend-)Kultur in West-, Ost- und Südafrika gehört Teddy Goitom. Er will »bislang nicht erzählte, inspirierende Stories« aus Afrika in neuen Formen vermitteln. Seine und andere Filme im Programm des Afrika Film Festivals in Köln stehen beispielhaft für die Aufbruchstimmung in den Kunst- und Filmszenen vieler afrikanischer Länder.

Neue Filme, neue Formen
Trotz des oft beschworenen Kinosterbens, schwierigster Produktionsbedingungen und extremer finanzieller Engpässe sind in den letzten Jahren viele herausragende Filme in Afrika und in der afrikanischen Diaspora entstanden. Für neue Ansätze im Filmschaffen ihrer jeweiligen Länder stehen zum Beispiel Debutfilme wie »Necktie Youth« von Sibs Shongwe-La Mer aus Südafrika, ein schwarz-weiß gedrehtes Sittenbild von Mittelklassekids in der Postapartheid-Ära, und »Lonbraz Kann« von David Constantin aus Mauritius, der für seinen Spielfilm über die Stilllegung einer Zuckerfabrik lokale DarstellerInnen und TechnikerInnen ausbilden ließ, um dort einen Grundstein für unabhängige Filmproduktionen zu legen.
»Abaabi ba Boda Boda« (The Boda Boda Thieves) aus Uganda ist ein vom italienischen Neorealismus inspiriertes Drama des Kollektivs »Yes! That’s Us« aus Kampala. Und in »Akher Ayam El Madina« (In the last Days of the City) aus Ägypten spiegeln sich die gesellschaftlichen Umwälzungen seit dem Sturz der Mubarak-Diktatur in der langjährigen Produktionsgeschichte wider, die sowohl die Filmhandlung veränderte als auch den Blick des Regisseurs Tamer El Said auf seinen Wohnort: »Kairo ist eine der fotogensten Städte der Welt – mit einer erstaunlichen Mischung von Zartem und Hartem. Ich wollte herausfinden, wie sich Erfahrungen in dieser Stadt auf der Leinwand reflektieren und nachbilden lassen und den Puls der Straße und des Lebens einfangen.«

Revolution und Reaktion
Mit revolutionären Aufbrüchen und reaktionären Gegenbewegungen beschäftigen sich auch RegisseurInnen in anderen afrikanischen Ländern. So erinnern ZeitzeugInnen in dem Dokumentarfilm »Independência« an den bewaffneten Befreiungskampf in Angola und an den Bürgerkrieg nach der Unabhängigkeit. Die Kurzfilmserien »Tripoli stories« und »Libyan stories« bieten seltene Einblicke in den Alltag des seit dem Tod Gaddafis von bewaffneten Milizen zerrütteten nordafrikanischen Landes. Im Kurzfilm »Mission impossible« über zwei junge libysche Filmemacher sind im Soundtrack Schießereien zu hören, die bei den Dreharbeiten in der Nachbarschaft stattfanden.
Auf den fälschlicherweise romantisierten Arabischen Frühling folgten nicht nur in Nordafrika gewaltsam ausgetragene Konflikte, die von terroristischen Banden geschürt und zur Verbreitung ihrer reaktionären Ideen genutzt werden. Diese Entwicklungen werden auch in Filmen aus Afrika und aus der europäischen Diaspora reflektiert. So fragt der aus Somalia stammende Regisseur Nasib Farah in seiner Dokumentation »Krigerne Fra Nord« (Warriors from the North), warum junge Männer aus somalischen Einwanderfamilien ihr Leben in Dänemark aufgeben, um sich der Terrormiliz al-Shabaab in Ostafrika anzuschließen. Bei den Dreharbeiten geriet Nasib Farah »nur aufgrund seiner Hautfarbe in eine Polizeikontrolle und musste sich ein Verhör über sein Verhältnis zum Terrorismus gefallen lassen«. Über die Protagonisten seines Films sagt er: »Wie so viele junge Leute mit dunkler Hautfarbe und ausländisch klingenden Namen fühlen sich auch viele Somalis in Dänemark unerwünscht. Alle Menschen suchen jedoch nach Anerkennung und wollen sich zugehörig fühlen. So werden sie ansprechbar für al-Shabaab.«
Dass es in Afrika auch erfolgreiche Protestbewegungen gibt, belegt die Dokumentation »Une révolution africaine – Les dix jours qui ont fait chuter Blaise Compaoré« über die letzten zehn Tage bis zum Sturz des Präsidenten von Burkina Faso nach 27 Jahren autoritärer Herrschaft. Der Film gewinnt seine Spannung dadurch, dass sowohl Akteure der Basisbewegung zu Wort kommen (wie der Rapper Smockey) als auch Vertreter der Partei Compaorés. Die Dokumentation liefert damit ein differenziertes Bild der international bedeutsamen Ereignisse, die in Europa nicht die Aufmerksamkeit erhielten, die sie verdienen.

Sisters in African Cinema
Frauen vor und hinter der Kamera gewinnen im afrikanischen Filmschaffen an Bedeutung. Sie wenden ihre cineastischen Blicke nicht nur auf die Rolle und die Probleme von Frauen im Alltag, sondern auch auf Frauen im Widerstand gegen patriarchale Strukturen, Ungerechtigkeiten, Gewalt und Menschenrechtsverletzungen sowie auf Frauen in Politik und Kultur. Die Reihe »Sisters in African Cinema« stellt das aktuelle Filmschaffen afrikanischer Frauen vor, um den eurozentrischen Blicken auf Frauen in Afrika Perspektiven von Frauen in Afrika entgegenzusetzen. Fünf Regisseurinnen aus Kenia, Tunesien, den USA, Frankreich und Deutschland berieten FilmInitiativ bei der Auswahl des Programms, das mit 33 Spiel-, Dokumentar-, Kurz- und Experimentalfilmen aus 13 Ländern Afrikas und der Diaspora einen umfassenden Überblick des Filmschaffens von Frauen afrikanischer Herkunft bietet.
So läuft etwa der international erfolgreiche Animationsfilm »Aya de Yopougon« (Aya of Yop City) über eine selbstbewusste junge Frau in Abidjan (siehe iz3w 355). Der Eröffnungsfilm »A peine j’ouvre les yeux« (Kaum öffne ich die Augen) erzählt von der Rock-Sängerin Farah, die mit ihren politischen Texten gegen die repressive tunesische Gesellschaft der Ben Ali-Diktatur rebelliert. Von aktuellen Angriffen auf Freiheitsrechte handelt der Film »Le challat de Tunis«, in dem ein Motorradfahrer ihm despektierlich erscheinende Frauen im Vorbeifahren mit dem Rasiermesser attackiert. Die südafrikanische Regisseurin Sara Blecher ist mit zwei Spielfilmen vertreten: »Ayanda« erzählt von einer 21-Jährigen, die nach dem Tod ihres Vaters dessen Autowerkstatt übernommen hat und sich in einer Männerdomäne durchsetzen muss. Ihr zweiter Film »Dis Ek, Anna« (It’s me, Anna) zeigt die verhängnisvollen Folgen von sexuellem Missbrauch.
Regisseurin Wendy Bashi kehrte für ihren Dokumentarfilm »Rumeurs du lac« (The lake’s tremor) an Stätten ihrer Kindheit zurück und zeichnete an den Ufern des Kivu-Sees im Ostkongo traditionelle Legenden und aktuelle Kriegserinnerungen von Fischern auf. Die Autorin und Bloggerin Beti Ellerson aus den USA (siehe Interview in dieser iz3w-Ausgabe), stellt ihren Dokumentarfilm »Sisters of the screen – African women in cinema« vor. Der abschließende Dokumentarfilm »La révolution des femmes: Un siècle de féminisme arabe« lädt dazu ein, mit der tunesischen Regisseurin Feriel Ben Mahmoud über die Geschichte und die aktuellen Positionen der Frauenbewegungen in Nordafrika zu diskutieren.
Entgegen den vorherrschenden Sichtweisen auf den afrikanischen Kontinent bieten die 83 Filme des Kölner Festivals neue und hoffnungsvolle Einblicke ins Alltagsleben afrikanischer Länder. Das Publikum hat die Gelegenheit, über deren Probleme und desillusionierende Entwicklungen mit zahlreichen Gästen aus Afrika zu diskutieren.


Karl Rössel ist Mitbegründer von FilmInitiativ Köln e.V. und des Kölner Afrika Film Festivals. Siehe www.filme-aus-afrika.de und www.facebook.com/FilmInitiativ