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(Artikel * 2016) Rombach, Alice
Mutige Mädchen in futuristischen Welten Animationsfilme aus Subsahara-Afrika brechen mit Tabus
in iz3w Nr. 353 * Seite 24 - 25
Themen: Film; Frauen; Sexismus; Sexualisierte Gewalt * Afrika * * Dok-Nr: 271665
Standorte: A3W Osnabrück; FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Afrikanische Trickfilme


Mutige Mädchen in futuristischen Welten
Animationsfilme aus Subsahara-Afrika brechen mit Tabus


von Alice Rombach

»Wir wollen diese Geschichten unbedingt erzählen. Allerdings haben wir keine Lust zu verhungern, während wir die Filme produzieren«, bringt der Trickfilmemacher Laza aus Madagaskar die Situation der TrickfilmmacherInnen im Subsahararaum auf den Punkt. Bisher war auf dem afrikanischen Filmmarkt – ausgenommen Südafrika – Animation vor allem auf Werbung und Filme für öffentliche Institutionen beschränkt. Doch der Animationsfilm ist im Kommen.
Das zeigen beispielsweise die Kurzfilme aus Burundi, Ruanda, Madagaskar, Mozambique, Nigeria, Kenia, Burkina Faso, dem Kongo und dem Senegal, die in der Sonderreihe »Afrika animiert – subsaharische Trickfilme« des letzten Leipziger Filmfestivals für Dokumentation und Animation zu sehen waren. Sie zeugen von einem breiten Spektrum an Bildsprache, Techniken und Themen. Während die Ankündigung im Programmheft eine Mischung aus afrikanischen Mythen und Überlebenskämpfen des 21. Jahrhunderts betonte und exotisierend daherkam, überzeugten die Filme durch ihre Vielfältigkeit und eigenwillige Kombinationen aus spielerischer Bildsprache und direkter Darstellung von Themen wie sexualisierter Gewalt.

Spielerische Bildsprache, harte Themen
»Es war das Internet, das unser Kino gerettet hat«, erklärt der Kongolese Jean-Michel Kibushi. Erst durch das Internet habe es plötzlich filmische Einflüsse in einem nennenswerten Ausmaß gegeben – und damit auch Inspiration. In Kolonialzeiten wurden im Kongo Trickfilme zu Propagandazwecken eingesetzt. Danach gab es viele Jahrzehnte lang kaum Förderungen, die auf audiovisuelle Projekte spezialisiert waren. Ende der 1980er Jahre nahm Kibushi an einem Workshop der belgischen Vereinigung Atelier Graphoui teil. Heute leitet er seine eigene Produktionsfirma Malemba Maa, mithilfe derer er beginnen konnte, vielfältigere und komplexere Filme zu produzieren.
Der schwungvolle Kurzfilm »Afrogames« richtet den Blick auf fünf ungewöhnliche Kinder und deren Umgebung. In einer gelungenen Verbindung aus traditioneller Erzählweise und Animationsstil steht dabei ein rasanter Wettkampf mit vielen originellen Disziplinen im Zentrum: die Afrogames. Die Kinder nehmen als Team daran Teil und stehen fortwährend gesellschaftlichen Herausforderungen gegenüber.
ABCA, die burkinische Organisation für Animationsfilm, gibt es seit 2009. Sie produzierte «Afrogames« bisher nur als Pilotfilm. Ein erster Versuch, über Crowdfunding Geld aufzutreiben, scheiterte. Die weitere Produktion der Erfolg versprechenden Serie hängt momentan in der Luft.
»Butoyi«, ein 2013 in Belgien und Burundi produzierter Kurzfilm, verhandelt in erstaunlich spielerischer Bildsprache Themen wie Vergewaltigung oder den Zugang zu Bildung – auf eine ebenso knallharte wie selbstverständliche Weise. Entstanden ist der Film in einem Workshop des belgischen Vereins camera-etc. Zwölf Mädchen aus Burundi zeichneten dort die Geschichte des Ziegenmädchens Butoyi und animierten sie aus Karton und Naturmaterialien.
»Butoyi« wurde bereits auf unzähligen Filmfestivals in Europa, Australien, Nord- und Südamerika sowie in Asien gezeigt und erhielt einige Preise und Würdigungen. In Afrika wurde der Film im marokkanischen Meknès auf dem Festival International de Cinéma d’Animation und auf dem Festival du Film Court Francophone d’Atakpamé in Togo gezeigt. Auch in der Dorfgemeinschaft der Mädchen kam der Film zur Vorführung und löste intensive Diskussionen aus. Das Publikum wurde derart für die Thematik sensibilisiert, dass bislang tabuisierte Realitäten zur Sprache kamen.
Viele der MacherInnen von Trickfilmen haben sich als AutodidaktInnen weitergebildet. Irgendwann reichten ihnen die kurzen Animationskurse der NGOs nicht mehr, erzählt Michel Kibushi. Zeichnungen, Computerspiele und eine Fülle cineastischer Einflüsse wie asiatische Kampfkunst, Bollywood, russische, europäische und US-amerikanische Filme prägten das Schaffen der jungen FilmemacherInnen. Kibushi brachte in seinem Studio Malemba Maa in den Jahren 2008/09 Animationsfilmschaffende aus Ruanda, Burundi und dem Kongo in zwei Projekten zusammen. Außerdem rief er eine vierjährige Ausbildung ins Leben, die inzwischen von acht RegisseurInnen und 50 TechnikerInnen absolviert wurde.
In Madagaskar initiierte Laza das Festival »Rencontres du Film Court«. Zusammen mit Förderungen für Filmproduktionen und Ausbildungsmöglichkeiten trieb es die Entwicklung der Animationsfilmbranche auf der Insel voran. Im Senegal ist eine zweijährige Ausbildung entstanden, die durch Rozifilm aus Madagaskar, IAM und peopleTV organisiert wird.
Die Entscheidung darüber, in den »Westen« zu gehen oder nicht, ist das zentrale Thema im Film »Pondering«. Menschen auf den Straßen Ougadougous in Burkina Faso erzählen von der Hoffnung, die Armut hinter sich zu lassen, und von der Angst, als MigrantIn keine Arbeit zu finden und Rassismus ausgesetzt zu sein. Ihre Statements sind im Originalton über comicartige Buntstiftzeichnungen gelegt.
Der nigerianische Film »My name is Leila« erzählt die wahre Geschichte einer jungen Frau. Sie wurde von einem Freund ihrer Eltern vergewaltigt und trifft daraufhin bei ihren Eltern nur auf Ungläubigkeit. Leilas Weg führt auf die Straße und in die Prostitution – bis sie Jahre später zufällig ihren Peiniger wiedertrifft und sich mit weitreichenden Folgen an ihm rächt. «My name is Leila« war 2014 als bester Animationsfilm für die Africa Movie Academy Awards (AMAA), die so genannten «Afrikanischen Oscars«, nominiert.
»Die Reaktionen auf den Film waren sehr ermutigend. Ein Mitglied der Jury erzählte uns, dass der Film aufgrund seiner starken Botschaft und des Themas eine extrem emotionale Wirkung auf alle ZuschauerInnen hatte. Wir verstehen die Zweifel, die Thematik könne etwas zu heftig und nicht geeignet für ein jüngeres Publikum sein. Und doch sind wir ganz klar der Meinung, dass sich Animationsfilme nicht auf Themen für Kinder und Jugendliche beschränken sollten. Gerade das Thema dieser tragischen Geschichte ist für Kinder und Jugendliche von Bedeutung und überhaupt nicht ungeeignet«, erzählt Lanre Oluwafem, Geschäftsführerin der Lafem Animation.

Enttabuisieren durch thematisieren
Filmemacherin Ng’endo Mukii stammt aus Kenia und studiert in London. Ihr künstlerischer Film »Yellow Fever« verdichtet eine imposante Mischung aus handgezeichneten Animationen, Stop-Motion, Realfilm und Voiceover. Er zeigt eindrücklich die Auswirkungen der massenmedialen Präsenz westlicher Schönheitsbilder im Alltag afrikanischer Frauen. Der Wunsch nach »pale complexion«, einer helleren Hautfarbe, und nach Glättung der Haare wird von Müttern und anderen weiblichen Mitgliedern der Community beständig an Mädchen und junge Frauen vermittelt.
Auf Filmfestivals in Europa und Nordamerika hat der Film einige Preise gewonnen. Doch die Vorführungen in Kenia und anderen afrikanischen Ländern und die dortigen Rezeptionen erzeugen ganz andere Spannungen und Wirkungen. In Kenias Hauptstadt Nairobi wurde der Kurzfilm in vielen öffentlichen Institutionen sowie in Universitäten und Oberstufen an Schulen gezeigt. »Den meisten jungen Frauen in Kenia gab die Vorführung des Films den Raum, über dieses Thema zu sprechen und sich dem beschriebenen Druck zu widersetzen. Eine Frau erzählte, Menschen außerhalb ihrer Communities seien nicht dem Druck ausgesetzt, mit dem sie innerhalb konfrontiert sind«, berichtet Ng’endo Mukii. »Ich erinnere mich an einen männlichen Teenager in Frankreich. Nach einer Vorführung von ‚Yellow Fever‘ erkannte er plötzlich, dass er bis dahin noch nie einen Film oder andere visuelle Medien gesehen hatte, die nicht eine weiße männliche Perspektive einnahmen.«
»Yellow Fever« wurde auf dem Storymoja-Festival in Kenia vorgeführt, ein inspirierendes Kultur-Festival, auf dem vor allem regionale, aber auch internationale KünstlerInnen aus der Musik-, Film-, und Literaturszene ihre Arbeiten zeigen und Workshops anbieten. Auf dem »Colours of the Nile«-Filmfestival in Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba wurde er vor zwei Jahren als bester Kurzfilm nominiert; in der nigerianischen Hauptstadt Lagos gewann der Film auf dem Africa Magic Viewers’ Choice Awards den Preis als bester Kurzfilm. Auf dem Kenya International Film Festival wurde er mit folgenden Worten als bester Animationsfilm ausgezeichnet: »Der Siegerfilm ist eine einfache, aber sehr gut erzählte Geschichte. Kreativ geht er auf unsere täglichen Lebenserfahrungen ein.«
Trotz der thematischen Vielfalt sind allen Filmen klare Botschaften und die ästhetisch starke Bildsprache gemein. Auch deshalb können sie sehr schnell eine erstaunliche Wirkungsmacht entfalten. So wird der animierte Langfilm Bana Twirinde Abadushuka (Enfants, méfions-nous de ceux qui nous trompent) von Maurice Nkundimana über Pädophilie inzwischen regelmäßig im kongolesischen Fernsehen gezeigt. »Darüber wird sehr offen gesprochen«, bestätigt auch der belgische Anthropologe Guido Convents, der seit vielen Jahren audiovisuelle Workshops in afrikanischen Ländern mitorganisiert. »Der afrikanische Animationsfilm ist in seinen Teenagerjahren, aber er wird sehr schnell erwachsen«, wirft Jean-Michel Kibushi einen Blick auf das, was noch kommen wird.

Literatur
Guido Convents: Images & Animation: Le cinéma d‘animation en Afrique centrale. Leuven/Berchem, 2014.


Alice Rombach ist Journalistin und Soziologin.