Volltext

(Artikel * 2016) Neumann, Friedemann
"Ich bin der Kopf der Familie" In der sahrauischen Gesellschaft haben Frauen eine bedeutende Rolle inne
in iz3w Nr. 353 * Seite 19 - 21
Themen: Fluchtursache; Frauen; Migration; Identität * Westsahara * * Dok-Nr: 271663
Standorte: A3W Osnabrück; FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; VNB Barnstorf; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Westsahara


»Ich bin der Kopf der Familie«
In der saharauischen Gesellschaft haben Frauen eine bedeutende Rolle inne


Seit Marokko 1975 die Westsahara besetzte, leben Saharauis in der Diaspora. Insbesondere in den westalgerischen Lagern hat sich dabei eine besondere Form transnationaler Lebenszusammenhänge herausgebildet: Von Frauen geführte Haushalte. Die Frauen halten nicht nur die Familien zusammen, sie organisieren auch politische Arbeit. Das auch von Teilen der Migrationsforschung bediente Klischee der weiblichen Passivität stimmt wieder einmal nicht.

von Friedemann Neumann

»In einer Zeit des Waffenstillstands führt man Krieg nur mit Worten. In dieser Zeit müssen die Menschen versuchen zu überleben und in andere Länder zu gehen, um den Familien Geld zu schicken. Das ist okay, es verändert nichts in unserer Gesellschaft. Aber diejenigen, die weggehen, dürfen niemals vergessen, dass sie Saharauis sind.« Dieses Zitat stammt von Warda1, einer saharauischen Frau Mitte fünfzig, die zusammen mit ihren Töchtern in Westalgerien in einem Lager geflüchteter Saharauis lebt. Im Kontext des nach wie vor ungelösten Konflikts um die Westsahara und der damit verbundenen, politisch wie wirtschaftlich prekären Situation vieler Saharauis haben sich Lebenszusammenhänge herausgebildet, in denen grenzüberschreitende Beziehungen ein wesentlicher Bestandteil des Alltags sind. HauptakteurInnen dieser transnationalen Zusammenhänge sind oftmals Frauen.
Female-headed Households (dt.: von Frauen geführte Haushalte) sind für die Untersuchung von Migration zwar wichtige, jedoch wenig beachtete Lebenszusammenhänge.2 Eine große Zahl saharauischer Familien lebt in solchen Konstellationen, die oftmals über erstaunliche Dauerhaftigkeit verfügen, jedoch zudem Ausdruck gravierender historischer Veränderungsprozesse sind. Neue Formen von Migration verändern auch Geschlechterrollen oder ethnische Identitäten. Female-headed Households sind also Produkte von Alltagspraxen, prägen diese jedoch auch selbst maßgeblich; sie sind soziale Räume transnationaler Bewegungen, Beziehungen und Identitäten. Obgleich Migration immer eine Distanz zu vertrauten Kontexten beinhaltet, die etwa neue Möglichkeiten der Selbstverwirklichung beinhalten kann, erhalten MigrantInnen meist auch über Grenzen hinweg soziale Beziehungen aufrecht.

Von der Flucht- zur Staatsbewegung
Saharauische female-headed Households in Westalgerien entstanden primär im Kontext der gewaltsamen Vertreibungen während des Westsaharakonflikts zwischen der saharauischen Befreiungsorganisation Frente Polisario3 und dem marokkanischen Königreich Mitte der 1970er Jahre. Als die spanischen Kolonialtruppen 1975 aus der Westsahara abzogen, annektierte Marokko das Gebiet, was einen brutalen Krieg und einen seither ungelösten politischen Konflikt auslöste. Viele ZivilistInnen kamen bei Napalmangriffen der marokkanischen Armee ums Leben. Eine große Zahl der Saharauis floh, viele von ihnen ins benachbarte Algerien, wo bis heute schätzungsweise 130.000 bis 160.000 Menschen in Lagern leben.
Diese Lager bilden die Basis des saharauischen Nation-building-Projektes der Demokratischen Arabischen Republik Sahara (DARS)4, einer Nation im Exil. Viele Familien wurden während der Kämpfe getrennt, im Maghreb und Westafrika zerstreut und fanden teils erst nach Jahren wieder zueinander. Die Saharauis entwickelten vielerorts intensive Beziehungen zum Beispiel nach Spanien und Kuba, sei es durch politische Allianzen, solidarische Netzwerke oder Bildungsprogramme, im Zuge derer auch ein enger Austausch mit der saharauischen Diaspora entstand. In den Lagern, diesem Kontext hoher Mobilität und des ungewissen Ausharrens, übernahmen Frauen von Beginn an wesentlich familiäre und gesellschaftliche Rollen.
Von Frauen geführte Haushalte sind in der saharauischen Gesellschaft omnipräsent. Doch warum wird diesen mobilen Lebenskontexten so wenig Beachtung zuteil? Eine Erklärung mag sein, dass die Lebensumstände in den algerischen Lagern – anders als die gegenwärtige, durch den Syrienkonflikt verursachte Krise – kein Thema für Schlagzeilen sind. Vor allem aber setzt der europäische Blickwinkel auf Migration genderspezifische Annahmen voraus, die auf problematische Art und Weise »Weiblichkeit« mit »Passivität« und »Immobilität« in Verbindung bringen, wie etwa der Begriff »left behind«. Statt Frauen als aktive Akteurinnen in Netzen transnationaler Beziehungen zu verstehen, werden diese tendenziell ausgeblendet oder zum passiven »Nebenprodukt« aktiver männlicher Mobilität reduziert. Die saharauische Gesellschaft des algerischen Exils stellt ein ausgezeichnetes Gegenbeispiel zu solchen Bildern dar.
Vor allem hinsichtlich der öffentlichen Thematisierung des ungelösten Konfliktes und der gescheiterten UN-Diplomatie werden weibliche Saharauis in der internationalen Öffentlichkeit durchaus als wirkmächtige Aktivistinnen wahrgenommen. Prominentes Beispiel dafür ist Aminatou Haidar, die 2009 auf Lanzarote mit einem Hungerstreik auf die desperate Lage der Saharauis aufmerksam machte. Nicht wenige Texte über die Saharauis strotzen nur so vor heroisierenden Beschreibungen saharauischer Frauen. Diese Beschreibungen unterscheiden sich jedoch meist eklatant von den Realitäten des haushaltlichen5 Alltags. Hier waren und sind Frauen politisch wie familiär wesentliche Akteurinnen, die die Familien sowie die Gesellschaft im Exil »zusammenhalten«.
Fatimatu, etwa Mitte Fünfzig, verkörpert in sich beide Rollen. Sie versteht sich sowohl als Kopf ihrer Familie als auch als politische Akteurin. Seit ihrer Flucht aus der Westsahara Ende der 1970er Jahre lebt sie zusammen mit ihren zwei Schwestern in saharauischen Lagern in Algerien. Fatimatu hat den Vorsitz der Frauenunion eines Unterbezirks in den Lagern inne, ist als politisch Arbeitende aktiv und gleichzeitig die zentrale Entscheidungsträgerin ihrer Familie. Auf die Frage nach ihrer familiären Rolle antwortet sie: »Ich bin der Kopf der Familie – nicht nur meiner eigenen Familie und Kinder, sondern auch der Familien meiner Schwestern. Sie sind zwar älter als ich, aber wenn es zu den wichtigen Entscheidungen im Leben kommt, müssen meine Schwestern mich fragen. Sie können nicht entscheiden, ohne meine Meinung gehört zu haben.« Während Mann-Frau-Beziehungen in den Haushalten eine tendenziell marginale Rolle spielen, denen laut Fatimatu weder eine besondere Dauer noch eine ausgesprochene Relevanz zukommt, bilden die drei Schwestern die Hauptbeziehungen. Die (Ex-)Ehemänner und Söhne der Familie verbringen die meiste Zeit in Mauretanien oder Spanien, oder sie müssen als Kriegsversehrte von den Familien teils mitversorgt werden.
Im Alltag vieler Haushalte sind männliche Saharauis auffällig absent, unterhalten jedoch regelmäßig Kontakt mit dem Ausland, telefonieren, transferieren Geld und besuchen die Lager, wenn familiäre Verpflichtungen es erfordern oder die finanzielle Lage es erlaubt. Die tendenzielle männliche Absenz führt dazu, dass Frauen sämtliche Aufgaben in den Haushalten übernehmen. Wie etwa Assia, die am Wochenende das Haus der Familie umbaut, während sie unter der Woche nahe der Stadt Tindouf arbeitet. Dies stellt für sie zwar einerseits eine erhebliche Belastung dar, ermöglicht ihr andererseits aber, innerhalb der Familie eine wichtigere Position einzunehmen. Assia ist sich ihrer herausgehobenen Rolle, die sie als Ernährerin der Familie einnimmt, durchaus bewusst. Auch durch ihre Bautätigkeiten konnte sie sich Anerkennung verschaffen.
Assias Familie unterscheidet sich jedoch von den benachbarten Familien durch ein geringes Maß an transnationalen Beziehungen, ein Umstand, den sie als Mangel empfindet. Während die Frauen aus der Nachbarschaft teils durchaus enge transnationale Beziehungen pflegen, sei es mit Familienangehörigen oder mit FreundInnen, beklagt Assia, nicht über Kontakte und Ressourcen zu verfügen, die ihr eine Ausreise und ein womöglich besseres Leben in einem anderen Land ermöglichten. Für viele Familien sind grenzüberschreitende Beziehungen von enormer Bedeutung: Sie sind nicht bloße Zugänge zu finanziellen Ressourcen, sondern stellen Felder von anderen Lebensentwürfen, von Konflikten und Aushandlungen dar.

Grenze & Identität & Gender
Die kulturtheoretische Erkenntnis, dass sich Identitäten entlang grenzüberschreitender Beziehungen herausbilden, ist altbekannt. Doch diese Einsicht ist wichtig, um zu verstehen, dass Identitäten in der Interaktion mit anderen Identitäten entstehen und nicht einfach »da sind«. Doch genau die Vorstellungen von »Nation«, »Volk« und »Kultur« als in sich geschlossene und statische Einheit bilden den Nährboden etwa für gegenwärtige xenophobe Entwicklungen in den Gesellschaften Europas.
Statt solche Sichtweisen zu reproduzieren, ist es wichtig, einen kritischen Blick auf die mannigfaltigen Ebenen der Interaktion zu richten. Diese findet nicht nur im zwischenstaatlichen Grenzraum, sondern auch im haushaltlichen grenzüberschreitenden Alltag statt. Die Bedeutung von politischen Strategien wie etwa Migrationspolitiken oder Nationalismen steht oft in einem konfliktvollen Verhältnis zu deren konkreter Rolle im Alltag. Zu einem besseren Verständnis transnationaler Lebenszusammenhänge ist es notwendig, letztere »aus sich heraus« zu verstehen. Das bedeutet primär, die vielfach vernachlässigten Selbstverständnisse der Einzelnen, vor allem aber ihre Aneignungen und Widerständigkeiten zu untersuchen. So unterscheiden sich etwa individuelle Selbstverständnisse gerade auch angesichts transnationaler Lebensweisen oft von den nationalen saharauischen Narrativen. Es kann nicht darum gehen, eine Perspektive durch die andere zu ersetzten; vielmehr gilt es, beide in ihrem Spannungsverhältnis des Alltags zu betrachten.
Die Transnationalisierung von familiären Beziehungen, Konflikten und Aushandlungsprozessen ist grundsätzlich auch an abweichende Vorstellungen von Geschlechtlichkeit geknüpft. Vor allem jüngere Frauen, die den Wunsch zu migrieren äußern, werden – anders als Männer – mit Verpflichtungen konfrontiert, die sie davon abhalten, die Lager im algerischen Exil zu verlassen. Selbst wenn dafür ökonomische Mittel zur Verfügung stehen und Papiere vorliegen, stellen haushaltliche Verpflichtungen und Fürsorge für viele saharauische Frauen ein Hindernis für ihre Mobilität dar. Hier zeigen sich deutlich Auseinandersetzungen um geschlechtliche und ethnische Identitäten. So berichtet etwa Nawar, die im algerischen Béchar studiert und die meiste Zeit des Jahres auch dort verbringt, dass ihr persönlicher Lebensentwurf sich eklatant von dem ihrer Familie unterscheide. Die Lager böten für sie keine Perspektive. »Das Leben vieler Frauen in den Lagern ist vorbestimmt: Kinder kriegen, kochen, putzen. Ich will nie Kinder haben. Aber wenn ich das meiner Mutter sage, würde die mich für verrückt erklären und aus dem Haus jagen.«
Doch es gibt auch junge Frauen, die sich aus politischen Gründen dazu entschieden haben, in den Lagern auszuharren und politische Arbeit zu leisten. So etwa die dreißigjährige Hadiyyah. Sie ist Teil der saharauischen Bildungselite und konnte die Entscheidung zu bleiben für sich selbst treffen – ein Privileg, über das nur wenige saharauische Frauen verfügen. Ihre politische Arbeit für »die saharauische Sache«, eine Lösung des Westsaharakonfliktes, betrachtet sie als Kampf und als Selbstermächtigung. »Kämpfend zu sterben ist besser als warten«, formuliert sie es etwas pathetisch. Dass Vor-Ort-Bleiben also nicht zwangsläufig Passivität bedeutet, dafür ist Hadiyyah ein anschauliches Beispiel.

Transnationale Mobilität als Fragmentierung?
Wenngleich bei weitem nicht alle jungen Saharauis die Lager verlassen wollen, stehen ihre Familien wie auch die saharauische Staatsbewegung vor dem Problem, dass hinsichtlich einer politischen Lösung des Konfliktes verbreitet Perspektivlosigkeit herrscht. Dieser Umstand hat Fragmentierungen auf unterschiedlichen Ebenen zur Folge. Der Familienverbund von Fatimatu und ihren Schwestern hat über Dekaden eine Konstante dargestellt, doch ist die Zukunft, wo und wie ihre Familie leben wird, ungewiss. Ihre Kinder wollen die Lager lieber heute als morgen verlassen. Individuelle Wünsche, woanders ein besseres Leben zu führen, stehen genauso in einem Spannungsverhältnis zum saharauischen Projekt und ethnischen Identitäten wie zu familiären Erwartungen. Manche der jüngeren Saharauis haben in Bezug auf das Leben in den Lagern resigniert, was die Aufrechterhaltung gesellschaftlicher wie familiärer Zusammenhänge erschwert. Doch auch wenn Transnationalität, die Überschreitung territorialer wie gedachter Grenzen ein Teil des »Problems« ist, bietet sie jedoch gleichzeitig auch eine Lösung.
In einem Interview wird mir eine mögliche Antwort auf dieses Problem gegeben, die mich zunächst verblüfft. Als ich Assia und Warda frage, ob Migration nicht gravierende Veränderungen für ihre Familie bedeute, sagen beide »Nein!«. Ich bin erstaunt und frage nach, doch die Antwort bleibt die gleiche. Erst nach mehreren Rückfragen erschließt sich mir, dass meine Frage, die auf den familiären Kontext gezielt hatte, mit einem nationalen Diskurs beantwortet wurde. Demzufolge bedeute, wie von Warda erläutert, nur ein Verlust der saharauischen Identität Veränderung. Es sei egal, wo sich jemand befinde: Solange sie oder er sich als Saharaui verstehe, Beziehungen pflege oder im Kriegsfall zurück komme, stelle die Überquerung von Grenzen und das Leben jenseits der Lager keine Veränderung dar. Aus Sicht des saharauischen Nationalismus ist man aufgrund eines fehlenden Staatsgebietes dazu genötigt, die mit ihm verbundenen ethnischen Identitäten losgelöst von Territorialität zu betrachten.
Der Erklärungsansatz Assias und Wardas kann dazu dienen, eine andere Perspektive auf Migration und auf damit verbundene transnationale Lebenszusammenhänge zu eröffnen: Mobilität wird von ihnen lebensweltlich »verortet«, das heißt sie findet im Kontext eines weitläufigen Geflechtes sozialer Beziehungen statt, die nationale Territorien überschreiten. Demgegenüber bedeutet der nationalstaatlich verengte Blick auf Migration in der Regel eine Marginalisierung mobiler Lebenszusammenhänge, von der insbesondere auch Frauen betroffen sind, sei es auf sicherheitspolitischer oder auf wissenschaftlicher Ebene. Diesen vielfachen Verdrängungen ins Abseits muss eine kritische Perspektive entgegengesetzt und hinsichtlich Migration das Stereotyp weiblicher Passivität überwunden werden. Der transnationale Alltag ist politisch.

Anmerkungen
1 Alle Namen in diesem Artikel wurden geändert, um die Anonymität der Befragten zu gewährleisten.
2 Generell besteht ein eklatanter Mangel an Untersuchungen zu innerafrikanischer Mobilität und Transnationalität. Vgl. Marie-Laurance Flahaux & Hein de Haas (2014): African Migration. Exploring the Role between Development and States. Working Paper No 105, Oxford: IMI & University of Oxford.
3 Polisario ist die gängige Abkürzung für Frente Popular de Liberación de Saguía el Hamra y Río de Oro.
4 Die DARS wurde 1976 durch die Frente Polisario ausgerufen und beansprucht das Gebiet der Westsahara. Sie wird von 44 Staaten völkerrechtlich anerkannt.
5 Der Begriff »haushaltlich« wird hier verwendet, weil »häuslich« gerade im transnationalen Kontext eine unzulässige Verkürzung von Haushalten auf die materiellen Räume eines Hauses suggeriert.


Friedemann Neumann ist Ethnologe und lebt in Frankfurt am Main.