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(Artikel * 2016) Hutta, Jan
Demokratisierung versus Militarisierung Politiken der Sexualität im Kontext von Gentrifizierung und Megaevents
in iz3w Nr. 353 * Seite D22 - D23
Themen: Dominanzkultur; Fundamentalismus; Homosexualität * Brasilien * Machtverhältnisse; Themenschwerpunkt Spiele von oben - Olympia in Rio de Janeiro * Dok-Nr: 271660
Standorte: A3W Osnabrück; FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Olympia in Brasilien


Demokratisierung versus Militarisierung
Politiken der Sexualität im Kontext von Gentrifizierung und Megaevents


Einerseits wirbt Rio mit freizügigem Leben und »Gayfriendliness«. Anderseits richten sich Gentrifizierung und Militarisierung gegen Freiräume von LGBT und Sexarbeiter*innen. Was macht die Frage der Sexualität in Brasilien zu einem so zentralen Politikum? Welche Rolle spielen dabei stadtpolitische Entwicklungen im Kontext von Fußball-WM und Olympia?


von Jan Hutta

Der Umgang mit Körper und Sexualität ist in Brasilien freizügig – zumindest hat es den Anschein. Bilder von knapp bekleideten Sambatänzerinnen, lustvoll zur Schau gestellten Körpern an Rios Stränden oder von den weltgrößten LGBT-Paraden deuten auf einen unorthodoxen Umgang mit katholischer Moral und heteronormativem Machismo hin (LGBT steht in Brasilien für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Travestis und Transsexuelle). Doch kaum ein anderes Thema wird so verbissen diskutiert wie das der Sexualität. Abtreibung und Sexarbeit sowie insbesondere Homosexualität und die Forderungen der LGBT-Bewegung sind zu festen Zielscheiben rechtskonservativer Kritik an der Regierung und Anlass zu populistischer Mobilisierung geworden. Evangelikale Prediger laufen dabei in ihren moralischen Kreuzzügen dem Katholizismus nicht selten den Rang ab.
In der brasilianischen Politik werden immer vehementer Kämpfe ausgetragen zwischen der patriarchal-coronelistischen1 Allianz aus Vertreter*innen von Sicherheitsapparat, Großgrundbesitz und Evangelikalen (dem BBB-Block: bala, boi e bíblia) auf der einen Seite und den Verfechter*innen von Demokratisierung und sozialer Inklusion auf der anderen. Der Umgang mit Sexualität – moralisch-konservativ versus liberal-selbstbestimmt – dient beiden Richtungen als Erkennungszeichen ihrer Politik und als Medium zur Mobilisierung ihrer Anhängerschaft.
Als das Bildungsministerium 2011 das Multimedia-Kit »Schule ohne Homophobie« einführen wollte, bauten evangelikale und konservative Gruppen im Kongress derartigen Druck auf, dass Präsidentin Rousseff sich genötigt sah, die Verbreitung des Materials zu stoppen. Im März 2013 errangen religiös-konservative Gruppen einen weiteren Triumph, als sie den offen homophoben und rassistischen neocharismatischen Prediger Marco Feliciano zum Vorsitzenden des parlamentarischen Ausschusses für Menschenrechte und Minderheiten wählten – wo er sich allerdings nicht hielt. Ähnliches wiederholte sich im Dezember 2015, als die antifeministische »Partei der Brasilianischen Frau« den Neocharismatiker Ezequiel Teixeira zum Sekretär für Sozialhilfe und Menschenrechte von Rio ernannte.
Andererseits wurde homosexuellen Paaren durch Entscheidungen des Obersten Gerichtshofs und des Conselho Nacional de Justiça in den Jahren 2011 bzw. 2013 der Zugang zur Ehe ermöglicht. Die jahrelange Priorität der LGBT-Bewegung, das Gesetz zur Kriminalisierung von Homophobie, ruhte jedoch aufgrund des Widerstands evangelikaler Senator*innen acht Jahre lang im Senat, bevor es 2014 ad acta gelegt wurde.

Toleranz neben Ausgrenzung
Die Krise der Regierung Rousseff seit Sommer 2013 gibt dem konservativen und evangelikalen Populismus starken Auftrieb. Doch auch in längerfristigen Prozessen kommt Kämpfen um Sexualität und Geschlecht eine bedeutende Rolle zu. Dies gilt sowohl für den städtischen Standortwettbewerb als auch für Prozesse der Segregation, der Militarisierung und der lokalstaatlichen sowie informellen Machtausübung.
Einerseits suchen etwa die Bürgermeister von São Paulo und Rio ihre Städte über die öffentlichkeitswirksamen LGBT-Paraden als tolerant und weltoffen zu bewerben (wobei sie die Paraden längst als Quelle für Steuereinnahmen erkannt haben). Besonders die konsum-, tourismus- und kreativitätsfördernden Facetten schwuler Mittelschichtskultur werden vielerorts toleriert. So arbeitet Rios 2011 eingerichtete Koordinationsstelle für Sexuelle Vielfalt (CEDS) eng mit dem Tourismusunternehmen Riotur zusammen, um die Gayfriendliness der Stadt zu bewerben.
Andererseits kann dies jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Gewalt und Unterdrückung im Zuge militarisierter Kontroll- und Gentrifizierungspolitiken zunahmen. Normendurchkreuzende Ausdrucksformen von Sexualität und Geschlecht gelten als Bedrohung der sozialen Ordnung und Hemmnis für Investor*innen. Dies lässt sich beispielsweise anhand der polizeilichen »Befriedung« von Favelas im Vorfeld der Megaevents WM und Olympia beobachten, die stark auf die Erschließung neuer Immobilienmärkte gerichtet ist. Nachdem 2008 eine Einheit der Unidade de Polícia Pacificadora in der Favela Santa Marta in Rios Süden installiert wurde, gab es 2009 erste Berichte über Repressalien. Laut dem Nachrichtenportal O Dia sollten Bewohner*innen einen moralischen Verhaltenskodex befolgen. Der öffentliche Ausdruck gleichgeschlechtlicher Zuneigung oder das Tragen von Make-up und Schmuck bei Transfrauen wurden mit polizeilichen Übergriffen beantwortet. Schwule Männer und eine lesbische Frau berichteten von Körperverletzungen und Bedrohungen durch Polizisten. Dies verweist auf das repressive Vorgehen der Militärpolizei in Brasilien gegenüber LGBT und Favela-Bewohner*innen.
Lokalstaatliche Repression und nationale Moraldiskurse stützen sich oft gegenseitig. Rios militärische »Ordnungsschocks« gelten im Kontext der Megaevents als nationales Vorzeigemodell, um von Armut und Gewalt geprägte Stadtteile präsentabel und privaten Investitionen zugänglich zu machen. Während sich die Sichtbarkeit queerer Lebensweisen also in den urbanen Zentren erhöht hat und LGBT vermehrt im Alltag Ansprüche auf soziale und politische Bürgerschaft anmelden, sind zugleich moralisch-heteronormative Diskurse und repressive Politiken auf allen Ebenen im Aufwind.

Gewalt gegen LGBT und Sexarbeiter*innen
In diesem Kontext sind auch die vielen Morde an LGBT – insbesondere an Transfrauen – zu sehen. Zwischen 2008 und September 2015 dokumentierte die NGO Transgender Europe 770 Morde an Transpersonen in Brasilien. Zudem werden Travestis besonders häufig in Familie, Schule und auf dem Arbeitsmarkt ausgegrenzt. Viele verdienen ihr Geld durch Straßensexarbeit, was ihr Risiko erhöht, Gewaltopfer zu werden. Aufsehen erregte im April 2015 die Misshandlung der Travesti Verônica Bolina in einem Gefängnis von São Paulo, auf die eine internationale »Somos Todas Verônica«-Kampagne in den sozialen Medien folgte. Verstärkt von Ausgrenzung und Gewalt betroffen sind arme und obdachlose LGBT sowie LGBT Negrxs (Schwarze LGBT) und indigene LGBT. Vermehrt wird daher auf die Intersektionalität von Geschlecht, Sexualität, Armut und raça aufmerksam gemacht.
LGBT werden in Kämpfen um Geschlecht und Sexualität nicht als einzige zur Zielscheibe. Wie bei den WMs in Deutschland 2006 und Südafrika 2010 wurden vor der brasilianischen WM Schreckensszenarien eines explosionsartigen Anstiegs von Sextourismus, Menschenhandel und der Zwangsprostitution Minderjähriger verbreitet. Politiker*innen, Mainstreammedien und einige feministische NGOs forderten präventive Maßnahmen und Sicherheitsprogramme. Ins Visier gerieten in erster Linie selbstbestimmt tätige Sexarbeiter*innen, die nun mit »Menschenhandel« und »Zwangsprostitution« in Verbindung gebracht wurden. Wie schon bei den vorigen WMs blieb der Anstieg dieser Phänomene jedoch aus. Im Gegenteil hatten Sexarbeiter*innen eine Flaute zu verbuchen, angesichts geschlossener Geschäftsbezirke, des Rückgangs der einheimischen Kundschaft, einkommensschwacher Tourist*innen aus lateinamerikanischen Ländern bei zugleich erhöhten Preisen sowie der Präferenz für Biertrinken und andere Vergnügungen. »Viele Geizkrägen, wenig harte Schwänze«, betitelte die Sexarbeiter*innenorganisation Davida aus Rio eines ihrer Dossiers.
Die gravierendsten Menschenrechtsverletzungen im Kontext von Prostitution bezogen sich im Vorfeld der WM auf eine Serie polizeilicher Gewalt in Rios Nachbarstadt Nitéroi. Am 23. Mai 2014 drang die Polizei ohne richterlichen Beschluss in ein Haus ein, in dem etwa 400 Frauen als Prostituierte arbeiteten. Berichtet wurde von Erpressungen, Diebstählen und Vergewaltigungen durch Polizisten. Über hundert Frauen wurden zeitweise inhaftiert. Eine der Frauen, die sich auf rechtlicher Ebene gegen die Gewalt wandte, wurde entführt, verletzt und mit dem Tode bedroht. Obwohl diese Vorfälle nicht unmittelbar während der WM stattfanden, stehen sie doch in Zusammenhang mit der Militarisierung und Gentrifizierung im Vorfeld des Megaevents. Sexarbeit wird so, ähnlich den weniger profitträchtigen Aspekten queeren Lebens, zur Zielscheibe militarisierter »Säuberungs«-Politiken, die »Unordnung« beseitigen sollen.

Neue Formen queerer Sichtbarkeit
So verknüpfen sich hinsichtlich LGBT-Rechten, Abtreibung oder Sexarbeit konservative politische Projekte mit Formen normierender Sicherheitspolitik. Lokal wie national werden Fragen zu Geschlecht, Sexualität und körperlicher Selbstbestimmung zum politischen Schlachtfeld, auf dem die patriarchalen Machtansprüche von bala, boi e bíblia auf das krisengeschüttelte Projekt der Inklusion prallen. Dabei rüttelt ein selbstbestimmter und queerer Umgang mit Sexualität an den Grundfesten einer historisch um coronel, Heteronormativität und Familie gebauten Ordnung.
Eine wichtige Rolle in der Artikulation liberaler Verständnisse spielte seit Ende der 1970er Jahre die LGBT-Bewegung, die seit Lulas erster Amtszeit Zugang zu zahlreichen Institutionen erlangt hat. Einen historischen Höhepunkt erreichte die Bewegungsnähe der Regierung 2008, als Lula die Erste Nationale Konferenz für Schwule, Lesben, Bisexuelle, Travestis und Transsexuelle eröffnete. Aufgrund ihrer Verzahnung mit der PT erfährt die Bewegung in der aktuellen Regierungskrise jedoch eine Schwächung. Somit kommt den unabhängigen LGBT- und Trans-Kollektiven, die sich in jüngerer Zeit verstärkt über soziale Medien und Universitäten formieren, eine wichtige Rolle zu. Neben den Paraden sorgen zahlreiche Blogs und Youtube-Clips für neue Formen queerer Sichtbarkeit.

Anmerkung
1 Als Coronelismus wird das Patronage-System während der Zeit der alten Republik (1889-1930) bezeichnet. Charakteristisch war die Zentralisierung politischer Macht in den Händen eines lokalen Oligarchen, dem coronel.


Jan Hutta ist Kulturgeograph und arbeitet als wissenschaftlicher Assistent an der Universität Bayreuth.