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(Artikel * 2016) Müller, Tobias
"Zusammen haben wir Potenzial" In den Niederlanden organisieren sich Geflüchtete bei "We Are Here"
in iz3w Nr. 352 * Seite 34 - 35
Themen: Flüchtlinge; Selbsthilfe; Wohnen * Niederlande * Themenschwerpunkt Flüchtlinge * Dok-Nr: 270074
Standorte: A3W Osnabrück; FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; VNB Barnstorf; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Refugees


»Zusammen haben wir Potenzial«
In den Niederlanden organisieren sich Geflüchtete bei »We Are Here«


Sie haben keine Chance auf Asyl, und dann wurden sie auch noch in die Obdachlosigkeit gedrängt. Das Einzige, was den betroffenen Geflüchteten blieb, war der Weg an die Öffentlichkeit. Die Amsterdamer Gruppe »We Are Here« versucht mit einem zähen Kampf, die Odyssee obdachloser Geflüchteter zu beenden.


von Tobias Müller

Im September 2015 kamen rund hundert Flüchtlinge und UnterstützerInnen in einem ehemaligen Altenheim im Zentrum Amsterdams zusammen, um ein besonderes Ereignis zu begehen: Genau drei Jahre war es her, dass We Are Here erstmals in die Öffentlichkeit getreten war. Damals waren es nicht mehr als eine Handvoll Flüchtlinge. Im Garten der Diakonie der Hauptstadt schlugen sie Zelte auf und starteten von dort aus ihre erste Demonstration. An die zahlreichen weiteren Demos seither erinnerten die Transparente, die am dreijährigen Geburtstag die Wände bekleideten. Es gab Essen, Musik und feierliche Reden. Das Fazit klang so trotzig wie beflügelt: »Gewonnen ist noch nichts, doch etwas anderes als Weitermachen bleibt uns ohnehin nicht!«
Es sollte nur ein paar Wochen dauern, bis sich beides einmal mehr bewahrheitete: Ende September 2015 musste We Are Here, inzwischen auf rund 70 Personen angewachsen, wieder einmal umziehen. Der »Flucht-Turm«, ein leer stehendes, mehrstöckiges Bürogebäude im Westen Amsterdams, wurde geräumt. Nach einem halben Jahr stand die Gruppe erneut mit all ihren Habseligkeiten auf der Straße. Doch die nächste Etappe ließ nicht lange auf sich warten: Wenige Tage später besetzten Krakers (HausbesetzerInnen) einen vormaligen Verwaltungsblock des Stadtteils Nieuw-West. Er ist seither als »Flucht-Gemeinde« bekannt. Vorerst sind die Geflüchteten darin sicher. Wie lange dieser Zustand andauert, vermag allerdings niemand zu sagen.

Überleben in der Grauzone
We Are Here, die sich auch Wij Zijn Hier nennen, ist ein besonderes Beispiel von Refugee-Selbstorganisation. Ihre kontinuierliche Odyssee durch die niederländische Hauptstadt von einem vorübergehenden Unterschlupf zum nächsten ist dabei Ausdruck einer ebenso komplexen wie misslichen rechtlichen Situation. Ihre Asylanträge sind abgelehnt und alle Folge-Optionen ausgeschöpft worden. Normalerweise würde nun das niederländische Abschiebe-Regime greifen. Nur, dass es in den Herkunftsländern keine funktionierenden Behörden mehr gibt oder die dafür nötigen Dokumente fehlen. Eine Grauzone, die so bizarr wie ausweglos ist und die keinen Zugang zu öffentlichen Mitteln ermöglicht. Fast alle AktivistInnen von We Are Here lebten zuvor auf der Straße.
Wie zum Beispiel Cyriac Kouenou, ein Ivore Mitte 40, den alle nur »Chirac« nennen. Nach seiner Ablehnung musste er aus dem Asylbewerberheim in Grave im Süden des Landes ausziehen und wurde obdachlos. Ein kamerunischer Freund machte ihn mit einigen Menschen in der gleichen Situation bekannt. Zusammen riefen sie We Are Here ins Leben. Heute bewohnt er ein einstiges Büro im Erdgeschoss der »Flucht-Gemeinde«. Das ist ein Fortschritt im Vergleich zu manchen der früheren Unterkünfte, vor allem den Zeltlagern am Anfang, im Garten der Diakonie und dann im bitterkalten Spätherbst 2012 in Osdorp am Rand der Stadt.
Nach der dortigen Räumung ging es in die Vluchtkerk, eine unbenutzte Kirche, die mit Hilfe vieler UnterstützerInnen und NachbarInnen halbwegs bewohnbar gemacht wurde. Es folgten Flucht-Flat und Flucht-Park, Flucht-Büro und Flucht-Hafen, Flucht-Markt und Flucht-Garage, Flucht-Schule, Flucht-Gebäude und Flucht-Akademie. Der gegenwärtige Zustand ist relativ komfortabel, selbst wenn die 60 bis 70 BewohnerInnen, die meist aus afrikanischen Ländern kommen, sich die einzige Dusche teilen müssen. »Stell Dir vor, Chirac, wenn das immer so weiter ginge, immer ein Stückchen höher. Und am Ende stünde dann das Flucht-Schloss.« Ein herzhaftes Lachen, dann ein Kopfschütteln. »Dann wäre es immer noch etwas mit ‘Flucht’ davor!«
Für die Niederlande sind We Are Here ein bemerkenswertes Phänomen. Anders als in anderen Ländern wie beispielsweise Frankreich ist Selbstorganisierung von Flüchtlingen hier nicht verbreitet. Der Sans Papiers-Bewegung, sagt Cyriac, fühle man sich verbunden, und trotz unterschiedlicher Ausprägungen der jeweiligen Notlage findet er: »Es ist der gleiche Kampf.« Modell stand der Gruppe ein Zeltlager im Dorf Ter Apel bei Groningen. Dort wollten im Frühjahr 2012 rund 350 Refugees, vornehmlich aus Irak und Somalia, auf ihre Lage aufmerksam machen. Wochenlang hielten sie vor der zentralen Erstaufnahmestelle für AsylbewerberInnen die Stellung, bevor das Camp geräumt wurde. Für aktive Protestformen von Flüchtlingen war es eine Initialzündung. Danach bestand auch in Den Haag lange ein Zeltlager abgelehnter irakischer AsylbewerberInnen.

Weniger Opfer sein …
Was essentiell für die Amsterdamer Gruppe ist? »Dass wir zusammen bleiben. Wenn wir alleine sind, haben wir nichts. Zusammen haben wir Potenzial und sind weniger Opfer.« So fasst Cyriac das zusammen, und tatsächlich findet man diesen Aspekt über die Jahre bei We Are Here immer wieder. Insbesondere am Anfang wurde den Mitgliedern bei mancher Räumung seitens der Stadtverwaltung angeboten, vorübergehend andere Schlafplätze in Anspruch zu nehmen. Doch weder Notunterkünfte für Obdachlose noch vorübergehende Unterbringung in Asylheimen sind eine ernsthafte Alternative. Die Gruppe, hieß es stets, müsse zusammen und öffentlich sichtbar bleiben, um ihre politische Botschaft und die Forderung nach Asyl in den Niederlanden äußern zu können. Eine räumliche Verteilung würde diese letzte Möglichkeit unterminieren.
An dieser Konstellation hat sich bis heute nichts geändert – abgesehen davon, dass der Europarat sowie der Europäische Ausschuss für soziale Rechte Ende 2014 verfügten, dass auch abgelehnte AsylbewerberInnen Recht auf grundlegende Leistungen haben (in den Niederlanden nennt man dies »Bett, Bad und Brot«). Die Umsetzung des Urteils ist je nach Kommune unterschiedlich. In Amsterdam beschränkt sie sich auf einen Schlafplatz, der am Morgen wieder verlassen werden muss. Ausnahmen gibt es nur für nachweislich Schwerkranke. Auch innerhalb der liberal-sozialen Koalition in Den Haag ist das Thema minimale Rechte umstritten. Die Forderung von We Are Here nach einem Bleiberecht erfüllt sie ohnehin nicht.
Unabhängig davon hat die Gruppe in der niederländischen Öffentlichkeit einige Bekanntheit erlangt. Medien berichten regelmäßig über sie, Unterstützung gibt es von HausbesetzerInnen, No Border-AktivistInnen, NachbarInnen und Privatpersonen. Sogar eine Stiftung namens Here to support wurde eigens eingerichtet. Sie will mit Hilfe von Kunst- und Bildungsprojekten das Thema auf der diskursiven Agenda halten. Rund 80 Freiwillige organisieren täglich Essen, werben Spenden ein oder organisieren Busse, wenn wieder mal ein Umzug ansteht. Langfristig versuchen sie, mittels geeigneter AnwältInnen neue Asylverfahren für die Refugees in Gang zu setzen.
Unterdessen stoßen weiterhin Neue zu We Are Here. Etwa die Somalierin Maryama, 22 Jahre alt, die seit Herbst 2014 Teil der Gruppe ist. Von deren Existenz erfuhr auch sie über eine Freundin. »Ich musste etwas tun, weil das, was mit mir passierte, nicht human war«, sagt sie rückblickend. »Du kommst in ein Land, wirst immer wieder abgelehnt und kannst nichts daran ändern. In dieser Situation ist We Are Here das Kraftvollste, was ich je erlebt habe.« Einen politischen Hintergrund hat Maryama, die als eine der Sprecherinnen der Gruppe fungiert, nicht. »In Somalia gab es keine Politik, nur Milizen.« In die Niederlande kam sie vor fünf Jahren, ihr Asylantrag wurde, wie sie sagt, wegen Verfahrensfehlern der Ausländerbehörde abgelehnt. Sie landete auf der Straße, erst in Alkmaar, dann in Amsterdam.

… und die mentale Müdigkeit vertreiben
Etwa 35 Prozent der Gruppe, sagt Maryama, sind Frauen. Und obwohl es unter den AktivistInnen keine genderspezifischen Unterteilungen gibt, sind die Frauen »auf Demos immer in der vordersten Reihe«. Das gilt nicht zuletzt für Maryama selbst, die als entschlossene Rednerin gerne zum Megaphon greift. Zu Jahresbeginn versprach sie bei einer Kundgebung: »Wir werden weiterkämpfen, solange wir leben.« Im Spätherbst 2015 gibt sie Einblick in eine Gruppendynamik zwischen Resignation und Aufbäumen: »Es ist ein Punkt erreicht worden, an dem du viel einsetzt, aber es ist alles so kompliziert und so weit weg. Und es hat mentale Müdigkeit geschaffen. So sieht es aus im Moment. Aber es ist die einzige Perspektive, die wir haben. Darum machen wir weiter.«
Wie zäh dieser Prozess ist, zeigt ein Zitat aus dem ersten Winter. Der Sudanese Omer bilanzierte damals: »Wir sind in einem Niemandsland. Wirklich glücklich sind wir erst, wenn wir eine Lösung haben. Aber immerhin können wir uns hier ausruhen.« Drei Jahre später haben sich aus dem Zustand des prekären Refugiums
immerhin einige Strukturen ergeben. Zum Beispiel in Form von Kontakten zu anderen selbstorganisierten Flüchtlingsinitiativen wie »Lampedusa in Hamburg«, dem Brüsseler Sans Papiers-Kollektiv oder dem Camp am Oranienplatz in Berlin. VertreterInnen dieser Gruppen kamen im November nach Amsterdam, um Strategien zu entwickeln, wie man die europäische Politik beeinflussen könne. Erstes Ziel: Ein gemeinsames Forum im Mai 2016.


Tobias Müller ist freier Journalist in Amsterdam.