Volltext

(Artikel * 2015) Kersting, Philippe
Wie kam Geschichte nach Afrika? Die kolonialen Bantu-Theorien sind bis heute wirkungsmächtig
in iz3w Nr. 350 * Seite 17 - 20
Themen: Dominanzkultur; Forschung; Geschichte; Kolonialismus * Afrika * * Dok-Nr: 269527
Standorte: A3W Osnabrück; FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

(Post-)Kolonialismus


Wie kam Geschichte nach Afrika?
Die kolonialen Bantu-Theorien sind bis heute wirkungsmächtig


Einer von vielen kolonialrassistischen Mythen besagt, im südlichen und östlichen Afrika sei Entwicklung und damit die Herausbildung von Geschichte erst durch die Einwanderung von Bantu erfolgt. Was heute absurd klingt, hat jedoch anhaltende Auswirkungen. Mittlerweile wandelte sich das Konzept von der Fremd- zur Selbstzuschreibung und lebt mehr oder weniger modifiziert in der Ubuntu-Philosophie fort. Was steckt hinter der Rede von der Bantuwanderung?


von Philippe Kersting

Aus der bis heute weit verbreiteten eurozentrischen Überzeugung, Afrika sei ein geschichtsloser Kontinent, ergibt sich im dementsprechenden Denken die Notwendigkeit, Geschichte in Afrika durch äußere Einflüsse zu erklären. In diesem Zusammenhang spielt die Vorstellung von gigantischen Bevölkerungsbewegungen kontinentalen Ausmaßes eine besondere Rolle. Diese Wanderungen sollen Vektoren für die Ausbreitung gesellschaftlicher, politischer und technischer Innovationen in Afrika gewesen sein, wie Landwirtschaft, Töpferei, Eisenverarbeitung, aber auch im Hinblick auf Sesshaftigkeit, politische Systeme und vieles mehr. Die beiden prominentesten Szenarien sind als Theorien der Hamiten- und der Bantuwanderung bekannt.
Die Hamitentheorie beschreibt die Einwanderung hamitischer Bevölkerungsgruppen ausgehend vom nördlichen ins östliche und südliche Afrika. Die Zeitangaben hängen von den einzelnen Regionen ab und sind zudem recht widersprüchlich. Ganz grob gesagt soll diese Wanderung im Laufe des zweiten Jahrtausends n.Chr. stattgefunden haben. Die hamitische »Rasse« gilt als das Ergebnis einer Vermischung von »Negroiden« und »Europiden«. Diese »Aufwertung« mache sie zu einer halbweißen »Rasse« (so genannte »weiße Neger«) und somit den »bantoiden« und »negroiden« »Rassen« überlegen. Aufgrund dieser vermeintlichen Überlegenheit sollen sie zu TrägerInnen techno-sozio-politischer Innovationen geworden sein, die sie von den »europiden« »Rassen« erhalten haben sollen. Diese Rassentheorie war ein zentrales ideologisches Element in der deutschen Kolonialpolitik. Die Unterteilung zwischen »höherwertigeren« Hamiten und »minderwertigeren« »Bantoiden« sowie »Negriden« war Grundlage für die Politik der »indirekten Herrschaft«. Diese Unterscheidung erklärt, weshalb die Deutsch-Ostafrikanische Zeitung im Jahr 1903 empfahl, »Bantu« mit Prügel und »Hamiten« mit Geldbußen zu bestrafen.

Innovationen? Nur von außen!
Die Bantutheorie weist eine ähnliche Struktur auf wie die Hamitentheorie. Sie erklärt die Existenz von Kultur und Geschichte auf dem vermeintlich kultur- und geschichtslosen Kontinent ebenfalls durch die Diffusion techno-sozio-politischer Innovationen im Zuge der Wanderung einer vermeintlich höherwertigeren »Rasse«. Sie bezieht sich jedoch auf ältere Zeiten: Eines der wichtigsten Szenarien besagt, dass die Bantu noch vor Christi Geburt das Gebiet des heutigen Kameruns verlassen haben, nachdem sie von außerafrikanischen Bevölkerungsgruppen maßgebliche Innovationsschübe erhalten haben sollen.
Die Theorien der Hamiten- und Bantuwanderung sind also wesentliche Bestandteile einer kolonialen Geschichtsschreibung, die jede techno-sozio-politische Entwicklung durch Wander- und Diffusionsprozesse unterschiedlicher »Menschenrassen« in Afrika erklären sollen. Die Grundstruktur dieser Geschichtsschreibung lautet: Ureinwohner (»Neger«), Fortschritt durch »Bantu«, Fortschritt durch »Hamiten«, Fortschritt durch Weiße (Kolonialzeit). Obwohl diese Theorien seit längerem aufgrund ihrer rassistischen, evolutionistischen, migrationistischen und diffusionistischen Grundannahmen kritisiert wurden1, prägen sie bis heute maßgeblich die Geschichtsschreibung der Regionen des östlichen und südlichen Afrika.
Bis heute ist insbesondere die Kopplung der vermeintlichen Bantuwanderung mit der Ausbreitung wesentlicher Innovationen von zentraler Bedeutung. Da es jedoch unvorstellbar erschien, dass die Bantu diese Innovationen selbst entwickelt haben, entstand die Vorstellung, sie hätten die Innovationen noch vor Beginn der Wanderung von einer höheren, aus dem Norden kommenden sudanisch-hamitischen »Rasse« erhalten. Diese Annahme spiegelt sich in der Tatsache wider, dass die Bantusprachen häufig als eine Mischung niederer »Negersprachen« und höherer »sudanisch-hamitischer« Sprachen beschrieben werden. Die Bantu gelten daher häufig als eine Mischung ursprünglicher »Neger« und höher entwickelter halbweißer Hamiten.

Die tödliche Performativität von »Bantu«
Soweit in groben Zügen die Grundannahmen des Konzepts »Bantu«. Auf dieser Grundlage soll nun der Frage nach seiner Performativität nachgegangen werden. Die Performativität, sprich die realitätsprägende Wirkmächtigkeit des Konzepts »Bantu«, ist gewaltig. Einige kurze Beispiele dafür und für unterschiedliche Prozesse der Fremd- und Eigenzuschreibung verdeutlichen dies.
Während der deutschen Kolonialzeit wurden ethnische Kategorien wie Hutu und Tutsi in Ruanda zur Grundlage der »indirekten Herrschaft«. Auch die spätere belgische Mandatsmacht bediente sich dieser Kategorien und festigte sie beispielsweise durch einen Eintrag in die Personalausweise. Doch bevor der koloniale Verwaltungsapparat sich ihrer bemächtigen konnte, mussten die Kategorisierungen zunächst hergestellt und gefestigt werden. Hierbei spielte die koloniale Wissenschaft eine zentrale Rolle. Um physisch-anthropologische bzw. »rassische« Unterschiede zwischen den Hutu (vermeintliche Bantu) und den Tutsi (vermeintliche Hamiten) zu dokumentieren, wurden zahlreiche Untersuchungen durchgeführt.
Ein belgischer Arzt beschreibt den Unterschied zwischen Tutsi und Hutu im Jahr 1948 wie folgt: »Die Batutsi sind Hamiten […]. Sie sind großgewachsen. Sie haben eine gerade Nase, eine hohe Stirn und schmale Lippen […]. Sie sind distanziert, zurückhaltend, höflich, schlau. Man erkennt in ihnen eine Schurkenhaftigkeit, die sich hinter einer gewissen Raffinesse versteckt […]. Der Rest der Bevölkerung ist Bantu, […] die alle Charakteristiken der Neger besitzen: platte Nase, dicke Lippen, niedrige Stirn, brachycephaler Schädel. Sie behalten ein kindhaftes Temperament, gleichzeitig schüchtern und faul, und sie sind meistens dreckig bis unter die Haut. Es ist die Klasse der Leibeigenen« (zit. nach Chrétien 1985, 56, eig. Übers.). Wichtig ist es hierbei festzustellen, dass solche ‚Untersuchungen’ die behaupteten Unterschiede überhaupt erst herstellten (Franche 1997).
Im Jahr 1957 verfassten ruandische Hutus eine politische Streitschrift mit dem Titel »Manifeste des Bahutu«. Diese macht die ethnisch-rassische Unterscheidung von Bahutu bzw. Hutu (Bantu) und Tutsi (Hamiten) zur Grundlage eines politischen Programms: Die geforderten Vorrechte der Hutu wurden unter anderem damit begründet, dass die Bantu vor den Hamiten Ruanda besiedelt hätten. Das »Manifeste des Bahutu« gilt als Vorbote des Genozids von 1994. Die Wirkmächtigkeit der Theorie von der Hamitenwanderung bis weit in postkoloniale Zeiten hinein ist der Hintergrund dafür, weshalb Leichen von ermordeten Tutsi in den Akagera-Fluss geworfen wurden: Sie sollten über den Victoria-See und den Nil in ihre vermeintliche Ursprungsregion zurücktreiben. Während des Genozids von 1994 entschieden also konstruierte soziale und administrative Kriterien wie der Eintrag im Personalausweis darüber, wer als Tutsi galt und umgebracht werden sollte.

Biopolitische Kategorie im Apartheidsystem2
Auf Grundlage der Theorie von der Bantuwanderung entwickelte das südafrikanische Apartheidregime das Argument, die Bantu hätten Südafrika erst zehn Jahre nach den EuropäerInnen erreicht und besäßen somit keinen Anspruch auf das Land (Dubow 1995: 74). Diese Geschichtsschreibung wird noch heute reproduziert, beispielsweise von Luigi Luca Cavalli-Sforza, mehrfach ausgezeichneter Professor für Populationsgenetik an der Stanford University: »Als gegen 1650 die Holländer am Kap landeten, dürften die Bantu nur mehr ein paar hundert Kilometer von dort entfernt gewesen sein.« (2001: 184). Doch trotz des angeblichen Vorrechts der Weißen musste dennoch auch der schwarzen Bevölkerung Land zugewiesen werden. Geprägt von Carl Meinhofs Forschung und Lehre (siehe Kasten), fertigten südafrikanische Ethnologen 1952 eine Karte der Bantusprachen Südafrikas an. Diese Karte diente als Grundlage für die Einteilung in zehn »Stämme«, welche wiederum eine zentrale Rolle bei der Planung ethnisch homogener Räume, den so genannten Bantustans und Bantu Homelands spielten (Dubow 1995). Die Verwaltung dieser Gebiete und die Kontrolle dieser Bevölkerungsgruppen unterlag während des Apartheidregimes unter anderem dem Department of Bantu Administration and Development.
Die wissenschaftliche Konstruktion der Kategorie Bantu und ihre kartographische Erfassung ermöglichte also die räumliche Fixierung, Segregation und Kontrolle der später als Bantu bezeichneten Menschen. Diese Kontrolle erfolgte physisch (durch Gewaltanwendung), aber auch mental, beispielsweise durch den Bantu Education Act von 1953, der über die »Bantu-Erziehung« die strukturelle Diskriminierung der schwarzen Bevölkerung stabilisieren sollte. Jedoch muss betont werden, dass das Konzept Bantu zwar diese Entwicklungen ermöglichte, aber nicht ihre Ursache war. Wenn es dieses Konzept nicht gegeben hätte, wäre ein anderes ideologisches Konstrukt für die Legitimierung kolonialer und rassistischer Politiken herangezogen worden.

Von Bantu zur Ubuntu-Philosophie
Im Jahr 1945 veröffentliche die panafrikanistische Zeitschrift Présence Africaine die Schrift »La Philosophie Bantoue« des belgischen Missionars Placide Tempels. In dieser Aufsehen erregenden Schrift wendete sich Tempels gegen Stimmen, die behaupten, »Schwarzafrikaner« hätten keine Philosophie, und erklärte auf Grundlage linguistischer Untersuchungen, dass die Bantu eine eigene kollektive Philosophie besäßen. Tempels Arbeit wurde teilweise sehr positiv aufgenommen und beispielsweise in Ruanda von Alexis Kagame maßgeblich fortgeführt und erweitert. Andererseits wurde Tempels auch wegen seines paternalistischen Untertons und seiner Logik der Ethnisierung (»Ethnophilosophie«) kritisiert.
Im südafrikanischen Kontext entwickelte sich aus unterschiedlichen Strömungen die Ubuntu-Philosophie. Sie weist zahlreiche Ähnlichkeiten mit der Bantu-Philosophie auf, insbesondere die Betonung des Verhältnisses von Mensch und Gemeinschaft (Ubuntu bedeutet in etwa »Menschlichkeit« in unterschiedlichen Bantusprachen). Sie wird häufig mit dem Aphorismus »I am because we are« beschrieben und gilt als afrikanischer Gegenentwurf zur westlichen, individualistischen Philosophie. Diese Gegenüberstellung mit Verweis auf eine vermeintlich originär
afrikanische Philosophie brachte ihr ebenfalls den Vorwurf der »Ethnophilosophie« ein. Während ihre ältesten Spuren vorkolonial sein sollen, gewann sie vor allem im Widerstand gegen das Apartheidregime und bei dessen späterer Aufarbeitung eine zunehmende Bedeutung.
In den 1990er Jahren erarbeitete insbesondere der südafrikanische Philosoph Mogobe Ramose die Verknüpfung von Ubuntu- und Bantu-Philosophie. Seit Ende der Apartheid wurde Ubuntu zunehmend zu einem Schlüsselbegriff in der südafrikanischen Theologie, Philosophie und Politik. Wichtige Vertreter sind Desmond Tutu sowie Nelson Mandela; und auch die Wahrheits- und Versöhnungskommission berief sich auf die Ubuntu-Philosophie. Seit der Jahrtausendwende gewinnt sie auch außerhalb der südafrikanischen Grenzen an Bekanntheit, insbesondere durch die US-amerikanische Clinton-Foundation mit ihrem Slogan »Spirit of Ubuntu«, durch die britische Fairtrade-Brause »Ubuntu-Cola« oder durch das Ubuntu-Betriebssystem, dessen ProgrammiererInnen sich im Sinne von Ubuntu für freie Software einsetzen.

Erklärungen und Verklärungen
Im Laufe seiner rund 150-jährigen Existenz ist das zunächst rein sprachwissenschaftliche Konzept »Bantu« von zahlreichen wissenschaftlichen Disziplinen übernommen worden und hat gesellschaftliche Verhältnisse tiefgreifend geprägt. Seine performative Wirkung konnte es auch deshalb entfalten, weil es häufig nicht als Explanandum (als etwas zu Erklärendes), sondern als unhinterfragter Explanans (Erklärendes) genutzt wird: »Bantu« wird als Erklärung für Ereignisse und Entwicklungen in Afrika herangezogen, ohne selbst als zu erklärende und zu begründende Annahme kenntlich gemacht zu werden.
Wenn die Ausbreitung des Konzepts Bantu in Wissenschaft und Gesellschaft als Ausweitung eines kolonialen Ordnens und Deutens von Welt interpretiert wird, dann ist seine heutige Verbreitung ein Indiz für das Fortbestehen dieser kolonialen Muster. Eine Entkolonialisierung von Wissenschaft und Gesellschaft setzt daher eine kritische Reflexion der kolonialen Geschichte von Begriffen und Konzepten voraus, mit denen Wissenschaft und Gesellschaft gedacht und gemacht werden. Es geht also nicht mehr darum, mit dem Konzept Bantu Geschichte und Gesellschaft in Afrika zu erklären, sondern um die Frage, ob und wie dieses Konzept koloniale gesellschaftliche Verhältnisse reproduziert.
Gleichzeitig darf die Gegenwart nicht nur aus der Vergangenheit heraus gedacht werden. Die heutige Eigenbezeichnung »Bantu« hat eine andere Bedeutung und Funktion als die koloniale Fremdbezeichnung, und die Ubuntu-Philosophie lässt sich nicht auf Bantu-Philosophie reduzieren. Während sich im 19. Jahrhundert niemand als Bantu bezeichnet hätte, so tun dies heute mehrere Millionen Menschen – aber mit ganz anderen Beweggründen als europäische Kolonialrassisten. Eine postkoloniale Kritik muss daher immer auch die Prozesse der kolonialen und postkolonialen Aneignung, Transformation und Hybridisierung berücksichtigen.

Anmerkungen
1 Etwa durch Chrétien 1985; Ehret 2001; Robertson/Bradley 2000; Vansina 1979, 1980. Kanimba (1986) weist beispielsweise darauf hin, dass die Eisenverarbeitung in Ruanda älter ist als die vermeintliche Bantuwanderung, die diese Technologie angeblich in die Region gebracht haben soll. Kanimba deutet die sprachliche und kulturelle Homogenität im östlichen und südlichen Afrika nicht als das Ergebnis junger und gigantischer Einwanderungen, sondern als Ergebnis einer langen Geschichte von Konvergenzen infolge einer Vielzahl regionaler Bevölkerungsbewegungen und alltäglicher Austauschprozesse.
2 Biopolitik bezeichnet in Anlehnung an Michel Foucault eine Machttechnik, die nicht auf die Einzelnen, sondern auf die gesamte Bevölkerung zielt.

Literatur
Bleek, W. H. I. (1868): Über den Ursprung der Sprache. Weimar.
Chrétien, J.-P. (1985): Les bantous, de la philologie allemande à l’authenticité africaine. Un mythe racial contemporain. In: Vingtième siècle 8, S. 43-66.
Cavalli-Sforza, L. L. (2001): Gene, Völker und Sprachen. Die biologischen Grundlagen unserer Zivilisation. dtv, München.
de Filippo, C., Bostoen, K., Stoneking, M. & Pakendorf, B. (2012:) Bringing together linguistic and genetic evidence to test the Bantu expansion. In: Proceedings of the Royal Society B, 279, S. 3256-3263.
Dubow, S. (1995): Scientific racism in modern South Africa. Cambridge: Cambridge Univ. Press.
Ehret, C. (2001): Bantu-Expansion: Re-Envisioning a Central Problem of Early African History. In: The International Journal of African Historical Studies, 34 (1), S. 5-41.
Franche, D. (1997): Rwanda: Généalogie d’un génocide. Tribord, Paris.
Jülg, B. (1868): Über Wesen und Aufgabe der Sprachwissenschaften mit einem Überblick über die Hauptergebnisse derselben. Innsbruck: Wagner.
Kanimba, M. (1986): Aspects écologiques et économiques des migrations des populations de langues bantu. Peter Lang, Frankfurt/M., Bern, New York.
Robertson, J. H. & Bradley, R. (2000): A New Paradigm: The African Early Iron Age without Bantu Migration. In: History in Africa, 27, S. 287-323.
Vansina, J. (1980): Bantu in the Crystal Ball, II. In: History of Africa, Vol. 7, S. 293-325.
Vansina, J. (1979): Bantu in the Crystal Ball, I. In: History of Africa, Vol. 6, S. 287-333.


Philippe Kersting ist Geograph und freier Wissenschaftler.



Der Ursprung des Begriffs Bantu
Der Begriff Bantu, der in zahlreichen so genannten Bantusprachen »Menschen« bedeutet, wurde im Jahr 1862 vom deutschen Linguisten Wilhelm Heinrich Bleek in die Sprachwissenschaften eingeführt. Ausgangspunkt hierfür war die Beobachtung, dass ähnliche Sprachen über ein weites Gebiet des zentralen und südlichen Afrika verbreitet sind. Als Bantusprachen bezeichnete Bleek alle Sprachen des südlichen und östlichen Afrika, die nicht von »Ureinwohnern« (»Buschmänner« und »Hottentotten«) gesprochen wurden. Aufgrund ihrer Entstehungsgeschichte sind die Sprachwissenschaften stark vom kulturellen und linguistischen Nationalismus im Europa des 19. Jahrhunderts sowie von der deutschen Romantik beeinflusst. Deutlich wird dies vor allem in der Faszination für Ursprungsmythen und in der Überzeugung, Sprache sei der Ausdruck von »Volkstum«.
Bereits bei Bleek bekam das sprachwissenschaftliche Konzept Bantu einen starken evolutionistischen Beigeschmack: »[U]nter der grossen Menge der Nationen, welche Präfixpronominalsprachen [= Bantusprachen] reden, und von denen viele doch auch grosse politische Verbände bilden, hat keine einen irgend nennenswerthen Beitrag zur wissenschaftlichen Erkenntniss geliefert; und nicht ein einziges Individuum, das als Denker, Erfinder oder Dichter gross genannt werden könnte, ist aus ihnen hervorgegangen.« (Bleek 1868: XXIII).
Eine der großen Herausforderungen der kolonialzeitlichen Wissenschaft war herauszufinden, woher die Bantu gekommen sind und über welche Wanderrouten sie sich ausgebreitet haben. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatten Linguisten ausreichend Daten gesammelt, um durch die Analyse von Lautverschiebungen die Ursprache Urbantu zu rekonstruieren. In der Bantuistik (der Wissenschaft der Sprachen und Kulturen der Bantu) gelten Carl Meinhofs Schriften zur Lautlehre und Grammatik der Bantusprachen als Meilensteine. Allerdings ist die Vermengung mit den damals weit verbreiteten rassistischen, nationalistischen und evolutionistisch-sozialdarwinistischen Ideologien unverkennbar1. So beispielsweise, wenn er 1938 schreibt: »Das Kunstwerk dieser Grammatik wurde sicher nicht von der negerischen Unterschicht geschaffen, sondern es wurde von dem Herrenvolk der Urbantu nach Afrika hineingetragen und den unterworfenen Negern aufgezwungen.« Von der Rekonstruktion der Ursprache erhoffte man sich wesentliche Indizien für die Rekonstruktion der Wanderrouten sowie des Urgebietes der Urbantu.
Das Urgebiet der Urbantu sowie ihre Wanderrouten wurden vom britischen Afrikaforscher, Linguisten und Kolonialbeamten Harry Johnston zum ersten Mal (re-)konstruiert. Aufgrund der sprachlichen Homogenität innerhalb des bantusprachigen Gebiets schloss Johnston auf eine junge Ausbreitung der Bantusprachen im Zuge einer massiven und schnellen Migrationsbewegung ihrer SprecherInnen. Die Wanderung der Bantu beschrieb Johnston als mächtige »Flut«, die lediglich die »Buschmänner« und »Hottentotten« verschont habe. Wenngleich seit Johnston die Verortung des Urgebiets, die Gründe der Wanderung sowie der raumzeitliche Verlauf der Wanderung bis heute kontrovers diskutiert werden, so bleibt die Vorstellung einer Ursprache, eines Urvolkes und einer Urregion bis heute größtenteils unhinterfragt, wie folgendes Zitat aus einer aktuellen wissenschaftlichen Publikation exemplarisch verdeutlicht: »Die Bantu stellen die größte afrikanische Sprachgruppe dar, sowohl hinsichtlich der Zahl der Sprachen (etwa 500), der eingenommenen Fläche (etwa 9 Millionen qkm) und der Anzahl ihrer Sprecher (etwa 240 Millionen). Es wird meist angenommen, dass die Bantusprachen vor etwa 5000 Jahren in den Kamerunischen Grassfields im Grenzbereich zu Nigeria entstanden sind, und sich von dort aus – eventuell mit Agrartechniken – durch das subsaharische Afrika ausgebreitet haben, bis nach Kenia im Osten und dem Kap im Süden« (de Filippo et al. 2012: 3256, eig. Übers.).

Anmerkung
1 Meinhof wurde 1933 Mitglied der NSDAP und gehörte zu den Unterzeichnern des Bekenntnisses der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler und dem nationalsozialistischen Staat.