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(Artikel * 2015) Thill, Beate
Schreiben über die Befreiung Nachruf auf die algerisch-französische Schriftstellerin Assia Djebar (1936-2015)
in iz3w Nr. 348 * Seite 44 - 45
Themen: Literatur * Algerien; Frankreich * * Dok-Nr: 268087
Standorte: A3W Osnabrück; FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Literatur


Schreiben über die Befreiung
Nachruf auf die algerisch-französische Schriftstellerin Assia Djebar (1936-2015)


von Beate Thill

Assia Djebar war eine Frau von großer Schönheit und Ausstrahlung. Als ich ihr zum ersten Mal begegnete, wurde ihre Wirkung noch potenziert durch die gleichzeitige Präsenz von Ariane Mnouchkine, der anderen »Grande Dame« ihrer Generation in Frankreich. Es muss Mitte der 1990er Jahre bei einer Sitzung des Schriftstellerparlamentes in Straßburg gewesen sein. Dieses war anlässlich der Verfolgung von Salman Rushdie gegründet worden und tagte einige Male mit einem Aufgebot aller wichtigen LiteratInnen der damaligen Zeit, darunter neben Djebar und Mnouchkine auch Derrida, Glissant, Kristeva, Cixous und weiteren.
Assia Djebar verkörperte in ihrem Leben die Geschichte ihres Heimatlandes Algerien und widersprach zugleich in ihrer Haltung und Persönlichkeit immer wieder den Stereotypen von einer arabischen Frau und Muslimin. Auch in ihrem Werk suchte sie stets Wände einzureißen und Grenzen zu überschreiten.
Assia Djebar schrieb auf Französisch, sie war eine Vertreterin der französischen Kultur und zuletzt auch Mitglied der Académie Française. Dies lag darin begründet, dass sie schon vor der Unabhängigkeit Algeriens ihre Schulbildung abgeschlossen hatte: Während der französischen Kolonialherrschaft (1830 bis 1962) gab es in Algerien nur das französische Schulsystem, mit begrenztem Zugang für die ‚Eingeborenen‘, wie die arabische Bevölkerung genannt wurde. In ihrer Generation war Assia Djebar eine der wenigen Hochschulgebildeten und quasi die einzige Frau. Ihr Vater, ein Lehrer an einer Primarschule in der Provinz, hatte sie als einziges Mädchen in seine Klasse aufgenommen. Ihre Sekundarschulzeit verbrachte sie in einem Internat, allein unter lauter Französinnen.
Dies trug dann dazu bei, dass ihr die arabische Hochsprache in Wort und Schrift nur begrenzt zur Verfügung stand, da sie hauptsächlich den Dialekt beherrschte. Sie verstand sich als Muslimin, fasste die Religion als eine sehr persönliche Beziehung zu Gott auf und trug in ihrem Leben doch nie einen Schleier oder ein Kopftuch – zu dem »Rückschritt«, sich als Frau verhüllen zu müssen, sollte es ohnehin erst dreißig Jahre nach der Unabhängigkeit Algeriens kommen.
Während des Studiums in Paris verfasst Djebar im Alter von zwanzig Jahren ihren ersten Roman mit dem Titel Durst. Er ist eine Provokation für ihr Herkunftsmilieu, denn er spricht von weiblicher Erotik, von Selbstbestimmung. Im Taxi auf dem Weg zum Verlag lässt sich die junge Autorin von ihrem Verlobten die 99 rituellen Anrufungen Allahs aufsagen und wählt Djebbar, »der Unversöhnliche«, als ihr künftiges Pseudonym aus, wohl als die Facette des Gottesbildes, das ihrer Haltung zu jener Zeit am besten entspricht. Sie irrt sich jedoch in der Schreibweise: »Djebar« bedeutet eigentlich »Heiler«. Es passt zu ihr, dass sie dies akzeptierte, vielleicht als Ironie des Schicksals. Jedenfalls hat sie es nie korrigiert. 1958 verfasst sie mit Die Ungeduldigen einen weiteren Roman, der offen von einer vorehelichen Liebesbeziehung erzählt, was tatsächlich zum Skandal führt.
In den 1970er Jahren kehrt sie als Historikerin nach Algerien zurück, lehrt an der Universität und dreht Filme zu historischen Themen, etwa La Zerda ou les chants de l’oubli, der 1982 den Sonderpreis der Berlinale für den besten historischen Film erhält. Unter ihren Filmen sind auch erste Dokumentationen mit Interviews von Frauen auf dem Land. »Vor mir war nur dieser Ozean des Schweigens«, sagt sie später zu dieser Erfahrung. Es drängt sie, diesen Frauen auch in ihrer Literatur eine Stimme zu geben. In den noch traditionell geprägten ländlichen Gebieten waren die mutigen Helferinnen der antikolonialen Guerilla nach der Unabhängigkeit ins Nichts zurückgefallen, sie lebten allein und ausgegrenzt (wie es im Roman Frau ohne Begräbnis beschrieben wird).
Mit Fantasia veröffentlicht Assia Djebar 1985 ihren literarisch anspruchsvollsten und modernsten Roman: Die Geschichte des erbitterten Widerstands der algerischen Bevölkerung gegen die koloniale Eroberung und der Gräuel, mit denen die französischen Kolonialtruppen ihn zu unterdrücken versuchten. Diesen Schilderungen werden Szenen aus der Kindheit der Autorin gegengeschnitten – wie in einem Film.
Gemeinsam mit ihrem Ehemann, dem engagierten Autor Malek Alloula (er starb kurz nach ihr am 17.2.15 in Berlin), wirkt sie in Algerien auch politisch. Da sie mütterlicherseits von Berbern abstammt, wird ihr die Stellung der Minderheit zum Prüfstein für die Demokratie. Ihre Haltung bringt sie unweigerlich in Opposition zur herrschenden sozialistischen Einheitspartei, die aus der Befreiungsbewegung hervorgegangen war. Sie hält dem Regime immerhin zugute, dass Städterinnen Bildung erringen konnten. Sie stellen damals wie heute einen großen Anteil der Unterrichtenden an Schulen und Universitäten und bei den ärztlichen Berufen.
Während der 1980er Jahre werden die islamischen Fundamentalisten immer stärker. Die Männer besetzen den öffentlichen Raum und nehmen der Autorin das Milieu für ihre Arbeit. »In den letzten drei, vier Jahren nehmen mich die Straßen nicht mehr so leicht auf. Sie stoßen mich zurück, wenn die Dämmerung beginnt, schicken mich weg.« Assia Djebar bleibt schließlich ab 1988 endgültig im Exil in Paris. Natürlich ist diese Trennung schmerzlich für sie, und in ihrer Literatur taucht immer wieder der Traum auf, im hellen Sonnenlicht durch die Straßen von Algier zu gehen, mit dem raschen Schritt einer Frau in Bewegung.
Sie versteht sich fortan als Vermittlerin zwischen dem Islam und Europa. So erzählt sie in Fern von Medina die Geschichte der Frauengestalten zur Zeit des Religionsgründers Mohammed, um dem verbreiteten Vorurteil zu widersprechen, Frauen hätten im Islam keine Rolle zu spielen.
Zu Beginn der 1990er Jahre artet der Konflikt mit den Fundamentalisten in einen blutigen Bürgerkrieg aus. Als die Terroristen beginnen, systematisch Intellektuelle zu ermorden, unter ihnen den Bruder ihres Mannes, den bekannten Theaterautor Abdelkader Alloula, sowie viele weitere Freunde und Bekannte, muss die Autorin sich fragen, wie sie ihnen ein Denkmal setzen kann. Sie hält sie fest im letzten Moment, bevor der Mörder auftritt, um mit einem literarischen Bild den Fernsehbildern zu widersprechen. So entsteht Weißes Algerien mit der Würdigung der getöteten Freunde, und Oran – algerische Nacht, ein Erzählband mit Berichten von Frauen, die »von der Front« zurückkehren.
Es beginnt eine Zeit, in der Assia Djebar besonders in Deutschland bekannt und viel gelesen wird. Ihr engagiertes Wirken als Vermittlerin bringt ihr 2000 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ein, der ihrer Karriere auch international einen Anschub gibt. Sie gilt als Autorin der Emanzipation und ist vor allem bei Frauen beliebt. Amüsiert stellt sie nach den gut besuchten Lesungen immer wieder fest, wie stark sich deutsche Frauen mit der Handlung in Die Schattenkönigin identifizieren; in diesem Roman über eine Vielehe wird eine ältere durch eine jüngere Frau abgelöst. Es bestätigt nur ihre Ansicht, dass ihr Schreiben über die Befreiung alle Frauen in gleicher Weise betrifft, ob in Algerien oder in Europa.
Ihr Werk ist in Frankreich zunächst nicht vom gleichen Erfolg gekrönt wie in Deutschland. Vielleicht ist dies dem anhaltenden Clinch Frankreichs mit seiner ehemaligen Lieblingskolonie Algerien zuzuschreiben. Bei Assia Djebar entsteht daraus ein Gefühl der Heimat- und Bindungslosigkeit, das sich auch in ihren Büchern ausdrückt, etwa wenn sich die Protagonistin von Nächte in Straßburg, einem weiteren erotisch gefärbten Roman, am Schluss geradezu in Luft auflöst. Oder wenn sie »das Verschwinden der französischen Sprache« in ihrem Heimatland beklagt, so der französische Titel des Romans Das verlorene Wort.
Schon länger lehrte sie in den USA, in Baton Rouge (Louisiana). 2001 erhielt sie einen Ruf nach New York und zog wenige Tage vor 9/11 dorthin. In den letzten Jahren galt sie immer wieder als Kandidatin für den Literaturnobelpreis. Diese Ehre wurde ihr nicht mehr zuteil.
Ihr Tod bietet Anlass, ihre Bücher, ihre befreiende und unbeirrbar humane Literatur, wieder einmal zur Hand zu nehmen.


Beate Thill ist Übersetzerin und lebt in Freiburg. Sie hat zahlreiche Bücher von Assia Djebar aus dem Französischen ins Deutsche übertragen. Erschienen sind die deutschen Ausgaben hauptsächlich im Züricher Unionsverlag sowie im Fischer-Verlag.