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»Zertifizierte Garnelen sind ein Witz«
Interview mit Khushi Kabir über Shrimpsfarmen in Bangladesch

iz3w: Wie wurde die Garnelenzucht in Bangladesch so bedeutend?
Khushi Kabir: In Bangladesch leben sehr viele Menschen von der Landwirtschaft, denn Fischerei und Landwirtschaft sind – oder besser – waren sehr produktiv. Entlang der Südwestküste wachsen Mangrovenwälder, die Sundarbans. Mangroven gelten heute als eine der besten Kohlenstoffsenken und wirken dem Klimawandel entgegen. Auch nördlich der Sundarbans lebte die Mehrheit der Bevölkerung von der Landwirtschaft. In den Wasserläufen wurde gefischt, auch der Garnelenfang war wichtig. Mitte der 1980er Jahre wurde dann die exportorientierte Aquakultur in Bangladesch eingeführt. Für die Garnelenzucht wurden landwirtschaftliche Flächen umgewandelt und für die Anlage der Becken Torfwälder, -böden und Mangroven zerstört. Heute sind Garnelen in Bangladesch der zweitgrößte Exportmarkt – gleich nach der Textilindustrie.
Als die Garnelenindustrie ausgebaut wurde, kam es zu Konflikten. Die Shrimpsfarmer, Geschäftsleute aus den Städten, pachteten Land von den Landbesitzern im Südwesten, denn dort war der Salzgehalt am höchsten, und die begehrten Riesengarnelen brauchen dieses salzige Wasser. Zuvor waren bereits 18.000 Hektar Mangrovenwald an der Ostküste im Rahmen eines Projektes der Asiatischen Entwicklungsbank gefällt worden. Das Land wurde an Privatleute für Shrimpszuchten verpachtet. Allerdings ist dieses Projekt fehlgeschlagen. Deshalb zogen die Geschäftsleute weiter in den Südwesten und versuchten dort, die BewohnerInnen mit Einschüchterung und Gewalt von ihrem Land zu vertreiben.

Wurden Kredite zugunsten der Garnelenzucht vergeben?
Ja, es gab Kredite von der Asiatischen Entwicklungsbank für den Aufbau der Garnelenindustrie. Das firmierte unter der Bezeichnung »Fischereiprojekt«. Nachdem das zweite davon scheiterte, erhielt die Regierung von der Weltbank Gelder für ein drittes. Sie unterstützte zusammen mit dem Umweltprogramm der UNO den Ausbau der Aquakultur im Südwesten. Dort war der Boden fruchtbar, die Bevölkerungsdichte hoch und die Mehrheit lebte von der Landwirtschaft.

Wie verhält es sich mit dem Landbesitz?
Land ist in Bangladesch sehr ungleich verteilt und fragmentiert. Viele Landbesitzer wohnen in Städten oder im Ausland. Gerade sie vergaben ihre Ländereien an Shrimpsfarmer. Wenn nun aber ein Landstück geflutet wird, werden auch die dazwischen liegenden Ländereien mit Salzwasser überschwemmt. Das beeinträchtigt diejenigen, die weiterhin Landwirtschaft betreiben. Auf diese Weise wurden jene, die ihr Land nicht hergeben wollten, gewaltsam enteignet.

Wie sehen die Arbeitsbedingungen in der Garnelenindustrie aus?
Vor allem Frauen sind dort beschäftigt. Sie säubern die Becken und streuen Futter aus. Für die Säuberung der Becken werden Chemikalien verwendet, die in den meisten Ländern verboten sind, auch in Bangladesch. Auch im Wasser werden Chemikalien und Antibiotika verwendet. Die Frauen stehen den ganzen Tag im Wasser und bekommen häufig Haut-, Brust- und Uterusinfektionen.
In den drei Distrikten Satkhira, Khulna und Bagerhat war das Bildungsniveau recht hoch. Das verschlechtert sich nun: Die Salzwasserflächen umspülen die Region, sodass die Mobilität der Leute eingeschränkt ist, etwa beim Weg zur Schule oder zum Krankenhaus. Es gibt nur noch wenige Jobs, die EinwohnerInnen sind gezwungen, auf den Shrimpsfarmen zu arbeiten. Arbeitskräfte werden allerdings nur saisonal benötigt. Ein Mann verdient zirka 50 bis 70 Taka, eine Frau 20 bis 25 Taka pro Tag (10 Taka ist ein Euro). Schlimmer noch ist der Verlust der Existenzgrundlage. Sie haben Grasland, Vieh und Brennmaterial verloren. Fischfang in den Kanälen ist nicht mehr möglich. Auch Trinkwasser ist ein Problem. In den drei Distrikten wurden 276.000 Hektar und damit 70 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche in Shrimps-Betriebe umgewandelt. Sie gehören inzwischen zu den ärmsten Regionen Bangladeschs.

Wohin werden die Garnelen exportiert?
Vor allem in die EU, insbesondere England und Deutschland. Von dort wird weiter in die Niederlande und in alle anderen Länder exportiert. Manchmal werden die Shrimps auch in Thailand mit dortigen Shrimps gemischt und dann exportiert.

Was ist von zertifizierten Garnelen zu halten?
Die Zertifizierung ist eigentlich ein Witz. Zum einen ist eine Nachverfolgbarkeit nicht möglich, nicht einmal innerhalb Bangladeschs. Selbst wenn die Fabriken eine eigene Farm haben, diese sauber ist und bestimmte Standards erfüllt: Die Mengen reichen für den Export nicht aus, also werden Shrimps zugemischt. Die meisten werden quer übers Land verstreut gezüchtet und dann auf dem lokalen Markt an die Fabriken weiterverkauft. Die Fabrik hat in der Regel keine Ahnung, woher ihre Ware kommt. Das macht die Kontrolle der Produktion so schwierig. Ein Zertifizierer schaut nur auf die Aufzeichnungen in den Computern der Unternehmen. Er geht nicht ins Feld.

Gibt es organisierten Protest?
Ja. Einer der größten Garnelenfarmer wollte 1990 in einem Gebiet Fuß fassen, in dem wir arbeiten. Die Mehrheit der Bevölkerung dort war in Landlosen-Gruppen organisiert und verteidigte ihr Land. Alle 14 Dörfer in dieser Gegend sind bis heute trotz Gewalt, Repression und Zyklonen shrimpfrei geblieben. Andere Gemeinden nahmen sich das zum Vorbild. Inzwischen gibt es mehrere Gebiete, in denen die BewohnerInnen Land von den Betrieben zurückfordern.


Khushi Kabir arbeitet in Dhaka bei der NGO Nijera Kori für die autonome Organisierung von 175.000 Landlosen. 2005 wurde sie für den Nobelpreis nominiert.
Interview: Philipp Kilham und Martina Backes