Volltext

(Artikel * 2014) Dietrich, Katrin; Müller, Francis
"Man darf nicht romantisieren" Interview mit Francis Müller über das Fotoprojekt "Minenopfer in Angola"
in iz3w Nr. 345 * Seite D26 - D27
Themen: Behinderte Menschen; Rüstung/Waffen * Angola * Fotografie * Dok-Nr: 267747
Standorte: A3W Osnabrück; FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Behinderung


»Man darf nicht romantisieren«
Interview mit Francis Müller über das Fotoprojekt »Minenopfer in Angola«


iz3w: Wie ist das Fotoprojekt entstanden?
Francis Müller: Meine Kollegin Bitten Stetter von der Zürcher Hochschule der Künste ist auf den Tanz Kuduru aufmerksam geworden, der in den Vorstädten Luandas praktiziert wird. Beim Kuduru-Tanz wird auch Behinderung thematisiert: einerseits wird er von Menschen mit Behinderung getanzt, andererseits imitieren Unversehrte die Bewegungen der Menschen mit Behinderung. Kuduru ist in Angola Teil des öffentlichen Lebens und der Kultur. Zugleich sind wir auch auf das Phänomen der Tretminen gestoßen, die aus fast 30 Jahren Bürgerkrieg in Angola resultieren und die dazu geführt haben, dass Teile einer ganzen Generation kriegsversehrt sind.
Daraufhin haben wir das Forschungsprojekt »Minenopfer in Angola – kulturelle Techniken im Umgang mit beschädigter Identität« beantragt. Wir sind dabei der Hypothese gefolgt, dass die sehr schwachen Hilfeleistungen in Angola dazu führen, dass Menschen mit Behinderung Objekte kreativ verfremden und zum Beispiel selbst Prothesen oder einfache Fahrzeuge bauen.

Wie sind Sie in Kontakt mit den Porträtierten gekommen?
Feldforschung in einem Land wie Angola ist eine Herausforderung, schon die Einreise ist sehr schwierig. Wir haben Kontakt zur Associação National dos Deficientes de Angola (ANDA) aufgenommen, die nationale Organisation der Menschen mit Behinderung in Angola. Diese regierungsnahe NGO kümmert sich in erster Linie um Kriegsopfer und über sie konnten wir einige der Porträtierten finden. Der zweite Weg verlief über Studierende der Rehabilitationsmedizin der Universität Metodista in Luanda, die sich um Menschen mit Behinderung kümmern. Weitere Zugänge haben sich dann situativ ergeben.
Auf unseren Bildern sieht man jedoch nicht nur Opfer von Tretminen. In den letzten Jahren wurden viele Gebiete von den Minen gesäubert. Verbreitete Ursachen für eine Behinderung sind auch Krankheiten wie die Kinderlähmung.

Wie war die Bereitschaft der Menschen mit Behinderung, fotografiert zu werden?
Wir haben kein reines Fotoprojekt gemacht, sondern die Menschen zum Beispiel auch interviewt oder gefilmt. Grundsätzlich haben sie sich gerne präsentiert und inszeniert. Wir fanden auf dieser Ebene einen sehr guten Zugang. Aber auch wenn die Menschen auf den Bildern sehr selbstbewusst aussehen, darf man ihre Situation nicht romantisieren.

Wie gestaltet sich die ökonomische Situation für Menschen mit Behinderung?
In Angola haben nur etwa 30 Prozent der Bevölkerung Zugang zu medizinischer Grundversorgung und 40 Prozent zu Trinkwasser. Die Situation der Menschen, die wir fotografiert haben, ist im Grunde katastrophal. Die Versorgung von staatlicher Seite für Menschen mit Behinderung ist sehr dürftig. Angola hätte eigentlich die Ressourcen, um zum Beispiel selbst Prothesen herzustellen, aber es gibt nur eine Fabrik im ganzen Land dafür. Durch den Jahrzehnte dauernden Bürgerkrieg sind fast sämtliche Produktionsgrundlagen vernichtet worden und so wird alles importiert.
Dadurch ist Luanda die teuerste Stadt der Welt.1 Eine Pizza und ein Bier kosten dort 40 Dollar, für eine Busfahrt muss man einen Dollar bezahlen. Die Durchschnittsrente für einen Kriegsveteranen liegt gerade mal bei 20 Dollar im Monat. Das sind ökonomisch paradoxe Zustände und die Mobilität ist dadurch enorm eingeschränkt. Zum Beispiel Rebenta, er ist Mitte 20, Kuduru-Tänzer und bekam durch Kinderlähmung eine Behinderung. Wir haben ihn am Strand fotografiert. Obwohl er nur vier Kilometer entfernt wohnte, war er an dem Tag das erste Mal am Meer.
Menschen mit Behinderung sind von der eingeschränkten Mobilität in hohem Maße betroffen. Es war jedoch interessant, dass die meisten Menschen mit Behinderung in Luanda einen starken Wunsch nach Kreativität, Tanz und Kunst gezeigt haben. Das widerspricht der gängigen These, dass der Wunsch nach Selbstverwirklichung und kreativer Tätigkeit erst dann einsetzt, wenn materielle Bedürfnisse befriedigt sind. Denn fast alle der Befragten leben in extremer Armut.

Anmerkung
1 Siehe hierzu auch die Vergleichsstudien des Beratungsunternehmens MERCER www.mercer.de


Francis Müller ist Kultursoziologe und arbeitet im Departement Design an der Zürcher Hochschule der Künste. Das Interview führte Katrin Dietrich.



Sometimes people in Luanda shine

Auf der Bilderstrecke in unserem Dossier sind Menschen mit Behinderung in Angola porträtiert. Die Fotos wurden von der Fotografin Flurina Rothenberger (und eines von Bitten Stetter)im Rahmen eines Forschungsprojektes der Zürcher Hochschule für Künste aufgenommen. Der Serie liegt das Konzept zugrunde, Menschen in ihrem Alltag und zuhause zu zeigen. So sieht man auf den Doppelbildern einerseits die Person, auf der anderen Seite ihr Umfeld. Die Bilder werden demnächst zusammen mit Filmaufnahmen in der Ausstellung »Minenopfer in Angola – Sometimes people in Luanda shine« zunächst in Zürich und später auch in Luanda zu sehen sein. Weiter Informationen zum Projekt unter: www.zhdk.ch