Volltext

(Artikel * 2014) Köbsell, Swantje
Konstruiert Disability Studies: Wie wird Behinderung hergestellt?
in iz3w Nr. 345 * Seite D14 - D15
Themen: Behinderte Menschen; Gesundheit; Nord-Süd-Beziehungen; Universität * * Dok-Nr: 267741
Standorte: A3W Osnabrück; FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Behinderung


Konstruiert
Disability Studies: Wie wird Behinderung hergestellt?


Seit Jahrzehnten widmen sich Medizin, Sozialarbeit und Pflegeberufe dem Thema Behinderung. Die Disability Studies treten als neue Disziplin auf, um gängige Diskurse über Krankheit und Defizite von Menschen mit Behinderung zu hinterfragen. Bislang vor allem an den westlichen Universitäten.


von Swantje Köbsell

Die inter- und transdisziplinären Disability Studies entstanden in den späten 1970er Jahren parallel, aber unabhängig voneinander in Großbritannien und den USA aus den dortigen politischen Behindertenbewegungen. Die Grundlage für das Entstehen dieser Bewegungen war eine Sicht auf Behinderung, die diese nicht mehr als medizinisches Problem oder tragisches Schicksal der/des Einzelnen betrachtete. Vielmehr wurde Behinderung als Produkt eines gesellschaftlichen Ausgrenzungsprozesses von Menschen gesehen, welche aufgrund bestimmter Merkmale gesellschaftlichen Vorstellungen von Normalität nicht entsprechen. Die Behindertenbewegungen setz(t)en sich vor allem politisch für die Verbesserung der Lebenssituation behinderter Menschen ein, zum Beispiel im Hinblick auf die Wohnsituation, Mobilität, allgemeine Barrierefreiheit sowie Teilhabe am politischen und öffentlichen Leben. Und das durchaus auch radikal mit Besetzungen wichtiger Gebäude oder Kreuzungen. Zum Beispiel blockierten 1974 behinderte und nichtbehinderte TeilnehmerInnen eines Volkshochschulkurses die Straßenbahn in Frankfurt, um darauf aufmerksam zu machen, dass sie von ihrer Nutzung und damit von Mobilität ausgeschlossen waren.
Die »alte«, traditionelle Sicht auf Behinderung wird als individuelles oder medizinisches Modell bezeichnet, da es stark auf die medizinisch beschreibbaren Defizite der betroffenen Personen bezogen war. Dagegen gesetzt wurde das soziale Modell von Behinderung. Dieses unterscheidet zwischen der individuellen Ebene der Beeinträchtigung (englisch impairment) und der Behinderung (englisch disability), der gesellschaftlichen Reaktion des Ausschlusses auf die Beeinträchtigung. In dieser Sicht ist Behinderung nicht etwas, das die oder der Einzelne »hat«, sondern die behindernden Erfahrungen, die sie oder er aufgrund einer vorliegenden Beeinträchtigung macht. Das bedeutet: Behinderung ist nichts, was zu allen Zeiten in allen Kulturen quasi naturhaft vorhanden war und ist, sondern eine gesellschaftliche Konstruktion, die von vielen Faktoren abhängig und veränderbar ist.

Ein Gewirr von Mythen
Aufbauend auf dieser Sicht von Behinderung als sozialer Konstruktion wollen die Disability Studies hinter das blicken, was jeweils als Behinderung wahrgenommen wird. Untersucht wird, wie Behinderung historisch und kulturell hervorgebracht wurde und wird und in welchen Bereichen und mittels welcher Mechanismen diese Konstruktionsprozesse stattfinden.
Die Society for Disability Studies, eine weltumspannende Vereinigung von in den Disability Studies tätigen AkademikerInnen, definiert, dass Disability Studies neben anderen Dingen »die politischen und praktischen Handlungsweisen aller Gesellschaften daraufhin untersucht, die sozialen und weniger die körperlichen oder psychologischen Determinanten der Erfahrung von Behinderung zu verstehen. Disability Studies wurden entwickelt, um Beeinträchtigung aus dem Gewirr von Mythen, Ideologie und Stigma zu befreien, das die gesellschaftliche Interaktion und Sozialpolitik beeinflusst. Die Fachrichtung stellt die Vorstellung in Frage, dass der wirtschaftliche und gesellschaftliche Status sowie die Menschen mit Behinderungen zugewiesenen Rollen das unausweichliche Ergebnis ihrer körperlichen Verfasstheit sind.«1
Zu diesen »Determinanten« gehört auch Ableism.2 Gemeint sind damit die gesellschaftlich weit verbreiteten und fest verankerten Einstellungen und Haltungen gegenüber Menschen mit Beeinträchtigungen, die den Umgang mit ihnen bestimmen und in starkem Maße behindernd wirken können.
Die Disability Studies gibt es inzwischen in vielen Ländern wie Japan, Kanada, Israel, Australien, den skandinavischen Ländern, Malaysia, Indien und Zimbabwe. In Deutschland fanden die Disability Studies erst relativ spät Beachtung. Obwohl es auch hier seit den späten 1970er Jahren eine aktive Behindertenbewegung mit eigenen Publikationen gab, deren Grundlage ebenfalls ein soziales Modell von Behinderung war, bedurfte es des Anstoßes von außen, um die Disability Studies einzuführen. Diesen Anstoß lieferten die beiden Tagungen, die im Kontext der Ausstellung »Der imperfekte Mensch« in Dresden und Berlin 2001/2002 unter der Beteiligung internationaler VertreterInnen der Disability Studies stattfanden.
In diesem Zusammenhang gründete sich auch die »Arbeitsgemeinschaft Disability Studies in Deutschland – Wir forschen selbst«3, ein Zusammenschluss behinderter WissenschaftlerInnen und interessierter AktivistInnen aus der Behindertenbewegung. Deren Anliegen ist, neben der Vernetzung zur Förderung von Austausch und Information, die Weiterentwicklung und letztendlich Etablierung der Disability Studies in Deutschland. Dies ist jedoch ein sehr langsam voranschreitender Prozess: Anders als in vielen Ländern, in denen es bereits eigene Studiengänge und Abschlüsse gibt, führen die Disability Studies in der deutschen Hochschullandschaft noch ein ziemliches Schattendasein.

Die Mehrheit lebt im Süden
Behinderung ist selbstverständlich kein Exklusivthema westlicher Industrienationen, sondern eines, das tatsächlich alle Menschen betrifft. Die Mehrheit der beeinträchtigten Menschen weltweit, zirka 88 Prozent, leben in den ärmsten Ländern der Welt. Genau dort gibt es auch die meisten Barrieren im Hinblick auf Mobilität, Bildung oder Gesundheitsversorgung. Viele behindernde Bedingungen sind in armen Ländern erheblich stärker ausgeprägt als in westlichen Industrienationen.
Welche Auswirkungen das Leben unter den jeweiligen Bedingungen für die Betroffenen hat, was sie selbst als behindernde Faktoren erleben, muss aus Sicht der Disability Studies jeweils genau betrachtet werden. Die Vorstellungen davon, wie Körper auszusehen und zu funktionieren haben, welche Anforderungen bezüglich der Intelligenz und des Verhaltens gestellt werden, können an unterschiedlichen Orten verschieden sein. Faktoren wie das Geschlecht der Betroffenen oder die jeweilige Siedlungs- und Kolonialgeschichte können eine Rolle spielen und müssen entsprechend berücksichtigt werden.
Auf politischer Ebene gibt es bereits seit vielen Jahren eine globale Vernetzung behinderter Menschen über Disabled People’s International (DPI)4, bei der VertreterInnen aus dem Süden sehr präsent sind. Um ein Forum für AktivistInnen und TheoretikerInnen mit Beeinträchtigungen aus dem Süden zu schaffen, wurde 2013 die Zeitschrift »Disability and the Global South«5 ins Leben gerufen. Doch insgesamt kommen diese Stimmen noch wenig in den Fokus der Disability Studies und die Vernetzung sollte weiter ausgebaut werden. Disability Studies betreiben zu können, setzt jedoch zahlreiche Dinge voraus, die nicht nur in den Ländern des Südens für behinderte Menschen schwer zu erreichen sind: Zugang zu qualifizierter Bildung, Förderung akademischer Karrieren durch finanzielle Absicherung, ausreichend Assistenz sowie Ausgleich beeinträchtigungsbedingten Mehrbedarfs, um einige Punkte zu nennen. Hier können die Disability Studies durch stärkere Vernetzung unterstützen und ermutigen.
Dabei können im Westen entwickelte Modelle nicht einfach übertragen werden. Vielmehr müssen die verschiedenen Lebensbedingungen und Traditionen im Umgang mit beeinträchtigten Menschen an verschiedenen Orten unter unterschiedlichsten Bedingungen erkundet und jeweils genau betrachtet werden. So können sich Haltungen, Vorurteile und sonstige gesellschaftliche Bedingungen, die behindernd wirken, regional ebenso unterscheiden wie die Strategien und Ansatzpunkte für »Enthinderungen«. Die Rolle westlicher VertreterInnen der Disability Studies könnte sein, Forschungsgemeinschaften mit vorzugsweise selbst beeinträchtigten ForscherInnen vor Ort zu bilden und diese bei ihren Vorhaben zu unterstützen, ohne ihnen westliche Konzepte »überzustülpen«6, sondern vielmehr für andere Erfahrungen und Sichtweisen offen zu sein und von diesen zu lernen.


Anmerkungen
1 www.ryerson.ca/disabilitystudies (Übersetzung S.K.)
2 Dan Goodley (2010): Disability Studies. An interdisciplinary introduction, Sage publications
3 www.disabilitystudies.de
4 www.dpi.org
5 http://dgsjournal.org
6 Tom Shakespeare (2014): Disability Rights and Wrongs revisited, Routledge


Swantje Köbsell ist Professorin für Disability Studies an der Alice Salomon Hochschule Berlin.