Volltext

(Artikel * 2014) Schübelin, Jürgen
Nach dem Feuer von Valparaiso In Chile wird um die sozialen Folgen von Naturkatastrophen gestritten
in iz3w Nr. 344 * Seite 10 - 11
Themen: Katastrophe; Selbsthilfe; Wohnen * Chile * * Dok-Nr: 267685
Standorte: A3W Osnabrück; FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Chile


Nach dem Feuer von Valparaíso
In Chile wird um die sozialen Folgen von Naturkatastrophen gestritten

Im vergangenen April gingen in Valparaíso sechs ganze Stadtviertel in Flammen auf. Seitdem wird in Chile über mangelnden Katastrophenschutz nicht nur debattiert. Die Damnificados, die durch den Großbrand obdachlos Gewordenen, besetzen die abgebrannten Hügel, um der Gentrifizierung des Unglücksortes vorzubeugen.

von Jürgen Schübelin

Los Chonos 86 B: Diese Adresse steht auf einem Blatt Papier, an einen Wellblechzaun geklebt, dazu eine Handy-Nummer. Darüber ein Hilferuf: »Eine Hütte – dringend! Bitte!«. Seit drei Monaten lebt Familie Díaz in einer provisorischen Behausung aus Plastikplanen und einem winzigen Zelt. Alles, was das gewaltige Feuer vom 12. und 13. April von ihrem kleinen Haus auf dem Cerro Las Cañas übrig gelassen hat, sind von der Hitze verformte und verbeulte Wellblechplatten. Sieben Mal haben die Díaz bereits die endlosen Fragebögen und Formulare ausgefüllt, um eine Notunterkunft zu erhalten. Bislang ist nichts geschehen.
»Es ging alles entsetzlich schnell«, berichtet eine der Nachbarinnen von jenem apokalyptischen Samstagabend. »Innerhalb einer Minute erfasste das Feuer hier in unserer Straße zehn Häuser hintereinander. Wir hatten keinerlei Chance, irgendetwas zu retten.« Über ein Vierteljahr nach dem verheerenden Großbrand, der 15 Menschenleben gekostet und 15.000 Bewohner der Viertel auf sechs Hügeln oberhalb der chilenischen Hafenstadt Valparaíso obdachlos gemacht hatte, ist die Unzulänglichkeit und eine gewisse Willkür bei der Verteilung von staatlicher Hilfe und Unterstützung augenfällig. Die größte jemals in Chile registrierte Feuersbrunst machte erneut auf schmerzhafte Weise deutlich, wie begrenzt, prekär, unkoordiniert und viel zu langsam die Kriseninterventionsmechanismen der zuständigen staatlichen Institutionen funktionieren. Und das in einem Land, das durch seine geographische Lage bedingt immer wieder Naturkatastrophen ausgesetzt ist. Beim Erdbeben vom 27. Januar 2010 starben in der Provinz Concepción 500 Menschen, unter anderem, weil die staatliche Katastrophenschutzbehörde ONEMI nicht in der Lage war, vor einem auf die Küste zurollenden Tsunami zu warnen.
Die Menschen auf den vom Feuer verwüsteten Hügeln von Valparaíso haben dafür ein feines Gespür: Auf ihren Transparenten dankten sie den freiwilligen Feuerwehrleuten für ihren heroischen Einsatz, den StudentInnen, die zu Tausenden bei der Schuttbeseitigung mithalfen, unmittelbar nachdem die Flammen nach 72 dramatischen Stunden endlich gelöscht waren. Oder den Gewerkschaften und sozialen Organisationen, die als Erste landesweite Kampagnen zur Versorgung der Überlebenden organisierten und gespendete Kleidung und Nahrung nach Valparaíso schafften. Einen Dank an die Regierung von Präsidentin Michelle Bachelet und die zuständigen staatlichen Stellen sucht man hingegen auf den zahlreichen, auf Pappkartons und Mauerreste geschriebenen Botschaften vergebens.

Die Katastrophe danach
Seit dem vierten Tag nach dem Flammeninferno ist Kentyi Cheung als Koordinator eines Projektes der Nichtregierungsorganisation ACHNU in der Katastrophenzone von Valparaíso im Einsatz. Der Psychologe und erfahrene Straßensozialarbeiter sagt: »Der chilenische Staat lud die Verantwortung für die Betreuung der traumatisierten Menschen bei den sozialen Organisationen ab, den vielen Freiwilligen – oder auch dem Personal der öffentlichen Schulen.« So wurde etwa den LehrerInnen der unmittelbar neben der Großbrandzone auf dem Cerro Las Cañas liegenden David Ben Gurion-Schule kurzerhand die Verteilung der Baumaterialien für die provisorischen Hütten übertragen – zusätzlich zum laufenden Unterrichtsbetrieb und ohne unterstützendes Personal.
Die fehlende Professionalität und die zumindest in den ersten Wochen nach dem Feuerinferno recht hilflos wirkende Mischung zwischen hektischem Aktionismus und repressiv-autoritärem Auftreten der staatlichen Akteure hat in Chile die Debatte um Katastrophenschutz neu entfacht. Beklagt werden die Folgen der Zerschlagung einer handlungsfähigen öffentlichen Verwaltung, die auch einen gut aufgestellten – und vor allem auch präventiv wirkenden – Katastrophenschutz aufwies.
Dabei geht es in dem wirtschaftlich erfolgreichsten Land Lateinamerikas auch um die Frage, warum es immer die Familien mit den niedrigsten Einkommen in den prekärsten Lebenssituationen sind, die das höchste Risiko tragen. Hätten die Behörden zugelassen, dass das Hydranten- und Löschwasser-Versorgungssystem auf den Hügeln von Valparaíso nur ein schlechter Witz ist, wenn dort oben – mit dem atemberaubenden Blick über die Bucht – die Villen der Wohlhabenden gestanden hätten? Warum müssen sich in Chile, das sich gerne selbst als »Tiger« Lateinamerikas sieht, die Mitglieder der ausschließlich freiwilligen Feuerwehren an den Wochenenden mit ihren Sammelbüchsen die Pesos zusammenbetteln, um ihre Ausrüstung erneuern zu können?
Es war eine Geste, eine administrative Entscheidung, die die merkwürdige Sicht der Behörden auf die Überlebenden des Großbrandes von Valparaíso am deutlichsten entlarvte: Als Soforthilfe erhielten die Familien, deren Hab und Gut vom Feuer vernichtet worden war, vom Staat nicht etwa Bargeld, um selbst zu entscheiden, was sie am dringendsten benötigen, sondern Einkaufsgutscheine im Wert von 200.000 Pesos (etwa 260 Euro). Diese konnten ausschließlich für Textileinkäufe in den vier größten und wirtschaftlich mächtigsten Einzelhandelsketten Chiles eingelöst werden.
Anfang April ereignete sich ein mit 8.2 auf der Richterskala schweres Erdbeben im Norden des Landes, bei dem sieben Menschen das Leben verloren und Tausende obdachlos wurden. Auch an dieser »Naturkatastrophe« wurde einmal mehr deutlich, dass Desaster dieser Art in jüngerer Zeit immer auch Einfallstore für schmerzhafte Gentrifizierungsprozesse sind. Nach dem Erdbeben vom 27. Februar 2010 ließ die damalige Regierung unter dem Unternehmer und Multimilliardär Sebastian Piñera es zu, dass in der Provinz Concepción Tausende von Familien, deren Wohnungen und Häuser beschädigt oder zerstört wurden, unter dem Druck der weiter anwachsenden Hypothekenschulden gezwungen waren, ihre Grundstücke weit unter Wert an Immobilienspekulanten und Bauunternehmen zu veräußern. Der Staat ließ die betroffenen Besitzer- und BewohnerInnen kleiner Häuser und Wohnungen im Stich, dabei hätte die Regierung die Banken zu Moratorien von Zins- und Tilgungszahlungen zwingen können. Diese Erfahrung wurde in Chile zum kollektiven Trauma.

Nicht ohne meine NachbarInnen
Deshalb drängten die Menschen in Valparaíso bereits nach wenigen Tagen mit aller Entschiedenheit aus den Albergues, den Notunterkünften unten auf dem Plan (dem flachen Teil der Hafenstadt), zurück auf die Hügel. Hartnäckig hielt sich das Gerücht, dass das Feuer gezielt gelegt worden sei, um den Immobilienspekulanten den Zugriff auf die dicht besiedelten Cerros mit dem grandiosen Blick über die Bucht von Valparaíso zu ermöglichen. Obwohl Präsidentin Bachelet erklärt hatte, dass ihre Regierung diesmal alles unternehmen werde, um zu verhindern, dass die obdachlos Gewordenen die Flächen, auf denen ihre Häuser gestanden hatten, verlieren, war in Valparaíso in den ersten Wochen nach dem Feuer die Angst mit Händen zu greifen: Am Ende könnte doch genau das erneut geschehen.
Deshalb errichteten BewohnerInnen der Katastrophenzone – unterstützt von unermüdlichen, meist sehr jungen Freiwilligen – hunderte Mediaguas, kleine Holzhütten mit nur einem Raum, um den Platz zu besetzen, auf dem zuvor die vom Feuer vernichteten Häuser gestanden hatten. Mit einem Meer aus chilenischen Fahnen, Transparenten und selbst gemalten Schildern mit den Namen der Familien und ihrer Anschrift markierten die Damnificados, die durch den Großbrand obdachlos Gewordenen, kleine Flächen an den steilen Hängen und ihren Anspruch darauf, hier auch in Zukunft leben zu können.
Eine zentrale Rolle in dieser Auseinandersetzung spielen die Juntas de Vecinos, die Nachbarschaftsorganisationen. Dies sind demokratisch legitimierte Selbsthilfestrukturen, die in Chile seit Mitte der 1960er Jahre sogar gesetzlich verankert sind. Sie erstellten die ersten Kataster der geschädigten Familien, kanalisierten gespendete Hilfsgüter und artikulierten gegenüber den staatlichen Institutionen die Forderung nach Partizipation der Betroffenen an allen Planungs- und Wiederaufbauprozessen. Dass die Regierung Bachelet Ende Juli endlich rund 20 Millionen Euro für den Wiederaufbau der bei dem Erdbeben in Nordchile und dem Großbrand in Valparaíso zerstörten Wohnviertel bewilligte, stellte auch eine Antwort auf die Konfliktbereitschaft und Organisationsstärke der Betroffenen dar.
Vorausgegangen waren jedoch in den von der Regierung einberufenen Expertenrunden hinter den Kulissen erbittert geführte Verhandlungen über einen Masterplan für den Wiederaufbau. Öffentlich trugen der Bürgermeister von Valparaíso und der Regierungspräsident der Region Valparaíso Gefechte über die jeweiligen Zuständigkeiten aus. Längst feilschte man um die Kuchenstücke an den in Aussicht gestellten staatlichen Fördermitteln.

Zerstörte Erinnerungen
Währenddessen durchleben die Menschen auf den sechs abgebrannten Hügeln in den eilig zusammengezimmerten Pressspanplatten eine extrem stressige Zeit: »Valparaíso ist längst wieder aus den chilenischen Medien verschwunden. Wochenlang drehte sich alles nur noch um die WM in Brasilien«, sagt Cheung. Die Regierung hatte bereits Mitte Mai die Freiwilligeneinsätze weitgehend mit der Begründung gestoppt, es ständen nicht genügend mobile Toiletten zur Verfügung und es fehlten HelferInnen, um die Ruinenreste und den Brandschutt zu entsorgen oder beim Bau der Behelfsbehausungen Hand anzulegen.
Das achtköpfige ACHNU-Team organisiert mit Unterstützung der Kindernothilfe Trauma-Care-Arbeit in mehreren Kinderzentren, redet mit den Erwachsenen, tröstet und berät, wie man sich im Dschungel der staatlichen Zuständigkeiten zurechtfinden kann und motiviert, sich gerade jetzt an den Nachbarschaftsorganisationen zu beteiligen, um Stimme und Gewicht beim Wiederaufbau einbringen zu können. Eine der Psychologinnen von ACHNU hat mit ihrer Kamera die Mädchen und Jungen aus den Kinderzentren sowie Eltern und Geschwister portraitiert und den Familien Farbabzüge geschenkt. Denn mit dem Hab und Gut in den Häusern und Hütten waren auch alle fotographischen Erinnerungen an das frühere Leben vernichtet worden.


Jürgen Schübelin ist Sozialwissenschaftler und hat zwölf Jahre in Chile gelebt.