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(Artikel * 2014) Bruchhaus, Eva-Maria
Verhängnisvolle Flucht Im Sinai finden grausame Gewalttaten gegen Flüchtlinge statt
in iz3w Nr. 344 * Seite 6 - 7
Themen: Flüchtlinge; Folter; Menschenhandel * Ägypten; Eritrea * Organhandel * Dok-Nr: 267683
Standorte: A3W Osnabrück; FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Migration


Verhängnisvolle Flucht
Im Sinai finden grausame Gewalttaten gegen Flüchtlinge statt

Nicht nur an Europas Südgrenze und in Syriens Nachbarländern ereignen sich permanent Flüchtlingsdramen. Auch auf der zu Ägypten gehörenden Sinaihalbinsel spielt sich seit einigen Jahren eine humanitäre Katastrophe ab. Nach ihrer Flucht aus repressiven Staaten wie Eritrea werden Geflüchtete dorthin entführt, gefoltert und ihrer Organe beraubt.

von Eva-Maria Bruchhaus

Über das Schicksal afrikanischer Flüchtlinge, die auf ihrem Weg nach Israel und Europa im Sinai gefangen gehalten werden, erscheinen seit 2010 sporadisch Berichte in den Medien. Geschildert werden darin grausame Haftbedingungen und Folter. Die Gefangenen werden gezwungen, Verwandte und Freunde zu kontaktieren. Per Telefon bekommen diese die Schmerzensschreie der Folteropfer zu hören. Dies hört erst auf, wenn das geforderte Lösegeld gezahlt wird, das bis zu 50.000 US-Dollar beträgt. Der Organisation Desert Rose zufolge sollen bis Ende 2013 zehntausend Folteropfer freigekauft worden und insgesamt 600 Millionen US-Dollar geflossen sein.
Diejenigen, die nicht das Glück haben, auf diese Weise freizukommen, werden in vielen Fällen zum Opfer von Organentnahme und -handel. Der Organhandel ist ein florierendes Geschäft, das sich auf rund 50 Länder erstreckt. Laut der US-amerikanischen Initiative Organs Watch ist die Region um den Sinai eine der wichtigsten Herkunftsorte illegal gehandelter Organe, die von dort aus nach Lateinamerika, Europa oder China gelangen. Da die AkteurInnen, die in den Handel und die Transplantation involviert sind, meist in vier bis fünf verschiedenen Ländern agieren, ist die Strafverfolgung juristisch extrem schwierig – trotz einem fast weltweit geltenden Verbot von Handel mit Organen.
Für eine Leber oder Niere sollen bis zu 100.000 US-Dollar gezahlt werden. Viele Opfer sterben nach der Organentnahme. Die Überlebenden sind körperlich und seelisch schwer beeinträchtigt. Die israelische NGO Physicians for Human Rights schätzt, dass bisher mehr als 4.000 Flüchtlinge im Sinai ums Leben kamen. Bei den Tätern handelt es sich meist um lokal ansässige Beduinen, aber auch um palästinensische Schmuggler und zum Teil bekannte Mitglieder terroristischer Organisationen (siehe iz3w 330).
Die überwiegende Mehrheit dieser Flüchtlinge kommt aus Eritrea, ungefähr ein Drittel sind aus dem Sudan und Somalia. Seit 2004 haben mehrere hunderttausend EritreerInnen das unter Mangelwirtschaft und zunehmender Isolation leidende Land am Horn von Afrika unter Lebensgefahr verlassen (siehe iz3w 327). Eritrea gilt als eines der repressivsten Länder der Welt. Oppositionsgruppen und zivilgesellschaftliche Initiativen sind verboten, über zehntausend politische Gefangene befinden sich nach Angaben von Amnesty International derzeit ohne Verfahren in Haft. Viele fliehen vor Zwangsrekrutierungen, dem zeitlich unbegrenzten Militärdienst oder Zwangsarbeit.
Die erste Station ihrer Flucht sind äthiopische oder sudanesische Lager. Bis zum Sturz des Gaddafi-Regimes führte der weitere Weg vorwiegend über Libyen, aber auch über Ägypten nach Israel. Allein zwischen 2006 und 2012 sollen 35.000 Flüchtlinge über Sinai nach Israel gelangt sein, bis 2013 sollen es mehr als 60.000 nach Israel geschafft haben. Physicians for Human Rights geht davon aus, dass bereits 7.000 Menschen Opfer von Folter wurden, die Dunkelziffer liegt bei über 10.000.

Staatliche Untätigkeit
Die Pogrome gegen SchwarzafrikanerInnen in Libyen nach dem Sturz des Gaddafi-Regimes und der Bau einer 240 km langen und fünf Meter hohen Stahl- und Stacheldrahtmauer an der Grenze zwischen Sinai und Israel haben die strapaziöse Reise zur Küste dramatisch verschlechtert. Zudem werden seit einigen Jahren eritreische Flüchtlinge aus sudanesischen Lagern und ihrer Umgebung gezielt entführt: »In der Nähe von Kassala griffen uns sudanesische Soldaten auf. Sie verkauften uns an Mitglieder des Nomadenvolks der Rashaida. Wir wurden von den Rashaida weiterverkauft und in den Sinai verschleppt«, berichtete ein Eritreer der Initiative Desert Rose. Obwohl die Familie das geforderte Lösegeld zahlte, sei er weiterverkauft und die Familie erneut erpresst worden. Rashaida sind eine im Sudan und Eritrea lebende arabische Gruppe, die wiederum mit einem Netz sudanesischer und ägyptischer Menschenhändler kooperiert.
Im Februar 2014 hat die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) einen Bericht veröffentlicht, der auf Recherchen und Interviews mit Betroffenen sowie auf zahlreichen, gut dokumentierten NGO-Berichten basiert. Der Bericht bestätigt die genannten Verbrechen und Zahlen und prangert die Untätigkeit der sudanesischen und ägyptischen Regierungen an. Obwohl beide Länder die UN-Konvention gegen Folter unterzeichnet haben und der UN-Ausschuss gegen Folter auf ihre Verantwortung hingewiesen hat, sind sie bisher kaum dagegen vorgegangen. Zwar wurden im östlichen Sudan 14 Fälle verfolgt, jedoch offensichtlich ohne weitere Konsequenzen. An der Grenze zu Israel wurden zwischen Juli 2007 und September 2010 von ägyptischen Grenzpolizisten 85 Flüchtlinge erschossen, andere wurden wegen illegaler Einwanderung verhaftet und nach Äthiopien deportiert, wo sie in den Lagern landeten, aus denen sie geflohen waren. Gegen die Menschenhändler und Folterer im Norden des Sinai wurde jedoch nichts unternommen, im Gegenteil: Die ägyptische Regierung wies alle Vorwürfe über Menschenhandel und Folter als »absurd« zurück.
Die Situation in weiten Teilen der von 1,3 Millionen Menschen bewohnten Halbinsel ist außer Kontrolle und sie ist zum Rückzugsort krimineller Netzwerke geworden. Die Hälfte der Bevölkerung sind Beduinen, die jedoch nur noch teilweise nomadisch leben. Eine im Herbst 2013 groß angekündigte Offensive der ägyptischen Streitkräfte, welche die Kontrolle über den ägyptischen Teil der Halbinsel wiederherstellen sollte, blieb offensichtlich erfolglos. Aber auch Israel steht in der Kritik, nicht nur wegen der erwähnten Stahlmauer, sondern auch aufgrund der menschenunwürdigen Behandlung, welche diejenigen Flüchtlinge erfahren, die Flucht, Gefängnis und Folter überlebt haben – und wegen der äußerst geringen Asylanerkennungsquote in Israel.

Einsatz für die Befreiung
In verschiedenen Ländern befassen sich Menschenrechtsorganisationen mit der Lage im Sinai. Neben HRW hat Amnesty International 2013 einen längeren Bericht veröffentlicht. Die israelische NGO Physicians for Human Rights hat eine detaillierte Karte des Nordsinai mit Orten und Personen angefertigt und an die ägyptische Botschaft, das Außenministerium der USA und an den britischen Premier David Cameron geschickt. Die israelische NGO Association for Support of African Refugees (ASSAF) betreut die afrikanischen Flüchtlinge in Israel und betreibt ein Therapiezentrum für Folteropfer in Tel Aviv. Auch das African Refugee Development Centre (ERDC), eine Hotline für MigrantInnen in Tel Aviv, und die Physicians for Human Rights betreiben aktive Flüchtlingshilfe in Israel.
In Ägypten setzt sich Mohammed Dairi vom Kairoer UNHCR für die Flüchtlinge ein. Und sogar im Nordsinai, in Al Arish, widmet sich eine lokale Organisation dem Kampf gegen Menschenhandel und Folter, die New Generation Foundation for Human Rights von Hamdi Al-Azazi. Auch der Beduinenchef Cheikh Mohammed vom Sawarka-Klan gilt als wichtiger lokaler Akteur. Seit vier Jahren arbeitet er mit Alganesh Fesseha von der Organisation GANDHI zusammen. Ihnen ist es gelungen, 540 Menschen aus den Folterkammern und 2.300 aus Abschiebegefängnissen zu befreien. In Schweden ist vor allem Meron Estefanos von der International Commission on Eritrean Refugees aktiv. In Deutschland betreibt Desert Rose Öffentlichkeitsarbeit und arbeitet eng mit ASSAF in Israel zusammen.
Auf politischer Ebene scheint hingegen wenig zu geschehen: Die EU hat 2012 lediglich eine Dokumentation überwiegend auf der Basis von WHO-Berichten verfasst. Im deutschen Bundestag hat die Bundesregierung Anfang 2013 auf eine Anfrage der LINKEN-Fraktion mitgeteilt, dass sie die »Entwicklung des Menschen- und Organhandels auf dem Sinai mit Sorge« betrachte. Der Menschenrechtsausschuss des Bundestags hat sich auf seiner Sitzung im Februar 2013 mit dem Thema befasst.
Doch weder die deutsche noch andere Regierungen haben sich bisher aktiv für ein Ende der Verbrechen im Sinai eingesetzt. Unbekannt ist, ob den detaillierten Empfehlungen an die Regierungen von Ägypten, Sudan und Äthiopien seitens HRW Taten gefolgt sind, und ob die Geberländer Druck auf sie ausüben, um sie zum Handeln zu zwingen, wie es in dem HRW-Bericht gefordert wird. Angesichts zunehmender und verschärfter Konflikte in der Region scheint das Interesse der politischen AkteurInnen immer geringer zu werden. In dieser Situation könnte nur eine gemeinsame und mit großer Öffentlichkeit durchgeführte Aktion von bedeutenden Menschenrechtsorganisationen wie UNHCR, Human Rights Watch und Amnesty International den nötigen Handlungsdruck erzeugen.
Um zumindest den Organhandel zu stoppen, wäre laut Organs Watch die Strafverfolgung der transplantierenden ÄrztInnen und der Entzug des Rechts zur Berufsausübung eine effektive Lösung. OrganhändlerInnen können jederzeit ersetzt werden – die Festnahme von FachärztInnen könnte die internationalen Netzwerke jedoch zusammenbrechen lassen.


Eva-Maria Bruchhaus ist als Journalistin und Beraterin in der Entwicklungszusammenarbeit tätig. Ihre Schwerpunkte liegen in den Bereichen Migration und Postkonfliktsituationen.