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(Artikel * 2014) Dapkus, Liudas; McHugh, David
Die baltischen Staaten wollen sich aus der Abhängigkeit von russischem Erdgas befreien
in Luftpost - Friedenspolitische Mitteilungen aus der US-Militärregion Kaiserslautern/Ramstein Nr. LP 081/14 * Seite 1 - 3
Themen: Atomtechnologie; Energie; EU; Geschichte; Infrastruktur; Konflikt * Baltikum; BRD; Estland; Katar; Lettland; Litauen; Polen; Russland; Ukraine * Kalter Krieg; Bevormundung; Übersetzung : Jung, Wolfgang; Krim-Krise; Gasleitungsnetz; Flüssiggas-Terminal; Versorgungsalternativen; Rheinisch-Westfälisches Elektrizitätswerk AG - RWE AG * Dok-Nr: 258665
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"Die baltischen Staaten wollen sich aus der Abhängigkeit von russischem Erdgas befreien

VILNIUS, Litauen – Noch in diesem Jahr wird ein Schiff in dem Ostsee-Hafen Klaipeda in Litauen eintreffen, das so groß wie ein Flugzeugträger ist. Das 300 Meter lange Wasserfahrzeug ist aber kein Kriegsschiff, sondern ein schwimmendes Terminal für verflüssigtes Erdgas; es heißt sinnigerweise "Independence" (Unabhängigkeit) und soll beim Streben der baltischen Staaten nach Unabhängigkeit von russischem Erdgas eine Schlüsselrolle spielen. Die drei Länder in der Nordostecke der Europäischen Union sind bisher ganz auf Russland angewiesen, wenn sie ihre Häuser heizen und ihre Industrie in Gang halten wollen. Die drei baltischen Staaten Lettland, Estland und Litauen erhalten ihr ganzes Gas von Russland, und weil sie keine Verbindung zum europäischen Gasleitungsnetz haben, können sie ihr Gas auch nicht anderswo beziehen. Auch Polen deckt 70 Prozent seines Energiebedarfs in Russland. Da diese Staaten noch sehr unangenehme Erinnerungen an die russische Bevormundung während des Kalten Krieges haben, gehören sie zu den ersten in Europa, die ihre Abhängigkeit von Russland reduzieren wollen. Weil Moskau die Gaslieferungen als Druckmittel gegen die Ukraine einsetzt – die vorher auch zu Sowjetunion gehört hat – halten die baltischen Staaten die Sicherung ihrer Energieversorgung für besonders dringlich, unabhängig davon dass die 28 Mitgliedsstaaten der EU das Energieproblem auch gemeinsam lösen wollen. Wegen ihrer historischen Erfahrungen sind Polen und die baltischen Staaten sehr skeptisch, was das künftige Verhalten Russlands angeht. Lettland, Estland und Litauen wurden während des Zweiten Weltkriegs gewaltsam in die Sowjetunion eingegliedert, und Tausende ihrer Bürger wurden in Arbeitslager deportiert. Während des Kalten Kriegs wurde Polen von Kommunisten regiert, die von Moskau an die Macht gebracht und gestützt wurden. Die Beschaffung eines schwimmenden Gasterminals ist ein Zeichen für die Dringlichkeit, die in der gesamten Region einer alternativen Gasversorgung beigemessen wird. Der Bau des schwimmenden Gasterminals war zwei Jahre schneller (als der Bau eines Gasterminals) an Land zu realisieren und mit 330 Millionen Dollar auch nur halb so teuer. Das Schiff, das im Januar (2015) in Dienst gestellt werden soll, fasst 4 Milliarden Kubikmeter Flüssiggas; der jährliche Gasverbrauch Litauens liegt bei nur 3 Milliarden Kubikmetern. Das schwimmende Gasdepot gehört der norwegischen Reederei Hoegh LNG und wird von der SC Klaipedos Nafta, der Terminalbetreiberin in Litauen, nur geleast. Das Schiff wurde von einer Werft in Korea gebaut und hat bereits Erprobungsfahrten absolviert. Auch im benachbarten Polen wird an der Ostseeküste ein neues Flüssiggas-Terminal gebaut, das im Frühjahr nächsten Jahres in Betrieb gehen wird. In dem Terminal bei Swinoujscie (früher Swinemünde) will Polen Flüssiggas aus Katar speichern. Auch Estland und Finnland erwägen den Bau von Gasterminals und einer Untersee-Pipeline, die beide Staaten verbinden soll. Andere EU-Länder gehen den Bau neuer Projekte zögerlicher an. Deutschland hat das bei Wilhelmshaven geplante Flüssiggas-Terminal erst einmal vertagt. Obwohl sich die baltischen Staaten als erste in Europa um alternative Energiequellen bemühen, ist ihr Problem nicht einfach zu lösen. Übers Meer herbeigeschafftes verflüssigtes Erdgas, das unter der Abkürzung LNG bekannt ist (weitere Infos dazu unter http://de.wikipedia.org/wiki/Fl%C3%BCssigerdgas), kann sehr teuer werden; auf den energiehungrigen asiatischen Märkten kostet es bis zu 50 Prozent mehr (als über Pipelines geliefertes Erdgas). Es muss nämlich auf minus 165 Grad Celsius abgekühlt werden, damit es sich verflüssigt und auf ein Sechshundertstel seines ursprünglichen Volumens zusammenschrumpft. Wegen der sehr viel höheren Kosten werden die baltischen Staaten und Polen nach Meinung von Analysten wahrscheinlich nicht völlig unabhängig von russischen Importen werden können. Der zusätzliche Bezug von Flüssiggas kann ihnen allenfalls bei einem plötzlichen Ausbleiben der russischen Gaslieferungen vorübergehend helfen. Außerdem verschafft er diesen Ländern etwas Spielraum bei Preisverhandlungen mit Gazprom, dem staatlichen russischen Konzern, der das Monopol für das Gasgeschäft hat. Russland hat den Gaspreis für die Ukraine von 268,50 Dollar auf 485 Dollar pro 1000 Kubikmeter angehoben; außerdem hat Präsident Wladimir Putin angekündigt, dass Russland nur noch gegen Vorauszahlung liefern wird, was für ein Land, das vor dem finanziellen Bankrott steht, eine kaum zu erfüllende Bedingung sein dürfte. (s. dazu auch http://luftpost-kl.de/luftpost-archiv/LP_13/LP07114_150414.pdf) "Durch den Bau neuer Gasterminals verfügen wir über Alternativen," erklärte Aleksandra Gawlikowska-Fyk, die Chefin des Energieprojekts am Polnischen Institut für Internationale Angelegenheiten. "Durch Wahlmöglichkeiten vergrößert sich natürlich die Versorgungssicherheit." Daneben sind auch noch andere Versorgungsalternativen in Arbeit, die häufig mit EU-Mitteln gefördert werden. Dazu gehört zum Beispiel die Umrüstung von Rohrleitungen, damit sie in beide Richtungen genutzt werden können – nicht nur von Osten nach Westen, sondern auch von Westen nach Osten. Der deutsche Energiekonzern RWE hat am 1. April mit der Gasversorgung in "gegenläufiger Richtung" begonnen; er will der Ukraine zunächst 1 Milliarde Kubikmeter Gas pro Jahr liefern; das ist zwar nur eine eher symbolische Menge, aber der Anfang ist gemacht. Die drei baltischen Staaten arbeiten an einem neuen Kernkraftwerk in Litauen, das die elektrische Energie ersetzen soll, die verloren gegangen ist, weil die EU Litauen gezwungen hat, seinen noch zu Sowjetzeiten erbauten Reaktor aus Sicherheitsgründen stillzulegen. Dieses Projekt ist aber durch die mangelhafte Kooperation Lettlands und Estlands ins Stocken geraten; beide sind unzufrieden, weil sie den Reaktor und die damit verbundenen Jobs nicht selbst bekommen haben. Die Analystin Gawlikowksa-Fyk glaubt, dass die beiden Staaten angesichts der Ukraine-Krise und auf Druck der EU-Kommission ihre Zurückhaltung bald aufgeben werden. "Die veränderte Situation und die Kommission könnten bewirken, das die drei Länder jetzt besser kooperieren," meinte sie." [ENDE]


Originalquelle/n:
STARS AND STRIPES, 25.04.14
http://www.stripes.com/news/europe/baltic-states-lead-push-to-cut-russia-gas-reliance-1.279837

Übersetzung:
Jung, Wolfgang

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Anmerkung/en und Kommentar/e des Übersetzers:
"(Wir haben den Artikel komplett übersetzt und mit Ergänzungen und Links in Klammern und Hervorhebungen versehen. Wie unrealistisch die Vorstellung ist, das russische Erdgas dauerhaft durch LNG ersetzen zu können, das mit Supertankern angeliefert werden müsste, ist unter http://luftpost-kl.de/luftpost-archiv/LP_13/LP07014_140414.pdf nachzulesen. Anschließend drucken wir den Originaltext ab.)"




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Erfasst am 12.05.2014
Quelle des "Luftpost"-Artikels:
http://www.luftpost-kl.de/luftpost-archiv/LP_13/LP08114_050514.pdf