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(Artikel * 2014) Montgomery, Nancy
Wegen der Spannungen mit Russland wurden US-Fallschirmjäger nach Polen verlegt
in Luftpost - Friedenspolitische Mitteilungen aus der US-Militärregion Kaiserslautern/Ramstein Nr. LP 079/14 * Seite 1 - 4
Themen: Geschichte; Konflikt; Militär/Militarismus; NATO; Völkerrecht * Baltikum; BRD; Italien; Polen; Russland; Ukraine; USA * Atomwaffen; Geopolitik; Militärmanöver; Übersetzung : Jung, Wolfgang; Vicenza; Air Base Ramstein; Truppenstationierung; Krim-Krise; Sicherheitsvereinbarung von 1997; dauerhafte Truppenstationierung * Dok-Nr: 258394
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"Wegen der Spannungen mit Russland wurden US-Fallschirmjäger nach Polen verlegt

VICENZA, Italien – Wegen der geopolitischen Krise in der Ukraine, die vor Monaten begonnen und einen neuen Kalten Krieg zwischen dem Westen und Russland ausgelöst hat, sind am Mittwoch die ersten US-Bodentruppen – eine Kompanie Fallschirmjäger – in Osteuropa eingetroffen. Die Soldaten gehören zu dem in Vicenza stationierten 173rd Airborne Brigade Combat Team (zu der 173. Luftlande-Kampfbrigade, weitere Infos dazu unter http://de.wikipedia.org/wiki/173rd_Airborne_Brigade_(U.S.)); ihre Verlegung erfolgte nur einen Tag, nachdem das Pentagon die Entsendung von insgesamt 600 Soldaten nach Polen und in die baltischen Staaten bekannt gegeben hatte. Weil Moskau die zur Ukraine gehörende Halbinsel Krim annektiert hat, sind die Spannungen zwischen der NATO und Russland stark angestiegen; die USA und andere NATOVerbündete haben bereits Kampfjets und andere Flugzeuge nach Polen und in die baltischen Staaten verlegt, die eine gemeinsame Grenze mit Russland haben. Die Ankunft von US-Bodentruppen könnte der erste Schritt zu Maßnahmen sein, die führende osteuropäische Politiker schon lange fordern: eine stärkere Sicherheitsgarantie der NATO und die dauerhafte Stationierung von US-Bodentruppen. "Das ist natürlich nur eine politische Geste," sagte Witold Waszczykowski, ein polnischer Diplomat und ehemaliger Außenminister, beim Eintreffen der 150 Fallschirmjäger in Pollen. "Es kann nur der erste Schritt zur Verbesserung unserer Sicherheitslage sein. Wir hoffen, dass weitere Schritte zur Absicherung Polens und Mitteleuropas erfolgen." Zwei C-130-Transorter von der Air Base Ramstein hätten die Soldaten nach Polen geflogen, teilte ein Sprecher der US Air Force in Europa mit. Drei weitere Kompanien der 173. Brigade – insgesamt etwa 450 Soldaten – sollen nach Lettland, Estland und Litauen entsandt werden. PentagonSprecher Col. (Oberst) Steve Warren kündigte am Mittwoch an: "Die übrigen Kompanien werden morgen eingeflogen; bis Montag werden alle eingetroffen sein." Das sei der erste einer Reihe von Rotationseinsätzen, die jeweils einen Monat dauern, für Übungen genutzt und sich bis zum Jahresende oder auch darüber hinaus hinziehen sollen, teilte Pentagon-Sprecher Rear Adm. (Flottillenadmiral) John Kirby mit. "Das aggressive Vorgehen Russlands in der Ukraine hat unsere Entschlossenheit gestärkt, die Verteidigungsbereitschaft und die Verteidigungsfähigkeit der NATO zu erneuern und unseren Willen zur kollektiven Verteidigung unserer NATO-Verbündeten in Mittelund Osteuropa zu demonstrieren," betonte Kirby. An der Ostgrenze der Ukraine sind rund 40.000 russische Soldaten aufmarschiert; nach US-Angaben sollen in den Osten der Ukraine auch russische Spezialkräfte eingesickert sein, die den Auftrag haben, das Land, das nicht zur NATO gehört, zu destabilisieren. Der russische Präsident Wladimir Putin hat erklärt, Russland habe das Recht, in der Ukraine zu intervenieren, um ethnische Russen und russisch sprechende Ukrainer zu schützen. Als US-Admiral Kirby gefragt wurde, ob die Entsendung von 600 US-Soldaten nach Osteuropa nur eine symbolische Geste sei, verneinte er das. "Wenn man Bodentruppen in ein Land schickt und die dort Manöver durchführen lässt, die in diesem Fall einen ganzen Monat dauern, dann ist das nicht nur ein symbolischer Akt," antwortete er. "Es geht dort um realistische Infanterie-Ausbildung, und die ist nicht unwichtig." Das Pentagon hat die Entsendung der Fallschirmjäger zwar erst am Dienstag bekannt gegeben, die Einheit habe sich aber schon seit mindestens einem Monat auf ihren Einsatz in Polen vorbereitet, sagte Major Benjamin Shepherd, der vorübergehend das taktische Operationszentrum der 173. Brigade leitet. "Die Zeit zwischen Benachrichtigung und Einsatz war diesmal kürzer, als wir das eigentlich gewohnt sind," fügte er hinzu. Wegen der verkürzten Vorbereitungszeit habe die Brigade die Pläne für die gemeinsamen Übungen mit polnischen Soldaten nicht so sorgfältig wie sonst erstellen können. Trainiert würden vor allem der Umgang mit Handfeuerwaffen und taktische Fahrzeugbewegungen. Später ginge es auch noch um andere Fähigkeiten. "Wir würden auch gern Absprünge üben, weil das unsere eigentliche Aufgabe ist und wir das cool finden und lieben." Shepherd ergänzte, die komplette Brigade sei darauf eingestellt, den Einsatz zu unterstützen. "Wir hatten schon vorher gemeinsame Luftlandeoperationen mit polnischen Soldaten geplant, und die werden bei der Fortführung des Trainings auch durchgeführt." Bei der Begrüßung der Soldaten der 173. Brigade in Polen sagte Maj. Gen. (Generalmajor) Richard Longo, der stellvertretende Kommandeur der US Army in Europa, Polen habe seine Verpflichtungen als NATO-Mitglied vorbildlich erfüllt. Während viele Staaten ihre Truppen schon aus Afghanistan abgezogen hätten, seien dort noch fast 1.000 polnische Soldaten im Einsatz; damit gehöre Polen zu den NATO-Mitgliedern, die große Truppenkontingente gestellt hätten. Während der Zeremonie, die am Mittwoch auf dem polnischen Flugplatz ?widwin (s. http://de.wikipedia.org/wiki/%C5%9Awidwin) stattfand, betonte Longo, jetzt demonstriere die NATO ihrerseits ihre Verbundenheit mit Polen. Bei dem anspruchsvollen bilateralen Manöver auf Kompanieebene werde auch mit scharfer Munition geschossen. Die NATO ist eine auf gegenseitigen Beistand angelegte Verteidigungsorganisation; ein Angriff auf einen Mitgliedsstaat wird als Angriff auf alle betrachtet. Obwohl die kleinen baltischen Staaten der Allianz bereits 2004 beigetreten sind, wurden erst 2010 vorläufige Pläne zu ihrer Verteidigung vorgelegt, und die wurden bisher nur in wenigen Manövern getestet. Als sich Polen und die baltischen Staaten dem Bündnis anschlossen, wurde vereinbart, dass die NATO dort keine Atomwaffen und keine fremden Truppen stationieren und keine größeren Militäranlagen errichten werde. "Als wir uns vor fünfzehn Jahren der NATO anschlossen, waren wir nur ein zweitklassiges B-Mitglied," sagte (der frühere polnische Außenminister) Waszczykowski; Polen war das erste ehemalige Mitglied des Warschauer Paktes, das bereits 1999 der NATO beitrat. "Damals hatten wir eine ganz andere geopolitische Situation. Viele von uns hofften, Russland werde sich weiter demokratisieren. Jetzt wissen wir, dass wir einer Illusion nachhingen." Russland hat darauf hingewiesen, dass die Verlegung größerer NATO-Verbände nach Osteuropa die Sicherheitsvereinbarung von 1997 verletze, in der Regeln für die Zusammenarbeit zwischen Moskau und der NATO festgelegt wurden. Nach Auffassung polnischer Offizieller ist diese Vereinbarung hinfällig, weil Russland (mit der Annexion der Krim) das Völkerrecht verletzt habe. "Diese politische Übereinkunft aus den 1990er Jahren ist nicht mehr gültig," meinte Waszczykowski, der Mitglied des polnischen Parlaments ist. "Sie muss auch im Interesse der NATO aufgekündigt werden, nicht nur zur Wahrung unserer Würde. Wir hoffen, dass auch andere NATO-Staaten Truppen (nach Polen) schicken werden." Die westeuropäischen NATO-Mitglieder und besonders Deutschland sträuben sich aber dagegen, weil sie starke Wirtschaftsbeziehungen zu Russland haben. Ein höherer NATO-Diplomat in Brüssel nannte die US-Truppenverlegung einen "symbolischen Akt", mit dem man auf die Forderung Polens nach dauerhafter Stationierung eines großen NATO-Verbandes auf polnischem Territorium reagiert habe. "Sie haben um die dauerhafte Stationierung größerer Einheiten in Polen gebeten," sagte der Gesandte, der anonym bleiben wollte. "Stattdessen hat sich die NATO für die Entsendung rotierender Einheiten entschieden, die mit den polnischen Verbündeten trainieren werden." Polnische Regierungen haben schon wiederholt die Stationierung von NATO-Truppen – vorzugsweise aus der USA – auf polnischem Boden gefordert. Als Vorleistung haben sie deshalb auch polnische Truppen in den Irak und nach Afghanistan entsandt. "Seit 15 Jahren betteln wir jetzt schon die dauerhafte Stationierung (von NATO-Truppen)," klagte Waszczykowski.
Die STARS AND STRIPES-Reporter Jason Duhr, Matt Millham, Slobodan Lekic, Jon Harper und Chris Carroll haben zu diesem Bericht beigetragen." [ENDE]


Originalquelle/n:
STARS AND STRIPES, 23.04.14
http://www.stripes.com/us-paratroops-arrive-in-poland-amid-tensions-with-russia-1.279498

Übersetzung:
Jung, Wolfgang

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Anmerkung/en und Kommentar/e des Übersetzers:
"(Wir haben den Artikel komplett übersetzt und mit Ergänzungen und Links in Klammern und Hervorhebungen versehen. Die USA und die NATO werden sich ganz sicher nicht mehr lange "zieren", bis sie mit der dauerhaften Stationierung westlicher Truppen in allen osteuropäischen NATO-Staaten Russland den vorläufig noch Kalten Krieg auch offiziell erklären.)"




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Erfasst am 28.04.2014
Quelle des "Luftpost"-Artikels:
http://www.luftpost-kl.de/luftpost-archiv/LP_13/LP07914_280414.pdf