Volltext

Erster Weltkrieg


Die Dritte Welt im Ersten Weltkrieg
Der Erste Weltkrieg wurde nicht nur auf europäischem Boden ausgetragen, sondern zu erheblichen Teilen auch in Afrika, Asien und Ozeanien. Im Eröffnungsbeitrag zu unserer Reihe über die »Dritte Welt im Ersten Weltkrieg« stellte Uwe Schulte-Varendorff die Bedeutung der Kolonien als Schlachtfelder für die Großmächte heraus (in iz3w 338). In iz3w 339 schilderte Tilman Lüdtke die Versuche des Deutschen Reiches, Muslime als Waffenbrüder zu instrumentalisieren.
Im ersten Teil seines Beitrages über Kolonialsoldaten, die von europäischen Mächten eingesetzt wurden, berichtete Karl Rössel von den zahllosen Opfern, die dies mit sich brachte (in iz3w 340). Im hier präsentierten zweiten Teil beleuchtet er die Zwangsrekrutierungen und Einsätze von afrikanischen Kolonialsoldaten durch Großbritannien und die französischen Streitkräfte.


»Es gibt nichts Schlimmeres«
Im Ersten Weltkrieg wurden Millionen Kolonialsoldaten eingesetzt (Teil 2)


von Karl Rössel


Wie alle Kolonialmächte rekrutierte auch Großbritannien für seine Eroberungsfeldzüge nicht nur in Indien und Nordamerika, sondern auch in Afrika einheimische Soldaten. Anfang des 20. Jahrhunderts verfügte das britische Oberkommando bereits über koloniale Armeen in verschiedenen Regionen Afrikas. Die »West African Frontier Force« umfasste Soldaten aus Gambia, Sierra-Leone, der Goldküste und Nigeria. Die Siedlerstaaten Südafrika und Südrhodesien (heute Simbabwe) stellten eigene Armeen auf Seiten der britischen Streitkräfte. In Ostafrika gab es seit 1902 die »King’s African Rifles« mit Soldaten aus Kenia, Uganda, Tanganjika (heute Tansania) und Njassaland (heute Malawi). Bei Bedarf setzten die Briten auch das »Somali Camel Corps« aus Britisch-Somaliland (dem heutigen Somalia) und das »Northern Rhodesian Regiment« (aus dem heutigen Sambia) bei ihren kolonialen Feldzügen mit ein.

Nicht gegen Europäer
Allerdings wollten die britischen Befehlshaber bewaffnete Afrikaner zunächst »nicht gegen Europäer« einsetzen. Sie fürchteten, dies könnte ihre Untertanen auf die Idee bringen, die Waffen irgendwann auf ihre Unterdrücker zu richten. Darum setzten sie Afrikaner gegen die Deutschen in Ostafrika zunächst nur als unbewaffnete Träger britischer und indischer Einheiten ein. Wurden die Hilfskräfte anfangs noch mit ökonomischen Anreizen angeworben – sie wurden besser bezahlt als zivile Arbeiter –, so gingen die britischen Militärs 1917 zu brutalen Massenaushebungen über. Sie fingen junge Männer bei Sportveranstaltungen oder nächtlichen Razzien ein. In Kenias Machakos-Distrikt verpflichteten Beamte drei von vier unverheirateten jungen Männern, insgesamt 120.000. Uganda und Njassaland stellten über 100.000 Träger. Eine halbe Million Afrikaner sollen auf diese Weise zum Kriegsdienst eingezogen worden sein.1
Die Zwangsrekrutierungen wurden erst eingestellt, als die Distriktkommissare meldeten, die Bevölkerung werde bald offen revoltieren. Flucht und Desertion waren bei den afrikanischen Trägern an der Tagesordnung, da viele von ihnen an Krankheiten und Unterernährung litten. Hinzu kam die unmenschliche und rassistische Behandlung durch die stets weißen britischen Offiziere, die lange im kollektiven Gedächtnis vieler OstafrikanerInnen haften blieb.
Erst als sich die britischen Militärs in Deutsch-Ostafrika nicht gegen Lettow-Vorbecks Kolonialtruppe durchsetzen konnten, beschlossen sie, neben Trägern auch einheimische Soldaten zu rekrutieren. Der südafrikanische General Jan Christian Smuts, der einzige Vertreter der Commonwealth-Länder im britischen Kriegskabinett, stockte die »King’s African Rifles« zwischen 1916 und 1918 auf 31.000 Mann auf. Erstmals arbeiteten Afrikaner unter britischem Kommando auch als ausgebildete Artilleristen, Fernmelder, Sanitäter, Aufklärer und Militärpolizisten mit.
83.000 schwarze und 2.000 Cape Corps-Soldaten aus Südafrika sowie Einheiten der »West African Frontier Force« rückten 1916 nach Deutsch-Ostafrika ein. Letztere hatten zuvor schon in Togo und Kamerun deutsche Kolonialtruppen besiegt. Smuts setzte darauf, dass die afrikanischen Soldaten auch die Askaris (ostafrikanische Söldner im Dienste der Deutschen) niederringen und so die Verluste an weißen südafrikanischen Soldaten in Grenzen halten könnten. Den Kolonialtruppen blieb es deshalb überlassen, das sehr viel kleinere deutsche Heer durch Ostafrika zu verfolgen, bis Lettow-Vorbeck am 25. November 1918 in der Stadt Abercorn im heutigen Sambia endlich aufgab, zwei Wochen nach der Kapitulation des Deutschen Reiches in Europa.

Afrikaner im »Grande Guerre«
Schon seit Mitte des 19. Jahrhunderts eroberten »Tirailleurs Sénégalais« (»Senegalschützen« – so die Bezeichnung der französischen Militärs für ihre afrikanischen Soldaten) Gebiete für ihre Kolonialherren. 1912 unterwarfen sie zum Beispiel Marokko. Die Eroberung des riesigen französischen Kolonialreiches, das zwanzig Mal größer war als das so genannte Mutterland, wäre ohne Hilfstruppen aus den Kolonien nicht möglich gewesen. Im Ersten Weltkrieg konnte Frankreich deshalb auf Kolonialtruppen mit langer Tradition und großen militärischen Erfahrungen zurückgreifen.
»Alles begann mit der Kolonisation. Es gibt nichts Schlimmeres, als kolonisiert zu werden«, erzählt Issa Ougoiba, Veteran der französischen Kolonialtruppen aus dem Zweiten Weltkrieg, 1997 bei einem Treffen in Bamako, der Hauptstadt Malis. Der greise Mann mit dem grauen Haarkranz trifft sich häufig mit anderen ehemaligen Kolonialsoldaten im »Maison d’anciens combattants«, einem einfachen Clubhaus für Veteranen, wie es sie überall in Westafrika gibt – von Dakar bis Ouagadougou und von Abidjan bis Niamey. »Schon 1857 haben sie unsere Großväter an die Front geschickt«, berichtet der Pensionär unter beifälligem Nicken seiner ehemaligen Kameraden. »Sie mussten gegen Türken kämpfen. Aus der Kolonie Senegal kam dann das erste Kontingent afrikanischer Soldaten, das die Franzosen in Europa eingesetzt haben.«
Napoleon III. hatte am 21. Juli 1857 Kolonialsoldaten aus Westafrika per Dekret als »Tirailleurs Sénégalais« zu einer Truppe zusammengefasst und ihnen damit den Namen gegeben, den alle westafrikanischen Kolonialsoldaten noch im Ersten und Zweiten Weltkrieg ungeachtet ihres Herkunftslandes tragen sollten. »Als der Erste Weltkrieg ausbrach, haben sie hier in Westafrika wieder Truppen ausgehoben und unsere Väter in den Krieg geschickt, der von 1914 bis 1918 zwischen Deutschland und anderen europäischen Mächten ausgetragen wurde. Wir waren kolonisiert und wurden nicht gefragt. Es hieß, es gehe um die Befreiung Frankreichs. Also haben wir das Land der Franzosen befreit, ohne zu wissen, warum – im Ersten wie im Zweiten Weltkrieg«, erzählt Issa Ougoiba.
Von der Ära Napoleon Bonapartes bis zum Ersten Weltkrieg rekrutierten die französischen Militärs mehr als eine Million Männer aus Kolonien in den Antillen, in Ozeanien und vor allem in Afrika. Anfang des 20. Jahrhunderts führte Frankreich die allgemeine Wehrpflicht ein, die auch in den Kolonien galt. Der Historiker Myron Eschenberg schreibt: »Nur Frankreich installierte eine allgemeine Wehrpflicht für Männer in Friedens- wie in Kriegszeiten von 1912 bis 1960. (...) Frankreich unterschied sich von anderen Mächten durch seine Entschlossenheit, die Tirailleurs Sénégalais extensiv als Expeditionskorps in jedem Winkel seines Kolonialreiches einzusetzen.« Dazu gehörten auch Einsätze von Kolonialsoldaten auf europäischen Kriegsschauplätzen. Die britischen Befehlshaber hingegen »vermieden es akribisch, nicht weiße Truppen für die Verteidigung der Heimat (...) oder zur Besatzung fremder Territorien einzuplanen. Kurzum, die Franzosen taten etwas, was andere Kolonialmächte nicht wagten: Sie bewaffneten und trainierten eine große Zahl potentiell rebellischer kolonialer Untertanen in dem, was man euphemistisch moderne Kriegsführung nannte.«2 Häufig blieben Afrikaner aus wirtschaftlicher Not auch nach ihrem Kriegsdienst als Zeitsoldaten in den französischen Kolonialtruppen. Charles Mangin, französischer General im Ersten Weltkrieg und prominentester Befürworter einer »Force Noire« (sprich: einer afrikanischen Kolonialtruppe) räumte freimütig ein, dass Frankreich sein riesiges Kolonialreich in Afrika von Anfang an nur mit afrikanischen Hilfstruppen begründen und sichern konnte: »Die Eroberung Westafrikas ist das Werk senegalesischer Truppen. Sie haben Frankreich ein Gebiet vermacht, das größer ist als Europa.«3

Tirailleurs, Goumiers und Spahis
Kolonialbataillone der »Tirailleurs Sénégalais« entstanden in Westafrika (1823), Algerien (1835), Zentralafrika (1857) und Madagaskar (1884). In Marokko wurden sie nach ihrer arabischen Herkunft »Goumiers« genannt, in Algerien und Tunesien »Spahis« (1908). Die französischen Befehlshaber glaubten, dass ihre Armeen aus den afrikanischen Kolonien potentielle Kriegsgegner in Europa »zum Nachdenken bringen dürften«4 und vor allem Deutschland davon abhalten würden, Frankreich anzugreifen. Ein Irrglaube, wie sich herausstellen sollte.
Als sich 1914 abzeichnete, dass es zum Krieg kommen würde, hatte der französische Kriegsminister Adolphe Messimy zunächst Schwierigkeiten, im französischen Parlament eine Mehrheit für die allgemeine Mobilmachung in den Kolonien durchzusetzen. Vor allem sozialistische und kommunistische Abgeordnete waren dagegen. Sie befürchteten, dass afrikanische Soldaten gegen französische Arbeiter eingesetzt würden. Jean Jaurès, Marxist, Pazifist und Gründer der kommunistischen Zeitung L’Humanité, hatte schon früher kritisiert, dass eine koloniale Armee nicht nur »der Bourgeoisie und dem Kapital gegen das Proletariat« in der Metropole zu Diensten sein könnte, sondern auch, »um Krieg gegen die einheimische muslimische Bevölkerung in Nordafrika zu führen und den familiären Zusammenhalt der Schwarzen zu untergraben«.5
Demgegenüber argumentierte General Charles Mangin, schwarze Streitkräfte seien »gestern nützlich gewesen, heute notwendig und morgen unentbehrlich«.6 Er verwies auf die Niederschlagung einer Revolte im Jahre 1898 in Französisch-Sudan, wozu weite Teile Westafrikas zählten. Dort habe ihn »die Kampfkraft einer kleinen Einheit von 150 afrikanischen Infanteristen verblüfft«. Es sei ihnen gelungen, »1.300 Soldaten des Mahdi«, eines aufständischen politischen und religiösen Führers aus der Region, zurückzuschlagen. »Die Afrikaner haben ein Nervensystem, das weniger entwickelt und deshalb weniger schmerzempfindlich ist«, lautete seine rassistische Erklärung. Das überzeugte 1912 auch die französische Nationalversammlung. Der Weg für eine generelle Mobilmachung in West- und Nordafrika war bereitet.

»Lieber sterben als in den Krieg«
»Das Konzept, die Einheimischen militärisch einzubeziehen, entspricht dem Geist und den Prinzipien der Kolonisation, die Frankreich allen Untertanen in seinem Herrschaftsbereich aufzwingen will. Die Wehrpflicht spielt der zivilen Kolonialverwaltung in die Hände; sie kann damit Intellektuelle disziplinieren, die sie als Soldaten in den Süden zwangsversetzt. Die Soldaten werden zwangsrekrutiert und ‚die schwarze Armee’ [der Senegalesen] wird gegen ‚die bronzene Armee’ [der muslimischen Algerier] ausgespielt.«7 Mit diesen Worten begründete der arabische Oberleutnant in der französischen Armee, El-Hadj Abdellah Bou Kabouya, kurz nach Beginn des Ersten Weltkrieges seine Desertion. Tatsächlich mobilisierte Frankreich für diesen Krieg mehr Männer als je zuvor, sowohl aus Europa wie aus Übersee.
Der senegalesische Schriftsteller Bakary Diallo, einer der wenigen afrikanischen Augenzeugen, der seine Erfahrungen aufgeschrieben hat, erinnert sich an die Kriegserklärung der Franzosen: »Der Oberfeldwebel las einen Bericht vor. Der war irgendwie sehr lang, und wir verstanden nur zwei Dinge: ‚Deutschland hat Frankreich den Krieg erklärt. (...) Und Frankreich ruft alle seine Kinder auf, es zu verteidigen.’«8
In den Kolonien gab es durchaus Widerstand gegen den erzwungenen Kriegsdienst. So hatten sich zum Beispiel in Algerien viele Jugendliche geweigert, dem Stellungsbefehl Folge zu leisten und es vorgezogen, außer Landes zu gehen. Die Zahl der ausreisenden Kriegsdienstverweigerer war so groß, dass die französische Kolonialadministration am Vorabend des Krieges jegliche Auswanderung untersagte. Auch Eltern protestierten in Algerien gegen die Zwangsrekrutierung ihrer Söhne und erklärten in einer Petition an die Kolonialbehörde, »lieber sterben zu wollen, als ihre Kinder in den Krieg ziehen zu lassen«.9
Rund acht Millionen Franzosen zogen in die Schlacht gegen Deutschland, und jeder Dritte von ihnen ließ dabei sein Leben.10 Allein in Französisch-Westafrika (Afrique Oriental Français, AOF, heute Mauretanien, Senegal, Mali, Burkina Faso, Niger, Guinea, Elfenbeinküste, Togo, Benin) rekrutierten die französischen Kolonialbehörden 180.000 Tirailleurs Sénégalais. 136.000 von ihnen mussten an Fronten in Europa kämpfen, etwa 30.000 starben.
Algerien stellte 158.000 Soldaten für die französische Armee. Von ihnen nahmen bis zu 125.000 aktiv am Krieg teil. Wie viele gefallen sind, verletzt oder vermisst wurden, ist »nie offiziell bekannt gemacht worden«.11 Über die algerischen Opfer im Ersten Weltkrieg finden sich deshalb die unterschiedlichsten Angaben, manche davon offenkundig in der Absicht veröffentlicht, die Gemüter in den Kolonien zu beruhigen. So spricht der französische Historiker Ch. R. Ageron von 19.075 Toten und 6.096 Vermissten.12 Die Kolonialrevue »L’Afrique française« nannte dagegen 1919, kurz nach Kriegsende, 56.000 Tote und 80.000 Verletzte aus Algerien.13 Dem entsprechen in etwa auch die Angaben der Zeitschrift »La Revue indigène«, wonach 30 Prozent der algerischen Soldaten gefallen und 50 Prozent verletzt wurden.14
Auch über die Opfer der Soldaten aus anderen nordafrikanischen Ländern liegen keine genauen Zahlen vor. Bekannt ist nur, dass circa 80.000 Tunesier und 40.000 Marokkaner auf der Seite Frankreichs in den Ersten Weltkrieg zogen. Weitere 41.000 Mann kamen aus Madagaskar hinzu, »von denen ein Fünftel nie mehr zurückkehrte, also fast 10.000 für Frankreich in den Tod gingen«.15 All diese Zahlen sind nur Näherungswerte, weil die Opfer der Kolonialsoldaten nie gesondert erfasst, sondern meist zu denen der französischen Streitkräfte insgesamt gezählt wurden. Dennoch lässt sich schließen, dass fast eine halbe Million Afrikaner im Ersten Weltkrieg auf Seiten Frankreichs gekämpft haben und mit hoher Wahrscheinlichkeit mehr als 100.000 umgekommen sind.
Viele von ihnen fielen auf europäischen Schlachtfeldern. Sie wurden »ohne Vorbereitung auf den Grabenkrieg« an die Front in Europa geschickt und buchstäblich verheizt.16 Algerische Einheiten sind zum Beispiel in Nordfrankreich »von der überlegenen deutschen Artillerie und deren automatischen Waffen zu Tausenden niedergemetzelt worden oder den klimatischen Härten zum Opfer gefallen. Demoralisierung, Panik, Befehlsverweigerung und Fahnenflucht prägten die Situation im ersten Kriegswinter.« Vereinzelt wurden Deserteure auf der Flucht erschossen oder vor versammelter Mannschaft exekutiert. Tirailleurs beteiligten sich 1917 in Verdun und Chemin-des-Dames an der Großoffensive des Generals Nivelles, der »wie andere Verfechter der ‚Force Noire’ davon überzeugt war, dass die Afrikaner eine primitive angeborene Kampflust und ein Nervensystem besäßen, das weniger hoch entwickelt war als das der Europäer, was sie relativ unempfindlich gegenüber Schmerz und Gefahr machte und daher prädestinierte, als Sturmtruppen eingesetzt zu werden.«17

Deutsche Hetze gegen »Negertruppen«
In Deutschland hetzten Medien und Politiker gegen den Einsatz von »Negertruppen« und beobachteten zugleich neidisch ihre Erfolge. General Erich Ludendorff notierte in seinen Memoiren, dass Frankreichs Nutzen aus seinem Kolonialreich nicht hoch genug einzuschätzen sei. Schließlich habe der Feind vor allem im entscheidenden Sommer 1918 den Krieg »in weiten Teilen mit farbigen Truppen geführt«.18 Die deutsche Presse denunzierte die afrikanischen Soldaten derweil als »blutdürstige Barbaren«, »Kopfjäger« und »Kannibalen« und schürte so die Furcht der deutschen Soldaten.
Kolonialsoldat Bakary Diallo schreibt in seinen Erinnerungen: »Ein Deutscher, der unsere Stellungen mit seinen verwechselt hatte, wurde mitsamt dem Kaffee, der ihm zugeteilt worden war, von einem senegalesischen Wachsoldaten gefangen genommen. Als er sich von Tirailleurs umgeben sah, begann er zu schlottern. Armer Kerl, hättest du dir diese Möglichkeit nicht ebenso gut vorstellen können wie den Gewinn von Ruhm und Ehre? Die Schwarzen, die du für Wilde gehalten hattest, nahmen dich im Krieg gefangen. Aber statt dir die Gurgel durchzutrennen, behandelten sie dich wie einen Gefangenen. Möge deine Angst dich morgen, nach der Schlacht, nicht davon abhalten, in deinem Land zu bezeugen, dass dir eine Form von Gerechtigkeit widerfahren ist, die das Ansehen der Menschheit zu rehabilitieren vermag, die aus Wilden aller Art besteht.«19
Auch nach dem Ersten Weltkrieg rekrutierte Frankreich weiterhin massenhaft Soldaten in den Kolonien. Die allgemeine Wehrpflicht blieb in Kraft. Von 1919 bis 1939 zogen die Kolonialbehörden in West- und Zentralafrika etwa 10.000 bis 12.000 Mann jährlich ein. In Algerien schwankte die Zahl der Rekrutierten zwischen 7.000 und 12.000 pro Jahr. Insgesamt leisteten auch in den Zwischenkriegsjahren fast eine halbe Million Afrikaner Militärdienst in den französischen Streitkräften. Ein Grund dafür war die demographische Entwicklung in Frankreich: Die Zahl der kriegstauglichen Franzosen war durch die hohen Verluste im Ersten Weltkrieg beträchtlich gesunken, und die Geburtenrate blieb in den ersten Nachkriegsjahren sehr gering.

Gegen die Unterwerfung Afrikas
Frankreich hielt außerdem an seinen Kolonialtruppen fest, um die konkurrierende Macht Großbritannien in Schach zu halten und um mögliche Aufstände der kolonisierten Bevölkerung niederschlagen zu können. Zudem rechneten französische Militärstrategen damit, die nach dem Ersten Weltkrieg von Deutschland übernommenen afrikanischen Kolonien irgendwann mit Hilfe einheimischer Truppen gegen deutsche Ansprüche verteidigen zu müssen.
Abwegig war das nicht. Schließlich entwarfen die Nazis nur 15 Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs Pläne zur Eroberung eines Kolonialreiches in Afrika, das ein Drittel des gesamten Kontinents umfassen sollte. Die Unterwerfung Afrikas durch die faschistischen Achsenmächte wurde indes nicht von französischen Militärstrategen verhindert, sondern von der Roten Armee in Stalingrad, die den geplanten deutschen Vormarsch über den Kaukasus in den Nahen Osten vereitelte, und von der Kolonialarmee unter britischem Kommando in Nordafrika. In ihr kämpften Soldaten aus Afrika, Asien, Australien und Ozeanien.

Anmerkungen
1 Timothy H. Parsons: The African Rank and File. Social Implications in the King’s African Rifles, 1902-1964. Portsmouth, Oxford, Cape Town, Nairobi, Kampala 1999. S. 2
2 Myron Echenberg: Colonial Conscripts. The Tirailleurs Sénégalais in French West Africa, 1857-1960. Portsmouth, London 1991. S. 4.
3 Charles Mangin: La Force Noire. Buch I, Paris 1910. o.S.
4 Ebd., Buch IV, Kapitel 1, o.S.
5 Vgl. Cathérine Coquery-Vidrovitch, Georg d’Odile: L’Afrique Occidentale au temps des Français: Colonisateurs et Colonisés. Paris 1992. S. 70
6 Mangin, a.a.O., Buch I und II, o.S.
7 M. Kaddache: Histoire du nationalisme algérien, question nationale algérienne 1919-1951. Algier 1981. S. 89
8 Echenberg, a.a.O., S. 89
9 Belkacem Recham: Les Musulmans Algériens dans l’Armée Française (1919-1945). Paris 1996. S. 21
10 Laut Angaben des Archive du S.H.A.T. (Service Historique de l’Armee de Terre), Vincennes
11 Recham, a.a.O., S. 23 f.
12 Ebd. S. 23
13 L’Afrique française. Revue coloniale en Algérie. 1919.
14 La Revue indigène. Journal des Colons en Afrique du Nord, Juli 1919.
15 Fano Rakotoarisoa: Archives-Histoire: Madagascar et la 1ère guerre mondiale. Echos du Capricorne. Hörfunkmanuskript, 11.11.1998.
16 Höpp (2000), a.a.O., S. 26
17 Ebd., S. 27
18 Kaké, a.a.O., S. 5
19 Echenberg, a.a.O., S. 38


Karl Rössel ist Mitautor des Buches »Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg« und Kurator der gleichnamigen Wanderausstellung (siehe www.3www2.de). In iz3w 312 erschien von ihm ein Themenschwerpunkt zu Nazi-Kollaborateuren in der Dritten Welt.


Napoleons »schwarzer Herkules«
Einer der ersten Kolonialsoldaten in französischen Diensten war Joseph Damingue. 1761 in Kuba als Sohn eines Schwarzen geboren und aus ungeklärten Gründen in Bordeaux gestrandet, wurde er Soldat und gehörte schließlich zur Leibgarde Napoleon Bonapartes. Bei seinen Eroberungsfeldzügen umgab sich der französische General und spätere Kaiser mit einer Truppe von Soldaten, die »aus allen Ecken [seines Reiches] und aus unterschiedlichsten sozialen Schichten« zusammengesetzt war.
Napoleon Bonaparte war die Herkunft seiner Soldaten gleichgültig. Ihm war die Haltung der Soldaten »im Angesicht des Feindes« wichtig. Jeder war willkommen, »solange er über eine starke Statur und ein kühnes Herz verfügte«. Joseph Damingue hatte beides. Obwohl er weder lesen noch schreiben konnte, ernannte ihn Napoleon Bonaparte zum Kommandanten der Kavallerieschwadron seiner Leibgarde und gab ihm wegen seiner Kraft und Kühnheit den Spitznamen »Hercule«.
Joseph Damingue war der erste Schwarze, der in der französischen Armee Karriere machte. Zu einer Zeit, als der Sklavenhandel blühte und weiße Herren in den Kolonien Schwarze wie Vieh verschacherten, kommandierte Joseph Damingue »eine Kompanie junger und auserwählter Männer, die Weiße waren und Bonaparte bis auf den Gipfel seines Ruhms begleiten sollten«. Eine Ironie der Geschichte, denn Napoleon Bonaparte verfocht nicht nur strikt die Sklaverei, sondern führte nach dem kurzen demokratischen Frühling der Französischen Revolution die Monarchie wieder ein und ließ sich selbst zum Kaiser küren.
Bei alledem hielt er an seinem »schwarzen Herkules« als Kommandanten der Leibgarde fest. Und so stand Joseph Damingue bei Feldzügen in Österreich, Italien und Irland an Napoleons Seite. In Ägypten ernannte er ihn zum Kommandanten des ersten »schwarzen Pionierbataillons«. Dort lieferte sich Damingue bei Aboukir eine Schlacht mit Afrikanern, die auf Seiten der Briten kämpften und aus dem Westsudan stammten. Wenig später, am 14. August 1806, ordnete Napoleon per kaiserlichem Dekret an, in Neapel, wo sein Bruder Joseph regierte, die ersten regulären französischen Kolonialtruppen aufzustellen: die »Royal Africains«.
Quelle: Ibrahim Baba Kaké:
Mémoires d’Afrique. Les Légions Noires. Paris 1976, S. 18