Volltext

(Artikel * 2013) Schulte-Varendorff, Uwe
Ohne Rücksicht auf Verluste Der erste WK in den Kolonien war ein Stellvertreterkrieg der Großmächte
in iz3w Nr. 338 * Seite 16 - 19
Themen: Geschichte; Kolonialismus; Krieg * Deutsches Reich bis 1945; Kamerun; Tansania * * Dok-Nr: 256239
Standorte: A3W Osnabrück; FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Die Dritte Welt im Ersten Weltkrieg
Im Juli 2014 jährt sich der Beginn des Ersten Weltkrieges zum hundertsten Mal. In diesem Gedenkjahr werden unzählige Publikationen und Ausstellungen die Bedeutung des Krieges und seine verheerenden Folgen thematisieren. Dabei wird jedoch mit großer Wahrscheinlichkeit vor allem auf europäische Schauplätze und Akteure eingegangen werden. Mit unserer hier beginnenden Reihe »Die Dritte Welt im Ersten Weltkrieg« möchten wir frühzeitig publizistisch intervenieren und eine oft vernachlässigte Tatsache hervorheben: Außereuropäische Soldaten waren von den europäischen Mächten in großer Zahl in den Krieg hineingezogen worden, und zahlreiche Kolonien waren Orte blutiger Auseinandersetzungen.
Den Auftakt macht ein Beitrag von Uwe Schulte-Varendorff, der einen Überblick gibt über die nahezu globale Reichweite des Ersten Weltkrieges und die vielen außereuropäischen Opfer, die er kostete. Die folgenden Beiträge befassen sich mit Kolonialsoldaten in Europa, mit Menschenversuchen an außereuropäischen Kriegsgefangenen, mit der Instrumentalisierung von Muslimen durch das Deutsche Reich und vielem mehr.
die redaktion


Ohne Rücksicht auf Verluste
Der Erste Weltkrieg in den Kolonien war ein Stellvertreterkrieg der Großmächte

von Uwe Schulte-Varendorff

Globale Ausmaße nahm der Erste Weltkrieg schon in seinen ersten Tagen durch die Beteiligung Großbritanniens und Frankreichs, aber vor allem auch des Commonwealth, Japans und Belgiens an. Dies führte dazu, dass weite Teile des afrikanischen Kontinents und des Südpazifiks, in denen auch das Deutsche Reich über Kolonialbesitz verfügte, in die kriegerischen Auseinandersetzungen hineingezogen wurden. Dabei war die deutsche Strategie für die Kolonien im Falle eines Krieges auf eine reine Verteidigung und einem Ausharren beziehungsweise »Einigeln« bis zum Kriegsende und einem anschließenden Friedensschluss ausgerichtet. Zudem sollten sie als Nachschubbasen und Zufluchtsorte für die in Übersee stationierten Schiffe der Kaiserlichen Marine sowie für deutsche Handelsschiffe dienen. Hierin lag das offensive Potential, denn von hier aus sollten die Auslands- und Hilfskreuzer gegen die Seewege der gegnerischen Mächte vorgehen.
Die Kolonialtruppen hingegen sollten sich gegenüber einem Aggressor hinhaltend verteidigen, in der Hauptsache aber die einheimische Bevölkerung in Schach halten und mögliche Aufstände niederschlagen. Eine offensive Kriegsführung war nicht vorgesehen und daher waren die »Schutzgebiete« auch nicht mit den dafür erforderlichen Truppenstärken und Ausrüstungen ausgestattet worden. Im Reichskolonialamt, im dort angesiedelten »Kommando der Schutztruppen« sowie im Großen Generalstab (der höchsten militärischen Führungsinstanz des kaiserlichen Deutschland) herrschte noch überwiegend die Meinung vor, dass ein Krieg, und damit auch das Schicksal der Kolonien, auf den Schlachtfeldern Europas entschieden werden würde. Diese Sichtweise entsprach, wie sich gezeigt hat, einer realistischen Einschätzung der Lage.

Den Krieg ausweiten
Auf Seiten der Kriegsgegner Deutschlands sah die Ausgangslage deutlich anders aus. Diese (und insbesondere Großbritannien) hatten durchaus Interesse, den Krieg auf die Kolonien auszuweiten. In militärischer Hinsicht galt es, die Nachschubbasen für die in Übersee operierenden deutschen Kriegsschiffe auszuschalten und damit gleichzeitig die eigenen Seewege für den Transport von Gütern, Rohstoffen und auch Truppen zu sichern. Darüber hinaus sollte ein, wenn auch nur geringes, Bedrohungspotenzial der Deutschen gegenüber den eigenen Kolonialgebieten eliminiert werden. Zudem sollten die deutschen Funkstationen zerstört werden, um die Kommunikationswege zwischen dem Deutschen Reich und seinen Kolonien zu unterbrechen.
Ein politischer Aspekt für die Ausweitung des Krieges lag mit Sicherheit auch darin, durch die Eroberung des deutschen Kolonialreiches Faustpfänder für spätere Friedensverhandlungen in die Hand zu bekommen. Auch auf wirtschaftlichem Gebiet versprach die Inbesitznahme durch die Ausweitung des eigenen Kolonialbesitzes und die damit verbundene Ausschaltung oder Übernahme des deutschen Handels sowie die Gewinnung weiterer Ressourcen in Form von Anbau und Bodenschätzen große Vorteile. Und nicht zuletzt ließ sich die Eroberung deutschen Gebietes auch propagandistisch ausnutzen. Durch den zunächst erfolgten Vormarsch der deutschen Truppen an der Westfront und den daran anschließenden Stellungskrieg blieben Erfolgsmeldungen bei den Alliierten weitgehend aus und so ließen sich Siegesmeldungen aus den Kolonien zur moralischen Stärkung der Bevölkerung gut nutzen. Vordergründig betrachtet ist die Ausweitung des Krieges auf große Teile Afrikas und des pazifischen Raumes folglich zu einem überwiegenden Teil auf die Initiative der alliierten Mächte zurückzuführen. So hatten beide Kriegsparteien ihre eigenen Strategien und setzten diese in die Tat um. Eine Ausnahme bildete Deutsch-Ostafrika (heute Tansania, Ruanda und Burundi); dazu weiter unten mehr.

Die Südsee wird aufgeteilt
Die deutschen Kolonialgebiete in der Südsee besaßen keine »Schutztruppe«, sondern nur schwach bewaffnete einheimische Polizeikräfte, die für eine Verteidigung gegen die überlegenen britischen, australischen, neuseeländischen und japanischen Streitkräfte bei weitem nicht ausreichten. Am 11. September 1914 landete in Deutsch-Neuguinea (heute ein Teil von Papua-Neuguinea) ein australisches Expeditionskorps. Nach mehrstündigen Gefechten war der Widerstand der deutsch-neuguineischen Polizeitruppe gebrochen, nicht zuletzt deshalb, weil sich die einheimischen Soldaten weigerten, den sinnlosen Kampf fortzusetzen. Den Landungsverbänden konnte keine Gegenwehr mehr entgegengesetzt werden, so dass der geschäftsführende Gouverneur Eduard Haber am 17. September den Kapitulationsvertrag unterschrieb und das gesamte Kolonialgebiet vier Tage später offiziell übergab. In den folgenden Wochen wurde es von australischen Streitkräften besetzt.
Die Eroberungspolitik der Alliierten beschränkte sich aber nicht nur auf Deutsch-Neuguinea, sondern bezog den gesamten deutschen Kolonialbesitz in der Südsee mit ein. So war Samoa bereits am 29. August 1914 durch ein neuseeländisches Landungskorps kampflos besetzt worden, da der Gouverneur Erich Schultz-Ewerth die Aussichtslosigkeit einer Verteidigung eingesehen hatte.
Seit Ende August 1914 griff auch das mit Großbritannien verbündete japanische Kaiserreich, das am 23. August dem Deutschen Reich den Krieg erklärt hatte, ein und verfolgte dabei eine eigene Eroberungspolitik. Japanische Soldaten besetzten, ohne auf Widerstand zu stoßen, zwischen dem 29. September und dem 31. Oktober 1914 mit Ausnahme von Nauru alle deutschen Besitzungen in Mikronesien. Dazu gehörten unter anderem Jaluit (Marshall-Inseln), Truk (heute Chuuk, Karolinen), Yap, Palau, Angaur, Saipan und Rota (Marianen). Nauru hingegen, das wegen seiner Phosphatvorkommen von besonderem Interesse war, wurde am 6. November von australischen Verbänden okkupiert.
Mit dem Abschluss der Annektierungen wurde der ehemalige deutsche Kolonialbesitz unter den beteiligten Mächten aufgeteilt. In einem Abkommen zwischen Japan und Großbritannien erhielt das Kaiserreich, grob skizziert, die Inseln nördlich des Äquators zugesprochen (mit Ausnahme von Nauru), während sich Großbritannien, Australien und Neuseeland die südlich des Äquators liegenden Inseln einverleibten. Im Vertrag von Versailles wurde diese Aufteilung dann später offiziell bestätigt.
Tsingtau (heute Quingdao) im Osten Chinas war keine Kolonie im engeren Sinne, sondern ein Flottenstützpunkt, der dem Reichsmarineamt und nicht dem Reichskolonialamt unterstand. Eine Aufforderung der japanischen Regierung zur sofortigen Übergabe der Enklave bereits am 10. August 1914 ließ der Gouverneur, Kapitän zur See Alfred Meyer-Waldeck, unbeantwortet. Anfang September begann daraufhin der japanische Aufmarsch, der den Stützpunkt von allen Seiten abriegelte. Unterstützung leistete dabei ein kleines Kontingent britischer Truppen. Auf Dauer ließen sich die Verteidigungsstellungen gegen die feindliche Übermacht jedoch nicht halten, so dass Meyer-Waldeck am 7. November 1914 kapitulieren musste.
Das in Tsingtau stationierte deutsche Kreuzergeschwader unter Admiral Maximilian Graf von Spee hatte den Hafen rechtzeitig verlassen, um einer drohenden Blockade durch alliierte Seestreitkräfte zu entgehen. Durch den Verlust des Flottenstützpunktes sowie der gesamten Inseln im Südpazifik war es seiner Rückzugs- und Nachschubbasen beraubt. Daher musste das Geschwader in den Südatlantik ausweichen, um den Versuch zu unternehmen, in die Heimat durchzubrechen. Dies führte letztendlich am 8. Dezember 1914 zum Untergang des Geschwaders bei den Falkland-Inseln.

Verbrannte Erde in Afrika
In Togo, das seit dem 8. August 1914 von britischen und französischen Kolonialtruppen aus der Goldküste (heute Ghana) und aus Dahomey (heute Benin) angegriffen wurde, stand nur eine kleine Polizeitruppe. Diese zog sich gemäß den deutschen Direktiven hinhaltend kämpfend in das Landesinnere zurück, um die Großfunkstation Kamina, die für die Verbindung der afrikanischen Kolonien mit Deutschland von großer Bedeutung war, möglichst lange zu verteidigen. Nachdem aber weiterer Widerstand illusorisch war, auch bedingt durch die Verweigerungshaltung vieler afrikanischer Soldaten und Träger, ließ der Gouverneur Hans-Georg von Doering die Station zerstören und kapitulierte bereits am 27. August. Die deutsche Kolonie wurde in der Folge dem französischen Kolonialimperium eingegliedert, was durch den Versailler Vertrag unter der Bezeichnung »Mandat« sanktioniert wurde.
Die in Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia) stationierte »Schutztruppe« war als Folge des Krieges gegen die Herero und Nama deutlich stärker gerüstet. Sie bestand im Gegensatz zu den übrigen Kolonialverbänden des Deutschen Reiches, auf Grund der günstigeren klimatischen Verhältnisse und des großen Misstrauens gegenüber einheimischen Hilfssoldaten, fast ausschließlich aus deutschen Soldaten. Gegen das »Schutzgebiet« marschierten Truppen der Südafrikanischen Union auf. Deren Hauptangriff wurde jedoch durch einen Aufstand der Buren im eigenen Land um Monate verzögert, was der deutschen Seite einen Zeitgewinn verschaffte. Dann allerdings begann im Januar 1915 ein unaufhaltsamer Vormarsch der südafrikanischen Verbände. Auch hier zog sich die »Schutztruppe« gemäß den Anweisungen hinhaltend kämpfend zurück, wobei rücksichtslos die Taktik der »verbrannten Erde« angewandt wurde. Unter diesen Zerstörungen hatte weniger der vordringende Gegner als die einheimische Bevölkerung zu leiden, die sich in einem lokalen Aufstand der im damaligen deutschen Sprachgebrauch »Rehobother Baster« genannten Gruppe zur Wehr setzte. Schließlich erlahmten die deutschen Verteidigungskräfte und so sah sich Gouverneur Theodor Seitz am 9. April 1915 gezwungen zu kapitulieren. Für ihren Kriegsbeitrag durfte die Südafrikanische Union die Oberhoheit über das eroberte Land übernehmen.
Die deutsche Kolonie Kamerun mit ihrer hauptsächlich aus afrikanischen Soldaten bestehenden Kolonialtruppe war ab Mitte August 1914 koordinierten Angriffen von britischen und französischen Verbänden aus Nigeria beziehungsweise dem Tschad ausgesetzt. Diese ersten Attacken konnten von der »Schutztruppe« abgeschlagen werden. Daher forcierten die Alliierten ihre Angriffe durch Landungen an der Küste. In der Folge ging man auf deutscher Seite dazu über, den Gegner langsam in das Landesinnere vordringen zu lassen, ihn mit Hinterhalten und Überfällen zu zermürben und beim Rückzug ein zerstörtes Land zu hinterlassen. So konnte der alliierte Vormarsch, auch behindert durch die geografischen und klimatischen Gegebenheiten, zwar verzögert, aber nicht aufgehalten werden. Zudem drangen weitere Truppenkontingente von Norden, Osten und Süden in das »Schutzgebiet« ein. Trotzdem investierte die deutsche Kolonialmacht erhebliches militärisches Potenzial und Zeit, um die in allen Bezirken des Landes aufflackernden Aufstände und Unruhen blutig niederzuschlagen.
Im Oktober 1915 begann die alliierte Schlussoffensive, die schließlich dazu führte, dass sich die Hauptmacht der »Schutztruppe« Anfang Februar 1916 in der neutralen spanischen Kolonie Rio Muni (heute Mbini, bezeichnet den Festlandteil Äquatorialguineas) internieren ließ. Dies hatten der Gouverneur Karl Ebermaier und der militärische Befehlshaber Oberstleutnant Carl Zimmermann angeordnet, um der Kapitulation zu entgehen. Im isolierten Stützpunkt Mora im Norden Kameruns kapitulierte die Besatzung erst am 18. Februar 1915. Frankreich annektierte den weitaus größeren Teil von Kamerun, während sich Großbritannien mit einem kleineren Territorium an der Grenze zu Nigeria begnügte. Die im Krieg geschaffenen Tatsachen wurden im Versailler Vertrag schlussendlich festgeschrieben.

»Strafexpeditionen« in Ostafrika
Gänzlich anders als in den übrigen deutschen Kolonien entwickelte sich der Krieg um Deutsch-Ostafrika, der sich bis zum Ende des Ersten Weltkrieges im November 1918 hinzog. Der Kommandeur der »Schutztruppe«, Oberstleutnant (später Generalmajor) Paul von Lettow-Vorbeck, ignorierte nicht nur die Direktiven aus Berlin, sondern missachtete auch die Anordnungen von Gouverneur Heinrich Schnee, seines direkten Vorgesetzten. Von einer defensiven Haltung wollte er nichts wissen und ließ stattdessen offensiv vorgehen, um den Krieg auch in die Kolonien des Gegners hineinzutragen. In der Anfangsphase des Krieges gelangen der »Schutztruppe«, die auch hier hauptsächlich aus afrikanischen Soldaten bestand, durchaus militärische Erfolge. Unter anderem wurde im November 1914 eine britisch-indische Landung bei Tanga (an der Küste des heutigen Tansania) abgewehrt. Nachdem Großbritannien seine Angriffe von Kenia aus intensivierte, die mit Attacken belgischer Verbände aus Belgisch-Kongo (heute Demokratische Republik Kongo) koordiniert wurden, mussten sich die Deutschen aber bis Ende 1915 in das Landesinnere zurückziehen.
Ab dem Frühjahr 1916 traten die Alliierten, verstärkt durch südafrikanische Verbände und portugiesische Truppen aus Portugiesisch-Ostafrika (heute Mosambik) – Portugal war im März 1916 auf Seiten der Alliierten in den Krieg eingetreten – zu mehreren aufeinander folgenden Großoffensiven an. Diese führten dazu, dass Teile der »Schutztruppe« kapitulieren mussten und der Rest in den äußersten Süden Deutsch-Ostafrikas zurückgedrängt wurde. Als letzten Ausweg befahl Lettow-Vorbeck im November 1917 den Einmarsch in Portugiesisch-Ostafrika, das in einer Art Raubzug durchstreift wurde. Dieser Streifzug führte die Truppe schließlich über deutsch-ostafrikanischen Boden bis in die britische Kolonie Nordrhodesien (heute Sambia). Dort erreichte den Kommandeur die Nachricht vom Waffenstillstand in Europa, so dass er am 25. November 1918 die Waffen streckte.
Dieser Krieg und seine Folgewirkungen kosteten nach einer Einschätzung des deutschen Regierungsarztes Karl Moesta bis zu 700.000 Afrikanerinnen und Afrikanern das Leben. Zumeist waren es Opfer von Hungersnöten, die als Folge der von Lettow-Vorbeck angewandten Strategien des »Lebens aus dem Lande«, was nichts anderes als die völlige Ausplünderung des Landes durch die »Schutztruppe« bedeutete, und der »verbrannten Erde« eintraten. Viele ZivilistInnen fielen aber auch den zahlreichen blutigen »Strafexpeditionen« zum Opfer, die Lettow-Vorbeck trotz der prekären Kriegslage immer wieder durchführen ließ, um Unruhen und widerständiges Verhalten der afrikanischen Bevölkerung niederzuschlagen. Als Folge des Krieges wurde Deutsch-Ostafrika als Protektorat der britischen Oberhoheit unterstellt, ein kleineres Teilgebiet (heute Ruanda und Burundi) fiel als Kriegsbeute an Belgien.

Die »Fahnenehre« retten
Die einheimischen Bevölkerungen waren die Hauptleidtragenden eines Konfliktes, mit dem sie nichts zu tun hatten und bei dem es für sie auch nichts zu gewinnen gab. Besonders in den Kolonien Kamerun und Deutsch-Ostafrika forderte die Ausweitung und Eskalation des Krieges durch die Art der Kriegsführung, die auf die Zivilbevölkerung keinerlei Rücksichten nahm, hunderttausende von Menschenleben – ein Ergebnis eines sinnlosen Kampfes, der auf den Ausgang des Ersten Weltkrieges nicht den geringsten Einfluss hatte.
Die von den deutschen Kommandeuren in Kamerun und Deutsch-Ostafrika postulierte Behauptung, durch die Bindung von Feindkräften zur Entlastung der Fronten in Europa beigetragen zu haben, erwies sich als Legende. Denn die von alliierter Seite eingesetzten Truppen, in der Hauptsache afrikanische Soldaten oder Verbände aus den Dominions, waren definitiv nicht für einen Einsatz auf dem europäischen Kriegsschauplatz vorgesehen. Die unblutige Variante, die Kolonien zunächst den Gegnern zu übergeben, um sie nach einem von deutscher Seite erwarteten siegreichen Ende des Krieges zurückzuerhalten, stand für die verantwortlichen deutschen Gouverneure und Kommandeure der »Schutztruppen« nicht zur Debatte. Letztendlich ging es bei der Annahme des Kampfes in erster Linie darum, die so genannte »Fahnenehre« zu retten und hier ebenfalls ein Beispiel für das deutsche Soldatentum zu geben, zu dem man sich auch auf diesen Außenposten des Deutschen Reiches verpflichtet fühlte.
Somit wurden besonders die afrikanischen Kolonialgebiete als Schlachtfeld der europäischen Mächte instrumentalisiert und in gewisser Form Stellvertreterkriege inszeniert. Hiervon kann man insoweit sprechen, als dass Truppen des Commonwealth aus Australien, Südafrika und Neuseeland stellvertretend für Großbritannien Krieg führten – motiviert durch den Anreiz der nicht unbeträchtlichen Gebiets- und Machtbereichserweiterungen. Für einen Stellvertreterkrieg spricht auch die Tatsache, dass einheimische Kolonialtruppen eingesetzt und die Kolonialgebiete der europäischen Mächte in die Auseinandersetzungen hineingezogen wurden, die auf deren Territorien und auf Kosten der einheimischen Bevölkerung ausgetragen wurden.
Die These vom Stellvertreterkrieg ist auch insofern einleuchtend, als die Kampfhandlungen völlig losgelöst vom Hauptkriegsschauplatz Europa und von der Versorgung und der Verstärkung aus den jeweiligen »Mutterländern« geführt wurden. Somit wurde hier auch ein Ersatzkriegsschauplatz geschaffen, da es in Europa, besonders an der Westfront, durch die relativ schnell im Stellungskrieg erstarrten Fronten keine durchschlagenden Erfolge zu verzeichnen gab. Stellvertretend dafür gab es in den Kolonialterritorien wirkliche oder vermeintliche Siegesnachrichten zu vermelden, sei es im siegreichen Vormarsch oder in der erfolgreichen Verteidigung.
Die einzigen Gewinner des Krieges in den Kolonien waren die Alliierten, die durch die siegreiche Beendigung die bereits geschaffenen Fakten im Versailler Vertrag festschreiben ließen. Die ehemaligen deutschen überseeischen Besitzungen wurden nominell als Mandatsgebiete, de facto aber als neuer Kolonialbesitz unter den Siegermächten aufgeteilt. Deutschland schied damit aus dem Kreis der Kolonialmächte für immer aus, trotz kolonialrevisionistischer Bestrebungen von den 1920ern bis Anfang der 40er Jahre.
Für die einheimischen BewohnerInnen dieser Territorien änderte sich an ihrer Lebenssituation nichts, denn die einzige Veränderung bestand im Wechsel der Kolonialherren. Sie gerieten quasi vom Regen in die Traufe, denn die neuen Machthaber dachten gar nicht daran, ihnen Verbesserungen oder mehr Rechte einzuräumen. Sie blieben das, was sie auch unter deutscher Herrschaft schon waren: rechtlose, unterdrückte und ausgebeutete Individuen.

Literatur
Hermann Joseph Hiery: Der Erste Weltkrieg und das Ende des deutschen Einflusses in der Südsee, in: Ders. (Hg.): Die deutsche Südsee 1884-1914. Ein Handbuch, Paderborn u. a. 2001, S. 805-854
Eckard Michels: »Der Held von Deutsch-Ostafrika«. Paul von Lettow-Vorbeck. Ein preußischer Kolonialoffizier, Paderborn u. a. 2008
Michael Pesek: Das Ende eines Kolonialreiches. Ostafrika im Ersten Weltkrieg, Frankfurt am Main/New York 2010
Uwe Schulte-Varendorff: Krieg in Kamerun – Die deutsche Kolonie im Ersten Weltkrieg, Berlin 2011
Uwe Schulte-Varendorff: Hermann Detzner – Kolonialheld oder Lügenbaron? Der Lebensweg eines bayerischen Kolonialoffiziers. (Manuskript, in Vorbereitung)
Hew Strachan: The First World War in Africa, Oxford u. a. 2004


Uwe Schulte-Varendorff ist freiberuflicher Historiker und Buchautor mit dem Schwerpunkt Deutsche Kolonialgeschichte.


Der Erste Weltkrieg

Der Erste Weltkrieg wird von einigen HistorikerInnen als »Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts« bezeichnet. Er setzte schon allein quantitativ neue Maßstäbe: 40 Nationen aus allen Kontinenten waren direkt oder indirekt an ihm beteiligt, 70 Millionen Menschen kämpften bewaffnet, 17 Millionen starben. Auch in qualitativer Hinsicht war der Krieg eine Zäsur: In ihm kamen im größeren Maßstab Formen des totalen Krieges zur Anwendung, der Krieg wurde von vielen beteiligten Nationen bis zur vollständigen Erschöpfung geführt. Vor allem aber veränderte er die globalpolitische Landschaft maßgeblich: Das deutsche Kaiserreich, das Zarenreich und das Osmanische Reich zerbrachen, und sowohl der Nationalsozialismus als auch der italienische Faschismus waren eine Spätfolge des Krieges.
Der Krieg begann im Juli 1914 als zunächst lokaler Krieg gegen Serbien; als Auslöser – oder besser gesagt Vorwand – für die österreichisch-deutsche Aggression gilt die Ermordung des österreichisch-ungarischen Thronfolgers Franz Ferdinand am 28. Juni 1914 in Sarajewo durch serbische Studenten. Innerhalb weniger Tage standen sich fortan zwei Staatengruppen gegenüber: Die vier Mittelmächte Deutsches Reich, Österreich-Ungarn, Osmanisches Reich und Bulgarien kämpften gegen die Entente aus Frankreich, Russland und Großbritannien (samt der jeweiligen Kolonien und Dominions wie etwa Australien). Im Verlaufe des Krieges gewann die Entente zahlreiche Alliierte als Verbündete, darunter die USA und Brasilien.
Der Krieg wird in der eurozentrischen Geschichtsschreibung vor allem als verlustreicher Stellungskrieg auf europäischem Terrain beschrieben; die sprichwörtliche ‚Schlacht von Verdun’ ist allseits bekannt. Doch der Krieg hatte von Beginn an auch viele außereuropäische Schauplätze, vor allem in Afrika, aber auch in Asien und Ozeanien. Hier waren es vor allem die deutschen Kolonien, die von den Mächten der Entente eingenommen wurden.
In Europa selbst waren zahlreiche afrikanische, aber auch indische Kolonialsoldaten im Einsatz. Allein Frankreich ließ 235.000 Soldaten aus seinen Kolonien in den Schützengräben kämpfen. Großbritannien setzte insgesamt 1,3 Millionen Soldaten der British Indian Army ein, davon eine Million in Übersee. 70.000 von ihnen starben an den verschiedenen Fronten.
Im November 1918 endete der Krieg durch die militärische Niederlage des Deutschen Reiches. Den letzten Anstoß dazu gab die Novemberrevolution. Sie war von den deutschen Flottenstützpunkten Wilhelmshaven und Kiel ausgegangen, als die dortigen Matrosen dagegen meuterten, eine letzte sinnlose Schlacht gegen die Royal Navy zu schlagen.
cst