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(Artikel * 2013) Gerlach, Julia
Ein kurzer Moment der Freiheit Saudi Arabiens Gesellschaft öffnet sich nur allmählich für Frauenrechte
in iz3w Nr. 337 * Seite 34 - 35
Themen: Frauen; Menschenrechte; Frauenbewegung * Saudi-Arabien * * Dok-Nr: 255112
Standorte: A3W Osnabrück; FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Ein kurzer Moment von Freiheit
Saudi Arabiens Gesellschaft öffnet sich nur allmählich für Frauenrechte


Viele Frauenrechtlerinnen sind erfreut, jedoch lange nicht zufrieden: König Abdullah von Saudi Arabien hat den Frauen einige bislang verwehrte Rechte gewährt. An den Grundlagen der konservativen Gesellschaftsordnung rüttelt er jedoch nicht. Das zeigt sich beispielsweise bei der weiter bestehenden Vormundschaft für Frauen.


von Julia Gerlach

Eman Al Nafjan kommt eiligen Schrittes ins Café und ihre Abaya, das schwarze Gewand, das alle Frauen in Saudi Arabien in der Öffentlichkeit tragen müssen, flattert hinter ihr her. Ihre Jeans schaut darunter hervor. Am Knie hat sie dieses kleine Loch. Es wäre übertrieben, groß Aufhebens davon zu machen, doch so wie mit diesem kleinen Stück Haut gestaltet es sich mit vielen Dingen in Saudi Arabien. Insbesondere, wenn es um die Rechte der Frauen geht: Wer genau hinschaut, entdeckt, dass die Männerherrschaft Risse bekommt.
»Natürlich bin ich nicht zufrieden. Wie auch? Aber ich freue mich, dass wir viel erreicht haben«, sagt Eman al Nafjan. Unter dem Bloggernamen »Saudiwoman« schreibt die Unidozentin über Frauenrechte. Sie freut sich besonders darüber, dass seit Januar 30 Frauen im Schura-Rat sitzen. Das Gremium hat zwar kaum Macht, darf keine Gesetze erlassen, sondern diskutiert lediglich gesellschaftliche Themen und gibt Empfehlungen ab. Aber die Mitglieder des Gremiums werden immerhin direkt vom König ernannt. »Natürlich fordere ich ein echtes gewähltes Parlament. Doch die Anwesenheit von Frauen macht einen Unterschied«, sagt sie. Die saudische Gesellschaft sei sehr konservativ, aber sie habe begonnen, sich zu öffnen. Angeführt werde diese Modernisierung vom König: »Er will die ganze Gesellschaft mitnehmen. Deswegen geht es in kleinen Schritten voran, so dass die Konservativen sich an die neuen Verhältnisse gewöhnen können.«

Im »Königreich der Frauen«
Wichtiger als die Anwesenheit der Frauen im Schura-Rat sei, dass seit knapp einem Jahr Frauen als Verkäuferinnen arbeiten dürfen. »Auf diese Art gewöhnen sich die Menschen an Frauen in der Öffentlichkeit«, so Al Nafjan. Bisher galt, dass Frauen nur dann im Verkauf arbeiten dürfen, wenn sie ausschließlich Frauen bedienen. Im 2002 fertiggestellten Kingdom Center in Riad sorgen Sicherheitskräfte dafür, dass Männer nicht in die oberste Etage vordringen. Im »Königreich der Frauen« – so heißt der Shoppingtempel mit vielen Designer-Geschäften – sind die Frauen unter sich.
Im Herbst 2010 gab es große Aufregung, als mehrere Supermärkte in Dschidda Kassiererinnen einstellten. Sie waren durch Wandschirme von ihren männlichen Kollegen getrennt und bedienten ausschließlich Familien. Das bedeutet im Saudi-Jargon, dass Männer hier nur in Begleitung ihrer Frauen zugelassen sind. »Es war meine Idee, diesen Testballon zu starten. Leider kam sie zu früh«, erklärt Khaled al Khudair. Er ist Gründer der Firma Gloworks, die Fortbildungen für Frauen anbietet und Arbeitgebern hilft, offene Stellen zu besetzen. Die konservativen Religiösen liefen Sturm und das regierungsnahe Fatwa-Komitee erließ sogar eine Fatwa gegen Kassiererinnen.
Doch bereits zwei Jahre später wurde – mit religiöser Billigung – das Arbeitsrecht geändert. Seitdem müssen sogar Frauen eingestellt werden, insbesondere in Dessous-Geschäften. Bis dahin mussten sich die Kundinnen von männlichen Verkäufern – zumeist Gastarbeitern – beim Kauf von Unterwäsche beraten lassen. Dass dies kein Zustand war, sahen sogar konservative Kräfte ein. So wurde gesetzlich angeordnet, dass in Kaufhäusern Frauen eingestellt werden müssen, wenn es ausschließlich um Frauenprodukte geht. Im Frühjahr 2013 fiel die nächste Bastion und nun dürfen Frauen auch an die Supermarktkassen. Bei Carrefour etwa sind mehrere Kassen durch Sichtschutz abgetrennt. »Nur für Familien« steht auf einem Schild. Das ist erst der Anfang: Bei H&M arbeiten Männer und Frauen nun sogar Seite an Seite. »Das ist offiziell nicht erlaubt, aber bisher ist die Religionspolizei nicht gekommen«, sagt eine der Verkäuferinnen.
»Man kann natürlich sagen, dass die Frauenarbeit an zu viele Bedingungen geknüpft ist, um als wirkliche Verbesserung durchzugehen. Aber ich sehe das nicht so: Sollen doch die Religiösen ihren Willen erhalten, von mir aus stellen wir überall Trennwände auf und verschleiern unsere Gesichter. Das Wichtige ist, dass wir den Schritt in den Arbeitsmarkt getan haben«, so die Bloggerin Al Nafjan. Diese Modernisierung werde vor allem durch die wirtschaftliche Situation getrieben. »Wir können uns das Prinzessinnenleben nicht mehr leisten. Familien brauchen das Geld«, sagt sie. Gesellschaftsfähig wird die Frauenarbeit jedoch auch, weil sie dem großen Ziel der ‚Saudisierung’ dient. Die Regierung hat sich zum Ziel gesetzt, die Anzahl der GastarbeiterInnen zu reduzieren. »Arbeitgeber sind gesetzlich verpflichtet, Saudis einzustellen, und viele wollen lieber Frauen«, erklärt Khaled Al Khudair: »Wie überall auf der Welt sind Frauen fleißiger und verlässlicher«.

Women2Drive
Das für alle Frauen im Königreich geltende Autofahrverbot könnte ebenfalls wirtschaftlichen Notwendigkeiten zum Opfer fallen. Der einflussreiche Geschäftsmann Prinz Waleed Bin Tallal sagte kürzlich, dass Saudi Arabien es sich nicht mehr leisten könne, die Frauen herumzukutschieren. »Die Autofrage ist allerdings sehr viel komplizierter als das Arbeitsrecht. Sie ist so symbolisch aufgeladen«, sagt Madiha al Ajroush. Die 59-jährige Psychologin hat das Verbot bereits zwei Mal gebrochen. Ihre erste Fahrt unternahm sie im November 1990. Insgesamt 48 Frauen waren damals in einem Protest-Korso durch Riad gefahren. Diesen Zeitpunkt hielten die Frauen für günstig, denn Riad suchte damals die Hilfe der USA im Krieg gegen den Irak.
Doch die Frauen täuschten sich: »Es war hart. Wir kamen alle aus angesehenen Familien und umso mehr schockierte es, dass die Religionsgelehrten uns als Prostituierte diffamierten«. Al Ajroush verließ Saudi Arabien, studierte in den USA. Doch als sie sieben Jahre später zurückkam, war das Thema noch nicht ausgestanden. Man hatte sie und ihre Mitfahrerinnen aufs Abstellgleis geschoben, sie verloren Jobs und Freunde. Doch sie bereut nichts: »Bis dahin hieß es immer, dass Frauen lieber als Prinzessinnen leben und nicht fahren wollen. Das konnte man seitdem nicht mehr behaupten.«
Im Frühjahr 2011 mobilisierte eine neue Generation von Frauen gegen das Autofahrverbot. Manal al Scherif wurde zur Ikone dieser Bewegung. Ende Mai fuhr sie durch Khorbar und stellte ein Video davon auf YouTube. Sie wurde daraufhin verhaftet, entlassen, wieder verhaftet. Viele sahen in der Bewegung »Women2Drive« die saudische Variante des Arabischen Frühlings. »Natürlich haben uns die Bilder aus den anderen Ländern ermutigt«, sagt Rascha Duwasi. Sie und ihre Schwägerinnen taten es Sherif nach. »Es war toll, dieser Moment von absoluter Freiheit, als ich hinterm Steuer saß. Ich hätte ja überall hinfahren können«, erinnert sie sich. Doch sie kam nicht weit. Schnell alarmierte ein Anwohner die Polizei. Sie kam erst frei, nachdem sowohl sie als auch ihr Ehemann unterschrieben hatten, dass sie nie wieder fährt. Nach saudischem Recht hat jede Frau einen Vormund, der über sie bestimmt und für ihre Taten verantwortlich ist. Zumeist ist dies der Vater oder Ehemann. Es folgten Monate der Angst und Sorge. Im September verurteilte ein Gericht Schaima Jastaina wegen Autofahrens zu zehn Peitschenhieben.
Das war der Moment, als Al Ajrousch zum zweiten Mal ins Auto stieg: »Ich habe die Aktion der jungen Frauen verfolgt, aber ich wollte ihnen nicht die Show stehlen. Doch als Schaima die Auspeitschung drohte, musste ich handeln.« Eine französische Journalistin filmte sie beim Fahren, und als Al Ajroush verhaftet wurde, sorgte dies international für Aufsehen. »Es war klar: Entweder werde auch ich ausgepeitscht oder Schaima begnadigt«. Der König griff ein, das Auspeitschen wurde abgesagt.
Bei der Autofrage geht es um mehr als nur die Bewegungsfreiheit der Frauen. Es geht vor allem ums Prinzip und um Macht. Sie ist zur zentralen Streitfrage zwischen Liberalen und Konservativen geworden. Das zeigte sich im September 2011: König Abdullah verkündete zwei grundlegende Reformen. Frauen sollten ab 2013 in den Schura-Rat einziehen und ab 2015 bei den Kommunalwahlen das Wahlrecht bekommen. Die Frauenrechtlerin Fatoon al Hassi machte den Arabischen Frühling für diese Reform verantwortlich. Der König habe irgendetwas versprechen müssen, um die aufmüpfigen Frauen zu besänftigen. Seine Ankündigung, so vorsichtig sie auch war, sorgte zugleich bei den Konservativen für Empörung. Es war wohl kein Zufall, dass zwei Tage danach das drastische Auspeitsch-Urteil gegen die Autofahrerin Jastaina verhängt wurde.

Reformen im »Herzland des Islams«
Das politische System in Saudi Arabien basiert seit langem auf Machtteilung zwischen Königshaus und Religiösen. Bis heute haben die Religiösen traditionell die Justiz und das Erziehungsministerium sowie die Religionspolizei unter sich. Die Reformbemühungen von König Abdullah sind daher immer ein Balanceakt zwischen den Forderungen der Liberalen, eigenen Modernisierungsbestrebungen und Zugeständnissen an die Religiösen.
»Man muss daran denken, dass wir das Herzland des Islams sind. Dafür hat sich viel verändert«, so Al Ajroush. »Ich treffe immer wieder auf Männer, die in den 1990er Jahren noch meinen Tod gefordert haben, weil ich Auto fuhr. Heute sagen sie, dass sie uns unterstützen. In beiden Fällen berufen sie sich auf den Islam«. Über die Medien und vor allem dadurch, dass viele junge Saudis zum Studieren ins Ausland geschickt wurden, habe sich der gesellschaftliche Diskurs verändert. Eine Rolle spielt auch, dass einige ultrakonservative Scheichs ihre Positionen revidiert haben. Dieser Trend zu moderateren Interpretationen des Islam in Saudi Arabien ist indes relativ. Noch immer sind die Positionen der Gelehrten sehr konservativ, nur nicht mehr ganz so rigide wie noch vor fünf Jahren.
Die Reformen des Königs dienen dazu, das politische und gesellschaftliche System zu stabilisieren. Die Entwicklung in der Region kommt ihm dabei zupass. »Die Forderung nach Revolution ist sehr unpopulär geworden«, sagt Al Nafjan. »Wir schauen uns an, was in Ägypten, Libyen und Syrien passiert. Wir können das Risiko nicht eingehen, dass wir unser Land ebenfalls in eine solche Misere stürzen«, erklärt sie. Deutlich habe sich diese Stimmung bemerkbar gemacht, als kürzlich zwei Menschenrechtler zu langen Haftstrafen verurteilt wurden. »Eigentlich wäre dies ein Moment gewesen, um zu demonstrieren, aber die Arabellion hat uns die Lust auf Proteste verdorben«, sagt sie. Gemäß der Devise »lieber den reformfreudigen König unterstützen als religiösen Fanatikern in die Hand zu spielen«, hat König Abdullah in den vergangenen zwei Jahren weiter an Zustimmung gewonnen.
Was die Rechte der Frauen angeht, wird es weitere Reformen geben. Allerdings gibt es Grenzen: Vielleicht werden Frauen bald Autofahren. Dass in absehbarer Zukunft das System der Vormundschaft aufgehoben wird und Frauen gleichberechtigte Bürgerinnen werden, ist hingegen sehr unwahrscheinlich.


Julia Gerlach ist Korrespondentin der Frankfurter Rundschau, Berliner Zeitung und Focus in Kairo.