Volltext

(Artikel * 2013) Boudiaf, Zahia
Ungleichheit per Gesetz Algerische Frauen kämpfen um ein egalitäres Familienrecht
in iz3w Nr. 337 * Seite 27
Themen: Familie; Frauenbewegung * Algerien * * Dok-Nr: 255102
Standorte: A3W Osnabrück; FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Ungleichheit per Gesetz
Algerische Frauen kämpfen um ein egalitäres Familienrecht


Algerien feierte 2012 den 50. Jahrestag der Unabhängigkeit, die 1962 durch einen achtjährigen Befreiungskrieg gegen die französische Kolonialmacht errungen wurde. Die Moujahidads, die algerischen Freiheitskämpferinnen, hatten dabei eine bedeutende Rolle gespielt. Die algerischen Frauen haben jedoch kaum von der erkämpften Freiheit profitiert.


von Zahia Boudiaf

Nach der Unabhängigkeit Algeriens propagierte die ehemalige Befreiungsfront und neue Staatspartei FLN (Front de Libération Nationale) die Gleichheit der Geschlechter. Dies wurde auch mit dem nationalen und internationalen Ruf der Moujahidads begründet, um die sich ein Heldinnenmythos rankte. Der Gleichheitsdiskurs spiegelte jedoch nicht die soziale Realität wider. Denn während die Frauen im Befreiungskrieg die stereotypen Geschlechterrollen verließen, wurden sie nach der Unabhängigkeit wieder in ihre traditionellen Rollen zurückgedrängt. So blieb die Wirklichkeit von der Ungleichheit zwischen Männern und Frauen geprägt, obwohl die Kämpfe der Moujahidads im kollektiven Gedächtnis präsent waren.
Diese Divergenz wurde besonders durch das neue Familienrecht im Jahr 1984 deutlich, das die Ungleichheit zementierte. Der algerischen Frau, auch der volljährigen, wurde ein Wali, ein männlicher Vertreter, als Heiratsvormund vorgeschrieben. Die Polygamie wurde gesetzlich anerkannt, der Gehorsam der Ehefrau gegenüber ihrem Mann gesetzlich vorgeschrieben, das Scheidungsrecht für Frauen eingeschränkt, während Männern das Scheidungsrecht voll zugestanden wurde. Der Status als Erziehungsberechtigte wurde der Frau aberkannt und sie wurde im Erbrecht benachteiligt.
Dieses Familienrecht steht nicht nur im Widerspruch zum Gleichheitsgebot der algerischen Verfassung und der internationalen Konventionen. Es widerspricht auch den Zielen und Idealen, für welche die moujahidads gekämpft hatten.
Bereits nach einer ersten politischen Öffnung Ende der 1970er Jahre hatte sich die algerische Frauenbewegung formiert. Nach den sozialen Unruhen vom Oktober 1988 profitierte die Frauenbewegung von der damit erzwungenen politischen Öffnung, um sich weiter zu organisieren. Daraus ging nach der Verabschiedung des Familienrechts 1984 eine breite Gegenbewegung hervor, die im Kontext der Demokratiebewegung zu verorten ist. Die Frauenbewegung forderte einen Rechtsstaat auf der Basis der Gleichheit. Ein autoritäres Regime beruht für sie auf einem hierarchischen Geschlechterverhältnis. Feministin zu sein bedeutet dagegen, für eine gerechtere, demokratische Gesellschaft zu kämpfen. Der Slogan »Citoyenne à part entière et non citoyenne à part« (»Vollberechtigte und nicht teilberechtigte Bürgerinnen«) bringt dies zum Ausdruck.
Die politische Öffnung war jedoch nicht von Dauer. Sie wurde in den 1990er Jahren jäh unterbrochen von der Zunahme des islamistischen Terrors und dem Beginn des Bürgerkrieges. 1992 rief der FLN den Ausnahmezustand aus. Die damit verbundene Einschränkung der Grundrechte und der erstarkende Islamismus schränkten den Handlungsspielraum der Frauenbewegung erneut beträchtlich ein. Erst mit der Rückkehr zum Frieden im Jahr 2000 konnte sie sich neu formieren. Ihre zentrale Forderung blieb die Rücknahme des Familienrechts.
Im Jahr 2005 reformierte der FLN das Gesetz. Die Rechte der Frau als Erziehungsberechtigte wurden gestärkt, die Bedeutung des Wali eingeschränkt und die Polygamie nur noch beschränkt zugelassen. Die Änderungen blieben jedoch weit hinter den Forderungen der Frauenbewegung zurück. Diese beharrt weiter auf der Gleichheit der Geschlechter. Dass die Reform nur so schwach ausfiel, liegt auch an der Stärke der islamistischen Partei, die bereits in der leichten Reform einen Verstoß gegen die Scharia sieht. Die Frauenbewegung kämpft also nicht nur gegen ein autoritäres Regime an, sondern auch gegen islamistische Strömungen in der algerischen Gesellschaft.
Auch wenn der Arabische Frühling in Algerien keine tief greifenden Veränderungen brachte, so wurde doch nach den Unruhen von 2011 der Ausnahmezustand und damit die Einschränkung der Grundrechte aufgehoben. Ein grundlegend neues Familienrecht lässt jedoch weiter auf sich warten.

Literatur
Feriel Lalami: Les Algériennes contre le code de la famille. Paris 2012, Presses de Sciences Po.


Zahia Boudiaf ist Vorsitzende der Association Locale des Femmes Algériennes in Nantes. Übersetzung aus dem Französischen: Anna Laiß