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(Artikel * 2013) Dietrich, Katrin
Zähes Ringen In Tunesien kämpfen Frauen um den Erhalt feministischer Errungenschaften
in iz3w Nr. 337 * Seite 25
Themen: Frauenbewegung * Tunesien * * Dok-Nr: 255098
Standorte: A3W Osnabrück; FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Zähes Ringen
In Tunesien kämpfen Frauen für den Erhalt feministischer Errungenschaften

von Katrin Dietrich


»Zu Beginn der Unabhängigkeit war die größte und zum Himmel schreiende Ungerechtigkeit der Status der Frauen. Obwohl ich in einem intellektuellen Milieu aufwuchs, habe auch ich voller Wut darunter gelitten. Etwa, als ich mit Beginn der Pubertät die Schule verlassen musste, während zugleich alles getan wurde, um meinen Brüdern das Studium zu ermöglichen; oder als man mich zwang, das Kopftuch zu tragen und ich von den politischen Diskussionen in unserem Haus ausgeschlossen wurde …« In ihrem 1994 erschienenen Buch »Parole de Femme« erinnert die Schriftstellerin Radhia Haddad an das 1956 vergangene koloniale Tunesien. Rund 15 Jahre lang sollte sie nach der Unabhängigkeit die Partei Union Nationale des Femmes de Tunisie leiten und dabei so manch Nerven aufreibende Diskussion mit dem ersten Staatspräsidenten Habib Bourguiba führen.
Bis heute ist das Verhältnis der feministischen Bewegung zum sozialistischen Patriarchen ambivalent. Bourguiba initiierte 1956 das tunesische Personenstandsrecht – »ein Gesetz, um das die tunesische Frau in der arabischen Welt beneidet wurde«, betont Fathia Hizem von der Association des Femmes Démocrates. Denn der Code du Statut Personnel beinhaltete unter anderem das Verbot der Polygamie, das Recht auf freie Partnerwahl und ein zivilgerichtliches Ehe- und Scheidungsrecht. Damit war Tunesien das erste arabische Land, das die Gleichstellung der Geschlechter in der Verfassung festschrieb.

Zeichen der Modernität
Zwar wurde damals die traditionelle Familienstruktur mit dem Mann als Oberhaupt und Ernährer nicht gänzlich aufgehoben. Doch folgten in den 1960er und 70er Jahren weitere Gesetze, die unter anderem den Mutterschutz stärkten, eine kostenfreie Abgabe von Verhütungsmitteln oder die Möglichkeit zur Abtreibung in jeder Klinik des Landes vorsahen. Die deutsche Familienpolitik sollte da noch Jahrzehnte für ähnlich progressive Gesetze brauchen. Bourguiba pries die Erfolge seines Staatsfeminismus als Zeichen für Tunesiens Modernität. Sein diktatorischer Kontrollwahn brachte die sozialen Bewegungen jedoch beinahe zum Erliegen.
Es war Bourguibas Nachfolger, Zine Ben Ali, der 1989 mit großem Zeremoniell und Ordensverleihungen jenen Frauen Anerkennung zollte, die für die Unabhängigkeit des Landes gekämpft hatten. Sie zählen zu der ersten Welle des tunesischen Feminismus, der sich aus dem Wandel im Prozess der Unabhängigkeit entwickelt hatte. Eine zweite Welle wurde von jungen Frauen jener ersten Generation initiiert, die von der neuen Verfassung mit ihrer Garantie auf Bildung und Arbeit profitiert hatte. Im Zuge der Studentenproteste Ende der 1960er Jahre bildeten sich an den Universitäten auch feministische Kreise, um Freiräume für ihre Anliegen zu schaffen, die im chauvinistischen Sumpf linker Gewerkschafts- und Politikgruppen kaum Gehör fanden.
Um für Frauen den Zugang zum öffentlichen Raum weiter zu öffnen, gründeten die Feministinnen inmitten der Medina von Tunis das Kulturzentrum »Tahar Haddad«. Sein Namensgeber, ein Reformist, hatte bereits in den 1930er Jahren zur rechtlichen Gleichstellung aufgerufen und den Kopftuchzwang kritisiert. Aus den Diskussionen um den allgegenwärtigen Sexismus folgten 1989 die Gründungen zweier bis heute wichtigen Organisationen des institutionalisierten Feminismus: Die aktionsorientierte Association Tunisienne des Femmes Démocrates sowie die an Bildung ausgerichtete Association des Femmes Tunisiennes pour la Recherche et le Développement. Neben der Errichtung von Frauenhäusern sind ihnen auch erste Studien zu verdanken, die über die weit verbreitete häusliche Gewalt oder sexuelle Belästigung auf der Straße und am Arbeitsplatz informieren.

Komplementarität oder Gleichheit?
Ihrer feministischen Tradition sind sich die TunesierInnen bewusst: »Im Hinblick auf die Rechte von Frauen sind wir fortschrittlicher als manch europäisches Land«, erklärt ein Taxifahrer, der in Tunis auf Kundschaft wartet. Neben dem 8. März wird seit den 1950er Jahren auch der Verabschiedung des Personenstandrechtes am 13. August als »Tag der tunesischen Frau« gedacht. Umso schockierender war für viele der Sieg der vorgeblich ‚moderat-islamistischen’ Partei El-Nahda bei den Wahlen zur Verfassungsgebenden Versammlung 2011. So schlug El-Nahda vor, in der neuen Verfassung von ‚Komplementarität’ statt von Gleichheit der Geschlechter zu sprechen. Dank zahlreicher Proteste und landesweiter Demonstrationen am 13. August 2012 konnte dies verhindert werden. Im zähen Ringen um den Text, an dem sich sämtliche Gesetze und Paragraphen orientieren, liegt nun seit Anfang Juni der dritte Entwurf vor. Wieder erfolgte ein wütender Aufschrei von MenschenrechtsaktivistInnen, denn auch im neuen Verfassungsentwurf ist von den »Werten des Islam« und den »kulturellen Besonderheiten« Tunesiens die Rede. Unscheinbare Formulierungen, die jedoch schlimmste Interpretationen ermöglichen.
Für säkulare FeministInnen ist die politische Entwicklung nach dem Arabischen Frühling enttäuschend. Bei der Frage nach einem »islamischen Feminismus« kann Fathia Hizem nur lachen: »Den wollen uns die Westler und Amerikaner immer einreden. Wir halten das für Heuchelei. Denn wenn der ‚islamische Feminismus’ die Rechte von Frauen nicht als integralen Bestand der Menschenrechte behandelt, dann ist es kein Feminismus. So wie es auch keinen moderaten Islamismus gibt.«


Katrin Dietrich ist Mitarbeiterin im iz3w.