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(Artikel * 2013)
'Die ägyptische Kultur ist auch frauenfeindlich' Interview mit der Politologin Hoda Salah
in iz3w Nr. 337 * Seite 22 - 23
Themen: Frauen; Kulturen/Lebensweisen * Ägypten * * Dok-Nr: 255095
Standorte: A3W Osnabrück; FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

»Die ägyptische Kultur ist auch frauenfeindlich«
Interview mit der Politologin Hoda Salah

iz3w: In den vergangenen Monaten wurde in den Medien viel über Gewalt gegen Frauen in der ägyptischen Öffentlichkeit berichtet. Wie ist Ihre Einschätzung der Situation?
Hoda Salah: Es ist sehr dramatisch. Auch vor der Revolution gab es Angriffe auf Frauen, nicht aber mit dieser Heftigkeit und Brutalität. Zuvor wurden Frauen in der Öffentlichkeit betatscht, nun attackiert man sie mit Messern. Manche Frauen wurden schwer verletzt. Diese Angriffe passieren manchmal spontan, aber oft handelt es sich um organisierte Gewalt von den Gegnern der Revolution. Die Vorstellung, dass der öffentliche Raum nur Männern gehört, scheint in weiten Teilen der ägyptischen Gesellschaft verankert zu sein. Und je mehr die Gesellschaft islamisiert wird, desto mehr sind die Menschen von Körpern besessen. Die Muslimbrüder oder SalafistInnen reden seit 30 Jahren davon, dass der Körper der Frau reizvoll sei.
Hinzu kommen die demographische Entwicklung und eine schwere Wirtschaftskrise, die dazu beiträgt, dass der Zugang zu Ehe und Sexualität erschwert ist. Und es wird erst jetzt sichtbar, wie viele ÄgypterInnen in extremer Armut leben. Vor der Revolution gab es einen Polizeistaat, der dafür sorgte, dass die Innenstadt von Kairo der Mittel- und Oberschicht gehörte. Nun kommen auch arme Menschen aus der Peripherie und den informellen Siedlungen in die Stadt. Es gibt etwa zwei Millionen Menschen, die auf der Straße leben, viele Straßenkinder sind überhaupt nicht registriert. Diese Menschen haben auch zur Revolution beigetragen und gegen Polizei und Militär gekämpft. Es gibt unter ihnen, aber auch gegen sie, eine Gewaltbereitschaft. Das Gute ist, dass wir jetzt über die Gewalt, Schichtenkämpfe und den Rassismus sprechen, statt zu schweigen.

Wie reagiert der ägyptische Staatsapparat auf die Gewalt?
Die Polizei reagiert brutal, Ägypten ist noch kein Rechtsstaat. Wenn ein Vergewaltiger gefasst wird, dann foltern sie ihn. Dann steht Gewalt gegen Gewalt und die Täter sind zugleich auch Opfer. Die Situation ist kompliziert.

Wie arbeiten Frauenrechtsorganisationen unter diesen Bedingungen?
Es gibt Demonstrationen gegen sexuelle Belästigung und Aufrufe in den Medien und im Internet. Zum Beispiel gibt es im Netz eine ‘harassment map’1, auf der eingetragen wird, in welcher Straße was passiert ist. Vor der Revolution war es ein Tabu, darüber zu sprechen. Nun führen Frauen einen Moralwandel in Ägypten ein. Sie teilen auch im Fernsehen vor Millionen von ZuschauerInnen ihre Erfahrungen mit. Vor kurzem hat ein politischer Kabarettist in seiner Sendung fast eine halbe Stunde lang über sexuelle Belästigung gesprochen und die Täter lächerlich gemacht. Die Gesellschaft wird dafür sensibilisiert, dass die ägyptische Kultur auch frauenfeindlich ist.

Wieweit wird die Diskussion über Frauenfeindlichkeit auch auf den Islam bezogen?
Es gibt immer noch eine verteidigende Haltung gegenüber dem Islam, auch auf Seiten der Säkularen oder SozialistInnen. Zu Beginn der Revolution war die Trennung von Staat und Religion ein wichtiges Thema, aber mit dem Sieg der IslamistInnen tendieren auch viele Intellektuelle wie der Oppositionsführer El-Baradei dazu, nicht für Säkularismus zu plädieren. Gewalt wird nicht auf die Religion zurückgeführt, sondern man spricht von einem Missbrauch, denn der ‚wahre Islam’ sei frauenfreundlich. Oder man sagt, die ÄgypterInnen seien keine guten Muslime. Eine kritische islamische Theologie ist in der Gesellschaft kaum verankert, an den Universitäten gibt es nur eine kleine Minderheit, die kritische Theorien in den Islamwissenschaften behandelt.

Wird über das Konzept des Islamischen Feminismus diskutiert?
Das ist eine intellektuelle Bewegung wie an der Universität Kairo, zu der aber nur wenige Frauen zählen. Sie versuchen, den Islam neu zu interpretieren. Wenn die SalafistInnen behaupten, das Kopftuch sei Pflicht, dann untersuchen die Frauen bestimmte Suren und zeigen auf, dass dies nicht der Fall ist. Leider ist die Bewegung sehr abstrakt und der Geschichte verhaftet. Die Frauen sind nicht auf der Straße aktiv und beziehen sich nicht auf die Revolution. Aktiv hingegen ist die alte Frauenbewegung, die säkular ist und Frauenrechte einfordert.

Wann ist diese Frauenbewegung entstanden?
In den 1920er Jahren. Im Jahr 1923 fand eine Konferenz in Alexandria statt und einige Feministinnen, unter ihnen die Gründerin der Ägyptischen Feministischen Union, Hoda Shaarawi, haben im Rahmen der Konferenz ihr Kopftuch öffentlich ausgezogen und den Schleier ins Meer geworfen. Die Aktion sollte symbolisch für ein neues, modernes Ägypten stehen, in dem Frauen nicht unterdrückt und sie öffentlich sichtbar sind. In der Schule haben wir alle von diesem Ereignis gehört. In den 1920er Jahren stand das Kopftuch für die Unterdrückung der Frau, meine Oma oder meine Mutter haben nie eines getragen. Selbst Frauen der islamischen Gelehrten oder der Muslimbrüder hatten bis Ende der 60er Jahre kein Kopftuch. Es stimmt nachdenklich, dass es heute die meisten Frauen in Ägypten wieder tragen und es neue Bedeutungen wie die der islamischen Identität oder persönlichen Selbsterfüllung und Emanzipation bekommen hat.
Diese alte Frauenbewegung hatte ihre Blütezeit bis Mitte der 1950er Jahre. In dieser liberalen Phase war die Bewegung unabhängig, sehr aktiv und hatte verschiedene Strömungen. Zum Beispiel organisierten sie im Parlament einen Hungerstreik, um das Wahlrecht für Frauen einzufordern, das die neue Verfassung ihnen 1956 garantierte.
Durch die sozialistische Politik von Präsident Nasser kam die Bewegung fast zum Stillstand. Nasser hatte alle Parteien und Organisationen zusammengefasst und einen »Staatsfeminismus« etabliert. Es gab tolle Gesetze für Frauen, zum Beispiel wurde die Schulbildung für alle eingeführt und in den 1960er Jahren mussten Fabriken für die MitarbeiterInnen einen Kindergarten betreiben. Aber viele der aktiven Feministinnen wurden verfolgt und verhaftet. Eine der bekanntesten war Doria Shafik, die den Hungerstreik für das Wahlrecht mit organisiert hatte. Nasser hat gegen sie Hausarrest verhängt, sie litt unter Depressionen und hat sich 1975 schließlich vom Balkon gestürzt. Der jetzige Bildungsminister der Muslimbrüder will die Curricula ändern und dabei alle Bilder und Informationen über Doria Shafik aus den Schulbüchern streichen. Sie wollen das Geschichtsbewusstsein zerstören und es so aussehen lassen, als sei das Kopftuch schon immer da gewesen und kein Phänomen der aktuellen Islamisierung.

Wie gestaltete sich die Bewegung unter Mubarak?
Nach Nasser hat sich die Zivilgesellschaft wieder etwas entwickelt. Mubarak hat eine ganz andere Politik gemacht, er war nicht von Anfang an Diktator. Als autoritärer Herrscher hat er versucht, mit einem Polizeistaat alles zu kontrollieren. Aber in der Zivilgesellschaft, in den Medien und der Kunstszene gab es gewisse Freiheiten, solange man ihn nicht persönlich kritisierte. Seit den 1980er Jahren entstanden viele Frauen- und Menschenrechtsorganisationen, die dem Staat sehr kritisch gegenüberstanden.

Was waren die Themen der Organisationen?
Meistens ging es um die UN-Konvention über Frauenrechte, die Ägypten wie viele arabische Staaten unterschrieben hat. Aber bei den Vereinten Nationen wurden jedes Jahr drei verschiedene Berichte eingereicht. Einer stammte von den staatlichen Behörden, in dem stand, dass der Staat nur das Beste für Frauen unternimmt. Dann gab es den ‚Shadow Report’ von den NGOs, die ganz andere Fakten aufgezeigten. Und schließlich legten, so wie auch dieses Jahr, islamische Gruppen wie die Muslimbrüder einen Bericht vor, der die Konventionen kritisiert, die nicht im Einklang mit dem Islam stehen. Übrigens gibt es seit 2000 in der UN eine Allianz zwischen islamischen Organisationen und dem Vatikan gegen die Frauenrechtskonvention CEDAW.

Das Problem der häuslichen Gewalt war ja schon unter Mubarak ein Thema?
Die Forderung, dass Gewalt und Vergewaltigung in der Ehe strafrechtlich verfolgt werden können, gab es bereits, aber jetzt wird mehr darüber diskutiert. Wichtig war auch das Verbot von Beschneidung, zu dem viele Aktionen von Frauengruppen organisiert wurden. Schlimm ist, dass die jetzige Beraterin von Präsident Mursi öffentlich behauptet, Beschneidung sei Teil der ägyptischen Kultur. Deswegen habe ich ein Problem mit dem liberalen Feminismus, der nur auf Quoten bedacht ist. Die islamistischen Frauen im Parlament werden Beschneidung zulassen und Abtreibung verbieten. Die Frage ist nicht, ob Frau oder Mann, sondern ob ein Bewusstsein für Menschenrechte vorhanden ist.

Wie ist es zu erklären, dass es bei den Muslimbrüdern überzeugte Islamistinnen gibt?
Es gibt viele Gründe, warum Frauen den politischen Islam attraktiv finden. Sie sehen darin zum Beispiel eine spirituelle Bewegung, die ihnen Halt und Ordnung gibt. Andere Frauen erzählten mir, dass die IslamistInnen gute ArbeitgeberInnen seien. Bei den islamischen Organisationen könnten sie Familie und Beruf gut vereinbaren, anders als im privaten Sektor. Hinzu kommt, dass die Menschen in Ägypten sexuell unterdrückt sind. Das durchschnittliche Heiratsalter stieg bei Männern auf 29 Jahre. Die Leute machen spät Erfahrung mit Sexualität, und sie leben in Armut, die Religion gibt ihnen einen Halt.

Braucht Ägypten eine sexuelle Revolution?
Das ist ein sehr schönes Thema. Meine These ist, dass jetzt eine sexuelle Revolution stattfindet, die schon vor der Arabellion begonnen hat. Die ägyptische Gesellschaft ist sehr konservativ, selbst bei Säkularen oder Linken gibt es keinen Sex vor der Ehe. Die IslamistInnen nutzen das, um Jugendliche für sich zu gewinnen. Sie vergeben so genannte Fatwas, religiöse Gutachten, mit denen man eine nichtregistrierte islamische Ehe eingehen kann, ohne dass die Eltern es bemerken – quasi ein One Night Stand, der aber nicht so genannt wird. Oder man heiratet für ein paar Monate mit einem Dokument, das die Jugendlichen einfach unterschreiben. Damit kontrollieren die IslamistInnen dein Gewissen und dein Schlafzimmer: Du darfst deine Sexualität genießen, aber im Namen Gottes, das heißt mit der Zustimmung der IslamistInnen.
In gewisser Weise unterstützen die IslamistInnen unfreiwillig die Rebellion der Jugend gegen den Staat mit seiner Moralpolizei. Wenn der Staat Zugang zu deiner Wohnung haben will, weil sich dort ein Mann befindet, dann kannst du die offiziellen Papiere zeigen. Irgendwie finde ich diese Praxis auch amüsant. Viele Frauen nutzen die nichtregistirierte ‚Ehe auf Zeit’, um sexuell frei zu leben.

Anmerkung
1 www.harassmap.org


Hoda Salah arbeitet als Politikberaterin und Publizistin zu den Schwerpunkten Kultur und Politik arabischer Länder und pendelt zwischen Berlin und Kairo. Das Interview führte Katrin Dietrich.