Volltext

(Artikel * 2013) Lyamunda, Athony
'Eine brisante Angelegenheit' In Tansania formiert sich Widerstand gegen den Uranabbau
in iz3w Nr. 337 * Seite 4
Themen: Rohstoff; Widerstand * Tansania * * Dok-Nr: 255085
Standorte: A3W Osnabrück; FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

»Eine brisante Angelegenheit«
In Tansania formiert sich Widerstand gegen den Uranabbau

Schon bald soll Tansania weltweit an dritter Stelle der Uran abbauenden Länder stehen, hinter Kasachstan und Kanada. Das glaubt zumindest Uranium One, eine seit 2010 in dem ostafrikanischen Land operierende Bergbaufirma mit Hauptsitz in Kanada. Ob dies gelingt, hängt auch vom Widerstand in Tansania ab.


Interview mit Anthony Lyamunda

iz3w: Seit wann sind die Uranvorkommen in Tansania bekannt?
Anthony Lyamunda: In der Region Bahi im Zentrum von Tansania hörte ich 2007 zum ersten Mal davon. Ein Kollege erfuhr via Internet, dass die australische Firma International Gold Mining in dem Dorf Bahi Makulu nach Uran sucht. Sie hatte bereits eine Lizenz zur Erforschung der Uranvorkommen in Bahi. 25 potentielle Uranlagerstätten wurden nach Angaben des Energie- und Bergbauministeriums bereits in den 1970er Jahren ausgemacht. Die tansanische Tochterfirma der deutschen Uranerzbergbau GmbH kartierte alle Bodenschätze in Tansania, auch Uran. Nun suchen die Unternehmen nach den Vorkommen mit dem höchsten Urananteil, um abzuschätzen, wo sich der Abbau wirtschaftlich lohnt.

Ob sich das Geschäft lohnt, bestimmt nicht alleine der Urangehalt.
Das stimmt. Als ich 2008 meine Kollegen in Namibia traf, kamen sie von einem Treffen mit der australischen Firma Paladin. Sie sprachen davon, dass die Zukunft des Uranabbaus in Afrika liege. Es sei aufgrund fehlender gesetzlicher Auflagen und der Steuerbefreiungen für die Firmen einfach, hier zu operieren. In Tansania gab es bisher keinerlei Uranabbau. Daher haben die Behörden keine Erfahrung im Umgang damit und gesonderte Vorschriften sind erst im Aufbau. Generell klaffen in Tansania die definierten Standards und die Realität weit auseinander. So sind zwar Gutachten und Umweltschutzmaßnahmen vorgeschrieben, sie werden aber kaum überprüft, und sie einzufordern ist kaum möglich. Zudem ist noch nicht klar, ob die Firmen, die die Vorkommen untersuchen, auch die gleichen sein werden, die den Abbau betreiben. Es ist aufgrund der vielen Subunternehmen und Firmenanteilsverkäufe schwierig, Verantwortliche auszumachen.
Es ist eine grundsätzliche Entscheidung: Will man den Unternehmen hohe Gewinne ermöglichen – oder die Umwelt so gut wie möglich schützen? Schließlich geht es nicht um eine menschenleere Region.

Was waren Ihre Erfahrungen in Namibia?
In Namibia liegt ein Uranbergwerk in der Wüste, mindestens 30 Kilometer von den nächsten Dörfern, während in Bahi der Abbau direkt vor der Haustüre der Landwirte läge, die hier Reis anbauen. Viele namibische Minenarbeiter haben Krebsleiden. Da sie zu Beginn nicht einmal Schutzkleidung trugen und die kontaminierte Kleidung zu Hause von Hand gewaschen wurde, erkrankten auch viele Familienmitglieder. In Tansania versichern die Unternehmen und das Bergbauministerium, der Uranabbau sei sicher. Es werde nicht im Land »verarbeitet«. Das ist unrealistisch, niemand würde bergeweise Gestein exportieren, um Uran zu extrahieren.

Wie ist der aktuelle Stand in Bahi?
Während der letzten Trockenzeit wurden vielerorts Probebohrungen vorgenommen. Dazu setzt man Chemikalien ein, die nicht ungiftig sind. Bahi ist eine zeitweise überschwemmte, fruchtbare Ebene. Der Reisanbau ist für die Ernährungssicherung wichtig. Die Chemikalien blieben an der Oberfläche liegen – bei Überschwemmungen wurden sie verteilt und Leute, die die Felder bestellten, zogen sich Haut- und Augenerkrankungen zu. Als wir die Behörden informierten und um eine medizinische Studie baten, wiegelten sie ab. Statt der Sache nachzugehen, griffen sie unsere Organisation an und setzten mich persönlich unter Druck. Man wollte uns sogar die Registrierung entziehen. Die Medien berichten zwar über die Uranvorkommen, aber kritische Berichte sind selten und der Druck auf die JournalistInnen ist hoch, seit der Vorsitzende des Journalistenverbandes von Unbekannten schwer misshandelt wurde. Einschüchterungsversuche und Gewalt gegenüber denjenigen, die Hintergründe aufdecken und die Gemeinden informieren, sind an der Tagesordnung.

Bieten die Landgesetze einen Hebel, um Minengeschäfte zu kontrollieren?
Seit 1999 spricht ein Landgesetz den Gemeinden Mitspracherechte bei der Landnutzung zu. Allerdings ist es der Verfügungsgewalt des Präsidenten unterstellt: Wenn er ein nationales Interesse deklariert, kann er über die Landnutzung entscheiden und sogar die Umsiedlung ganzer Dörfer anordnen.

Die Herkunft des in deutschen Atomkraftwerken verwendeten Urans nachzuweisen, ist kaum möglich. Werden die Firmen in Tansania nachweisen müssen, wohin sie exportieren?
Das ist eine brisante Angelegenheit. Schauen wir auf die Praxis in Namibia: Verschiedene Firmen halten Anteile am Abbau, etwa der Multi Rio Tinto oder Irans Regierung mit 15 Prozent. Das Uran scheint zunächst nach Australien zu gehen, doch von dort kann es überall hin transportiert werden. Klar ist, dass sämtliches Uran aus afrikanischen Ländern in den Export geht.

Wie formiert sich der Widerstand gegen Uranabbau?
Wir haben mehrere Umweltgruppen gegründet. In Bahi arbeiten NGOs, Umweltorganisationen und Kirchen zusammen, etwa im Distrikt-Netzwerk BangoNet. Vernetzt sind wir mit dem Lawyers Environmental Action Team (LEAT), mit Haki Madini in Arusha und dem Legal Human Rights Center (LHRC) in Dar es Salaam. Der Aufbau einer größeren Koalition gegen Uranabbau ist im Gange. 2009 hatten wir erstmals ExpertInnen und Betroffene aus Ländern wie Namibia und Niger, aber auch aus Europa eingeladen, um in Tansania Druck auf die Verantwortlichen auszuüben. In Dar es Salaam wollten wir RegierungsvertreterInnen treffen, doch sie hatten kein Interesse.
Wir planen eine internationale Kampagne, um weltweit auf die Gefahren aufmerksam zu machen. Mit der Gründung der African Uranium Alliance 2009 haben wir uns mit AktivistInnen aus Niger, Mali, Malawi, DR Kongo und Namibia vernetzt. Kommenden Oktober werden wir in Tansania mit ExpertInnen von den Internationalen Ärzten für die Verhütung des Atomkrieges eine Konferenz abhalten und ParlamentarierInnen besuchen, um über die Auswirkungen des Uranabbaus zu informieren.


Anthony Lyamunda von der Organisation CESOPE (Civil Education is the Solution for Poverty and Environmental Management) verließ im April Tansania, da er um seine Sicherheit fürchtete. Interview: Martina Backes.