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(Artikel * 2013) Backes, Martina
Für die Würde Das Filmfest Frauen Welten präsentierte Filme zum OPfer-Täter-Ausgleich
in iz3w Nr. 335 * Seite 42 - 43
Themen: Film; Frauen * * Dok-Nr: 253112
Standorte: A3W Osnabrück; FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Für die Würde
Das Filmfest FrauenWelten präsentierte Filme zum Opfer-Täter-Ausgleich

von Martina Backes

Was für eine »Errungenschaft« ist das, wenn das Parlament eines Landes sich gezwungen sieht, ein Gesetz zu verabschieden, das die Verätzung von Menschen mit Säure als Straftatbestand definiert und darauf Gefängnisstrafen aussetzt? In Pakistan, wo es jährlich zu zirka hundert Anzeigen solcher Delikte kommt – die Dunkelziffer ist laut Schätzungen rund 20 mal höher – stellte die Verabschiedung eines solchen Gesetzes im Dezember 2011 einen Triumph nach einem langjährigen Rechtsstreit dar. Er verspricht dennoch keine Freiheit von der Verstümmelung.

Umfassende Verwundungen
Täter-Opfer-Verhältnisse waren Hauptthema des Filmfestes »FrauenWelten« in Tübingen im November 2012. Der dort gezeigte Oscar-gekürte Dokumentarfilm Saving Face begleitet eine Klientin, die Opfer einer Säureattacke ihres Ehemannes wurde, bis in den Operationssaal. In einer staatlichen Klinik bemüht sich der normalerweise in England praktizierende pakistanische Arzt Mohammad Jawad, verätzten Frauen mittels plastischer Chirurgie ihr Gesicht wieder zu geben. Nicht immer kann das Augenlicht gerettet und können Lippen getrennt, Nasen gerichtet und Augenbrauen transplantiert werden. Am Ende bleibt oft nur die Gesichtsprothese.
Doch es geht nicht allein um den Anblick, das Antlitz, sondern um die verwundeten Seelen und die verletzte Würde der Frauen, die oft mit ihren Peinigern im gleichen Dorf oder gar im Haus der Schwiegermutter ein Leben voller Demütigung und ohne Schutz führen müssen. Die Hoffnung der Frauen auf Rehabilitation und ihr Mut, in einer restriktiven Gesellschaft ihr Recht zu fordern, durchziehen die Dramaturgie des Filmes.
Wie so oft steht das von Najma Hameed, einer Senatorin der Pakistan Muslim League Navaz, als »historische Errungenschaft« bezeichnete Gesetz zu den Säureanschlägen für die Kluft zwischen dem geschriebenen Recht und dem gelebten Unrecht. Zwar wurden bereits im Januar 2012 zwei Täter zu je zwei Mal lebenslänglicher Haft verurteilt. Doch konservative Strömungen werfen die juristische Einklagbarkeit auf die gesellschaftliche Realität zurück: Es ist üblich, zumindest in den oberen Schichten, die Straftäter freizukaufen.
Der Film des amerikanischen Filmemachers Daniel Junge und der pakistanischen Filmemacherin Sharmeen Obaid-Chinoy thematisiert nicht, ob die Verabschiedung des Gesetzes nicht auch aufgrund des Druckes durch die internationale Gemeinschaft zustande kam – rund zehn Jahre nach der ersten Einreichung durch die Parlamentarierinnen Marvi Memon und Begum Shahnaz Sheikh sowie der Rechtanwältin Anusha Rehman. Das zumindest vermutet Collin Schubert, Expertin für Frauenrechtsfragen bei Terre des Femmes. Sie sieht in der Ignoranz der Patriarchen in Pakistan und in der Anwendung der Scharia insbesondere bei Familienrechtsstreitigkeiten die größten Herausforderungen. Die Befürworter der barbarischen Praxis der Säureattacken sind jedenfalls noch lange nicht entmachtet.
»Saving Face« hat – auch in seiner Filmästhetik – etwas von der Art des Enthüllungsjournalismus einer TV-Reportage, die nur dank aufwändiger finanzieller und politischer Unterstützung möglich war. Er ist eher auf ein westliches Publikum zugeschnitten. Zwar werden die entstellten Gesichter der Protagonistinnen würdevoll gezeigt. Doch wie ergeht es den aus extrem verarmten Verhältnissen kommenden Frauen, die sich im Film in aller Öffentlichkeit outen und zu mutigen Anwältinnen ihrer Leidensgenossinnen werden, nach Abschluss der Dreharbeiten, wenn sie – wie angekündigt – in ihre Familienstrukturen zurückkehren?
Ausgleichende Gerechtigkeit gibt es nicht per Verklagung und gerichtlicher Anerkennung verübter Straftatbestände. So unverzichtbar eine juristische Rechtsprechung ist, so ist doch das Eingestehen der Schuld durch die Schuldigen ein meist ebenso unverzichtbarer Bestandteil des Täter-Opfer-Ausgleichs – wenn es denn einen solchen überhaupt geben kann.
Einfache Antworten gibt es nicht, wenn es überhaupt welche gibt. Doch das ist kein Grund, sich der Frage nach dem Täter-Opfer-Ausgleich nicht zu nähern. Die ausgewählten Spiel- und Dokumentarfilme zeigten: Jeder Fall ist anders. Vielleicht lässt sich ein konsensfähiges Resümee folgendermaßen ziehen: Die Empathie der als TäterInnen Klassifizierten mit den als Opfer Definierten ist eine notwendige Voraussetzung, damit die Verletzten mit ihren Traumata Frieden schließen können und dabei das Unrecht nicht aus den Augen verlieren – ohne zu verzeihen, was unverzeihbar ist. Damit sie leben können, ohne dass ihre Würde zermalmt wird, durch Schweigen, durch Wegschauen oder durch Ignoranz.

Unsichtbare Schatten
Gegenüber den Gesichtern der Frauen, die in Pakistan einer Säureattacke zum Opfer fielen, sind die Wunden derjenigen, die vergewaltigt wurden, oft unsichtbar und verborgen. Invisible (Original: Lo Roim Alaich = Man sieht es ihr nicht an) heißt der Film der Israelin Michal Aviad, der die Grenzen zwischen Spiel-und Dokumentarfilm aufhebt. Zwei Schauspielerinnen spielen die beiden wichtigsten Figuren: die selbstbewusste Aktivistin Lily, die Palästinensern bei der Olivenernte hilft, und die Journalistin Nira, die durch das Treffen mit Lily eher zufällig auf die Vergangenheit zurückfällt. Beide sind vom gleichen Serientäter vergewaltigt worden, beide meistern ihr Leben trotz einer unsichtbaren – doch nie weichenden – Angst. Eine detektivische Reise in die Vergangenheit holt die Ängste an die Oberfläche. Gezeigt wird der Versuch von zwei Frauen, sich von der Last zu befreien, die sie seit über zwanzig Jahren immer wieder einholt.
Fernsehberichte und O-Töne von Opfern des realen Serientäters, der 1978 in Tel Aviv zu einer Freiheitsstrafe verurteilt wurde und nach zehn Jahren frei kam, fließen in den Film ein. Die Mischung aus Fakten und Fiktion macht es möglich, die Schrecken einer Vergewaltigung zu erahnen, ohne dazu Tat oder Täter rekonstruieren zu müssen.
So gelingt es Aviad, mit dem Film eine Möglichkeit zu schaffen, das Trauma nach einer Vergewaltigung von innen heraus darzustellen, ohne Psychotrillerästhetik zu bemühen. Einen Täter-Opfer-Ausgleich gibt es hier nicht, es bleibt nur die Auseinandersetzung mit anderen Betroffenen, und damit auch mit sich selber. Am Ende bleibt offen, ob die Frauen ihr Trauma überwinden werden. Sicher ist nur: Sie wollen es nicht mehr zulassen, dass die in tiefen unbewussten Ebenen steckende Angst ihr überwältigendes unberechenbares Unwesen mit ihnen treibt.

Peiniger und Gepeinigte
Auch Filme, die sich mit deutscher Nachkriegsgeschichte beschäftigen, stoßen früher oder später auf die Gräben zwischen Opfern und Tätern – oder auf die Schuldgefühle ihrer Kinder. Filme über die Folgen der Nazizeit spielen meist in West- oder Osteuropa, einige in Nordamerika. In Lateinamerika werden hingegen selten Filme zur deutschen Nachkriegsgeschichte gedreht. Dabei sind viele jüdische EmigrantInnen aus Deutschland dorthin geflohen, und nach dem Krieg folgten ihnen – auf den so genannten Rattenlinien – viele Nazis. Ehemalige Peiniger und Gepeinigte wohnten zum Beispiel in Buenos Aires im gleichen Stadtviertel, Tür an Tür.
Genau hier beginnt der Film Der deutsche Freund. Die Eltern der kleinen Sulamit Löwenstein sind nach dem Zweiten Weltkrieg aus Deutschland nach Argentinien ausgewandert. So wächst Sulamit – gespielt von Celeste Cid – im Buenos Aires der 1950er Jahre auf. Ebenso Friedrich Burg, der auf der anderen Straßenseite wohnt und dessen Vater im Nazideutschland als SS-Obersturmbannführer gedient hat. Die Kinder sind Nachbarn, gehen in die gleiche Schule, tanzen zusammen, geben sich ihren ersten Kuss und verlieren sich auch dann nicht aus den Augen, als Sulamit nach dem Tod ihres Vater umziehen und die Schule verlassen muss. Die beiden verbindet eine Kinder- und Jugendliebe, die immer wieder an einem seidenen Faden des Schicksals hängt: Etwa als Friedrich – gespielt von Max Riemelt – des blutigen Erbes seines Vaters gewahr wird und nach Deutschland geht. Dort fließt all seine Leidenschaft in die Studentenbewegung und in den linken Widerstand.
»Der deutsche Freund« zeigt in opulenten Bildern und mit hörbarer Nähe die Geschichte einer großen Liebe in Zeiten des politischen Umbruchs – in Argentinien wie in Deutschland. Militärdiktatur und Widerstand lassen Friedrich die Schauplätze wechseln. Sulamit begegnet ihm schließlich erneut, erst in Frankfurt, dann in Patagonien. Doch sie folgt ihm nicht, sie geht ihren eigenen Weg.
Wie Sulamit und Friedrich als Kinder – und später als Erwachsene – mit der Vergangenheit ihrer Eltern zu leben lernen, wie sie ihre Entscheidungen für ihr Leben treffen, hat die Filmemacherin Jeanine Meerapfel in ein großes Gefühlskino gepackt. Es sind die Enkel dieser Kinder, die nun in Argentinien ins Kino gehen.
Meerapfel ist in Argentinien geboren. In einem ihrer Dokumentarfilme (»Desembarcos – Es gibt kein Vergessen«) setzt sie sich mit der Zeit der Militärdiktatur in Argentinien auseinander. Ihre Filme sind sehr autobiografisch geprägt. Auch »Der deutsche Freund« ist insofern biografisch, als sie als Kind selbst in einem Vorort von Buenos Aires lebte. Die Zeit der Militärdiktatur hat sie von Deutschland aus verfolgt. Die Details des damaligen Horrors kennt sie durch Erzählungen von Freunden – und aus ihren Filmrecherchen. Die Liebesgeschichte zwischen Sulamit und Friedrich ist zwar erfunden. Aber Jeanine Meerapfel verweist darauf, dass auch das Erfundene und das Unbewusste autobiografisch sein können. Sie wollte mit Sulamit und Friedrich eine Dramaturgie der Liebe schaffen, die den Unterschied der Herkunft aufhebt.

Infos zu den Filmen:
savingfacefilm.com, planb-productions.com,
der-deutsche-freund.com


Martina Backes ist Mitarbeiterin im iz3w.