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(Artikel * 2012) Dietrich , Katrin
" Für die ganze Welt gefährlich " Interview zum illegalen Uranabbau im Kongo
in iz3w Nr. 332 * Seite 4
Themen: Menschenrechte; Rohstoff * Kongo, Demokratische Republik * * Dok-Nr: 244769
Standorte: A3W Osnabrück; FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Der Beginn der atomaren Brennstoffkette liegt in den Schürfgebieten. Die Konzentration des Urans im Gestein ist meist gering, daher werden riesige Felsmengen zermahlen. Das bleibt nicht ohne Folgen: Die gesundheitlichen Auswirkungen sind verheerend.
In einigen afrikanischen Staaten wie Gabun, Niger oder Namibia (siehe iz3w 331) wird bereits seit 30 Jahren Uran abgebaut, meist durch internationale Konzerne. Aufgrund der in den letzten Jahren steigenden Nachfrage auf dem Weltmarkt wird in immer mehr Ländern gezielt nach Uranvorkommen gesucht und der Abbau gefördert. Dabei wird es der Uranwirtschaft bislang leicht gemacht, von Staaten wie Australien oder Kanada, in denen recht strenge Vorschriften gelten, auf den afrikanischen Kontinent auszuweichen.
Im März trafen sich in Bamako NuklearmedizinerInnen, Umweltbewegte, Mitglieder der Afrikanischen Uran-Allianz und europäische Atomkraft-GegnerInnen. Zwei Aktivisten aus DR Kongo und Tansania benennen die Folgen des ersten Produktionsschrittes in der Nutzung der Atomenergie.
Weitere Informationen über geplante Uran-Projekte weltweit und ihre Folgen gibt es auf den Seiten www.uranium-network.org und www.wise-uranium.org


»Für die ganze Welt gefährlich«
Interview zum illegalen Uranabbau im Kongo

Golden Misabiko arbeitet für die kongolesische Menschenrechtsorganisation ASADHO (Association Africaine de Défense des Droits de l’Homme). In den vergangenen Jahren deckte die Organisation die Verwicklung der kongolesischen Regierung in den illegalen Uranabbau in Katanga auf.

iz3w: Wie ist der Bericht von ASADHO über die Uranmine Shinkolobwe in Katanga entstanden?
Golden Misabiko: Der Abbau von Uran betrifft das Menschenrecht auf Gesundheit. Jeder Mensch hat das Recht, in einer sauberen Umwelt zu leben, die es ihm erlaubt, sich gesund zu entwickeln und ein gutes Leben zu führen. Im Kongo wird Uran vor allem in der Mine Shinkolobwe abgebaut, obwohl die Regierung offiziell den Abbau verbietet. Die Mineralien dieser Gegend sind von sehr hoher Qualität, der Urangehalt des Gesteins beträgt fast 70 Prozent, in anderen Regionen liegt er bei vielleicht 0,01 Prozent. Es ist ein sehr wertvolles Gestein, und das ist weithin bekannt, vor allem unter Geschäftsleuten.
Der Uran-Abbau in Shinkolobwe begann 1915 durch eine belgische Firma. Im Zweiten Weltkrieg wurden 30.000 Tonnen des kongolesischen Urans für die Entwicklung der Atombombe verwendet. Wegen der katastrophalen Auswirkungen der Bombe in Hiroshima und Nagasaki und aufgrund der Bilder von 250.000 Toten sollte Shinkolobwe geschlossen werden. Die Mine wurde geflutet, damit niemand dorthin gelangen kann. Mobutu jedoch wollte das Uran wegen des internationalen Waffenembargos im Tausch für Waffen verkaufen. Sein Sturz kam dem zuvor, aber die Mine war bereits wieder geöffnet. Das neue Regime unter Laurent Kabila verbot 1997 zwar den Abbau, aber schon damals gelangten Leute zur Uranmine.
Heute wird der Zugang zur Mine vom kongolesischen Militär überwacht, trotzdem wird dort Uran abgebaut. Als unser Bericht veröffentlicht wurde, sandte die UNO ein Team nach Katanga, um unsere Angaben zu überprüfen. Sie stellten fest, dass die Radioaktivität in dem Gebiet unverhältnismäßig hoch und die öffentliche Gesundheit gefährdet ist. Die Regierung sah sich gezwungen, ein Abkommen zu unterzeichnen, das jeglichen Abbau in Shinkolobwe verbietet. Aber jene, die das Abkommen unterzeichnet haben, die Obersten des Regimes und der junge Joseph Kabila, versenden das Uran in die Welt und machen Geschäfte mit Iran und Nordkorea.

Wie ist es Ihnen gelungen, dies aufzudecken?
Wir mussten den Routen der Lastwagen folgen, von Shinkolobwe bis zum Hafen von Dar es Salam in Tansania, um zu sehen, auf welche Schiffe das Uran gebracht wurde. Wir haben mit Angestellten am Hafen gesprochen und ihnen gesagt: Wir wissen, dass ihr unter politischem Druck steht, aber die Lieferungen aus Katanga gefährden euch. Deswegen haben uns viele erzählt, dass die Radioaktivität im Hafen extrem hoch ist. Sie ließen uns prüfen, wohin die Container gebracht werden.
Das Uran ist kein Problem einzelner Länder, sondern aufgrund der Radioaktivität für die ganze Welt gefährlich. Die tansanische Regierung und die UNO sind sich des Problems der ungeschützten Transporte inzwischen bewusst. Es wurden auch UN-Delegationen in den Iran und nach Nordkorea geschickt, die untersuchen, wo und wie das Uran verwendet wird. Es war eine riskante Arbeit, aber wir mussten sie machen. Mag sein, dass sie mich umbringen, aber wenigstens habe ich diese Sache aufgedeckt.

Nach der Veröffentlichung des Berichtes wurden Sie verhaftet.
Während meiner Haft gab es viele Demonstrationen und Protest internationaler Organisationen bis hin zu einem Anruf von Hillary Clinton. Aufgrund des Drucks musste mich das Regime freilassen. Mit Hilfe von Front Line Defenders ging ich 2009 ins Exil nach Südafrika. Ich kann nicht mehr in den Kongo reisen, sonst würde ich meine Familie und meine KollegInnen gefährden. Mein Freund und Mitstreiter Floribert Chebeya, der auch die Demonstrationen gegen meine Verhaftung organisiert hatte, wurde 2010 im Kongo erschossen. Die Nachricht war für mich ein Schock.

Im März 2012 fand in Bamako eine Konferenz über die Folgen des Uranabbaus statt. Was sind die Ergebnisse?
Wir wollten das Bewusstsein für die Gefahren des Urans schärfen. ExpertInnen aus der ganzen Welt waren eingeladen, um wissenschaftlich darzulegen, welche Folgen radioaktive Strahlung für die Gesundheit hat. VertreterInnen der Regierung und Gemeinderäte waren da, auch aus der Region Falea in Südmali, in der bereits Uranerkundungen stattfinden. Die Botschaft kam an. Die Regierung sprach davon, eine Volksabstimmung über den weiteren Uranabbau machen zu wollen. Das Referendum sollte im Juni stattfinden, aber der Staatsstreich in Mali kam ihnen zuvor.
Für uns war die Konferenz auch eine Gelegenheit, die Strukturen der African Uranium Alliance (AUA) auszubauen. Unser Ziel ist, eine zivilgesellschaftliche Autorität im Bereich Uran zu werden. Wir planen eine gemeinsame Anlaufstelle, die unsere Positionen nach außen vertritt. Wir wollen uns nicht länger verstecken. Die Menschen sollen ohne Angst über die Folgen des Uranabbaus sprechen. In Zukunft müssen auch Genf und Berlin die African Uranium Alliance wahrnehmen.


Das Interview führte Katrin Dietrich.