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"Der neue Präsident Ägyptens nennt Bedingungen für eine Verbesserung der Beziehungen zwischen den USA und den arabischen Staaten

KAIRO – Am Vorabend seiner ersten Reise in die USA erklärte Mohammed Mursi, der neue islamistische Präsident Ägyptens, die USA müssten ihren Umgang mit der arabischen Welt grundlegend ändern, mehr Respekt für deren Werte zeigen und beim Aufbau eines palästinensischen Staates helfen, wenn sie die Jahrzehnte lang unterdrückte Wut (der Araber) besänftigen wollten. Mursi, ein ehemaliger Führer der Muslimbruderschaft (Infos dazu unter http://de.wikipedia.org/wiki/Muslimbr%C3%BCder) und Ägyptens erster demokratisch gewählter Präsident, bemühte sich in einem 90-minutigen Interview mit der New York Times, der US-Öffentlichkeit seine Ansichten mitzuteilen und auf die veränderten Bedingungen hinzuweisen, die nach der Entmachtung Hosni Mubaraks, des autokratischen, aber zuverlässigen Verbündeten der USA, in den Beziehungen zwischen seinem Land und den USA eingetreten sind. Er sagte, er reise nach Washington, um die Beziehungen zwischen der arabischen Welt (und den USA) zu reparieren und die Verbindung zu Ägypten wiederzubeleben, die lange ein Eckstein der regionalen Stabilität gewesen sei. Wenn Washington Ägypten auffordere, seinen Vertrag mit Israel einzuhalten, dann solle es auch seinerseits den Verpflichtungen nachkommen, die es in Camp David hinsichtlich der Selbstverwaltung der Palästinenser eingegangen sei. Er erklärte, die USA müssten die arabische Geschichte und Kultur respektieren, selbst wenn es dabei zu Konflikten mit den westlichen Werten komme. Mursi wies auch die Kritik aus dem Weißen Haus zurück, dass er die Demonstranten nicht schnell genug verurteilt habe, die aus Wut über ein Video, in dem der Prophet Mohammed verunglimpft wird, über die Mauer der US-Botschaft (in Kairo) geklettert waren und eine US-Fahne verbrannt hatten. "Wir haben uns mit unserer Reaktion Zeit gelassen, um ein Ausufern der Gewalt zu vermeiden," erläuterte er; dann sei man aber entschlossen gegen die kleine gewaltbereite Gruppe unter den Demonstranten vorgegangen. "Wir werden diese Art von Gewalt nicht zulassen, müssen uns in solchen Situationen aber klug verhalten," sagte er und fügte hinzu, die Botschaftsangestellten seien niemals in Gefahr gewesen. Mursi, der am Sonntag zur UN-Generalversammlung nach New York reisen wird, kommt in einer schwierigen Zeit. Zu Hause steht er wegen seiner gefährdeten Unabhängigkeit unter politischem Druck, muss aber gleichzeitig versuchen, den Westen zu beruhigen und ihm zu vermitteln, dass Ägypten auch unter einer islamistischen Regierung ein stabiler Partner bleiben wird. Der 61-jährige Mursi, dessen Büro noch mit Seefahrtsbildern geschmückt ist, die Mubarak hinterlassen hat, betonte, die USA könnten nicht erwarten, dass Ägypten nach ihren Regeln lebe. "Wenn Sie das Verhalten der Ägypter an den Normen der deutschen, chinesischen oder US-amerikanischen Kultur messen wollen, führt das natürlich zu Fehlurteilen," sagte er. "Wenn die Ägypter eine Entscheidung treffen, muss das den USA nicht gefallen. Entscheidungen der USA passen den Ägyptern ja häufig auch nicht." Er erklärte, Ägypten werde sich dem Westen gegenüber zwar nicht feindlich, aber auch nicht so entgegenkommend wie unter Mubarak verhalten. "Mehrere aufeinanderfolgende US-Regierungen haben sich die Abneigung, wenn nicht sogar den Hass der Völker der ganzen Region zugezogen," äußerte er, weil sie mit dem Geld der US-Steuerzahler diktatorische Regime gegen die Opposition ihrer Völker und Israel gegen die Palästinenser unterstützt hätten. Mursi hatte sich darum bemüht, während seines einwöchigen USA-Besuchs auch den Präsidenten Obama im Weißen Haus treffen zu können, wurde nach Auskunft von Mitarbeitern beider Präsidenten aber ziemlich kühl abgewiesen. Als er bemerkte, dass ein Besuch des neuen islamistischen Präsidenten wegen befürchteter Komplikationen im Wahljahr nicht erwünscht war, zog Mursi seine Bitte zurück. Wegen seines anfänglichen Schweigens zu den Protesten vor der US-Botschaft hatte Mursi einen empörten Telefonanruf Obamas erhalten; der US-Präsident hatte außerdem in einem Fernsehinterview geäußert, er betrachte Ägypten derzeit weder als Verbündeten noch als Feind. Als Mursi gefragt wurde, ob er die USA noch als Verbündeten ansehe, antwortete er auf Englisch: "Das hängt von Ihrer Definition eines Verbündeten ab," und lächelte zu seinem beabsichtigten Echo auf Obamas Äußerung. Dann ergänzte er aber, dass er sich beide Nationen als "echte Freunde" vorstellen könne. Mursi gab das Interview in einem prächtigen Palast, den Mubarak drei Jahrzehnte vorher eingeweiht hatte – in einer Umgebung, die sich grundlegend von dem Bauernhof im Nil-Delta unterscheidet, in dem der neue Präsident aufgewachsen ist, oder von der Gefängniszelle, in die ihn Mubarak wegen seiner führenden Rolle in der Muslimbruderschaft einsperren ließ. Drei Monate nach seiner Vereidigung war die sichtbarste Veränderung in seinem Präsidentenbüro eine Tafel auf seinem Schreibtisch mit dem Koran-Zitat: "Denke immer an den Tag, an dem du zu Gott zurückkehren wirst!" Mursi hat eine untersetzte Figur, einen sorgfältig gestutzten Bart und seine Brillengläser haben einen Metallrand; Anfang der 1980er Jahre hat er an der University of Southern California seinen Doktor in Materialkunde gemacht. Er sprach voller Vertrauen in seine neue Autorität und betonte, dass seine Zustimmungsrate 70 Prozent betrage. Als seine Sicherheit während des Interviews wuchs, wechselte er aus dem Arabischen in ein holperiges Englisch. Vor ein paar Monaten war er zu Hause und im Ausland noch kaum bekannt und für die Muslimbruderschaft auch nur zweite Wahl, weil deren erster Präsidentschaftskandidat abgelehnt worden war. Noch in der Wahlnacht hatten die Generäle, die seit der Entmachtung Mubaraks herrschen, per Dekret den größten Teil der Macht des Präsidenten auf sich selbst übertragen. Im letzten Monat überraschte Mursi aber alle, als er die volle Regierungsgewalt von den Generälen zurückforderte. Als während des Interviews ein Dolmetscher übersetzte, die Generäle hätten sich "dazu entschlossen", aus der Politik auszusteigen, korrigierte Mursi ihn schnell. "Nein, nein, dazu haben sie sich nicht selbst entschlossen," rief er in Englisch dazwischen und machte klar, dass er ihnen die Macht genommen habe. "Hat das ägyptische Volk den Präsidenten durch seine Wahl nicht dazu ermächtigt?" "Der Präsident der Arabischen Republik Ägypten ist auch der Oberbefehlshaber der Streitkräfte, basta. Ägypten ist jetzt ein echter Zivilstaat. Es wird weder theokratisch noch militärisch regiert. Es ist ein moderner, freier Rechtsstaat mit einer demokratischen Verfassung." Er fügte noch hinzu: "Wir erfüllen nur den Willen des ägyptischen Volkes und nichts anderes – ist das klar?" Er lobte Obama für seine Entscheidung, die Revolutionen des Arabischen Frühlings "entschieden und schnell" zu unterstützen, und fuhr fort, er erwarte, dass "die USAmerikaner den Völkern der gesamten Region das Recht zubilligen werden, die gleiche Freiheit wie sie selbst zu genießen". Araber und US-Amerikaner hätten "das gemeinsame Ziel, frei in ihrem eigenen Land leben zu können, auf faire und demokratische Weise nach ihren eigenen Vorstellungen und Werten"; er hoffe auf "eine harmonische und friedliche Koexistenz". Er wies aber auch darauf hin, dass die USA "eine besondere Verantwortung" für die Palästinenser haben, weil sie 1978 das Abkommen von Camp David (s. http://de.wikipedia.org/wiki/Camp-David-Abkommen) mitunterzeichneten". Das Abkommen sah den vollständigen Abzug aller israelischen Truppen aus der West Bank und aus dem GazaStreifen und Schritte zur vollen Selbstverwaltung der Palästinenser vor. "So lange der Frieden und die Gerechtigkeit für die Palästinenser nicht hergestellt sind, ist dieses Abkommen nicht erfüllt," beklagte er. Er entschuldigte sich nicht für seine Wurzeln in der Muslimbruderschaft, dieser isolierten, rückwärtsgewandten, religiösen Gruppierung, welche die stärkste Kraft der Opposition gegen Mubarak war und jetzt die ägyptische Politik beherrscht. "Ich wuchs mit der Muslimbruderschaft auf," sagte er. "Ich übernahm die Grundsätze der Muslimbruderschaft. Durch die Muslimbruderschaft lernte ich mein Land zu lieben. Ich wurde Politiker durch die Bruderschaft, und ich war einer der Führer der Muslimbruderschaft." Er verließ die Gruppierung, als er sein Amt antrat, blieb aber Mitglied ihrer politischen Partei. Er sehe "keinen Konflikt" zwischen seiner Loyalität gegenüber der Bruderschaft und seinem Amtseid, der ihn verpflichte, allen zu dienen – auch der christlichen Minderheit und den eher weltlich orientierten Ägyptern. "Ich beweise meine Unabhängigkeit, indem ich im Interesse der gesamten Bevölkerung meines Landes handle," hob er hervor. "Wenn die Muslimbruderschaft etwas Gutes vorschlägt, werde ich es übernehmen. Wenn die "Wafd", die älteste liberale Partei Ägyptens (s. http://de.wikipedia.org/wiki/Wafd-Partei), einen besseren Vorschlag hat, werde ich den übernehmen." Wiederholt versprach er, allen Ägyptern die Bürgerrechte zu garantieren, unabhängig von ihrer Religion, ihrem Geschlecht oder ihrer Klassenzugehörigkeit. Er stand aber auch zu seiner religiösen Überzeugung, die er schon als einer der Führer der Muslimbruderschaft vertreten hatte: Weder eine Frau noch ein Christ sei für das Präsidentenamt geeignet. "Wir sprechen über Werte, religiöse Überzeugungen, Kulturen, Geschichte und die heutige Realität," führte er aus. Die Entscheidung über die Eignung für das Präsidentenamt liege bei den islamischen Gelehrten und nicht bei ihm. Unabhängig von seinen eigenen Ansichten oder den Auffassungen der Bruderschaft sei das Zivilrecht aber eine ganz andere Sache. "Ich werde eine Frau nicht davon abhalten, für das Präsidentenamt zu kandidieren," meinte er. "Nach unserer Verfassung und unseren Gesetzen könnte sie das tun. Wenn Sie mich aber fragen, ob ich sie auch wählen würde, ist das etwas ganz anderes." Er war auch eifrig bemüht, über seine Erfahrungen mit der amerikanischen Kultur zu berichten, die er als Doktorant an der University of Southern California gemacht hat. "Auf, Trojaner!" scherzte er und erinnerte daran, dass er sich morgens von (der Fernsehmoderatorin) Barbara Walters (s. http://de.wikipedia.org/wiki/Barbara_Walters) und abends (von dem Fernsehjournalisten) Walter Cronkite (s. http://de.wikipedia.org/wiki/Walter_Cronkite) die Welt erklären ließ. "So war das damals!" bemerkte Mursi mit einem Lächeln. Seine Haltung war aber ambivalent. Er drückte seine Bewunderung für die Arbeitsmoral, die Pünktlichkeit und das Zeitmanagement in den USA aus. Als ein Dolmetscher aber übersetzte, Mursi habe in den USA "eine Menge gelernt", warf er schnell in Englisch ein: "Was die Wissenschaft betrifft!" Die gewalttätigen Banden in den Straßen von Los Angeles hätten ihn beunruhigt, und die losen sexuellen Sitten des Westens hätten ihn schockiert, zum Beispiel die unverheiratet zusammenlebenden Paare und die "Oben-Ohne-Bedienungen" in den Hooters-Restaurants. "Das bewundere ich nicht," betonte er. "Aber so ist die westliche Gesellschaft nun mal. Sie geht ihre eigenen Wege." ' [ENDE]


Originalquelle/n:
The New York Times, 22.09.12
http://www.nytimes.com/2012/09/23/world/middleeast/egyptian-leader-mohamed-morsi-spells-out-terms-for-us-arab-ties.html?pagewanted=all

Übersetzung:
Jung, Wolfgang

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Anmerkung/en und Kommentar/e des Übersetzers:
"(Wir haben den Artikel komplett übersetzt und mit Ergänzungen und Links in Klammern und Hervorhebungen versehen. Derart klare Forderungen an die USA wünschen wir uns auch von unserem neu gewählten Bundespräsidenten. Anschließend drucken wir den Originaltext ab.)"




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Erfasst am 10.10.2012
Quelle des "Luftpost"-Artikels:
http://www.luftpost-kl.de/luftpost-archiv/LP_12/LP17212_260912.pdf