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(Artikel * 2012) Kößler , Reinhart
Der Friedhof der Zwangsarbeiter Knochenfunde in Namibia verweisen auf deutsche Kolonialverbrechen in Namibia
in iz3w Nr. 331 * Seite 38 - 39
Themen: Geschichte; Kolonialismus * Namibia * Zwangsarbeit * Dok-Nr: 243313
Standorte: A3W Osnabrück; FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Geraubte Gebeine

Der Friedhof der Zwangsarbeiter
Knochenfunde verweisen auf deutsche Kolonialverbrechen in Namibia

Im Januar 2011 wurden bei Bauarbeiten an der Eisenbahnstrecke bei Lüderitz Gebeine gefunden. Sie stammen höchstwahrscheinlich von Nama und Ovaherero, die dort zu Beginn des 20. Jahrhunderts von den Deutschen zur Zwangsarbeit interniert waren. Die Funde führten in Namibia zu Debatten über den angemessenen Umgang mit Opfern des Kolonialismus.

von Reinhart Kößler

Über der Aufmerksamkeit, die die Repatriierung verschleppter menschlicher Überreste aus Deutschland nach Namibia auf sich gezogen hat, wird leicht übersehen, dass ähnliche Probleme sich auch in Namibia selbst stellen. Das Auftauchen menschlicher Gebeine ist in den letzten Jahren in Namibia zu einem nahezu regelmäßigen Ereignis geworden. Immer stellt sich dabei die Frage, wer die Menschen waren, deren Überreste meist völlig unerwartet auf der Erdoberfläche gefunden oder bei Baumaßnahmen ausgegraben werden.
Diese Frage ruft unterschiedliche Assoziationen auf. Im Norden des Landes werden Massengräber zuerst mit dem Befreiungskrieg der 1970er und 1980er Jahre in Zusammenhang gebracht. Dabei spielen die ungeklärten Ereignisse des 1. April 1989 eine Rolle, als zahlreiche SWAPO-Kämpfer zu Beginn der Übergangsphase von der neu mobilisierten südafrikanischen Armee umgebracht worden waren. Im Süden liegt es eher nahe, an den länger zurückliegenden Namibischen Krieg von Ovaherero und Nama gegen die deutsche Kolonialmacht (1903-1908) zu denken.
Im kleinen Küstenort Lüderitz, wo die Kolonisierung »Deutsch-Südwestafrikas« 1884 begonnen hat, drängt sich der Zusammenhang mit der Haifischinsel auf. Auf jenem aus dem Hafen aufragenden Felsen hielt die Kolonialmacht Nama und Ovaherero – Frauen, Männer, Kinder, Alte, Gebrechliche – unter unmenschlichen Bedingungen gefangen. Tausende kamen aufgrund des ungewohnten nasskalten Küstenklimas, der miserablen Versorgung und der rücksichtlosen Zwangsarbeit ums Leben. Ihre kaum markierten Gräber waren jahrzehntelang vernachlässigt und vergessen.
Erst am 26. August 2010 weihte Präsident Hifikepunye Pohamba anlässlich des nationalen Heroes Day, der in jenem Jahr in Lüderitz abgehalten wurde, ein Grab mit entsprechender Inschrift feierlich ein. Hier wurden Gebeine beigesetzt, die in der Umgebung von Lüderitz aufgefunden worden waren. Damals bemängelten Interessierte und BeobachterInnen, dass keine Anstrengungen unternommen wurden, um festzustellen, ob diese Gebeine wirklich von »Heldinnen und Helden« stammen – also von Opfern des deutschen Kolonialismus, die im Zusammenhang mit den antikolonialen Widerstandskriegen umgekommen sind.

Land voller Knochen
Nach nur wenigen Monaten stellten weitere Knochenfunde Betroffene und Behörden vor neue Probleme. Die Erneuerung der Eisenbahntrasse von Keetmanshoop nach Lüderitz erforderte den Neubau des Bahndamms, der direkt durch ein Gräberfeld führt. Dem unbedarften Blick erschließt sich der Charakter des Ortes kaum. Bei genauerem Hinsehen erkennt man niedrige, diffuse Grabhügel und auch kleine Steine, die auf den Gräbern aufgerichtet wurden. Die Lage dieses Gräberfeldes kann nicht verwundern, wurden die auf der Haifischinsel und in kleineren Konzentrationslagern auf dem Festland gefangen Gehaltenen doch systematisch zur Zwangsarbeit gerade beim Eisenbahnbau eingesetzt. Die so genannte Südbahn war ein strategisches Projekt, um die Nachschublinien der Schutztruppe zu verbessern, die noch immer gegen hartnäckige Nama-Guerillakämpfer in der Kalahari kämpfte.
Auch die weiteren historischen Verwicklungen mit dem Deutschen Reich sind bemerkenswert: Nicht zuletzt war der Bau dieser Eisenbahn Anlass für die so genannten »Hottentottenwahlen« 1907. Hierbei besiegte Reichskanzler Bülow die Reichtagsmehrheit von Sozialdemokratie und Zentrum in einer Kampagne, die diesen Parteien unpatriotisches Verhalten vorhielt, weil sie im Dezember 1906 nicht eilfertig einem Nachtragshaushalt zur Finanzierung der Südbahn zugestimmt hatten.
Im Januar 2011 wurden beim Neubau des Eisenbahndamms in dem erwähnten Gräberfeld größere Mengen von Knochen ausgegraben. Im Folgenden kam es zu etlichem Hin und Her über Modalitäten und Kosten zwischen der Stadtverwaltung, dem für Lüderitz gewählten Vertreter im Karas Regional Council, der traditionellen Behörde der !Aman in Bethanien (deren Kaptein die Gegend 1884 an den Kaufmann Lüderitz aus Bremen verkauft hatte) und dem mit dem Eisenbahnbau beauftragten Unternehmen. Derweil wurden die menschlichen Überreste in 24 große graue Plastiksäcke gepackt und vorerst in einer Garage sowie in der Polizeistation von Lüderitz in einem ungekühlten, wenn auch abschließbaren Abstellraum zwischengelagert. Über die Zuordnung dieser menschlichen Überreste gibt es wenig ernsthafte Zweifel, weil die Lage und Bedeutung des Gräberfeldes eindeutig auf gefangene Nama- und Herero-ZwangsarbeiterInnen verweist.
Diese Lage wurde im Februar 2012 unhaltbar, nicht zuletzt angesichts des Geruchs, der nach über einem Jahr von den Säcken ausging. Inzwischen war versucht worden, aus dem felsigen Grund neben dem Gräberfeld drei große Grabstellen herauszuschlagen, um die Gebeine dort zu bestatten. Als sich zeigte, dass dies wegen des harten Untergrundes nicht durchführbar war, grub man weiter unten ein tiefes Grab, das ausgemauert wurde. Nach der Austrocknung des Mauerwerkes soll es nun die Überreste der Toten aufnehmen. Die Verantwortlichen sind sich darüber im Klaren, dass sich auf der dem Meer zu gelegenen Seite des Bahndamms aller Wahrscheinlichkeit nach noch weitere unmarkierte Gräber befinden. Diese sollen mittelfristig erforscht und die Toten umgebettet werden. Die sichtbaren Gräber sollen umzäunt werden. Außerdem ist die Errichtung eines Gedenksteins geplant, der die Bedeutung des Ortes deutlich machen soll.

Wer gedenkt?
All dies erfordert komplexe Auseinandersetzungen und Verhandlungen zwischen den beteiligten Gruppen. Es sind im Prinzip alle Ovaherero und Nama betroffen, so dass die zuständigen traditionellen Führer im Aushandlungsprozess berücksichtigt werden müssen. Diese Abstimmungsprozesse werden durch bestehende Fraktionierungen erschwert. Aufgrund der räumlichen Nähe sind zunächst vor allem Nama in Aktion getreten. Im Raum des kleinen Verwaltungsgebäudes des Regional Councillor für den Wahlkreis Lüderitz sitzen Ende Februar 2012 auch Vertreter der !Aman, die Lüderitz nach wie vor als traditionell zu ihrem Territorium gehörig betrachten.
Es gilt aber auch, die beiden großen Ovaherero-Gruppierungen einzubeziehen, die sich durch die Loyalität zum Oberhäuptling Kuaima Riruako einerseits, zu den älteren Herrscherhäusern andererseits, aber auch durch parteipolitische Orientierungen auf NUDO beziehungsweise SWAPO unterscheiden. Hinzu kommt die kleine Gruppe von Ovaherero, die in Lüderitz selbst leben. Ähnlich wie in der namibischen Delegation, die zur Einholung menschlicher Schädel im September 2011 nach Berlin kam, drücken sich auch hier die Gegensätze und Verwerfungen aus, die die namibische Gesellschaft prägen und die es schwer machen, zu gemeinsamem Handeln zu finden.
Im Falle des Gräberfeldes bei der Südbahn sind jedoch offenkundig alle Anwesenden bemüht, dies möglich zu machen. Symbolisch soll das gemeinsame Anliegen durch den Gedenkstein zum Ausdruck kommen, der an einer erhöhten Stelle des Gräberfeldes aufgestellt werden soll. Wichtig daran ist vor allem, dass er eine dreisprachige Botschaft in Englisch, Nama und Otjiherero trägt.

»Das sind unsere Leute«
Nachdem all dies wenigstens vorläufig geklärt war, begab sich am 29. Februar eine kleine Gruppe der lokalen und der von auswärts angereisten Beteiligten zum örtlichen Polizeihauptquartier, um die dort lagernden Knochen, beziehungsweise die Plastiksäcke, in die sie verpackt waren, kurz in Augenschein zu nehmen. Der junge Polizist hat Mühe, den richtigen Schlüssel zu finden. Aus dem gegenüberliegenden Polizeigefängnis sind laute, aufgeregte Stimmen zu hören. Schließlich ist die Tür zu einer Art Garage geöffnet, dahinter um die Ecke befindet sich eine zweite Tür. Durch die Türöffnung sind auf einem Podest, das aussieht, als sei es eher zufällig zusammengefügt, hinter- und übereinander die dunkelgrauen Säcke zu sehen. Photographieren ist nicht erlaubt.
Jemand sagt: »Das sind unsere Leute«. Der offensichtlich aus dem Norden stammende, oshiwambosprachige Polizist bemerkt trocken: »Leute sterben doch jeden Tag«. Auch hier zeigt sich das Problem, in Namibia mit einer schwer belasteten Vergangenheit ins Reine zu kommen. Die historischen Lasten sind nicht für alle NamibierInnen dieselben: Für Leute aus dem Süden und dem Zentrum des Landes sind der Genozid an Herero und Nama und der Namibische Krieg nach wie vor in der Erinnerung präsent. Für Menschen, die ihre Bezüge im Norden haben, spielen andere Ereignisse eine sehr viel wichtigere Rolle, insbesondere die Repression während des Befreiungskrieges in den 1980er Jahren und das damalige Kriegsgeschehen.
In Windhoek lösen die Berichte über die Funde bei der Südbahn Debatten in den verschiedenen technischen Komitees aus, ob dem Augenschein zu trauen ist oder doch versucht werden muss, mit gerichtsmedizinischen Mitteln die Identität der Toten zu klären. Einer Aktivistin gelingt es, von Beerdigungsinstituten 17 Särge für die Bestattung der Gebeine als Spende zu bekommen. Die nächste Hürde besteht im Transport der Särge nach Lüderitz wo die endgültige Bestattungszeremonie stattfinden soll.


Reinhart Kößler arbeitet am Arnold-Bergstraesser-Institut und lehrt am Seminar für Wissenschaftliche Politik der Universität Freiburg. Er forscht zur Erinnerungspolitik zwischen Namibia und Deutschland.