Volltext

(Artikel * 2012) Förster , Larissa
" These skulls are not enough " Der Restitutionsprozess in Namibia zwischen Vergangenheits- und Interessenpolitik
in iz3w Nr. 331 * Seite 36 - 37
Themen: Genozid; Kolonialismus; Identität * BRD; Namibia * * Dok-Nr: 243310
Standorte: A3W Osnabrück; FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Geraubte Gebeine

»These skulls are not enough«
Der Restitutionsprozess in Namibia zwischen Vergangenheits- und Interessenpolitik

»Diese Schädel reichen nicht«, sagte der jüngst verstorbene Herero-Chief Alphons Maharero bei der Rückgabe von Gebeinen in Berlin am 29. September 2011. Darüber herrscht in Namibia weitgehend Einigkeit, die Restitution ist im ehemaligen »Deutsch-Südwestafrika« vergangenheitspolitisch hoch relevant. Im Einzelnen gehen die Vorstellungen jedoch auseinander.

von Larissa Förster

Als das Flugzeug mit den in Kisten verpackten restituierten Schädeln aus der Berliner Charité auf dem Windhoeker Flughafen landete, war kein Halten mehr: Hunderte von NamibierInnen, die aus Windhoek und aus anderen Landesteilen angereist waren, stürmten auf das Rollfeld, um die menschlichen Überreste, aber auch die namibische Delegation feierlich zu empfangen. Transparente und Flaggen wurden hochgehalten, Heimkehrende wurden umarmt, ein Chor und eine Blaskapelle suchten dem Ereignis musikalisch gerecht zu werden. Mitglieder der Herero-Truppenspielerbewegung Oturupa paradierten zu Füßen des Flugzeugs und rezitierten Kriegs- und Klagelieder. Die Menge musste erst wieder vom Rollfeld gedrängt werden, bevor die Schädel mit militärischen Ehren entgegengenommen werden und Premier- und Kulturminister, deutscher Botschafter und RepräsentantInnen der Delegation ihre Statements austauschen konnten.
Die »Rückkehr der Schädel« ist unbestritten ein zentrales Ereignis in der fast 108-jährigen Geschichte der deutsch-namibischen Beziehungen seit dem genozidalen Kolonialkrieg. Nicht nur aus namibischer Perspektive sind die Schädel aufgrund ihrer Herkunft aus dem Gefangenenlager auf Shark Island ein unwiderlegbarer Beweis kolonialer Repression. Ihre Rückgabe konnte entsprechend als das erste manifeste Eingeständnis dieser Gewalt durch die Bundesrepublik gedeutet werden. Ein solches Eingeständnis schien überfällig angesichts des seit vielen Jahren eingeforderten offenen Dialogs zwischen den betroffenen Communities sowie namibischer und deutscher Regierung über Krieg und Genozid.
Viele verbanden mit der Rückführung der Schädel die Hoffnung, mit der deutschen wie mit der namibischen Regierung über die Frage von symbolischer und materieller Wiedergutmachung ins Gespräch zu kommen – allen voran die drei Komitees, aus deren Mitgliedern sich die namibische Delegation großenteils zusammensetzte: das Ovaherero Genocide Committee, das Chief Kuaima Riruako nahesteht; das sogenannte OCD-1904 (Ovaherero/Ovambanderu Council for the Dialogue on the 1904 Genocide), das die von der namibischen Regierung anerkannten Royal Houses der Herero repräsentiert; und das Nama Technical Committee, das wiederum mit dem Ovaherero Genocide Committee zu einer Aktionseinheit gefunden hat. Die Hoffnung auf einen deutsch-namibischen Dialog wurde allerdings spätestens bei der Übergabe der menschlichen Überreste in Berlin enttäuscht. Vieles weist seitdem auf eine Radikalisierung der Komitees und derer, die sie repräsentieren, hin.
Aber auch aus gesamtnamibischer Perspektive wurde der Rückkehr der Schädel eine wichtige Bedeutung zugemessen: Bereits mit der Finanzierung der Berlinreise der etwa 70-köpfigen namibischen Delegation hatte die namibische Regierung die Bedeutung der Restitution für den Prozess des Nation Building klar hervorgestrichen. Die offiziellen Feiern anlässlich der Rückkehr der Schädel waren entsprechend ›national‹ gehalten. Zunächst wurden die Schädel 24 Stunden lang im Parlamentsgarten aufgebahrt, wie es sonst nur zu Staatsbegräbnissen üblich ist. Die RednerInnenliste integrierte zahlreiche VertreterInnen der unterschiedlichen ethnischen und religiösen Communities.
Mit einer feierlichen Zeremonie auf dem Heroes Acre, an der die politische Elite des Landes zugegen war, wurden die NamibierInnen, um deren Schädel es ging, zu nationalen HeldInnen und MärtyrerInnen erklärt. Sowohl der namibische Staatspräsident als auch der deutsche Botschafter Egon Kochanke forderten in ihrer Rede, dass weitere menschliche Überreste in deutschen Sammlungen identifiziert und restituiert werden müssten. Bemerkenswert war in diesem Zusammenhang, dass keine der Gruppen oder Einzelpersonen, die sich normalerweise auf Seiten der deutschsprachigen NamibierInnen um das Andenken an die Kriegstoten von 1904-1908 kümmern, an den offiziellen Feierlichkeiten teilnahm. Das war 2004 anlässlich des 100-jährigen Gedenkens an den Kriegsausbruch noch anders. Die potentielle Bedeutung des Ereignisses für den nationalen Versöhnungsprozess wurde von vielen weißen NamibierInnen nicht realisiert.
Auf die beiden offiziellen Feiern folgten schließlich diverse Feiern auf lokaler und Community-Ebene: Im Herero-Kommando in Katutura wurden während einer ganzen Woche Mahnwachen für die Opfer des Genozids gehalten. In Okahandja wurde ein Trauer- und Reinigungsritual durchgeführt, wie es sonst nach dem Tod von Familienmitgliedern üblich ist. In Omaruru wurde der Zeraua-Tag und in Ozombu Zovindimba das Gedenken an die Erteilung des »Vernichtungsbefehls« durch General von Trotha zu einer Gedenkfeier für die heimgekehrten Schädel umgestaltet.
Sowohl in Omaruru als auch in Ozombu Zovindimba wurde der Ruf nach einem Schulterschluss der drei Komitees laut, die seit mehreren Jahren zwar die gleichen erinnerungspolitischen Ziele verfolgen, aufgrund der Um- und Zerstrittenheit einiger ihrer politischen Führer jedoch oftmals eher gegeneinander arbeiten. Vorschläge in diese Richtung waren etwa die Gründung einer namibiaweiten NGO oder die Zusammenarbeit mit anderen affected communities wie Damara und San. Während die macht- und parteipolitischen Differenzen zwischen den Komitees im Zuge der Rückführung in den Hintergrund getreten zu sein schienen, stehen sie mittlerweile wieder im Vordergrund. Das hat auch innernamibisch zu Kritik an Versuchen der ethnischen und parteipolitischen Vereinnahmung des Restitutionsprozesses geführt. Die namibische Regierung muss entsprechend bei weiteren Rückgabeverhandlungen versuchen, ethnische und parteipolitische Identitäten einzubinden, daraus resultierenden Exklusionen und Alleinvertretungsansprüchen aber entgegenzuwirken.

Ausstellen oder bestatten?
Einigkeit herrscht zwischen den Komitees allerdings derzeit in der zentralen Frage, wo die bisher restituierten Schädel und weiter zu erwartende Schädel aufbewahrt werden sollen. Da die Schädel nicht individuell identifiziert werden konnten, wurden die Ideen einer individuellen, lokalen Bestattung nicht weiterverfolgt. Das namibische Kabinett verabschiedete daher im Oktober 2008 den Beschluss, die Schädel auf dem Heroes Acre zu bestatten und damit dem nationalen Heldenpantheon einzuverleiben. Der Vorschlag ist naheliegend, wenn man bedenkt, dass auch Samuel Maharero, Jacob Marenga und Hendrik Witbooi auf dem Heldenfriedhof symbolische Gräber haben.
Die Mehrzahl der namibischen AktivistInnen verwahrte sich gegen eine solche Vereinnahmung von Regierungsseite. Zum einen hat der weit außerhalb von Windhoek gelegene Heroes Acre mit seiner stereotypen Symbolik und in seiner gigantomanischen Anlage wenig Akzeptanz in der Bevölkerung. Zum anderen verkörpern die Schädel für viele nicht nur die Opfer des Genozids, sondern sie sind auch Zeugen des Genozids – und sollten daher nicht begraben, sondern sichtbar und präsent sein.
So haben sich die Mitglieder der drei Komitees auf die Forderung geeinigt, dass die restituierten Schädel aufbewahrt und sogar ausgestellt werden sollen. Der gewünschte Ort ist das so genannte Independence Memorial Museum neben der Alten Feste Windhoek, das die namibische Regierung im Laufe dieses Jahres eröffnen will. Dreierlei Hoffnungen verbinden sich mit dieser Forderung: Jüngeren NamibierInnen aus den eigenen Reihen, also Herero und Nama, sollen die Schädel die koloniale Geschichte Namibias nahe bringen und die Opferschaft, aber auch das Heldentum ihrer Vorfahren veranschaulichen. Einem gesamtnamibischen Publikum würden sie verdeutlichen, dass die Geschichte des namibischen Befreiungskampfes mit dem antikolonialen Widerstand von herero- und namasprachigen NamibierInnen – und nicht erst mit der Aufnahme des bewaffneten Kampfs des SWAPO 1966 gegen das südafrikanische Militär − begonnen hat. Zuletzt würden sie vor einem nicht-namibischen Publikum Zeugnis ablegen vom »ersten Genozid des 20. Jahrhunderts«. So machte die Oppositionspartei SWANU, zu deren Wählerschaft viele hererosprachige NamibierInnen gehören, den Vorschlag, das Independence Memorial Museum in »Genocide Remembrance Centre« umzubenennen – eine Idee, die die namibische Regierung kaum aufgreifen wird.
Vorerst sind die restituierten Schädel im National Museum eingelagert worden, wo auch andere menschliche Überreste aufbewahrt werden, etwa solche, die bei Bau- oder archäologischen Arbeiten gefunden wurden und nicht zugeordnet und bestattet werden können. Allerdings ist nicht sicher, ob das Nationalmuseum und die Regierungsstellen, die für die Planungen des Museumsneubaus verantwortlich sind, auf die Forderung von Nama- und HereroaktivistInnen nach dem Ausstellen der Schädel eingehen werden. Das Ausstellen menschlicher Überreste wird in internationalen Museumskreisen zunehmend kritisch gesehen. Nur wenige Gedenkstätten wie etwa in Ruanda, Kambodscha oder auch Frankreich zeigen Knochenfunde aus Kriegen und gewaltsamen Auseinandersetzungen.

Unterschiedliche Perspektiven
Es bleibt daher abzuwarten, ob die Schädel tatsächlich in die geplante Abteilung des Independence Memorial Museums zum antikolonialen Widerstand integriert werden. Einerseits gibt es Hinweise auf das Entgegenkommen der Regierung in dieser Hinsicht. Andererseits ist auch der SWANU-Vorschlag zu einem oder mehreren Genozid-Mahnmalen zuletzt zwar verbal akzeptiert, jedoch budgetär nicht unterstützt worden. Auch Planungen, in Ozombu Zvindimba ein Denkmal zu errichten, das an die Erteilung des »Vernichtungsbefehls« erinnert, sollen angeblich eher von europäischen GeldgeberInnen unterstützt werden als von Seiten der namibischen Regierung.
Die Schädel sind damit zu einer pädagogischen und politischen Ressource geworden. Sie fungieren als Vehikel in einer Kampagne, die auf größere Zusammenhänge gerichtet ist als auf die Aufarbeitung wissenschafts- und museumshistorischer Unrechtskontexte. Im Focus steht die Anerkennung des Tatbestands des Völkermords, materielle Wiedergutmachung und Maßnahmen von »restorative justice« zwischen Deutschland und Namibia. Dies zeigte sehr deutlich auch der in Berlin letztes Jahr kurzfristig von Teilen der namibischen Delegation gemachte Vorschlag, die Schädel aus Protest gegen die Politik des deutschen Auswärtigen Amtes nicht entgegenzunehmen.
Man mag bedauern, dass die individuellen Schicksale, die hinter den Schädeln stehen, nach hundert Jahren abermals in den Hintergrund gedrängt werden. Doch muss die Entscheidung darüber allenthalben bei den affected communities liegen, die zuallererst mit der schmerzhaften Tatsache der durch rassistische Wissenschaftspraxen hergestellten Anonymität der Schädel und damit der Opfer umgehen müssen.


Larissa Förster ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Universität zu Köln. Sie ist Autorin des Buches »Postkoloniale Erinnerungslandschaften. Wie Deutsche und Herero in Namibia des Kriegs von 1904 gedenken«.