Volltext

(Artikel * 2012) Stoecker , Holger
Post vom Feldlazarett Namibische Schädel in Berliner anthropologischen Sammlungen
in iz3w Nr. 331 * Seite 32 - 33
Themen: Forschung; Kolonialismus; Rassismus * BRD; Namibia * * Dok-Nr: 243308
Standorte: A3W Osnabrück; FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Geraubte Gebeine

Post vom Feldlazarett
Namibische Schädel in Berliner anthropologischen Sammlungen

Zuerst Forschungsreisende, dann Offiziere, schließlich Kolonialbeamte: Die Personengruppen, die Schädel in Berliner Sammlungen schickten, spiegeln die Phasen der Kolonialisierung ‚Deutsch-Südwestafrikas’ wider. Ihre Exponate wurden an drei Institutionen mit unterschiedlichen Zuständigkeiten verteilt. Das macht die Befassung mit diesem Erbe nicht einfacher.

von Holger Stoecker

Die ersten Schädel aus dem südlichen Afrika, die sich heute in Berliner anthropologischen Sammlungen befinden, wurden im frühen 19. Jahrhundert hierher gebracht. Sie wurden von deutschen Forschungsreisenden in der zunächst holländischen, seit 1806 britischen Kapkolonie gesammelt, von europäischen Siedlern und Missionaren erworben oder »im Felde« gefunden. Die Forschungsreisenden sammelten seinerzeit ausgesprochen breit gestreut »exotische« Objekte.
Menschliche Schädel und Gebeine der indigenen Bevölkerung standen in jener Zeit noch nicht unmittelbar im Fokus des Interesses der entsandten Sammler. Sie waren dem Berliner Museumsdirektor Martin Hinrich Lichtenstein in seinen Instruktionen von 1815 noch keiner Erwähnung wert.1 Gleichwohl bildeten die vergleichsweise wenigen, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus der Kapprovinz nach Berlin gelangten Schädel den Auftakt zur Sammlung von Schädeln und anderen menschlichen Überresten (Human Remains) aus den kolonialen Territorien Afrikas. Bis zum Ersten Weltkrieg sollte sie auf mehr als tausend Objekte anwachsen.

Drei Sammlungen…
Von dieser Sammeltätigkeit profitierten in Berlin vor allem drei anthropologische Sammlungen. Die älteste ist die des damaligen Anatomischen Museums der Königlichen Universität Berlin. Sie gehört heute zum Centrum für Anatomie der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Die Sammlung reicht bis ins 18. Jahrhundert zurück und umfasst unter anderem die so genannte »Rasseschädelsammlung«. Deren Schädel stammen überwiegend aus außereuropäischen Regionen. Die hier befindlichen Human Remains aus dem südlichen Afrika wurden zwischen 1804 und 1910 gesammelt.
Eine zweite anthropologische Schädel-Sammlung (die »S-Sammlung«) wurde von Felix von Luschan am Berliner Museum für Völkerkunde zusammengetragen.2 Der Anthropologe und Ethnograph von Luschan war seit 1885 am Berliner Museum für Völkerkunde tätig und wirkte hier von 1904 bis 1910 als Direktor der Afrikanisch-Ozeanischen Abteilung. 1924 wurde die S-Sammlung der Berliner Universität übergeben und gelangte an das von Eugen Fischer, dem seinerzeit führenden deutschen Anthropologen und Rassenhygieniker, 1927 begründete Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik. Für dessen Forschungen auf dem Gebiet der Rassenhygiene und der biologischen Vererbungswissenschaft war die Sammlung nur von marginalem Interesse. 1943 wurde sie dem in Gründung befindlichen Institut für Rassenbiologie der Berliner Universität zugeordnet – das jedoch nicht mehr zustande kam. Nach dem Zweiten Weltkrieg gelangte die Sammlung an die Humboldt-Universität in Ostberlin, dort wurde sie seit 1955 vom Institut für Anthropologie betreut. 2005 wurde sie dem Berliner Medizinhistorischen Museum der Charité unterstellt. Schließlich wurde die S-Sammlung Ende 2011 wie auch der überwiegende Teil der »Rasseschädelsammlung« dem Museum für Vor- und Frühgeschichte Berlin übergeben.
Die Rudolf Virchow-Sammlung (»RV-Sammlung«) ist die dritte Sammlung. Sie enthält Schädel und Skelettbestandteile, die maßgeblich der Pathologe und Archäologe Rudolf Virchow zusammentrug. 1902 wurde die Kollektion an die Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte (BGAEU) übertragen. In den Wirren des 20. Jahrhunderts wurde die RV-Sammlung zusammen mit der S-Sammlung gelagert und bearbeitet. Die RV-Sammlung befindet sich bis heute im Besitz der BGAEU.3
Die drei genannten Sammlungen unterscheiden sich in ihrem rechtlichen Status und gehören zu verschiedenen Institutionen – was ihre wissenschaftshistorische Erforschung erschwert. Gleichwohl sind sie historisch eng miteinander verknüpft, vor allem über die 1869 gegründete BGAEU und einige ihrer führenden Persönlichkeiten wie Rudolf Virchow, Rudolf Hartmann, Gustav Fritsch, Felix von Luschan oder Hans Virchow. Diese Gesellschaft von Gelehrten und Experten bildete ein gemeinsames Aktionsfeld sowohl für Sammler und Forschungsreisende als auch für Wissenschaftler und Sammlungskuratoren. Diese vernetzte sie mit Museen, Universität, Charité und Publikationsorganen. So ist es sinnvoll, die drei Sammlungen gemeinsam zu betrachten.

… und drei Sammelphasen
Für die Sammlung von Human Remains aus dem heutigen Namibia lassen sich seit dem Beginn der deutschen Kolonialherrschaft drei Phasen ausmachen. In der Frühphase 1884/85 bis etwa 1903 hielten sich, nach Wiedergabe des Forschungsreisenden Hans Schinz, mehr »Wissenschaftler ... in Deutsch-Südwestafrika auf, als Kolonialbeamte oder Soldaten«4. Schinz, der sich an der Expedition des Bremer Kaufmanns Adolf Lüderitz beteiligte, schickte selbst drei Schädel nach Berlin. Seit den 1890er Jahren beteiligten sich zunehmend Stabsärzte der deutschen Schutztruppe und der Marine an der Sammlung und Verschickung von Human Remains.
Deren Zuschreibungen zu den lokalen Ethnien der San, Herero, Nama und Ovambo beruhen nahezu ausschließlich auf den überlieferten Angaben der damaligen Sammler und sind entsprechend kritisch zu betrachten. Zudem war das Sammlungsinteresse mit dem Paradigma verbunden, dass die Zugehörigkeit zu einer bestimmte Ethnie sich in »rassenbiologischen« Merkmalen widerspiegele, die es zu erforschen gelte. Jedoch hat sich die Verknüpfung von sozialen Identitäten (wie der ethnischen Zugehörigkeit) mit biologischen Kategorien längst als Irrweg erwiesen.
Die zweite Erwerbungsphase umfasst die Jahre des genozidalen Kolonialkrieges gegen Herero und Nama von 1904 bis 1908. Dieser Abschnitt der deutschen Kolonialgeschichte war am stärksten von kolonialer Gewalt geprägt. Dies spiegelte sich hinsichtlich der Einlieferer insofern, dass nun vor allem Kolonialoffiziere und -ärzte in Erscheinung traten. Die inhumanen Zustände in den Konzentrationslagern Deutsch-Südwestafrikas verursachten eine hohe Mortalität. Im berüchtigten Gefangenenlager auf der Haifischinsel führte die Unterbringung in Zelten unter harten klimatischen Bedingungen, eine vitaminarme Mangelernährung und Zwangsarbeit zu knapp 4.000 Toten. Angesichts der auf der »Insel des Todes« herrschenden Lagerbedingungen erscheint es gerechtfertigt, von einer Vernichtung menschlichen Lebens durch Vernachlässigung zu sprechen.5
Im Feldlazarett XII des Lagers auf der Haifischinsel wurden Leichen der Internierten von Stabsarzt Dr. Hugo Bofinger und seinen Mitarbeitern obduziert. Die abgetrennten Köpfe wurden mit Formalin konserviert, in Kanister verpackt und an das Anatomische Institut in Berlin verschickt. Damit bedienten sie deren Anforderungen nach anatomischem Untersuchungsmaterial aus der Kolonie Deutsch-Südwestafrika. Geheimrat Wilhelm Waldeyer, Institutsdirektor der Berliner Anatomie, hatte bereits 1905 über das Schutztruppen-Kommando Gehirne und Schädel von Herero bestellt und erhalten.6 Während des Kolonialkrieges erfuhren die namibischen Human Remains in den Berliner Sammlungen den stärksten Zuwachs. So stammen aus diesem Zeitraum sämtliche im September 2011 von der Charité nach Namibia restituierten Schädel.7
Die hieran anschließende dritte und letzte Sammlungsphase währte bis etwa 1911/12. Sie war geprägt durch eine zunehmende wirtschaftliche, administrative und infrastrukturelle Erschließung der Kolonie. Daher traten in diesem Zeitraum vermehrt Verwaltungsbeamte, Regierungsgeologen, Kartographen und Landvermesser im amtlichen Auftrag, aber auch Angestellte von privaten Bergbauunternehmen als Schädelsammler auf.

Kritische Wiederentdeckung
In Berlin reichte Institutsdirektor Waldeyer diese Schädel weiter an den Anatomen und Anthropologen Paul Bartels, damals 3. Assistent am Anatomischen Institut. Bartels führte selbst an 25 der eingelieferten Köpfe anatomische Untersuchungen der Gesichtsmuskulatur durch. Einige Köpfe stellte er seinen Doktoranden Werner Grabert, Christian Fetzer und Heinrich Zeidler für »rassenanthropologische« Untersuchungen zur Verfügung.8 Der Berliner Anatom Hans Virchow nutzte vor und nach dem Ersten Weltkrieg namibische Schädel für anatomische Untersuchungen.9 Weitere Forschungen an den namibischen Human Remains sind nicht bekannt.
Erst 2008 wurden sie von einer kritischen Öffentlichkeit »wiederentdeckt«, die seitdem ihre Restitution nach Namibia fordert. Daraufhin begann Ende 2010 das interdisziplinäre, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte »Charité Human Remains Project«, sich erstmals kritisch mit der Geschichte der Berliner anthropologischen Sammlungen auseinanderzusetzen.

Anmerkungen
1 Vgl. Martin Hinrich Lichtenstein: Instructionen für die auswärtigen Reisenden und Sammler (1815), in: Ulrich Moritz u.a. (Hg.): Vorstoss ins Innere. Streifzüge durch das Berliner Museum für Naturkunde, Berlin 2010, S. 27-45.
2 Diese ist nicht zu verwechseln mit der eigentlichen, ethnographisch ausgerichteten Schädelsammlung, die sich heute am Ethnologischen Museum Berlin befindet.
3 Vgl. Ulrich Creutz: 100 Jahre anthropologische Rudolf Virchow-Sammlung der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte, in: Mitteilungen der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte 27, 2006, S. 15-22.
4 Dag Henrichsen/ Gesine Krüger: »Kreuz- und Querzüge in Afrika«: darf man alles sammeln?, in: Gitte Beckmann (Hg.): »Man muss eben Alles sammeln«. Der Zürcher Botaniker und Forschungsreisende Hans Schinz und seine ethnographische Sammlung Südwestafrika, Zürich 2012.
5 Casper Wolffe Erichsen: Forced Labour in the Concentration Camp on Shark Island, in: Jürgen Zimmerer / Joachim Zeller (eds.): Genocide in German South-West Africa. Monmouth 2008, S. 84-99.
6 Wilhelm Waldeyer: Gehirne südwestafrikanischer Völker, in: Sitzungsberichte der Königlich Preussischen Akademie der Wissenschaften 1906, Berlin 1906,
S. 3-8.
7 Andreas Winkelmann: Zeugen zweier Geschichten. In: Deutsches Ärzteblatt 109, Heft 15, 13. April 2012, S. A 754 f.
8 Werner Grabert: Anthropologische Untersuchungen an Herero- und Hottentotten-Kehlköpfen, in: Zeitschrift für Morphologie und Anthropologie 16, 1913/14, S. 66-94; Christian Fetzer: Rassenanatomische Untersuchungen an 17 Hottentottenköpfen, in: ebenda, S. 95-156; Heinrich Zeidler: Beiträge zur Anthropologie der Herero, in: ebenda 17, S. 185-246; ders.: Beiträge zur Anthropologie der Gesichtsweichteile der Neger, in: ebenda 21, S. 153-184.
9 Hans Virchow: Muskelmarken am Schädel, in: Zeitschrift für Ethnologie 42, 1910, S. 638-654; ders.: Zur Anthropologie der Nase, Zeitschrift für Ethnologie 56, 1924, S. 94-111.


Holger Stoecker ist Historiker und Mitarbeiter beim Charité Human Remains Project.