Volltext

(Artikel * 2012) Wegmann , Heiko
Im Dienst der Wissenschaft Die Schädel der Alexander-Ecker-Sammlung wurden in deutschen Kolonien beschafft
in iz3w Nr. 331 * Seite 27 - 29
Themen: Forschung; Kolonialismus; Rassismus * BRD; Kamerun; Namibia * * Dok-Nr: 243306
Standorte: A3W Osnabrück; FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Geraubte Gebeine

Im Dienst der Wissenschaft
Die Schädel der Alexander-Ecker-Sammlung wurden auch in deutschen Kolonien beschafft

Die Freiburger Alexander-Ecker-Sammlung ist eine der großen anatomischen und anthropologischen Sammlungen in Deutschland. Ihre Bestände aus früheren Kolonien wurden allerdings großteils illegitim und gewaltsam angeeignet. Das gilt vor allem für die Zeit ab 1900 und besonders seit 1918 unter der Leitung des Anthropologieprofessors Eugen Fischer.

von Heiko Wegmann

Die Ecker-Sammlung umfasst heute etwa 1.600 Archivierungsnummern, davon 1.370 Schädel. Der größere Teil davon stammt aus Deutschland, insbesondere Süddeutschland. Ein knappes Drittel kommt aus Übersee.
Die Sammlung geht bis auf das Jahr 1810 zurück, als ein Afrikaner in Freiburg an Tuberkulose starb. Sein Skelett wie auch einige so genannte »Chinesen-Schädel« bildeten den Grundstein der 1857 von Professor Ecker gegründeten Sammlung. Das Deutsche Reich existierte noch nicht, aber mit Freiburg verbundene Mediziner, Missionare, Forscher und Kaufleute sandten Schädel aus aller Welt dorthin. Darunter befand sich beispielsweise der Zivil-General-Gouverneur der ägyptischen Provinz Darfur Friedrich Rosset, ein aus Freiburg stammender Sohn eines Kolonialwarenhändlers.
Ein besonderes Engagement beim Ausbau der Sammlung legte der Mediziner und Anthropologe Eugen Fischer (1874-1967) an den Tag. Er ließ sich zahlreiche menschliche Schädel und Weichteile schicken. 1908 verbrachte er selbst einen mehrmonatigen anthropologischen Forschungsaufenthalt in »Deutsch-Südwestafrika«.

In Spiritus
1905 gelangten auf Fischers Bestellung mehrere Köpfe aus einer Gruppe aus Deutsch-Neuguinea, die wegen Mordes hingerichtet worden waren, in die Sammlung. Von der Hinrichtung sind Fotos überliefert, und der beiwohnende Kolonialarzt Wendland schrieb in einem Erinnerungsbuch: »Die drei zuletzt Erschossenen sollten nach ihrem Tode wenigstens der Wissenschaft noch einen Dienst leisten. Ein Professor der Anthropologie an einer süddeutschen Universität hatte sich an das Kolonialamt mit der Bitte gewandt, die Regierungsärzte in den Schutzgebieten zu veranlassen, ihm zu Studienzwecken Köpfe von Eingeborenen in Spiritus konserviert zu übersenden. Den Aerzten war nahegelegt worden, diesem Wunsch des Professors, wenn möglich, nachzukommen. Jetzt bot sich Gelegenheit dazu [...]. Außerdem waren die Köpfe unversehrt geblieben, da die die Erschießung ausführenden Soldaten auf die Brust und das Herz gezielt hatten. So ließ ich die Köpfe der zuletzt Erschossenen abschneiden und in die Apotheke bringen, wo ich geeignete Blechgefäße mit Spiritus, die nur zugelötet zu werden brauchten, für ihren Versand bereit gestellt hatte.« Die Verschickung an Fischer übernahm der Gouverneur von Deutsch-Neuguinea, Albert Hahl.
Noch im selben Jahr hielt Fischer vor der gemeinsamen Versammlung der Deutschen und der Wiener Anthropologischen Gesellschaft einen Vortrag über »Anatomische Untersuchungen an den Kopfweichteilen zweier Papua«. Darin vermerkte er ganz offen die Vorgeschichte und dankte ausdrücklich für die Köpfe, denn Untersuchungen an Weichteilen von »Menschen fremder Rassen« seien immer noch »seltene Erscheinungen«.1
Auf der Grundlage von gerade einmal zwei Köpfen sowie des Kopfes eines Neugeborenen aus einer anderen Sammlung formulierte Fischer seine vorgefasste Haltung, dass es sich bei den Papua um eine »tiefstehende, im Vergleich zu uns wenig entwickelte Rasse« handele. Seine Forderung, man müsse sich schnell um wesentlich mehr Schädel und Weichteile der »rasch dahinschwindenden Primitivrassen« bemühen, fand große Unterstützung unter den anwesenden führenden Anthropologen.

Koloniale Netzwerke
Ein anderes Beispiel sind die Maka-Schädel aus Kamerun, die über einen Major der »Schutztruppe«, Hans Dominik, in die Sammlung gelangten. Dominik war wegen seines gewaltsamen Vorgehens gegen die EinwohnerInnen Kameruns äußerst umstritten. So warf ihm August Bebel im Reichstag vor, er habe seinen Söldnern befohlen, getöteten Gegnern Körperteile abschneiden zu lassen, um die Zahl der Gefallenen zu belegen. Verbürgt ist seine Praxis, in den Kämpfen gegen die Maka und die Omvang 1910 gefangene Frauen an seine alliierten Hilfstruppen zu »verschenken«. Dominik hatte zuvor 1906/07 so genannte Strafexpeditionen gegen die aufständischen Maka durchgeführt, über die sogar im provinziellen Freiburg in der Zeitung berichtet wurde.
Eugen Fischer zeigte sich in dem von ihm verfassten Nachruf auf Dominik als entschiedener Kolonialbefürworter, der sich hinter die Methoden Dominiks stellte. In jahrelangen Streifzügen und in blutigen Gefechten habe er »uns« einen guten Teil der Kolonie Kamerun erobert und die tatsächliche Herrschaft der Deutschen erst durchgesetzt. Wenn es nötig gewesen sei, sei er unnachsichtig streng und hart gewesen, denn »nur so sind Neger zu beherrschen; sie wollen rücksichtslos strenge Herren«, behauptete der Anthropologe. Dominik habe sich glänzend gegen »elendes Geschwätz« gerechtfertigt, »traurig, daß er das mußte!«
Über den kaiserlichen Regierungsarzt Haberer (»ein halber Freiburger«), der im Bezirk Jaunde eng mit Dominik zusammengearbeitet und eine Maka-Expedition mitgemacht habe, sei ein Band zwischen Dominiks Wirken und Freiburg geknüpft worden: Dieser habe Dominik »auf gewisse Wünsche der hiesigen anthropologischen Sammlung« hingewiesen, die daraufhin eine »äußerst kostbare Schenkung« bekommen habe, so Fischer. Dominik »sandte die Skelette zweier prächtiger, erwachsener Gorillas und eines Schimpansen und eine Anzahl Schädel und Präparate von Maka-Negern und viele andere Objekte – die schönen Gaben und der Geber werden nicht vergessen werden«.2
Bemerkenswert ist, dass Fischer die Bedeutung der Schädel der menschlichen Bewohner Kameruns derjenigen der Affenskelette nachordnet. Dazu wird deutlich, dass Dominik nicht auf friedlichem Wege mit den Maka in Kontakt trat, sondern im Zuge militärischer Aufstandsbekämpfung. Haberer war für Präparierung und Versand zuständig. Das Überseemuseum Bremen kaufte 1936 von einem Hamburger Ethnografica-Händler einen anderen Schädel eines hingerichteten Maka, den Dominik seinerzeit verschenkt hatte.3
Freiburg ist also kein Einzelfall. Anlässlich Dominiks Tod als Folge einer Fiebererkrankung bei der letzten Maka-Expedition bilanzierte Fischer im Nachruf: »Afrika kostet uns teure Leben und ist dadurch für immer fest an uns gekettet.« Diese Haltung behielt er auch nach der Wegnahme der deutschen Kolonien durch die Siegermächte des ersten Weltkriegs. So trat er Anfang 1919 als Redner bei einer politischen Protestveranstaltung der Deutschen Kolonialgesellschaft in Freiburg auf, die sich für das Recht auf deutschen Kolonialbesitz stark machte. Ein Jahr später hielt hier auch Professor Haberer auf Einladung der Deutschen Kolonialgesellschaft einen Vortrag an der Universität über »Kamerun. Land und Leute« – ein Hinweis darauf, wie die kolonialen Netzwerke funktionierten.

Bastardisierungsprobleme
Die koloniale Rassenforschung wurde zu einem Hauptzweig von Fischers Forschung. Kurz nach Ende des Herero- und Nama-Krieges 1908 machte er sich selbst auf den Weg nach »Deutsch-Südwestafrika«. Bereits die Berichte über den Kolonialkrieg und die erhitzten Kolonialdebatten im Reichstagswahlkampf 1906/07 hatten ihn sehr beschäftigt. Durch persönliche Schilderungen des Schutztruppenoffiziers Bartenstein wurde Fischer auf eine isolierte »Mischlingsbevölkerung« aus Buren und »Hottentotten« (d. h. Nama) aufmerksam gemacht, die ihm bald als wissenschaftliche Versuchsgruppe für »Rassenmischung« prädestiniert erschien. Die 1913 veröffentlichte Studie »Die Rehoboter Bastards und das Bastardisierungsproblem beim Menschen« begründete seine weitere Karriere wesentlich mit. Während er die »Baster« wegen ihrer ‘weißen Anteile’ rassisch höher einstufte als die anderen Bevölkerungsgruppen, behauptete er ihre Minderwertigkeit gegenüber den EuropäerInnen, gerade aufgrund »rassenpsychologischer« Eigenschaften wie vorgebliche Faulheit und Stumpfsinnigkeit. Entsprechend lehnte er »Rassenmischung« ab, da aus Sicht der Weißen immer eine Verschlechterung der »Rasseneigenschaften« zu gewärtigen sei.4
Die »Baster« würden »inmitten weißen Mannes Land« [sic!] nur gedeihen, solange die Regierung ihre schützende Hand über sie halte. In sozialdarwinistischer Denkweise argumentierte Fischer, die »Baster« seien nur so lange zu erhalten und zu erziehen, wie sie als Mittelvolk zwischen Weißen und Schwarzen, etwa als »eingeborene Polizeimannschaft«, bestimmte Funktionen in der Arbeitsteilung erfüllten: »Also man gewähre den ihnen eben das Maß an Schutz, das sie als uns gegenüber minderwertige Rasse benötigen, um dauernden Bestand zu haben, nicht mehr und nur so lange wie sie uns nützen – sonst freie Konkurrenz, d. h. hier meiner Meinung nach Untergang!«
Da »Rassenkreuzung« und Eugenik seine Hauptthemen wurden, bezog der Wissenschaftler wiederholt politisch Stellung zum Thema »Mischehen«. 1909 schrieb er: »Nicht eindringlich genug kann gepredigt werden, daß jeder Tropfen Blut von farbigen Rassen, der in unserem Volkskörper Aufnahme findet, uns schädigt, unheilbar schädigt.«5
Mit diesem Weltbild ausgestattet legte Fischer selbst Hand an und plünderte zwischen Swakopmund und Walfischbai gelegene Gräber von Topnaar-Nama, um Skelette in die Freiburger Sammlung zu verbringen. Er schrieb später, dass die Topnaars »durch die kriegerischen Ereignisse der vergangenen Jahre völlig versprengt, weggezogen, verschollen« und ihre Begräbnisstätten verlassen gewesen seien.6 Dass solche Gräber nach dem Krieg eine bedeutende Rolle für die Rekonstruktion der überlebenden Topnaar-Gemeinschaft hätten spielen können, war für ihn irrelevant. Als Fahrer und Ausgräber dienten ihm ausländische »Kap-Boys«, »da ich es vermeiden wollte, hier eingeborene Hottentotten oder Herero zu nehmen, die es vielleicht doch schmerzlich empfunden hätten, daß wir aus wissenschaftlichen Gründen, die sie nicht verstehen konnten, die Ruhe von Gräbern ihresgleichen störten.«
Neben Schädeln von Nama umfasst die Ecker-Sammlung auch Schädel von Herero, Damara und einen aus Rehoboth. Mehrere weisen den Zusatz Swakopmund auf. Dort befand sich eines der größten Konzentrationslager während des Kolonialkrieges (siehe den Beitrag von Holger Stoecker). Fischer hielt sich dort nach dessen Auflösung auf. Die schon damals so genannten KZ – andere existierten auf der Haifischinsel vor Lüderitzbucht und in Windhoek – hatten aufgrund der unmenschlichen Behandlung, Vernachlässigung und Zwangsarbeit der Inhaftierten extrem hohe Sterberaten. Es ist also gut möglich, dass diese Schädel aus dem Lager stammten. Allerdings wurden Schädel nicht nur unter unmittelbaren Kriegsbedingungen gesammelt, sondern auch schon vorher und nachher, zum Teil auch erwerbsmäßig. So ist von einem alten Schutztruppler überliefert, er habe für Geld Leichen von »Buschmännern« (San) nach einer gedruckten Anleitung für das Hamburger Völkerkundemuseum ausgekocht. Abwicklung und Transport liefen dabei über eine Swakopmunder Firma.
Eugen Fischer ging hier noch weiter. Die Untersuchung von Weichteilen erschien ihm interessanter als das vorherrschende Schädelmessen. Weichteile veränderten jedoch je nach Konservierungsart und Transportdauer ihre Konsistenz so stark, dass eine vergleichende Forschung kaum möglich war. Deshalb wandte er sich 1913 direkt an das kaiserliche Gouvernement in Windhuk. Er regte an, künftig zum Tode Verurteilte doch lebend nach Deutschland zu schicken – sie würden hier dann schon der Witterung zum Opfer fallen und der Wissenschaft noch einen Dienst erweisen.7

In liebenswürdigster Weise
Um herauszufinden, wie viele Untersuchungen in der Folge an den namibischen Schädeln und Skeletten vorgenommen wurden, bedarf es noch weiterer Forschung. Bekannt ist, dass Fischers Schüler Rudolf Uhlbach 1914 in der »Zeitschrift für Morphologie und Anthropologie« eine Studie unter dem Titel »Messungen an Hand- und Fußskeletten von Hottentotten« vorlegte. Andere Forscher, wie der Anthropologe Hans-August Ried vom Völkerkundemuseum Hamburg, dankten Fischer dafür, dass er ihnen sein »südwestafrikanisches, schönes Hottentottenmaterial in liebenswürdigster Weise zur Verfügung« gestellt habe.8
Im April 1917 wurde die anatomische Sammlung in Freiburg von einer englischen Fliegerbombe getroffen. Dabei wurden die anatomischen und vergleichend-anatomischen sowie ein kleiner Teil der anthropologischen Sammlungen und Bestandsdokumentationen Opfer des Feuers. 1921 wandte sich Fischer deshalb als Direktor des anatomischen Institutes an die Leser der »Deutschen Kolonialzeitung«, um menschliche und tierische Schädel und Präparate aus den ehemaligen Kolonien als Schenkung zu erhalten.9 Der Privatbesitz menschlicher Schädel aus den Kolonien erschien also ebenfalls als durchaus normal.


Anmerkungen
1 Fischer, E. (1905): Anatomische Untersuchungen an den Kopfweichteilen zweier Papua, in: Korrespondenzblatt der Deutschen Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte, Nr. 10 / München Oktober 1905, S. 118. Warum drei Köpfe verschickt, aber nur zwei untersucht wurden, ist unklar.
2 Fischer, E. (1911): Major Dominik, Freiburger Zeitung, 9.1.1911
3 Fründt, Sarah (2011): Die Menschensammler, S. 63f.
4 Fischer, E. (1913a): Die Rehoboter Bastards und das Bastardisierungsproblem beim Menschen. Anthropologische und ethnologische Studien am Rehoboter Bastardvolk in Deutsch-Südwestafrika, ausgeführt mit Unterstützung der Kgl. Preuß. Akademie der Wissenschaften, Jena, S. 303
5 nach Gessler, Bernhard (2000): Eugen Fischer (1874-1967): Leben und Werk des Freiburger Anatomen, Anthropologen und Rassenhygienikers bis 1927, Frankfurt a.M. u.a., S. 97
6 Fischer, E. (1959): Begegnungen mit Toten. Aus den Erinnerungen eines Anatomen, Freiburg i. Br., S. 77
7 Fischer, E. (1913b): Schreiben betreffs Entnahme von Leichenteilen von Buschmannleichen vom 16.11.1913 an das Kaiserliche Gouvernement von Deutsch-Südwestafrika, National Archives of Namibia, Zentralbureau des Kaiserlichen Gouvernements, J.XIII.f.1
8 Ried, H. A. (1915): Zur Anthropologie des abflußlosen Rumpfschollenlandes im nordöstlichen Deutsch-Ostafrika: Auf Grund der Sammlung der Ostafrika-Expedition (Dr. E. Obst) der Geographischen Gesellschaft in Hamburg, Hamburg, S. 2
9 Fischer, E. (1921): Bitte des anatomischen Instituts Freiburg i. B., Dt. Kolonialzeitung, Heft 1, S. 9


Heiko Wegmann ist Sozialwissenschaftler und betreibt das Internetprojekt freiburg-postkolonial.de