Volltext

(Artikel * 2012) Röschert , Nicolai
Unterschiedliche Medienwelten Der Rückgabeprozess im Spiegel deutscher und namibischer Medien
in iz3w Nr. 331 * Seite 26
Themen: Genozid; Medien * BRD; Namibia * * Dok-Nr: 243305
Standorte: A3W Osnabrück; FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Unterschiedliche Medienwelten
Der Rückgabeprozess im Spiegel deutscher und namibischer Medien

von Nicolai Röschert

Medien spiegeln den öffentlichen Diskurs wieder und beeinflussen diesen wiederum. Im Kontext der Restitution von menschlichen Überresten aus ehemaligen Kolonien bleibt es nicht aus, dass sich ein kaum reflektierter kolonialer und rassistischer Sprachgebrauch und koloniale Denkmuster im deutschsprachigen Diskurs wiederfinden.
In der Regel verlaufen die medialen Debatten in Namibia und Deutschland getrennt voneinander. So bleibt die Möglichkeit zu einem ehrlichen Dialog über die unterschiedlichen Perspektiven auf diese schmerzliche Geschichte ungenutzt. Dies gilt insbesondere für die deutsche Öffentlichkeit, die sich wenig bis gar nicht für die in Namibia geführte Debatte interessiert. Sie wird in Deutschland, international und in Namibia sehr unterschiedlich geführt.1
Namibia verfügt über ein relativ breites Spektrum unterschiedlicher Print- und Onlinemedien und belegte zuletzt im »Press Freedom Index« 2011/12 weltweit Rang 20. Die größten Zeitungen erscheinen in den drei Kolonialsprachen Englisch (The Namibian, New Era, Namibian Sun, Windhoek Observer), Afrikaans (Republikein) und Deutsch (Allgemeine Zeitung). Die New Era ist eine Regierungszeitung, berichtet aber zuweilen sehr kritisch und gut recherchiert. In den Debatten um Genozid und menschliche Überreste sind The Namibian und New Era die tonangebenden Zeitungen.

Das G-Wort
Mit einem Bericht des MDR-Magazins »FAKT« über die »Herero-Schädel in deutschen Archiven« vom 21.07.2008 platzte die Bombe. Der Bericht katapultierte ins öffentliche Bewusstsein, was bis zu dem Zeitpunkt nur wenigen WissenschaftlerInnen bewusst war. Das war zumindest in Deutschland so. In Namibia hatte man nie vergessen, dass im Zuge des Genozids zahlreiche Gebeine zu rassistischen »Forschungszwecken« geraubt und nach Deutschland verbracht worden waren. Es war nur unklar, wo genau diese sich befinden. Während diese Information in den deutschen Medien kaum diskutiert wurde, entwickelte sich in der namibischen Presse eine hitzige Debatte: Unverständnis über das unzivilisierte Verhalten der deutschen Seite, diese Gebeine weiterhin als »kulturelle Sammlungen« zu führen und nicht von sich aus an Namibia zurückzugeben; sowie gesteigerter Druck auf die eigene Regierung, die Gebeine schnell offiziell zurückzufordern.
Die freie Presselandschaft in beiden Ländern führt dazu, dass es der deutschen Regierung nicht gelingt, die Frage der Rückführung von menschlichen Überresten vollständig von der Frage nach einer Anerkennung des Genozids und Wiedergutmachung zu trennen. So oft sie dieses Zugeständnis der namibischen Regierung abnötigt, so sehr werden beide Fragen in Namibia dennoch als voneinander untrennbar erörtert. Und auch die deutschen Medien müssen beides zusammen darstellen, um erklären zu können, warum diese Gebeine sich überhaupt in Deutschland befinden. Insofern ist es nur konsequent, dass die jüngste und erste französischsprachige Dokumentation zum Genozid 2 beide Aspekte als miteinander verbunden behandelt.
Für deutsche JournalistInnen ist es schwierig, diesen Völkermord oder die Sammlungen geraubter Gebeine zu thematisieren. Dies gelingt stets nur punktuell oder zu größeren Anlässen, wie zuletzt bei der Rückgabe von Gebeinen aus Beständen der Charité im Herbst 2011. So sind die meisten der zirka 40 Beiträge der deutschen Presse 2011 in unmittelbarer zeitlicher Nähe zur Übergabe der Gebeine erschienen. Wenn über eine offizielle Anerkennung des deutschen Genozids debattiert wird, dann meist nur in Zusammenhang mit der Frage der Schädel.
Als 2007/08 der Bundestag über die Anerkennung des Völkermords und die Wiedergutmachung diskutierte, war das Medienecho in Deutschland weit geringer. So wurde auch kaum über den jüngsten Anlauf zweier im März 2012 durch die Regierungskoalition abgelehnter Anträge von Linken und SPD/Grünen berichtet. Das mag sich dadurch erklären, dass die Thematik der buchstäblichen »Leichen in unseren Kellern« emotional mehr berührt. Wahrscheinlicher ist aber die Schlussfolgerung, dass Schädel »exotisch« sind und das Bedürfnis nach Horrorgeschichten besser bedienen können, als die Debatte um die Anerkennung eines kaum bestreitbaren Genozids oder die schwierige Frage der Wiedergutmachung. Hierfür spricht auch ein Artikel wie der von Dominic Johnson in der taz vom 1.10.2011, der unter dem reißerischen Titel »Namibier verweigern Herero-Küsschen« erschien.3

Licht ins Dunkel
In Namibia darf die deutschsprachige »Allgemeine Zeitung« nicht unerwähnt bleiben. Mit ihren konsequent kolonial-apologetischen und geschichtsrevisionistisch-reaktionären Thesen verortet sie sich klar bei denen, die den deutschen Genozid leugnen. Dabei lehnen sich die Redakteure nur selten so weit aus dem Fenster, den Völkermord selbst in Zweifel zu ziehen, sondern überlassen dies den ungefiltert abgedruckten Leserbriefen, die zur Hälfte aus Deutschland stammen. Ihr argumentativer Aufbau folgt sehr einfachen und plumpen Strickmustern und erfolgt meist in Form eines quantitativ geballten »Shitstorms« zu gegebenen Anlässen. Reinhart Kößler und Henning Melber haben diesen 'Journalismus' treffend in einem jüngst erschienenen Beitrag analysiert.4
Medien spielen also eine zentrale Rolle für die Aufarbeitung dieser komplexen Vergangenheit: In Deutschland, um mehr Licht ins Dunkel der eigenen Kolonialvergangenheit zu bringen; in Namibia, im Diskurs um die Überwindung ethnizistischer Mobilisierungen und Spaltungen der Gesellschaft; international als Beitrag zur Frage von Reparationszahlungen für koloniales Unrecht.

Anmerkungen
1 vgl. auch: www.africavenir.org/de/projektkooperationen/restitution-nam-gebeine/press-clipping-links.html
2 Anne Poiret: Namibie, le génocide du IIe Reich (2012), TV5, www.youtube.com/watch?v=2mxiMw Cpagk
3 taz, 01.10.2011
4 Kößler, Reinhart / Melber, Henning: German-Namibian denialism: How (not) to come to terms with the past, in: Online Special Issue Pambazuka News & AfricAvenir International: »Germany’s genocide in Namibia, 20.03.2012


Nicolai Röschert ist Politologe, Politikberater und Vorsitzender der deutschen Sektion von AfricAvenir International.