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(Artikel * 2012) Kößler , Reinhart; Wegmann , Heiko
Verschleppt - vermessen - vergessen Die Restitution geraubter Gebeine steht in Deutschland erst am Anfang
in iz3w Nr. 331 * Seite 23 - 25
Themen: Gewalt; Kolonialismus; Rassismus * BRD; Namibia * * Dok-Nr: 243304
Standorte: A3W Osnabrück; FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Geraubte Gebeine

Verschleppt – vermessen – vergessen
Die Restitution geraubter Gebeine steht in Deutschland erst am Anfang

Der Raub von Schädeln und Gebeinen war im Zeitalter des Kolonialismus weit verbreitet. Deutsche Kolonialisten beschafften sich insbesondere im heutigen Namibia Schädel von Herero und Nama. Sie dienten der »Rassenforschung« oder wurden zur Ergötzung des Publikums ausgestellt. Inzwischen sind erste Rückgabeprozesse in Gang gekommen. Doch trotz der mit dem Raub verbundenen Gewaltverbrechen will die Bundesregierung nichts von Entschädigung wissen.

von Reinhart Kößler und Heiko Wegmann

In anthropologischen Sammlungen von Berlin über Dresden bis Freiburg befinden sich neben ‘einheimischen’ auch mehrere Tausend menschliche Schädel und Gebeine, die zu ‘rassekundlichen’ Zwecken auf der ganzen Welt beschafft wurden, auch aus damaligen Kolonien Deutschlands. Dieses koloniale Erbe ist zunehmend Gegenstand von Debatten über Rückgaben in die Ursprungsländer. Jahrzehntelang hatten sich die verantwortlichen Institutionen einer Aufarbeitung verweigert, doch nun ändert sich langsam etwas. Unter großem öffentlichem Interesse übergab die Charité in Berlin Ende September 2011 zwanzig Schädel, die als von Herero und Nama stammend identifiziert worden waren, an eine eigens dafür aus Namibia angereiste siebzigköpfige Delegation.
Deutschland hinkt bei der Restitution Ländern wie Schweden, Großbritannien oder Österreich hinterher. Dort wurden in den letzten Jahren zum Beispiel Schädel an Australien oder Südafrika zurückgegeben. Australien fordert dies auch von Deutschland; die Charité und die Universität Freiburg führen derzeit Rückgabegespräche.
Ein anderes spektakuläres Beispiel war 2002 die lange geforderte Rückgabe der Gebeine der als lebendes wie totes Ausstellungsobjekt berühmt gewordenen Sarah Baartman (1789-1815) vom Musée de l’Homme in Paris nach Südafrika. Sie wurde in Kapstadt in einem Staatsakt begraben.
Im Januar 2010 übergab das Anthropologische Institut der Universität Zürich Skelettteile an Chile. 129 Jahre vorher waren mehrere verschleppte Kawesqar aus Feuerland bei einer von Carl Hagenbecks Völkerschau-Tourneen in Zürich gestorben. In Chile wurden die Gebeine mit einem Staatsakt würdevoll in Empfang genommen und von den wenigen überlebenden Nachfahren traditionell beerdigt. Chiles Präsidentin Michelle Bachelet bekannte eine Mitschuld der chilenischen Nation an der Verschleppung von Kawesqar und entschuldigte sich.
Im April 2012 wurden in Wien im Rahmen einer feierlichen Zeremonie die sterblichen Überreste des Ehepaars Klaas und Trooi Pienaar dem stellvertretenden südafrikanischen Minister für Kunst und Kultur, Joseph Phaahla, übergeben. Im Zuge einer größeren Beschaffungsaktion hatte der Wiener Anthropologe Rudolf Pöch ihre Leichen 1909 illegal aus einem frischen Grab exhumieren lassen. Der Begründer des Institutes für Anthropologie und Ethnographie an der Universität Wien gilt als einer der geistigen Väter seines Faches.

Ignoranz in Berlin
Der Rückgabeprozess in Berlin verlief deutlich weniger würdevoll, als die oben genannten. Viele namibische Delegierte empfanden nicht allein den Anlass – die Heimholung der unter grauenhaften Umständen verschleppten Gebeine von Angehörigen – als belastend, sondern auch die Umstände, denen sie in Berlin ausgesetzt waren. Rückführungen nach Namibia stehen in einem untrennbaren Zusammenhang mit dem im damaligen Deutsch-Südwestafrika in den antikolonialen Widerstandskriegen an Herero und Nama (1903- 1908) verübten Genozid. Das Morden, weniger in Gefechten als durch summarische Exekutionen und aufgrund der Lebensbedingungen in den Konzentrationslagern, bot besondere Möglichkeiten zum anthropologischen ‘Sammeln’. Diese Erfahrungen spielen in der Erinnerungskultur von Herero und Nama eine herausragende Rolle.
In Deutschland wurden die Verbrechen einst als Heldentaten glorifiziert, seit 1945 aber tunlichst verdrängt. Erst seit 2004, als sich der Genozid zum 100. Mal jährte, hat sich dies etwas geändert. Doch die Asymmetrie zwischen den Erinnerungskulturen ist geblieben. Die deutsche Regierung weigert sich weiterhin, den Genozid offiziell anzuerkennen. Für namibische Opfergruppen, aber auch deutsche UnterstützerInnen besteht die Verbindung teils auf materieller, teils auf symbolischer Ebene: Zwar wurden nicht alle Gebeine unmittelbar im Zuge des Vernichtungskrieges geraubt. Doch ihr Raub erinnert in besonders drastischer Form an die kolonialen Gewalterfahrungen.
Bei ihrer Ankunft in Berlin wurde die namibische Delegation von zivilgesellschaftlichen Gruppen willkommen geheißen und stieß auf reges Medieninteresse. Von der Bundesregierung wurde sie hingegen ignoriert. Bei einer Podiumsdiskussion im Haus der Kulturen der Welt waren weder Regierung noch Koalitionsparteien vertreten, und beim feierlichen Gedenkgottesdienst blieben die für deutsche Ehrengäste reservierten Sitze leer. Allein die ehemalige BMZ-Ministerin HeidemarieWieczorek-Zeul war erschienen. In seiner Presseerklärung vom 27. September 2011 sprach das Auswärtige Amt (AA) lediglich von der »Rückführung von während der deutschen Kolonialzeit nach Deutschland verbrachter Schädel verstorbener Angehöriger der Volksgruppen der Herero und Nama«. Die offizielle Regierungslinie meidet das Wort »Völkermord«, um bloß keine juristischen Ansatzpunkte für Entschädigungsklagen zu bieten. Diese Haltung bedeutete eine für die Delegationsmitglieder unerträgliche Verharmlosung der kolonialen Gewaltverbrechen.
Nachdem die Rückgabe in Verhandlungen zwischen der namibischen und der deutschen Regierung vorbereitet worden war, empfanden es die Delegationsmitglieder als böse Überraschung, als sie erfuhren, das AA weigere sich, das Übergabeprotokoll zu unterschreiben. Dies solle nun der Direktor der Charité übernehmen. Daraufhin sah sich auch der mitgereiste Minister für Kultur, Kazenambo Kazenambo, nicht zu einer Unterschrift in der Lage. Schließlich übernahm dies für die namibische Seite Esther Moombolah-Gôagoses vom Heritage Council of Namibia. Damit war der Akt auf einen Vorgang zwischen zwei kulturellen Institutionen beider Länder zurückgestuft.

Deutsch-namibische Spannungen
Immerhin erschien zur offiziellen Übergabe die Staatsministerin im AA, Cornelia Pieper (FDP). Sie sprach zwar von einem »Ereignis mit hohem Symbolwert«, das an ein dunkles und schmerzliches Kapitel erinnere, und vom »menschenverachtenden Rassismus, der sich nicht zuletzt in den Benennungen der Opfer als ‘Forschungsmaterial’ ausdrückte«. Sie gebrauchte Ausdrücke wie blutige Niederschlagung, Brutalitäten, Zwangsarbeit und sogar »Gräueltaten«. Aber sie vermied einmal mehr das Stichwort »Genozid«. Statt nun endlich offiziell im Namen der Regierung um Entschuldigung zu bitten, bot sie dem namibischen Volk »Versöhnung« an – eine aus der Täterposition unangemessene Wendung. Diese im Kern unpassende Rede traf auf eine spontane Protestaktion. Afrodeutsche Gruppen hatten angesichts der Provokationen durch die Bundesregierung Transparente mit den Forderungen nach Entschuldigung und Entschädigung mitgebracht. Diesen Forderungen verliehen sie durch Sprechchöre Nachdruck. Vielen namibischen Delegierten sprachen sie damit aus der Seele. Pieper aber nahm dies zum Anlass, die Zeremonie grußlos zu verlassen.
All dies ist eine schwere Belastung für die deutsch-namibischen Beziehungen. Zudem legt das Verhalten des deutschen Botschafters in Windhoek, Egon Kochanke, fast den Verdacht nahe, dahinter stecke System. Beim Empfang der Schädel auf dem Flughafen in Windhoek erklärte Kochanke in einer Stegreifrede, die Bundesregierung habe den Kontakt zur Delegation vermieden, weil diese mit der Zivilgesellschaft und Oppositionsparteien zusammengearbeitet habe. Man kann sich fragen, wie deutsche Stellen auf eine ähnliche Aussage von namibischer Seite reagiert hätten.
Wenig später sprach Kochanke anlässlich der Unterzeichnung eines Regierungsabkommens von einer nicht näher bezeichneten »hidden agenda«, welche die Delegation in Berlin verfolgt habe. Ende 2011 folgte dann sein Rausschmiss aus dem namibischen State House, wo Kochanke anscheinend Präsident Pohamba durch anmaßendes Verhalten provoziert hatte. Premierminister Nahas Angula erinnerte denn auch Kochanke öffentlich daran, dass die von den Deutschen begangenen Grausamkeiten ein Anliegen aller Namibier seien, nicht nur der unmittelbar betroffenen Gemeinschaften.
Anfang Februar 2012 versuchte der Afrikabeauftragte des AA, Walter Lindner, in Gesprächen mit Regierung, Herero- und Nama-Komitees in Windhoek die Wogen zu glätten. Er entschuldigte sich für das Verhalten der Bundesregierung bei der Rückgabe der Schädel in Berlin. Eine Entschuldigung für den Völkermord schloss jedoch auch er aus. Die Geste guten Willens wurde angenommen, zumal Lindner erstmals die Forderung nach direkten Gesprächen erfüllte. Die beiden Herero- und das Nama-Komitee beharrten jedoch zugleich auf ihren Forderungen nach einer formellen Anerkennung des Genozids und einer Entschuldigung seitens des Bundestags sowie nach einem daran anschließenden strukturierten Dialog über »restorative justice«. BeobachterInnen vermerkten mit Sorge, dass als Nachfolger des scheidenden Afrikabeauftragten Lindner niemand anderes als Egon Kochanke vorgesehen ist.

Schritt nach vorne
Derweil bleibt weiterhin unklar, in welchen deutschen Einrichtungen neben der Universität Freiburg und der Charité weitere Gebeine aus Namibia liegen. Eine gründliche, ausreichend finanzierte Erforschung dieser Frage wäre unverzichtbar. Wie eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes auf Anfrage mitteilte, unterstützt die Bundesregierung auf Wunsch der namibischen Regierung die Koordinierung einer gemeinsamen Rückführung menschlicher Überreste aus verschiedenen deutschen Universitäten und Kliniken nach Namibia. Eine solche zentrale Veranstaltung müsste ein Anlass für einen vergangenheitspolitischen Schritt nach vorne sein. Es gälte, einen gesellschaftlichen Prozess zu initiieren, in dem explizit die Gewalt und der Rassismus benannt werden, die der Verschleppung der Gebeine und Schädel für »Rassenforschung« zugrunde liegen. Der koloniale Kontext, zu dem auch der Genozid während des Namibischen Krieges1903-1908 gehört, kann dabei nicht ausgespart bleiben. Die Bundesregierung muss die ihr zukommende Verantwortung für staatlich verursachte Verbrechen übernehmen. Ohne eine ausdrückliche Entschuldigung und ohne konkrete Schritte zur symbolischen und materiellen Entschädigung kann von Versöhnung keine Rede sein.
Darüber sollte nicht vergessen werden, dass die Bestände deutscher Sammlungen weltweit sehr viele ethnische Gruppen betreffen. Sie alle haben jeweils unterschiedliche Vorstellungen vom Umgang mit den Ahnen sowie mit der Kolonialgeschichte, und sie befinden sich in spezifischen politischen Interessenkonstellationen. Es ist daher zu erwarten, dass das – höchstens auf den ersten Blick als gestrig erscheinende – Thema der Restitution von Gebeinen an Bedeutung gewinnen wird.


Heiko Wegmann ist Sozialwissenschaftler in Freiburg. Reinhart Kößler arbeitet am Arnold-Bergstraesser-Institut in Freiburg.