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(Artikel * 2012) Kohrs , Bertchen
Begehrter Brennstoff In Namibia boomt der Uranabbau
in iz3w Nr. 331 * Seite 8 - 9
Themen: Atomtechnologie; Gesundheit; Umwelt/Ökologie * Namibia * * Dok-Nr: 243299
Standorte: A3W Osnabrück; FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Namibia

Begehrter Brennstoff
In Namibia boomt der Uranabbau

Allen Katastrophen zum Trotz setzen viele Länder weiter auf Atomkraft. Das dazu nötige Uran wird zunehmend in Afrika abgebaut. In Namibia sind mittlerweile zahlreiche internationale Bergbau- und Atomkonzerne aktiv. Von den schädlichen Folgen des Abbaus für Mensch und Umwelt wollen sie nichts wissen.

von Bertchen Kohrs

In einigen Ländern wird bereits sauberer Strom aus erneuerbaren Quellen produziert, doch eine zufriedenstellende Lösung der Energiekrise ist noch weit entfernt. Vor allem fehlt es am politischen Willen vieler Regierungen, auf neue Technologien umzusteigen. Länder wie China, Indien, Russland und andere entscheiden sich trotz der nuklearen Katastrophen in Tschernobyl, Three Mile Island, Sellafield und Fukushima weiterhin für Atomenergie. Uran ist und bleibt weltweit ein begehrter Brennstoff.
In Ländern wie Kanada und Australien, in denen es viel größere und reichere Uranvorkommen als in Namibia gibt, ist der Abbau wegen strenger Umwelt- und Arbeitsgesetze sowie massivem Widerstand von Seiten der Bevölkerung schwierig geworden. Damit wurde es zugleich sehr lukrativ, Uran in Afrika abzubauen. In Namibia ist im letzten Jahrzehnt ein regelrechter »Uran-Boom« ausgebrochen. Ausländische Bergbaugesellschaften investieren auf der Suche nach Uran viel Geld mit dem Ziel, das radioaktive Mineral aus dem Boden zu holen und einen großen Profit zu erzielen, bevor sie das Land wieder verlassen und ein strahlendes Erbe hinterlassen.

Endlos verstrahlt …
In Namibia baut der anglo-australische Bergbaukonzern Rio Tinto seit 1976 in der Roessing-Mine Uran ab und exportiert es als Uranoxid, auch »Yellow Cake« genannt, in verschiedene Länder, unter anderem nach China, Nordamerika und Europa. Dort wird es angereichert und für Atomkraftwerke genutzt. Iran hat noch während der Herrschaft des Schahs 15 Prozent Anteile an der Roessing-Uranmine erworben.1
In einer zweiten Uranmine fördert das australische Unternehmen Paladin Energy Uran. Eine dritte Mine des französischen Atomkonzerns AREVA wird 2013 mit der vollen Produktion beginnen. Weitere Lizenzen zum Abbau von Uran sind vom Ministerium für Bergbau und Energie bereits vergeben worden, und an Dutzenden Stellen wird nach dem Mineral gesucht. Die Uranvorkommen konzentrieren sich auf die Wüstenlandschaft nahe der Atlantikküste, einem Gebiet, das schon 1972 zum geschützten Namib-Naukluft-Park deklariert wurde und in dem die Ansiedlung von Schwerindustrie nicht gestattet ist. Das hindert das Ministerium jedoch nicht, Lizenzen zum Explorieren und Abbau von Uran in dieser bisher noch recht unberührten Gegend zu erteilen.
Namibia ist wegen der pittoresken Landschaft und der vielen frei lebenden Wildarten sehr attraktiv für den Tourismus, der als drittgrößte Devisenquelle eine wichtige wirtschaftliche Rolle spielt und viele Arbeitsplätze schafft – weit mehr, als die Minen jemals bieten können. Nun befürchten die Tourismusunternehmen, dass auf Grund der freigesetzten Radioaktivität und der massiven Umweltzerstörung in der viel besuchten Namib-Wüste die Gäste ausbleiben werden, was zum Teil schon jetzt empfindlich spürbar ist.
Kurioserweise berufen die Bergbaugesellschaften sich auf »nachhaltige Entwicklung« und »bestmöglich angewandte Praktiken«, wenn es um den Abbau von Uran geht. Tatsache ist, dass der Abbau jeglicher Mineralien große Schäden an der Umwelt anrichtet und per se nicht nachhaltig sein kann. Der Abbau von Uran hat noch wesentlich schlimmere Folgen: Die Atomlobby verschweigt, dass Uran als radioaktives Element ununterbrochen in zwölf weitere radioaktive Elemente zerfällt, die sogenannten Radionuklide, die Krankheiten verursachen können und endlos strahlen. Eine zusätzliche Gefahr für die Gesundheit ist die toxische Wirkung des Schwermetalls Uran.
In Namibia wird das Uran im Tagebau gewonnen. Nicht nur die regelmäßigen Sprengungen gewaltiger Erdmassen verursachen viel Staub, der schwer unter Kontrolle gehalten werden kann. Im ariden Namibia produziert jeder einzelne Schritt in der langen Kette der Uranproduktion viel Staub, und die radioaktiven und toxischen Partikel werden mit ihm weit getragen und gefährden so in großen Gebieten Menschen, Tiere und Umwelt.
Auch der hohe Wasserverbrauch durch die Uranminen ist in einem ariden Land wie Namibia ein großes Problem. Die Grundwasserressourcen sind in einem Maße überbeansprucht, dass die Vegetation entlang der Trockenflüsse schon geschädigt ist. AREVA hat eine Entsalzungsanlage mit einer Kapazität von 20 Millionen Kubikmeter Wasser pro Jahr gebaut, produziert zur Zeit aber nur etwa fünf Millionen Kubikmeter für den Eigenbedarf. Jahrelange Verhandlungen zwischen dem staatlichen Wasserversorger NamWater und AREVA um einen für beide Unternehmen akzeptablen Preis führten bisher zu keiner Einigung. Die BewohnerInnen der Küstengegend befürchten, dass sie in Zukunft mehr Geld für Wasser bezahlen müssen.

… und schutzlos ausgeliefert
Der Urangehalt des namibischen Erzes ist sehr niedrig, es müssen etwa 15.000 Tonnen Gestein abgebaut werden, um eine Tonne Uranoxid zu produzieren. Jene große Mengen Erz, die zu wenig Uran enthalten, um es profitabel zu extrahieren, werden auf riesigen Abfallhalden gelagert und strahlen für Jahrtausende vor sich hin.
Nachdem das Uran mit verschiedenen Chemikalien und viel Wasser aus dem fein zermahlenen Erz extrahiert worden ist , entsteht ein Schlamm, der in so genannte Tailingsdämme gepumpt und gelagert wird. Bei diesem Vorgang wird nur das Uran aus dem Erz geholt, 85 Prozent der ursprünglich im Erz enthaltenen Radioaktivität verbleiben im Schlamm, wovon die Radionuklide Thorium-230, Radium-226 und Radon-222 die größte Gefahr für die Umwelt darstellen. Thorium-230 hat eine Halbwertzeit von 75.400 Jahren; erst nach dieser Zeit ist die Hälfte der Radioaktivität zerfallen. Mit dem Faktor 10 multipliziert, ergibt sich die Zeit, in der die Tailings radioaktiv sind. Theoretisch müssten Tailings also über einen Zeitraum von 754.000 Jahre überwacht werden.
Wenn Tailingsdämme brechen oder undichte Stellen bekommen, kann das Grundwasser mit Radioaktivität und Giftstoffen irreversibel verseucht werden. Giftiger und radioaktiver Staub kann durch Wind und Regen weit verbreitet werden und große Gebiete für immer kontaminieren.
Zum Vorteil der Minengesellschaften gereicht die Tatsache, dass die so genannte Niedrig-Strahlung, die beim Uranabbau und der weiteren Verarbeitung entsteht, nicht unmittelbar zu Krankheiten führt. Es können viele Jahre vergehen, in manchen Fällen bis zu 20 Jahre oder mehr, bevor Komplikationen auftreten. Häufig wird die Arbeit in einer radioaktiven Umgebung als Ursache späterer Erkrankungen gar nicht erkannt.
Es ist jedoch bekannt, dass weltweit zahllose ArbeiterInnen, die in Uranminen beschäftigt sind oder waren, unter vielen verschiedenen Krankheiten leiden und häufig jung sterben. Sie sind ständig der Strahlung aus dem Uranerz ausgesetzt, was eine Reihe von Krebsarten, Zerstörung der Gene, Beschwerden der Atemwege und andere Leiden auslösen kann. Eine zusätzliche Gefahr ist das Radongas, eines der vielen Zerfallsprodukte des Urans, das bei Inhalation Lungenkrebs verursachen kann. Radioaktivität ist unsichtbar, geschmack- und geruchlos; man bemerkt nicht, wenn man der Strahlung ausgesetzt ist. Die Folgen zeigen sich erst später.
In den Anfangsjahren der Roessing-Mine waren die Arbeiter der Radioaktivität und der Toxizität ungeschützt ausgesetzt. Eine Bergarbeiter-Gewerkschaft wurde erst in den 1980er Jahren gegründet, als Arbeiter über Krankheiten berichteten, die sie vorher nicht kannten. Das Forschungszentrum für Arbeitsangelegenheiten (LaRRI) hat während einer im Jahr 2008 durchgeführten Studie festgestellt, dass viele Arbeiter über Krebs und andere Krankheiten klagten, die sie mit ihren Arbeitsbedingungen in Verbindung brachten. In Interviews sagten sie fast einstimmig, dass sie bei Arbeitsbeginn nicht auf die Gefahren hingewiesen worden waren, denen sie ausgesetzt wurden. Viele der interviewten Arbeiter nannten Namen von verstorbenen Kollegen. Wenn die Arbeiter aus Gesundheitsgründen entlassen werden, ziehen sie in der Regel in ihre Heimatdörfer zurück, weit entfernt von der Mine. Manch einer stirbt dort an den Spätfolgen der Strahlung, ohne jemals in den Statistiken aufzutauchen.
Die Bergbaugesellschaften verneinen vehement einen Zusammenhang zwischen Arbeitsbedingungen und gesundheitlichen Schäden. Die Klagen der Arbeiter werden abgetan mit Hinweisen auf angeblich unhygienische und ungesunde Lebensweise, Rauchen, Alkoholmissbrauch und HIV/ AIDS.

Kohle für Atomkraft
Earthlife Namibia, eine Umweltschutzgruppe, die sich große Sorgen über die vielen fatalen Folgen des Uranabbaus macht, hat veranlasst, dass französische Strahlenexperten Wasser- und Bodenproben in der Nähe der Roessing-Mine nahmen. Die Untersuchungsergebnisse zeigen eindeutig, dass öffentlich zugängliches Gelände verstrahlt ist und eine Gefahr darstellt. Böden und Grundwasser unterhalb der Tailings und der Abraumhalden zeigen erhöhte Uranwerte. Die zuständigen Behörden sind darüber informiert worden, erwecken allerdings nicht den Anschein, die Ergebnisse ernst zu nehmen.
Die weltweite Atomlobby verbreitet erfolgreich die Lüge, dass die Erzeugung von Atomstrom klima- und umweltfreundlich, sauber, billig und sicher sei. Jede der genannten Eigenschaften kann mit Hinweis auf die schädlichen Folgen von Uranabbau und der gesamten Kette der Uranindustrie widerlegt werden. In Namibia soll ein Kohlekraftwerk gebaut werden, um den hohen Energiebedarf der jetzigen und der kommenden Uranminen zu befriedigen. Es wird sogar erwogen, ein Atomkraftwerk zu bauen. Namibia hat eine Bevölkerung von etwas mehr als zwei Millionen Menschen, relativ wenig Industrie und Sonnenschein das ganze Jahr hindurch. Mit dem nötigen politischen Willen könnte Namibia Nutzen aus erneuerbarer Energie ziehen. Stattdessen wird auf Uran gesetzt.

Anmerkung

1 Ein UN-Dekret verbietet jeglichen Handel nuklearen Materials mit Iran. Namibia hat zudem den Atomwaffensperrvertrag ratifiziert, der verhindern soll, dass das Uran zur Herstellung von Atomwaffen und Munition genutzt wird. Die Frage, ob dies eingehalten wird, kann hier nicht beantwortet werden.


Bertchen Kohrs ist Vorsitzende der NGO Earthlife Namibia, einer Umweltorganisation, die sich für ökologische und soziale Gerechtigkeit einsetzt.