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"Analysten meinen: Die USA haben keine Wahl, sie müssen sich mit den Islamisten arrangieren

WASHINGTON – Nach Meinung von Analysten, die sich mit dem Mittleren Osten beschäftigen, sind die USA gezwungen, sich nach den Siegen islamischer Parteien in Ägypten und anderen arabischen Ländern mit Gruppierungen einzulassen, die ihnen bisher feindlich gesinnt waren. "Den US-Amerikanern bleibt keine andere Wahl, als sich mit den Muslimbrüdern zu arrangieren," äußerte Shadi Hamid, ein Analyst des Brookings Centers in Doha. "Ich sehe dazu keine Alternative." Der jüngste Triumph islamistischer Gruppierungen ist die im letzten Monat erfolgte Wahl des Muslimbruders Mohammed Morsi zum Präsidenten Ägyptens. Auch in Tunesien, dessen Regierung von der islamistischen Partei Ennadha geführt wird, und in Libyen sind islamistische Gruppierungen sehr stark geworden. Obwohl die USA gute Beziehungen zu Regimen wie Saudi-Arabien unterhalten, deren Herrscherhäuser auch vom Islam geprägt sind, beginnt sich ihre Politik gegenüber islamistischen Gruppen, die solche traditionellen Regime vertreiben oder sie unter Druck setzen wollen, allmählich zu ändern. "In der Politik der USA gegenüber der Muslimbruderschaft ist ein grundlegender Wandel eingetreten," äußerte James Phillips, ein Analyst des Think-Tanks Heritage Foundation, der sich mit dem Mittleren Osten beschäftigt. Analysten für den Mittleren Osten sind geteilter Meinung darüber, ob die Politik der Obama-Regierung eine Gefahr ist und fehlschlagen wird oder einen pragmatischen Versuch darstellt, sich auf die schnellen Veränderungen in der arabischen Welt einzustellen. Viel hängt dabei davon ab, wie sie die Muslimbruderschaft einschätzen: Ist sie eine eher pragmatische Organisation, deren Führer Kompromisse eingehen werden, wenn sie an der Macht sind, oder eine extremistische Gruppierung, die sich – wie in Ägypten befürchtet werden muss – nur verstellt, um ihre wahren Absichten zu verbergen? Die Regierung George W. Bushs hat die Bruderschaft nach Phillips Meinung als "feindliche ideologisch geprägte Macht" angesehen. Die Obama-Regierung glaube, die Bruderschaft sei eine politische Kraft, mit der man zusammenarbeiten könne. fessor an der John Hopkins School of Advanced International Studies und Forscher des Think-Tanks Middle East Institute ist. Die Muslimbruderschaft ist eine vom politischen Islam geprägte Bewegung, die westliche Regierungsformen ablehnt, und ein politisches Spektrum abdeckt, das von den gemäßigten Islamisten in Jordanien bis zu der gewalttätigen Hamas in Gaza reicht. Mitglieder der Bruderschaft haben politische Parteien gegründet, um an die Macht zu kommen; im Arabischen Frühling ist es ihnen so gelungen, altgediente autoritäre Herrscher zu vertreiben und andere zu demokratischen Reformen zu zwingen. Die US-Regierung hat wohl eingesehen, dass sie keine andere Wahl hat, als sich mit den in Ägypten gewählten Führern aus den Reihen der Muslimbrüder zu arrangieren, nachdem ihr langjähriger Verbündeter, der Diktator Hosni Mubarak, vertrieben wurde. Jay Carney, der Sprecher des Weißen Hauses, hat mitgeteilt, die Obama-Regierung habe Kontakt zu neu entstandenen Parteien in Ägypten aufgenommen. Regierungsvertreter hätten sich bereits mit Führern der Muslimbrüder getroffen, und das Weiße Haus beurteile sie nach ihren Handlungen und nicht nach ihrer religiösen Einstellung. Dabei käme es vor allem auf wichtige Fragen wie die Bekämpfung des Terrorismus und die Sicherheit Israels an. Die Führung der Muslimbruderschaft hat signalisiert, dass sie die internationalen Verträge Ägyptens – auch den Friedensvertrag mit Israel – respektieren wird; einzelne einflussreiche Muslimbrüder fordern aber eine Überprüfung dieses Vertrages. "Auf lange Sicht lehnen sie eine friedliche Koexistenz mit Israel ab," betonte Phillips. Es ist noch nicht geklärt, ob eine von der Muslimbruderschaft dominierte ägyptische Regierung bei der Bekämpfung des Terrorismus mit den USA zusammenarbeiten würde. Die Hamas, die von den USA und Europa als Terrororganisation eingestuft wird, ist ein Ableger der Muslimbruderschaft und lässt Israel weiterhin mit Raketen beschießen. "Es wird wohl nicht so bleiben wie bisher," meinte Hamid (vom Brookings Center in Doha). "Sie werden die Ziele und Interessen der USA nicht so rückhaltlos unterstützen, wie Mubarak das getan hat." Die (in Ägypten verfolgten) politischen Absichten der Bruderschaft sind noch nicht klar erkennbar. Bei der Wahl des Parlaments und des Präsidenten haben sie die Rückbesinnung auf islamische Traditionen, ein Ende der Korruption und Unterdrückung und die Verbesserung der Lebensumstände der Millionen verarmter Ägypter versprochen. Mit ihren von religiösen Überzeugungen geprägten Wahlversprechen haben sie sich nach Ansicht von Analysten vor allem an die Arbeiterklasse und die verarmte Landbevölkerung gerichtet, in einem weit stärkeren Maß als die nicht religiös ausgerichteten Parteien und als bekannte liberale Politiker aus den Städten. Die Liberalen seien nur in den Städten populär, hätten aber "Schwierigkeiten, Kontakte zur armen Landbevölkerung herzustellen", erklärte Hamid. Nach Meinung von Analysten würde die Bruderschaft wahrscheinlich den Alkoholverbrauch einschränken und Jungen und Mädchen in den Schulen trennen. Mit noch restriktiveren Maßnahmen würden sie in Ägypten aber einen Rückschlag riskieren. "Deshalb werden sie zunächst nicht zu weit gehen," meinte Hamid. Die Muslimbruderschaft (Ägyptens) ist eine sozial eingestellte konservative Gruppierung, die nicht an einer strengen Auslegung des islamischen Rechts interessiert ist. Nach Einschätzung der meisten Analysten wird sie weder Dieben eine Hand abhacken noch Ehebrecherinnen steinigen lassen. Einige Analysten befürchten aber, das Interesse der Muslimbruderschaft an der Demokratie werde erlöschen, sobald sie die politische Macht errungen hat; eigentlich verfolge sie die Absicht, das islamische Recht einzuführen und die Feindschaft zu Israel wiederzubeleben. "Sie haben die taktische Entscheidung getroffen, mit Hilfe demokratischer Wahlen die Macht zu ergreifen," fasste Phillips zusammen. "Langfristig verfolgen sie aber immer noch sehr radikale Absichten." ' [ENDE]


Originalquelle/n:
USA Today, 09.07.12
http://www.usatoday.com/news/world/story/2012-07-06/muslimbrotherhood/56068586/1

Übersetzung:
Jung, Wolfgang

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Anmerkung/en und Kommentar/e des Übersetzers:
(Wir haben den Artikel aus USA Today {s. http://de.wikipedia.org/wiki/USA_Today}, der erkennen lässt, dass die USA mit den Geistern, die sie von der CIA rufen ließen, auch ihre Probleme haben, komplett übersetzt und mit Ergänzungen in Klammern und Hervorhebungen versehen. Anschließend drucken wir den Originaltext ab.)




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Erfasst am 14.07.2012
Quelle des "Luftpost"-Artikels:
http://www.luftpost-kl.de/luftpost-archiv/LP_12/LP12912_140712.pdf