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(Artikel * 2011) Dilanian, Ken
Die CIA muss ihre Spionage im Libanon einschränken
in Luftpost - Friedenspolitische Mitteilungen aus der US-Militärregion Kaiserslautern/Ramstein Nr. LP 223/11 * Seite 1
Themen: Außenpolitik; Geheimdienst; Informationstechnologien * Libanon; USA; Naher Osten * Hisbollah; Mossad; Mobilfunk; Central Intelligence Agency - CIA; Übersetzung : Jung, Wolfgang * Dok-Nr: 236559
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"Die CIA muss ihre Spionage im Libanon einschränken

WASHINGTON – Die CIA ist gezwungen, ihre Spionage im Libanon einzuschränken; Die Agenten des US-Geheimdienstes können nicht mehr so viele Informationen über die Vorgänge in Syrien, über terroristische Gruppen und andere wichtige Ereignisse sammeln, weil nach Auskünften von US-Offiziellen und anderen Quellen in diesem Jahr bereits mehrere V-Leute und Informanten der CIA in Beirut verhaftet wurden. "Die Beiruter Station ist lahmgelegt," war aus einer Quelle zu erfahren, die sich der von der CIA benutzten Bezeichnung für diese Außenstelle bediente. Die gleiche Quelle, die aus Geheimhaltungsgründen anonym bleiben wollte, behauptete, bis zu einem Dutzend CIA-Informanten seien enttarnt worden; von US-Offiziellen wurde diese Zahl allerdings bestritten. Sie gaben aber zu, dass im letzten Sommer einige der CIA-Informanten in Beirut aufgeflogen sind. Es blieb unklar, ob die volle Operationsfähigkeit wieder hergestellt werden konnte. Beirut gilt als wichtigster Beobachtungsposten für die Aufstände im Mittleren Osten. Führende CIA-Offizielle haben Kongressabgeordnete über den Rückschlag informiert, und der republikanische Abgeordnete Mike Rogers aus Michigan, der den Vorsitz im Geheimdienstausschuss des Repräsentantenhauses führt, hat kürzlich Beirut besucht, um sich vor Ort zu erkundigen, ob CIA-Agenten geschlampt und dadurch ihre Quellen und Methoden verraten haben. Bisher konnte nicht geklärt werden, wie groß der Schaden wirklich ist und ob Nachlässigkeiten der CIA-Führungsoffiziere zur Verhaftung der libanesischen Informanten geführt haben. Nach Aussagen unserer Quelle trafen die CIA-Führungsoffiziere eine Reihe libanesischer Informanten in einem Lokal der Kette Pizza Hut, und ermöglichten es dadurch der Hisbollah und den libanesischen Behörden, die CIA-Informanten zu identifizieren. US-Offizielle bestritten aber heftig, dass ihre V-Leute in einer Pizza Hut-Filiale enttarnt wurden. Sie bestritten auch die Behauptung der Quelle, der ehemalige CIA-Stationschef habe per E-Mail davor gewarnt, dass einige seiner libanesischen Informanten identifiziert werden könnten, weil sie Mobiltelefone verwendeten, mit denen sie nur ihre CIA-Führungsoffiziere und sonst niemand anriefen. Die Hisbollah – eine von den Iranern unterstützte militante Gruppe, die von den USA als Terrororganisation eingestuft wird – und der libanesische Inlandsgeheimdienst benutzen seit 2007 eine Software, mit der sie Handy-Anrufe überwachen und die Position der Anrufer lokalisieren können; dadurch ist es ihnen nach Auskunft von Insidern auch gelungen, ein Netzwerk angeblicher israelischer Spione zu enttarnen und Dutzende Informanten festzunehmen. Nach Aussage unserer Quelle haben Spezialisten der US-Gegenspionage die CIA bereits 2010 davor gewarnt, dass ihre libanesischen Informanten auf die gleiche Weise entdeckt werden könnten. Der Stationschef (in Beirut) hat die Warnung aber angeblich ignoriert. Er soll gesagt haben: "Die Libanesen sind unsere Freunde. Die würden uns das nicht antun." Die Los Angeles Times kennt den Namen des ehemaligen Stationschefs, gibt ihn aber nicht preis, weil er geheim bleiben soll. Er überwacht jetzt im CIA-Hauptquartier die Operationen der Hisbollah. Die CIA hat es abgelehnt, ihn die Vorgänge (in Beirut) kommentieren zu lassen. "Spionage war schon immer ein sehr kompliziertes Geschäft," stellte ein US-Offizieller, der anonym bleiben wollte, zu den Vorgängen im Libanon fest. "Das Sammeln sensibler Information über Gegner – die natürlich ständig versuchen, Spione in ihrer Mitte zu entlarven – wird immer mit Risiken behaftet bleiben." "Die Hisbollah ist ein äußerst gefährlicher Feind," fügte der Offizielle hinzu. "Sie ist eine zu allem entschlossene Terrorgruppe, eine starke politische Kraft mit einer mächtigen Militärorganisation und einem sehr fähigen Geheimdienst – respekteinflößend und rücksichtslos. Man sollte ihre Fähigkeiten nicht unterschätzen." Im Juni gab Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah die Verhaftung von dreien seiner Anhänger bekannt. Er sagte, zwei hätten für die CIA gearbeitet, und der dritte habe entweder in Diensten der CIA, eines europäischen Geheimdienstes oder des Mossad, des israelischen Auslandsgeheimdienstes, gestanden. Nasrallah gab ihre Namen nicht bekannt und erklärte das damit, dass er ihre Familien, schützen wolle, weil er sie persönlich kenne. Er teilte mit, als Diplomaten getarnte CIAFührungsoffiziere, die in der US-Botschaft arbeiten, hätten sie Anfang 2011 rekrutiert. Die US-Botschaft wies die Anschuldigung mit der Erklärung zurück: "Das ist eine der haltlosen Anschuldigungen, die wir immer wieder von der Hisbollah hören." Nach Angaben der Quelle konnte der libanesische Sicherheitsdienst die CIA-Informanten an Hand von Aufzeichnungen der Mobilfunkfirmen enttarnen – über die angerufenen Nummern, die Dauer jedes Anrufs und die Position des jeweiligen Anrufers. Die verwendete Software kann durch die Überprüfung sämtlicher Rechnungen und sämtlicher registrierten Anrufe die Nummern der Handys herausfiltern, die in der Nähe eine Botschaft verwendet werden, auch wenn sie nur einmal oder nur für sehr kurze Anrufe benutzt werden. Durch dieses Verfahren lässt sich sehr schnell eine kleine Gruppe von Handys isolieren, die ein Sicherheitsdienst dann ständig abhören kann. 2005 konnte ein italienischer Staatsanwalt durch die nachträgliche Auswertung von aufgezeichneten Handy-Daten 26 US-Amerikaner identifizieren, die er beschuldigte, 2003 auf einer Straße in Mailand einen muslimischen Imam entführt zu haben. Ein (italienischer) Richter verurteilte später 23 der Beschuldigten, darunter auch den damaligen Chef der Mailänder Station der CIA, in Abwesenheit wegen ihrer Beteiligung an einer "außergewöhnlichen Entführung". (s. dazu auch http://www.luftpost-kl.de/luftpost-archiv/LP_05/LP04405_011205.pdf .) Washington hat der libanesischen Regierung seit 2006 verschiedene Hilfeleistungen im Wert von insgesamt einer Milliarde Dollar zukommen lassen und in diesem Haushaltsjahr Hilfslieferungen für weitere 236 Millionen Dollar vorgesehen. Die Obama-Regierung kämpft seit 2008 mit Problemen in den Beziehungen zum Libanon weil damals Hisbollah-Kämpfer die Kontrolle über Teile Beiruts übernahmen. Daraus entwickelte sich ein für die Araber typisches Friedensabkommen, das der Hisbollah eine wichtige Rolle in der libanesischen Regierung verschaffte. Der politische Arm der Hisbollah besetzt jetzt 16 von 30 Positionen im Kabinett des libanesischen Premierministers Najib Mikati. Außerdem ist die Hisbollah auch in den Sicherheitsund Geheimdiensten des Libanon aktiv." [ENDE]


Originalquelle/n:
THE STARS AND STRIPES, 21.11.11
http://www.stripes.com/news/middle-east/cia-forced-to-curb-spying-inlebanon-1.161299

Übersetzung:
Jung, Wolfgang

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Anmerkung/en und Kommentar/e des Übersetzers:
"(Wir haben den Artikel, der belegt, wie dicht das weltweite Spitzelnetz der CIA geknüpft ist, komplett übersetzt und mit Ergänzungen und Links in Klammern und Hervorhebungen versehen. Anschließend drucken wir den Originaltext ab.)"




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Erfasst am 29.11.2011
Quelle des "Luftpost"-Artikels:
http://www.luftpost-kl.de/luftpost-archiv/LP_11/LP22311_291111.pdf