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(Artikel * 2011) Schübelin, Jürgen
Und er wird stürzen In Chile kämpfen junge Menschen gegen die Vermarktung der Bildung
in iz3w Nr. 327 * Seite 6 - 7
Themen: Bildung; Regierung; Repression; Soziale Bewegung * Chile * * Dok-Nr: 235863
Standorte: A3W Osnabrück; FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Chile

»Und er wird stürzen«
In Chile kämpfen junge Menschen gegen die Vermarktung der Bildung


Eine junge Protestbewegung in Chile demonstriert gegen die Bildungspolitik der konservativen Regierung. Sie will verhindern, dass Bildung immer mehr zur handelbaren Ware degradiert wird. Angesichts der Teuerungsraten wird der Besuch von Schulen und Unis zum Privileg weniger, die es sich leisten können.

von Jürgen Schubelin

Lang – lang – kurz, kurz, kurz: Das durch Mark und Bein gehende Stakkato der Trommeln, Töpfe, Trillerpfeifen und Autohupen ist so etwas wie die Hymne dieses Proteststurms, der Chile seit Monaten in Atem hält. Mit dem gleichen legendären Kampfruf »Y va a caer!« (Und er wird stürzen) hatte sich die Mehrheit der ChilenInnen damals Mut gemacht, um in einem Plebiszit das verhasste Pinochet-Regime zu besiegen. Jetzt nutzen die Kinder und Jugendlichen aus einer Generation, die die Terrorherrschaft der Militärs selbst nie erlebt hat, die fünf emblematischen Silben, um das von der Diktatur installierte neoliberale Schul- und Bildungssystem in seinen Grundfesten zu erschüttern. Und mit ihm gleich die ganze rechts-konservative Regierung unter dem Unternehmer Sebastian Piñera.
800.000 SchülerInnen und Studierende, unterstützt von ihren Familien, LehrerInnen, HochschulprofessorInnen und SympathisantInnen, zogen am 21. August in einem Sternmarsch durch Santiago. Im ganzen Land waren es bei ähnlichen Veranstaltungen zeitgleich weitere Hunderttausend. Vermutlich weit über zwei Millionen junger Menschen haben sich in Chile während der zurückliegenden Wochen an Aktionen zum Einfordern des Grundrechts auf Bildung beteiligt. Seit den Demonstrationen vor dem Plebiszit 1988 gegen Pinochet erlebte das Land keine vergleichbaren Protestaktionen mehr.

Gute Geschäfte
Der Schul- und Unistreik gilt einem durch und durch kommerzialisierten Bildungssystem, das sich zu einem der lukrativsten Wirtschaftszweige im Land entwickelt hat. In Chile bezahlen Eltern vom Kindergartenalter an aberwitzige Summen, um ihren Jüngsten eine angeblich privilegierte Bildung zu ermöglichen. Private Sekundarschulen verlangen umgerechnet 750 Euro monatlich oder mehr Schulgeld – dreimal soviel wie der gesetzliche Mindestlohn. Wer studieren möchte und nicht aus einer wohlhabenden Familie stammt, kann das nur mit Hilfe von Krediten bewerkstelligen. Je nach Fach und Uni beläuft sich der Schuldenberg am Ende auf bis zu 40 Millionen Pesos, 60.000 Euro. Ein Albtraum.
Die konservative Tageszeitung El Mercurio hat errechnet, dass sich die chilenischen Studiengebühren zwischen 2005 und 2011 verdoppelt haben. Indes sind die Durchschnittseinkommen höchstens um 35 Prozent gestiegen. Was die Studierenden dafür erhalten, ist skandalös wenig: durchschulter Frontalunterricht, meistens Wissensvermittlung ohne Kreativität, so gut wie keine Forschung. Keine einzige chilenische Uni schafft es im weltweiten Ranking unter die 500 Besten. Obwohl Hochschulen laut Gesetz keine Gewinne erwirtschaften dürften, funktionieren die allseits bekannten Mechanismen zur Abzocke der Studierenden so simpel wie infam: Oft sind die EigentümerInnen der zahlreichen Privatunis gleichzeitig die BesitzerInnen von Bau- oder Immobilienfirmen, die für die Miete der Gebäude und Infrastruktur der Hochschule überzogene Preise verlangen. Oder die über eigens gegründete Service-Unternehmen für Gebäudereinigung, Verwaltung, Mensabetrieb oder windige Berateraufträge Rechnungen jenseits aller Marktbedingungen stellen. Alles ganz legal.
Zahlreiche PolitikerInnen aller Couleur sind als MiteigentümerInnen an dem Milliardengeschäft rund um die privaten chilenischen Sekundarschulen und Universitäten beteiligt. An den Studienkrediten, für die höhere Zinsen verlangt werden als für Hypothekendarlehen, verdient die gesamte chilenische Finanzbranche – und mit ihr die im Land stark engagierten internationalen Großbanken. Kaufhausketten bieten Jugendlichen Kredite an, um die Studiengebühren zu finanzieren. Am Ende sind es oft die Eltern der HochschulabsolventInnen, die bis zum Lebensende mithelfen, die Schuldenlast ihrer Kinder abzutragen.
Chile zeichnete sich bis Mitte der 1970er Jahre durch ein vorbildliches öffentliches Bildungssystem aus, in das der Staat erhebliche Ressourcen investierte. Seit den Zeiten der sozialreformerischen Regierung unter Pedro Aguirre Cerda (1938-1941) und der Verleihung des Literaturnobelpreis 1945 an eine Dorfschullehrerin, Gabriela Mistral, war es nationaler Konsens gewesen, dass das Engagement für Schulen und Bildung die wichtigste Strategie zur Überwindung von Armut darstellt.

Neoliberale Zäsur
Die neoliberalen »Reformen« des Pinochet-Regimes beendeten diese Politik abrupt: Die Entscheidungen, öffentliche Schulen an die Kommunen zu übergeben und gleichzeitig die Finanzierung drastisch zurück zu fahren, sowie den Markt für Hunderte von Privatunis zu öffnen, veränderten das Gesicht der chilenischen Gesellschaft mehr als alle anderen Zäsuren, die die Militärs dem Land aufzwangen. Da es in Chile keinen kommunalen Finanzausgleich wie in Deutschland gibt, verkam das nunmehr kommunale Bildungssystem fast überall im Land zu einer kümmerlichen Ansammlung von Rest-Schulen für Kinder aus Familien mit niedrigem Einkommen, prekär ausgestattet, mit überforderten LehrerInnen und viel zu großen Klassen.
Aus öffentlichen Mitteln werden gerade mal 25 Prozent des Bildungssystems finanziert. Groteskerweise fließt ein relevanter Teil dieser Ausgaben als Subventionen an kommerziell organisierte Privatschulen. Eine OECD-Studie zeigt, dass der Staat pro Jahr und Studierendem kümmerliche 838 Dollar investiert. Das ist ein Zehntel dessen, was die 34 OECD-Mitgliedsländer im Durchschnitt ausgeben.
2006 begehrten in Chile erstmals die SekundarschülerInnen gegen dieses System auf und sorgten mit ihrer Bewegung der »Pingüinos« (in Anspielung auf die Schuluniformen) für internationale Aufmerksamkeit und eine Regierungskrise. Mit halbherzigen Versprechungen versuchte die damalige Mitte-Links-Koalition unter Michelle Bachelet die Situation zu entschärfen – und wurde dabei von den beiden Rechtsparteien im Kongress ausgebremst. Der Protestturm, der nun über Chile fegt, ist hingegen von ganz anderem Kaliber. Fast tausend Schulen und Universitäten im ganzen Land werden besetzt gehalten und erbittert gegen alle Räumungsversuche verteidigt. Nacht für Nacht belegt der Rhythmus der Töpfe und Trommeln, welche Intensität die allgemeine Unzufriedenheit mittlerweile erreicht hat. Die Aktionsformen sind bunt, laut, kreativ, frech und – mit wenigen Ausnahmen – konsequent gewaltfrei. Als der inzwischen abgesetzte Bildungsminister Joaquin Lavín von der Pinochet-Partei UDI im Juli angesichts der Streiks kurzerhand entschied, die Ferien vorzuverlegen, organisierten Tausende Jugendliche aus Protest mitten im chilenischen Winter bei frostigen Temperaturen vor dem Präsidentenpalast eine lautstarke Strandparty in Badehosen und Bikinis, mit Sonnenschirmen, Liegestühlen und Beach-Volleyball.
Die Protestbewegung will, dass der Staat die Kommunalisierung der öffentlichen Schulen rückgängig macht und über sein Bildungsministerium wieder direkt Verantwortung übernimmt. Und es geht um ein gerechtes, nicht an kommerziellen Interessen, sondern an internationalen Qualitätsstandards ausgerichtetes System zur Bildungs- und Studienförderung mit mehr Gratis-Sekundarschulen, staatlichen Stipendien und fairen Konditionen für Darlehen. Und es geht ihr um eine konsequente Kontrolle von Privatschulen und privaten Universitäten. Finanziert werden soll das deutlich stärkere Engagement des Staates durch eine Verstaatlichung eines Teils der äußerst lukrativen, von ausländischen Konzernen betriebenen Kupferminen. Über all diese Elemente einer Bildungsreform sollen, so die Forderung der Studierenden, die BürgerInnen in einem Plebiszit abstimmen.

Repression wie unter Pinochet
Wer seit dem 4. August die äußerst brutalen Polizeieinsätze mit Schlagstöcken, Wasserwerfern, Tränengas und Massenverhaftungen gegen die Protestierenden in verschiedenen chilenischen Städten miterlebt hat, spürt, wie sehr bei der Regierung die Nerven blank liegen. 370 leere Hülsen von auf sie abgefeuerten Tränengas-Granaten haben die StudentInnen der Universidad de Chile am Hauptsitz ihrer Hochschule an einem einzigen Tag eingesammelt und auf der Straße zu einem improvisierten »Museum der Repression« aufgereiht. Während der Bürgermeister von Santiago, Pablo Zalaquett, lautstark den Einsatz des Militärs gegen die DemonstrantInnen sowie Schnellgerichtsverfahren für festgenommene Jugendliche verlangt, wird immer deutlicher, wie profund sich die Systemkrise inzwischen manifestiert. Präsident Piñera erklärt derweil unerschütterlich: »Bildung ist ein Konsumgut, für das man bezahlen muss – wie für alles im Leben«.
In der Nacht des 25. August kommt es dann im Santiagoer Armenviertel Jaime Eyzaguirre de Macul zur Katastrophe: Ein Polizeiunteroffizier erschießt mit einer Maschinenpistole einen 16-Jährigen, der mit seinem im Rollstuhl sitzenden Bruder unterwegs war, um eine Protestaktion zu beobachten. Der zuständige Polizeigeneral Sergio Gajardo bestreitet die Beteiligung von Carabineros, erklärt AugenzeugInnen zu LügnerInnen und lehnt jegliche Untersuchung des Vorfalls ab. Aus Regierungskreisen erfährt der Hardliner zunächst rhetorische Unterstützung. Für einen Augenblick scheint es, als ob die alten Mechanismen der »Impunidad« (Straflosigkeit) aus der Zeit des Militärregimes noch immer funktionieren. Erst als dann doch von der Staatsanwaltschaft Recherchen angeordnet und 500 Maschinenpistolen der Polizei in Macul und Peñalolén untersucht werden, kann der Mörder zweifelsfrei identifiziert werden. General Gajarda und neun Offiziere, die entweder Mitwisser waren oder versucht hatten, die Spuren des Verbrechens zu verwischen, werden ihres Amtes enthoben. Der Todesschütze wird verhaftet und angeklagt. Wenige Tage später verliert auch der Oberkommandierende der uniformierten Polizei Chiles, General Gordon, seinen Posten.
Präsident Piñera versucht ein Notfallmanöver: Ohne Absprache mit seinen MinisterInnen und die ihn stützenden Parlamentsfraktionen lädt er StudentenführerInnen, HochschulrektorInnen sowie den Präsidenten der Lehrergewerkschaft zu Gesprächen ein. Nach wenigen Tagen sind die Verhandlungen gescheitert. Piñera ist nicht bereit, die Fundamente des kommerziellen Bildungssystems in Frage stellen zu lassen. Er will die Studierenden mit etwas verbesserten Konditionen beim Darlehenssystem und der staatlichen Aufsicht über Schulen und Universitäten abspeisen. Die brechen daraufhin die Treffen ab. So ziehen wieder Protest- und Demonstrationszüge durch Santiago, Valparaiso, Concepción und die anderen Städte Chiles.


Jürgen Schübelin ist Sozialwissenschafler. Seit 1999 leitet er das Lateinamerika- und Karibik-Referat der Kindernothilfe.