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(Artikel * 2011) Margolis, Eric
Afghanistan : Ein sinnloser Krieg, der schon zehn Jahre dauert
in Luftpost - Friedenspolitische Mitteilungen aus der US-Militärregion Kaiserslautern/Ramstein Nr. LP 180/11 * Seite 1 - 3
Themen: Drogen; Ethnie; Krieg; Kriminalität; Rohstoff * Afghanistan; Asien; Indien; Tadschikistan; USA * Paschtunen; Übersetzung : Jung, Wolfgang; Turkmenistan-Afghanistan-Pakistan Pipeline - TAP * Dok-Nr: 235709
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"Afghanistan: Ein sinnloser Krieg, der schon zehn Jahre dauert

Der berühmte Militärstratege Generalmajor J. F. C. Fuller sah als eigentliches Ziel eines Krieges die Durchsetzung erwünschter politischer Resultate und nicht die Tötung von Feinden an. Die USA haben in Afghanistan nur Feinde getötet. Nach zehn Jahren Krieg, die mindestens 450 Milliarden Dollar verschlungen haben und neben 1.600 toten auch 15.000 schwer verwundete US-Soldaten forderten, haben die USA kein einziges ihrer strategischen und politischen Ziele erreicht. Jeder der (rund 100.000) US-Soldaten in Afghanistan kostet pro Jahr eine Million Dollar, und die CIA beschäftigt zusätzlich 80.00 Söldner, von denen nicht bekannt ist, was sie kosten. Jährlich rund 20,2 Milliarden Dollar geben die USA allein für die Klimatisierung ihrer Truppenunterkünfte in Afghanistan und im Irak aus. Das vernichtendste Urteil (über den Afghanistan-Krieg) stammt von dem afghanischen Regierungschef, der US-Marionette Hamid Karzai: Der Krieg der USA habe "außer hohen Verlusten unter der Zivilbevölkerung nichts gebracht". Washington wollte eigentlich günstige politische Voraussetzungen und einen befriedeten afghanischen Staat mit einem Regime schaffen, das sich total den politischen, wirtschaftlichen und strategischen Interessen der USA unterordnen sollte – mit einer aus einheimischen Kämpfern bestehenden, aber von weißen Offizieren geführten Kolonialarmee und einigen US-Basen, mit denen die USA den Iran bedrohen, China beobachten und das energiereiche Kaspische Becken kontrollieren wollten. Das ganze Gerede über "die Bekämpfung des Terrorismus und der Al-Qaida", die Befreiung der afghanischen Frauen und die Einführung der Demokratie war nur Kriegsdekoration. CIA-Chef Leon Panetta gab zu, dass es nicht mehr als 25 bis 50 Al-Qaida-Kämpfer in Afghanistan gegeben hat. Warum sind dann überhaupt 150.000 Soldaten der USA und der NATO dort? Washingtons wahres Ziel wurde 2007 von Richard Boucher, der damals Staatssekretär im US-Außenministerium war, ausgeplaudert: Man wolle Afghanistan "stabilisieren, um eine Verbindung und einen Durchgang von Süd- nach Zentralasien zu schaffen – damit die Energie nach Süden fließen kann". Die von Turkmenistan über Afghanistan nach Pakistan führende TAPI-Gaspipeline, an der die USA seit 1998 arbeiten, ist fast fertig. Ob sie wegen der zu erwartenden Sabotageakte jemals funktionieren wird, bleibt abzuwarten. Es ist Washington nicht gelungen, in Kabul eine stabile Regierung zu installieren. Der Hauptgrund für das Misslingen sind ethnische Probleme. Die afghanische Bevölkerung besteht zu mehr als der Hälfte aus Paschtunen, die auch Pathanen genannt werden; aus deren Reihen kommen auch die Taliban. Die in der Minderheit befindlichen Tadschiken, Usbeken und Hazara (s. http://de.wikipedia.org/wiki/Hazara_%28Ethnie%29) sind erbitterte Gegner der Paschtunen. Alle drei Volksgruppen haben von 1979 bis 1989 mit den sowjetischen Besatzern kollaboriert; heute kollaborieren sie mit den USund NATO-Besatzern. Die Armee und die Polizei Afghanistans, die sich die USA jährlich 6 Milliarden Dollar kosten lassen, bestehen überwiegend aus Tadschiken und Usbeken, von denen viele früher der Kommunistischen Partei Afghanistans angehörten. Weil sie erbitterte Feinde der Paschtunen sind, haben die USA ihr politisches Haus Afghanistan auf ethnischem Treibsand gebaut. Was noch schlimmer ist, in dem von den USA besetzten Afghanistan werden heute 93 Prozent des Heroins, der gefährlichsten Droge der Welt, produziert. Unter den Taliban hatte die Rauschgift-Produktion nach UN-Angaben praktisch aufgehört. Heute floriert das Rauschgift-Geschäft in Afghanistan wieder. Die USA versuchen die Taliban dafür verantwortlich zu machen, die wahren Schuldigen sind aber hohe Staatsangestellte in Kabul und von den USA unterstützte Warlords. Ein höherer UN-Repräsentant hat kürzlich mitgeteilt, letztes Jahr seien in den NATO-Ländern etwa 10.000 Menschen durch afghanisches Heroin ums Leben gekommen. Russland, das den größten Teil des afghanischen Heroins aufnimmt, ist dabei nicht berücksichtigt. Die US-Streitkräfte sind also "stolze Besetzer" des größten Rauschgift-Produzenten der Welt und eng liiert mit der afghanisch-tadschikischen Rauschgift-Mafia. Die USA haben in Afghanistan Milliarden Dollar verpulvert. 44 Cent jedes von Washington ausgegebenen Dollars wurden und werden von China und Japan geliehen. Während die USA 1,283 Billionen Dollar im so genannten "Krieg gegen den Terror" vergeudet haben, hat China mit seinem Geld neue Freunde gewonnen und neue Märkte erschlossen. Der Geist Osama bin Ladens wird sich ganz sicher darüber freuen. Die USA können sich diesen endlosen Krieg gegen das stolze Volk der Paschtunen, das Afghanistan zum "Friedhof für Imperien" gemacht hat, eigentlich nicht mehr länger leisten. Das imperialistische Establishment in Washington will seine strategischen Positionen in Afghanistan aber halten, besonders die ehemals sowjetischen Luftwaffenstützpunkte in Bagram und Kandahar. In Kabul bauen die USA ihre weltweit größte Botschaft, eine Festung, die 800 Millionen Dollar kostet und 1.000 Personen aufnehmen und von einer kleinen Söldnerarmee bewacht werden soll. Von wegen Abzug! Der ins Stocken geratene, wirre US-Krieg in Afghanistan dauert jetzt schon länger als die beiden Weltkriege zusammen. General Stanley McCrystal, der ehemalige US-Kommandeur in Afghanistan, sagte gerade, Washingtons Ansichten über Afghanistan seien "erschreckend simplifizierend". Und das ist noch untertrieben. Wegen eines drohenden Patts oder einer möglichen Niederlage in Afghanistan, versucht Washington jetzt sogar Indien tiefer in den Konflikt hineinzuziehen (s. http://www.dwworld.de/dw/article/0,,6631973,00.html). Dieser verzweifelte Coup wird die ethnischen Konflikte noch verschärfen und Afghanistan in ein weiteres Jahrzehnt voller Elend stürzen.

Eric S. Margolis ist ein mit mehreren Preisen ausgezeichneter, international anerkannter Kolumnist. Seine Artikel erscheinen in der New York Times, der International Herold Tribune, der Los Angeles Times, der Times of London, der Gulf Times, der Khaleej Times und auf anderen Nachrichten-Websites in Asien." [ENDE]


Originalquelle/n:
INFORMATION CLEARING HOUSE, 09.10.11
http://www.informationclearinghouse.info/article29339.htm

Übersetzung:
Jung, Wolfgang

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Anmerkung/en und Kommentar/e des Übersetzers:
"(Wir haben den Margolis-Artikel komplett übersetzt und mit Ergänzungen und Links in Klammern versehen. Beim Lesen sollte man sich auch an die vielen Lügen erinnern, mit denen immer wieder versucht wird, den verfassungswidrigen Einsatz der Bundeswehr in diesem ausschließlich den machtpolitischen Interessen der USA dienenden, völkerrechtswidrigen Angriffskrieg zu rechtfertigen. Die Website des Autors ist aufzurufen unter http://www.ericmargolis.com/ . Anschließend drucken wir den Originaltext ab.)"




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Erfasst am 15.10.2011
Quelle des "Luftpost"-Artikels:
http://www.luftpost-kl.de/luftpost-archiv/LP_11/LP18011_131011.pdf