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(Artikel * 2011) Rombach, Alice
Zweitausend Kilometer für Bewegungsfreiheit Eine migrationspolitische Karawane zum Weltsozialforum in Dakar
in iz3w Nr. 324 * Seite 39 - 39
Themen: Flüchtlinge; Globalisierung; Migration; Soziale Bewegung; Widerstand * Mali * * Dok-Nr: 230414
Standorte: A3W Osnabrück; FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Globalisierungskritik

Zweitausend Kilometer für Bewegungsfreiheit
Eine migrationspolitische Karawane zum Weltsozialforum in Dakar

Ende Januar startete in der malischen Hauptstadt Bamako die Karawane »Für Bewegungsfreiheit und gerechte Entwicklung«. Afrikanische und europäische AktivistInnen des Netzwerkes Afrique-Europe-Interact reisten gemeinsam ins senegalesische Dakar zum Weltsozialforum.

von Alice Rombach

Die globalisierungskritische Bewegung zeigt Schwächen. Aus der breiten Mobilisierung wie in Seattle, Genua, Heiligendamm oder Porto Alegre, in deren Fokus die Kritik an G8-Gipfeln oder dem IWF stand, gingen nicht unbedingt dauerhafte und verbindliche transnationale Projekte hervor. Und seitdem sich viele AktivistInnen spezifischen Themenfeldern zuwendeten, geriet der Nord-Süd-Konflikt als Ganzes etwas aus dem Blickfeld. Auch im Zusammenhang von Migration und Flucht konzentrierten sich antirassistische Kämpfe überwiegend auf die Situation von MigrantInnen in den Ankunftsländern. Es ging um Bleiberecht, Residenzpflicht, Lager, medizinische Versorgung. Eine in Projekten gelebte transnationale Solidarität gab es kaum. Dennoch verlor der Slogan »Wir sind hier, weil ihr unsere Länder zerstört« keineswegs an Aussagekraft.
Erst in den letzten Jahren nähern sich die migrationspolitischen Kämpfe der Transnationalität. Dafür stehen das polyzentrische Weltsozialforum 2006 in der malischen Hauptstadt Bamako, das NoBorder-Camp auf Lesbos in Griechenland 2009 oder das antirassistische und antikoloniale Festival in Jena »in Erinnerung an die Toten der Festung Europa« 2010. In Jena nahm die Idee einer Karawane von Bamako nach Dakar zum Weltsozialforum ihren Anfang. Vorgesehen waren Zwischenstopps für Gesprächsrunden, Workshops, Theater und Demonstrationen.
Schon seit einiger Zeit bestehen Verbindungen zwischen antirassistischen Gruppen in Europa und der AME (Assoziation der Abgeschobenen Malis), die Abgeschobene sozial, rechtlich und medizinisch in Mali unterstützt. AME leistet Hilfe beim Prozess der Reintegration und beim Aufbau selbstbestimmter Entwicklungsperspektiven in Mali. Sie nimmt abgeschobene Menschen am Flughafen in Bamako in Empfang und stellt Unterkunft, Essen und medizinische Versorgung bereit. Selbst in der Wüste ist die AME an zwei Außenstellen aktiv. An den Grenzen zwischen Mauretanien und Algerien und zwischen Mauretanien und Mali leistet sie Erstversorgung für Flüchtlinge. Doch auch auf politischer Ebene kämpft die AME: Sie bezieht öffentlich gegenüber der Regierung Malis und europäischen Ländern Stellung und zeigt die menschenrechtsverletzenden Folgen der Grenzpolitik der EU auf.

Transnationale Karawane
Das Recht zu gehen oder zu bleiben als universell zu begreifen und einzufordern – auch unabhängig von der ökonomischen oder politischen Situation der Flüchtlinge – ist für das Netzwerk Afrique-Europe-Interact zentral. So thematisierte die Karawane drei Bereiche: die Rechte von Flüchtlingen und MigrantInnen, auch in Transitländern; die strukturellen Hintergründe für Flucht und Migration (Auswirkungen von Klimawandel, Zerstörung kleinbäuerlicher Landwirtschaft, EU-Subventionen) sowie die Situation von afrikanischen Flüchtlingen und MigrantInnen in Europa (Lagerpolitik, Abschiebung, rassistische Polizeigewalt, prekäre Arbeitsverhältnisse).
Wie wirkungsmächtig das exterritorialisierte Migrationsregime der EU ist, wurde für Afrique-Europe-Interact insbesondere an der Grenze zwischen Mauretanien und Mali spürbar. Die Bevölkerung des Transitlandes Mali ist in den Dörfern der Grenzregion in ihrem Alltag mit den Menschen konfrontiert, die migrieren, und mit denen, die aus der Wüste zurückgeschoben werden. In der Region Gogui, die als potentielles Rückzugsgebiet von Al-Quaida gilt, demonstrierte Afrique-Europe-Interact gegen die menschenunwürdigen Praktiken des Aussetzens in der Wüste von Algerien, Libyen und Mauretanien. Die Dorfbevölkerung fühlte sich in ihrem Anliegen nach Bewegungsfreiheit für die Flüchtlinge durch die Anwesenheit der Karawane unterstützt.
Im nordmalischen Ort Nioro du Sahel sprachen die dort lebenden Frauen auf einem Frauentreffen über den Einfluss struktureller männlicher Herrschaft: Geschiedene Frauen werden gesellschaftlich ausgeschlossen. Mit ihren Kindern zu überleben, ist für sie schwierig. Viele Männer, Brüder und Söhne haben sich auf den Weg nach Europa gemacht. Andere sind selbst migriert und haben die Erfahrung von Abschiebung gemacht. Einige zurückgeschobene Frauen haben in Selbstorganisation eine Infrastruktur aufgebaut, durch die sie ein wenig Geld verdienen, Kinder zur Schule schicken und Frauen aufnehmen können, die ein ähnliches Schicksal erleben. Bei diesem Treffen wirkte es unverhältnismäßig, wenn die in Europa lebenden Frauen über ihren Einsatz für Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern, über Lohnungleichheit und strukturelle Diskriminierung sprachen.
Auch die Gruppe Aracem Refoulé d’Afrique in Bamako stellt eine Unterkunft für Menschen bereit, die zurückgeschoben wurden und häufig direkt aus der Wüste kommen. Einige Kameruner von Aracem fragten nach dem direkten Nutzen der Karawane für sie und äußerten Unverständnis gegenüber den Zielen der Karawane. Momentan hilfreich für sie wären europäische Pässe, Geld und Kontakte nach Europa. Ein abstraktes politisches Ziel wie globale Bewegungsfreiheit liegt für sie in weiter Ferne. Bei einem Workshop auf dem Weltsozialforum in Dakar über die Situation in Lagern in Europa kam die Befürchtung auf, diese Informationen könnten eine abschreckende Wirkung für die MigrantInnen zur Folge haben.
Das Bild von Weißen EuropäerInnen, die gegen europäische Grenzpolitik und für Bewegungsfreiheit kämpfen, blieb für die afrikanische Bevölkerung häufig diffus. Es sind Schwarze AktivistInnen, die zur Vermittlung der Botschaft grundlegend beitragen und den Eindruck eines homogenen Europas brüchig werden lassen. Das Zusammentreffen der AkteurInnen aus Nord und Süd machte deutlich, wie herausfordernd der Umgang mit Widersprüchen zwischen abstraktem politischem Engagement und direkter individueller Unterstützung ist. Gemeinsame Visionen und Strategien zu entwickeln sowie logistische und materielle Unterstützung zu leisten, braucht genau diesen Prozess des unmittelbaren Austauschs der Erfahrungen und Perspektiven. Spätestens beim Abschied war aber wieder spürbar, welch große Bedeutung die Farben der Pässe haben.


Alice Rombach ist Soziologin und Politikwissenschaftlerin.